GroßbankenAdoboli sei Dank

Ein 31-jähriger UBS-Händler stürzt die Großbank erneut in die Krise. Er beweist, dass die Banken brandgefährlich bleiben. Die Politik wird nicht wirklich helfen können. von Ralph Pöhner und

UBS-Filiale in Bern

UBS-Filiale in Bern  |  © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Es war am 15. September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers infolge hochspekulativen Geschäftens zusammenbrach – und damit die größte Finanzkrise der Geschichte lostrat. Die Banker gaben sich danach reuig, und die Politik wollte die Banken sicherer machen, indem sie ihnen die volkswirtschaftliche Sprengkraft nahm. Das Wortungetüm too big to fail kennen heute selbst Finanzlaien.

Exakt drei Jahre später gesteht ein 31-jähriger Londoner UBS-Investmentbanker namens Kweku Adoboli seinem Arbeitgeber, dass er ihn monatelang betrogen hat. Um rund zwei Milliarden Franken. Die Aufregung ist groß, und die angeschlagene Bank bemüht sich darum, den Trader, der in der Bank erstaunlich schnell aufstieg, als kriminellen Einzeltäter abzustempeln.

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Doch Adobolis Tat zeigt der Welt vor allem eines: Im Banking gibt es Risiken, die nicht absehbar sind.

Das wussten wir eigentlich schon vorher. Die Finanzgeschichte ist eine Geschichte von sicheren Erwartungen, eisernen Regeln und mathematisch untermauerten Sicherheiten – die dann doch von der Wirklichkeit überrollt werden. Das gehört, mitsamt den entsprechenden Risiken, zum Wesen der Märkte. Aber weil einzelne Finanzinstitute mit ihren Multimilliarden-Verpflichtungen ein ganzes Land in Not stürzen können – siehe Irland, siehe Island –, ist die Branche, ist die UBS und ist ein kleiner Trader wie Kweku Adoboli ein volkswirtschaftlicher Faktor von erheblicher Bedeutung.

Trotzdem brauchte die Schweizer Politik drei lange Jahre, um konkrete Antworten auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers zu finden. Erst jetzt, in der Woche nach dem UBS-Unfall in London, kommen die too big to fail-Vorlagen im Parlament zur Abstimmung. Und dies wohl nur, weil sich Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand mit all seiner Macht für die Entschärfung der Großbanken-Risiken einsetzte. Die Schweiz will nun die Eigenmittel der Großbanken auf 19 Prozent erhöhen, um das Risiko zu mindern. Und sie will, dass eine Großbank Konkurs gehen kann, ohne für eine Volkswirtschaft existenzielle Dinge wie den Zahlungsverkehr zu gefährden.

Allen voran der marktradikale UBS-Chef Oswald Grübel hatte sich am Ende immer wieder gegen die Vorlage gestellt, weil er um die Konkurrenzfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes fürchtete. Vielleicht bangte er auch um die Margen seines Investmentbankings. Immerhin war ihm dieser Teil der UBS in der ersten Zeit nach seiner Amtsübernahme als CEO sehr wichtig gewesen, um die Bank rasch auf Erfolgskurs zu bringen. Er versprach wieder astronomische Gewinne.

Aber heute, hört noch wer auf Oswald Grübel? Dass das Investmentbanking weiter verkleinert oder ganz aus den Schweizer Banken herausgeschnitten wird, lässt sich kaum noch vermeiden. Dies zeichnete sich zwar in den letzten Monaten ohnehin ab, jetzt wird der Prozess aber beschleunigt. Kweku Adoboli sei Dank.

Mit ihren neuen Banken-Vorschriften wird die Schweiz im Vergleich zu den Regulierungsanstrengungen anderer Staaten führend sein – was sie angesichts der Kleinheit des Landes auch sein muss. Aber man soll sich nicht täuschen: Auch das »Swiss Finish«, so der Name der neuen Vorschriften, ist ein recht zahnloser Tiger. Oder weshalb stellt sich die Spitze der Credit Suisse offen hinter die geplante Verschärfung? Keine Klagen über ungebührliche Härte oder eine Benachteiligung für den Finanzplatz Schweiz. Wieso auch? Schließlich sind die Übergangsfristen bis 2019 sehr komfortabel bemessen.

Angesichts der offenen Probleme in der großen, weiten, unsicheren Finanzwelt können wir also noch lange nicht ruhig schlafen. Denn die Politik hat es nicht gewagt, dem Finanzplatz Schweiz grundsätzlich neue Spielregeln aufzuzwingen – auch das ist eine Bilanz, die man drei Jahre nach Lehman ziehen kann. Schon im September 2010 stellte der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann im Expertenbericht zur UBS-Krise das Dilemma dar: »Wenn man ehrlich ist, gibt es nur zwei Varianten: Entweder man wünscht, dass die Schweiz auch in Zukunft ein Finanzplatz von internationaler Ausstrahlung ist, indem man den beiden Großbanken erlaubt, weiterhin im Investmentbanking und in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung zu wachsen. In diesem Fall muss man aber auch akzeptieren, dass CS und UBS weiterhin hohe Löhne und Boni zahlen und dabei riskieren, wieder große Verluste zu erleiden oder Konflikte mit ausländischen Staaten auszulösen. Anders formuliert, es ist eine Illusion, zu glauben, die Schweiz könne weiterhin über einen internationalen Finanzplatz verfügen, ohne mit den dazugehörigen Risiken leben zu müssen.«

Das Dilemma lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Auf der einen Seite steht da: Gegen zehn Prozent trägt der Finanzsektor zum Bruttoinlandsprodukt bei, jeder achte Steuerfranken wird in ihm verdient, über 500.000 Erwerbstätigen bietet er Arbeit (wobei da auch die Versicherungen eingerechnet sind). Auf der anderen Seite stehen die exponenzielle Zunahme der Gehälter und Boni in dieser Branche, welche die Schweiz ungleicher gemacht haben. Oder die andauernden internationalen Konflikte, in welche das ganze Land wegen der alten Schwarzgeldstrategie gezogen wird – bis heute. Gerade zittert die Credit Suisse wieder vor den amerikanischen Finanzbehörden. Und die Gefahr, dass eine Bank wieder einmal ihrem Management entgleitet und ihre Risiko-Experten übertölpelt werden, ist noch lange nicht gebannt. Adoboli, der für die meisten nur einer von vielen kriminellen Händlern ist, hat es bewiesen.

Trotzdem: Wer nicht ein radikaler Etatist ist, kann nicht ernsthaft wollen, dass die großen Schweizer Banken vollends in den Würgegriff des Staates geraten, dass sie überreguliert werden. So schwer einem das fallen mag, aber wir müssen immer noch auf Einsicht der Banken hoffen. Es geht nicht anders. Sie müssen die Löhne runterfahren, sie müssen Bescheidenheit üben, sie müssen das tun, wozu sie da sind – den Kreislauf des Geldes sicherzustellen und dabei ein bisschen etwas zu verdienen.

Wie verschiedene wichtige Banker im Gespräch bestätigen, ist die Chance, dass der Trend in diese Richtung läuft, seit vergangener Woche erheblich gestiegen. Adoboli sei Dank.

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