In der Welt des Ozimár Juruna ist ein Fluss etwas, das fließt. Der Fluss, wie Ozimár ihn sieht, liegt in seinem Bett, ruhig und friedlich. So lag er schon da, als Ozimárs Vorfahren die Ufer des Xingu besiedelten, hier, in der großen Schleife, die der Xingu macht, ehe er zwei Tagesreisen nördlich in den Amazonas mündet. Die Indianer vom Stamm der Juruna, sagt man, seien entstanden aus dem Fluss, vor vielen Hundert Jahren. Die Juruna haben ihn verteidigt gegen die Kayapó, die Arará, es waren blutige Kriege, die Seelen ihrer Toten leben in den Felsen. "Der Fluss", sagt Ozimár, "ist etwas, das man achten muss, man setzt dort keine Mauer aus Beton hinein."

Nebelschwaden hängen in der Morgendämmerung. "Ich habe keine Angst", sagt er. Ozimár steuert sein Kanu zwischen Büschen hindurch, die blühend aus dem Wasser ragen. Mit präzisen Bewegungen schlängelt er sich durch den Schaum der Stromschnellen, durch Sandbänke, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen. Ozimár war noch ein Kind, als ihn sein Vater in die Kunst des Navigierens einweihte, der Vater hatte sie vom Großvater gelernt, als ein Juruna nur ein Kanu brauchten, um zu überleben, ein Ruder, einen Pfeil, einen Bogen. "Meine Frau", sagt Ozimár, "hat mehr Geheimnisse vor mir als dieser Fluss."

"Ich gehe hier nicht weg", sagt er.

Ozimár Juruna, der vor etwa 42 Jahren in einer palmbedeckten Hütte am Flussufer geboren wurde, ist ein kleiner, drahtiger Mann, in dessen Augen sich das Wasser spiegelt. Jeden Morgen fährt er raus zum Fischen, jeden Nachmittag geht er zur Jagd oder aufs Feld. Es ist ein einfaches Leben, das im friedlichen Rhythmus des Xingu dahinfloss, bis die Männer seines Dorfes während einer Versammlung auf ihn zeigten. Ozimár, sagten sie, ist unser bester Redner. Er soll uns anführen im Kampf gegen dieses Monster, das hier, am Unterlauf, den Fluss austrocknen wird. Seitdem, sagt Ozimár, ist nichts mehr, wie es war.

In diesen Tagen erreichen ihn über den Funkkontakt, der sein Dorf zweimal am Tag mit der Welt verbindet, irritierende Nachrichten. Zwei Stunden stromaufwärts, heißt es, errichteten die ersten Arbeiter ihre Camps. Flöße kämen, beladen mit gewaltigen Maschinen. Ozimár weiß: Wenn er jetzt nicht handelt, dann schafft die Regierung Fakten.

"Wenn die Krawatten ernst machen", sagt er, "dann werden hier, unterhalb der Mauer, die Fische sterben, die Bäume in den Wäldern, die der Fluss ernährt, und wenn die Bäume sterben, dann sterben die Tiere, die von ihren Früchten leben. Wir werden nicht mehr jagen können, nicht mehr fischen. Wir kommen nicht mehr in die Stadt."

Er macht eine Pause.

"Dieser Fluss ist alles, was wir haben."

Und nun?

Der beste Redner des Dorfes Paquiçamba, gelegen an der Großen Schleife des Flusses, in die das Land Brasilien die drittgrößte Staumauer der Welt bauen will, blickt den Schmetterlingen nach, die über das Wasser flattern. "Ich weiß zwar, wie es ist, wenn man sich im Wald verläuft", sagt Ozimár. "Aber ich war nie im Krieg. Mein Bogen hängt in meiner Hütte, die Sehne ist gerissen, trotzdem werde ich kämpfen. Mein Leben gäbe ich für diesen Fluss. Ich brauche nur eine Idee."

In der Welt brasilianischer Politiker ist ein Fluss, der einfach fließt, ein ungenutztes Potenzial. Er ist Energieverschwendung, vielleicht sogar eine Gefahr. Als in der Nacht vom 10. auf den 11. November 2009 in 18 brasilianischen Bundesstaaten für mehrere Stunden der Strom ausfiel, saßen 40 Millionen Menschen im Dunkeln, in Rio de Janeiro steckte die Metro fest, Telefone fielen aus, die Bänder in den Fabriken standen still. Für ein Land, das von sich selbst erwartet, bald zu den größten Wirtschaftsnationen der Welt aufzuschließen, war es ein GAU. Der Aufschrei war so groß, dass Luiz Inácio Lula da Silva, der damals Präsident des Landes war, handeln musste.

Lula erklärte den seit 30 Jahren geplanten, aber niemals umgesetzten Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte zur Chefsache.

35 Millionen Haushalte soll das Kraftwerk, wenn es 2019 vollständig ans Netz angeschlossen sein wird, mit Strom versorgen. Es soll Energie liefern für die Bürotürme der großen Städte, die Fabriken, die das Bauxit, das in den Minen Amazoniens gefördert wird, in Aluminium verwandeln. 11.300 Megawatt soll Belo Monte liefern. Nur das im Grenzgebiet zu Paraguay gelegene Itaipú-Kraftwerk und der chinesische Drei-Schluchten-Staudamm leisten noch mehr.

Der Fluss soll am Eingang der Großen Schleife mit einem sechs Kilometer breiten Damm gestaut werden. Es geht um die Beschleunigung des Wassers, das die Turbinen in Bewegung setzt. Auf der Karte sieht es aus, als würde man die Sehne eines Bogens spannen, wobei die Sehne ein Kanal ist, für dessen Bau mehr Erde ausgehoben wird als zu Beginn des 19. Jahrhunderts beim Panamakanal.

"Ein Monument des Wahnsinns", sagt Erwin Kräutler, der Bischof ist in Altamira, einer staubigen Provinzhauptstadt, die bald am Ufer eines Stausees liegen wird, der die Ausmaße des Bodensees erreicht. 30.000 Menschen werden umgesiedelt, Rinderzüchter, Kleinbauern, die jetzt noch im Gebiet der Senke leben, die Indianerstämme der Juruna und der Arará, deren Dörfer heute noch in jenem Bogen des Xingu liegen, durch den demnächst nur noch ein Fünftel der eigentlichen Wassermenge fließen soll. Erwin Kräutler, ein Österreicher, der im vergangenen Jahr, auch wegen seines Einsatzes gegen den Damm, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, sagt, es werde Folgen haben, für die Fischbestände, den Wald, für Altamira, wo bald 300.000 Menschen leben werden, dreimal so viele wie heute. "Dieser Damm", sagt er, "ist eine soziale Bombe."