»Heute habe ich Zeit«, sagt Kewarin Donthong, »meine vier Kinder sind unterwegs. Sie drehen einen Film über ihr Viertel.« Die vier Kinder, von denen sie spricht, sind nicht ihre eigenen. Donthong ist 21 Jahre alt und studiert am Lewis & Clark College in Portland, Oregon. In diesen Semesterferien aber kümmert sie sich um die Kinder in Klong Toey, dem größten und ärmsten Slum in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Donthong kennt die Gegend gut; sie selbst ist in diesem Slum aufgewachsen.

Kein Tourist verirrt sich in diese Gegend am Fluss; nicht jeder Taxifahrer in Bangkok ist bereit, dorthin zu fahren. Die glitzernden Shoppingmalls sind nicht weit entfernt und scheinen doch in einer anderen Welt zu liegen. Geschätzte 100.000 Menschen leben in Klong Toey. Viele Kinder werden hier mit HIV geboren und verlieren ihre Eltern durch Aids. Gewalt und sexueller Missbrauch, Kinderprostitution und Kinderhandel gehören zum Alltag im Slum. Eltern verkaufen ihre Kinder an Menschenhändler, überlassen sie Sextouristen zur Prostitution oder lassen sie manchmal einfach allein zurück. Kurzum: Wer hier geboren wird, der hat kaum eine Chance, der Armut zu entkommen. In Klong Toey geht es nicht darum, etwas aus seinem Leben zu machen, sondern überhaupt zu überleben.

Wie hat Donthong es trotzdem geschafft, aus Bangkoks Elendsviertel an ein amerikanisches College zu kommen? Um diese Frage zu beantworten, muss man Dongthong an ihrem Arbeitsplatz besuchen, dem Mercy Centre mitten in Klong Toey.

Geschäftigkeit täuscht über das Elend hinweg

Jeder in Klong Toey kennt das Mercycenter, einen freundlichen, lichtdurchfluteten Ort. Es ist die zentrale Anlaufstelle der Human Development Foundation. Die Stiftung wurde Anfang der 1970er Jahre von Father Joe, einem amerikanischen Priester, gegründet. »Mit einem Kindergarten hat es damals angefangen«, sagt John Padorr aus dem Stiftungsvorstand. »Father Joe hat dafür gesorgt, dass die Kinder Betreuung, Essen und Zuwendung bekommen. Egal, wo sie herkamen, egal, welcher Religion sie angehörten.« Er soll schon Kinder für ein paar Flaschen Schnaps von Zuhältern freigekauft haben. Mehr ist ein Leben hier oft nicht wert.

Tagsüber vermögen die Geschäftigkeit und der Sonnenschein für Momente über das Elend hinwegzutäuschen: Motorradtaxifahrer warten auf Kundschaft, alte Frauen verkaufen in Bretterverschlägen Chips und Softdrinks, Kinder rasen auf Rädern durch die engen Straßen. Doch in den schattigen Seitengassen und unter dem Highway ist die Atmosphäre bedrückend. Hier leben die Menschen dicht an dicht in Hütten aus Blech und Holzpaletten. Die Behausungen sind auf Stelzen über das Brackwasser und den Müll gebaut. Drogenhandel und Prostitution sind so gängige Berufszweige wie Getränke zu verkaufen oder Motorradtaxi zu fahren.

Auch Donthong hat eine Vorschule des Mercy Centre in Klong Toey besucht. Dort lernte sie lesen und schreiben, also die nötigen Grundlagen, um an einer regulären staatlichen Schule mitzukommen. Vor drei Jahren hat sie dann mit einem Stipendium der Stiftung eine internationale Schule in Norwegen besucht. »Alles war ganz anders als in Thailand«, erzählt Donthong. »Die Sprache, die Kultur, der Unterricht. Und ständig gab es Kartoffeln.« Zwei Jahre lebte sie in Førde, in der norwegischen Einöde; sechs Kilometer waren es bis zum nächsten Lebensmittelladen. Ihre Mitschüler kamen aus allen Kontinenten, sie lernte Englisch und bereiste in den Ferien Europa. »Die erste Zeit an der Schule war hart. Aber ich habe es geschafft«, sagt Donthong. »Ich bin glücklich, dass ich all das machen konnte. Ich hatte dort die beste Zeit meines Lebens.«