Der Retter kam, sah – und stellte Bedingungen . Ja, man wolle den unter ihren Staatsschulden ächzenden europäischen Ländern helfen , erklärte der chinesische Premier Wen Jiabao vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum im chinesischen Dalian. Allerdings müsse auch Europa die Chinesen als Freund behandeln. Die Bedingung Wens: Die Europäer sollten die Volksrepublik schnellstmöglich als Marktwirtschaft anerkennen. Den begehrten Status erhält sie 2016 eigentlich automatisch, sie hätte ihn aber gern früher. Er hoffe, fügte der Premier noch hinzu, dass es beim europäisch-chinesischen Gipfel im nächsten Monat zu einem Durchbruch in der Frage der Anerkennung kommen werde.

So weit, so deutlich. Doch drängen sich angesichts dieser Erklärung zwei Fragen auf. Erstens: Meint es der Premier ernst mit dem Junktim von Anerkennung und Hilfe? Und zweitens: Wie könnte diese aussehen?

»Wir können nicht sagen, dass China nur dann europäische Schulden kauft, wenn es den Marktwirtschaftsstatus erhält«, sagt zur Frage eins Ding Zhijie, Professor an der Universität für Internationale Wirtschaft in Peking: »China wird investieren, wenn es glaubt, dass es notwendig ist.«

Seit China 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten ist, drängt das Land auf den Status, mit dem weltweit Handelsschranken gegenüber chinesischen Produkten fallen würden. Dabei werden beispielsweise gerade einmal ein Prozent der chinesischen Ausfuhren in die EU mit Strafzöllen belegt. Deshalb geht es China wohl eher um das Symbol der Anerkennung als um die realen Folgen, die diese bringen würde. Überdies darf vermutet werden, dass Peking den Europäern in jedem Fall unter die Arme greifen wird, will es sich doch als verantwortungsvolle Großmacht präsentieren und politischen wie wirtschaftlichen Einfluss gewinnen. Noch wichtiger: Weil die EU Chinas wichtigster Handelspartner ist, leiden unter der europäischen Schwäche schon jetzt die Exportfirmen im Süden des Wirtschaftswunderlandes. Jede Hilfe für die Europäer hilft indirekt also auch der eigenen Wirtschaft.

Leisten können sich die Chinesen diese Hilfe spielend: Gegenwärtig sitzt das Land auf Währungsreserven im Wert von umgerechnet 3,2 Billionen US-Dollar, die – so schätzen Experten – zu mehr als zwei Dritteln auch in Dollar angelegt sind. Spätestens seit es im Sommer in den USA fast zu einer Staatspleite kam , ist den Chinesen die Dominanz der amerikanischen Währung im eigenen Portfolio nicht mehr geheuer. Möglich wäre, das Geld im eigenen Land zu investieren, aber schon jetzt drohen Teile der chinesischen Wirtschaft zu überhitzen. Also bleibt nur, die Reserven zu horten oder sie in Rohstoffen oder im Ausland anzulegen.

»Diversifizierung ist dabei unser Ziel«, antwortet Chen Fengying, Direktorin des Instituts für Internationale Beziehungen in Peking, auf die zweite Frage; Anlagen in Staatsanleihen seien »am wenigsten riskant«. China sei aber auch noch aus einem weiteren Grund willens, den Euro zu unterstützen. Kollabiere die Gemeinschaftswährung, sagt Chen, »würde das zu einer Situation führen, die keiner wollen kann: ein internationales System, das ganz und gar vom amerikanischen Dollar dominiert wird«.

Die Nachfrage nach chinesischer Hilfe ist indes sehr groß. Erst vor Kurzem haben italienische Beamte in Peking angefragt , ob China italienische Staatsschulden kaufen könne. Zuvor hatten die Chinesen bereits gelobt, griechische, portugiesische, spanische und ungarische Staatsanleihen zu erwerben.

Allerdings geht es dabei um nicht sehr viel Geld. In Diplomatenkreisen schätzt man, dass China bislang gerade mal zehn Milliarden Dollar in die Staatsanleihen von Krisenländern gesteckt hat. Peking will keine Risiken eingehen und kauft stattdessen vor allem deutsche Schuldpapiere. Der genaue Umfang des chinesischen Investments in Europa ist nicht bekannt, was daran liegt, dass viele europäische Staaten ein ähnliches System haben wie Deutschland – der Staat kennt die Identität seiner Gläubiger nicht.

China wartet nun vor allem auf eines: dass die EU Euro-Bonds auflegt. »Es gäbe dann nicht nur die Garantien Griechenlands oder Italiens , sondern die des gesamten Euro-Raums mit einem viele Billionen Euro großen Bruttosozialprodukt«, sagt Chen. Das mache Investitionen Chinas in Europa äußerst attraktiv.