Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó
Renata Pinheiro hat an diesem Tag kein Boot mehr aufgetrieben. Später erfährt sie über Funk aus Paquiçamba, dass sie keines mehr brauchten. Ozimár sagt ihr, dass die Juruna ihren Plan geändert hätten: Anstatt zur Demo fahren einige von ihnen jetzt zum Oberlauf, wo ein paar Juruna leben, die sich im vergangenen Jahrhundert abgespalten haben. Ozimár sagt, sie wollten ihre Sprache lernen. Wieder ein paar Tage später erfährt Pinheiro, dass das Steuerungskomitee von Norte Energia eine Woche später tagen soll. Das heißt, sie müssen umplanen, neue Flyer drucken, und auch mit ihrer Straßenblockade ist Pinheiro noch nicht weiter. Sie brauchte jemanden, der sie darüber informiert, wann das nächste Floß von Norte Energia aufbricht, um Maschinen anzuliefern, aber sie findet niemanden, der Zeit hat.
Draußen, in den Straßen vor ihrem Büro, öffnen neue Rechtsanwaltskanzleien. An der Uferpromenade hat ein Fitnessstudio aufgemacht. Überall hängen jetzt die neuen Straßenschilder, es gibt 108 neue Ampeln, 150 neue Polizisten, und am sogenannten Tag des Taxifahrers, den man in Altamira feiert, spendiert Norte Energia jedem Fahrer hundert Liter Benzin.
Der Stadtplaner, ein ehemaliger Goldsucher und Bruchpilot der Luftwaffe, sagt, man solle in zwei Monaten noch einmal wiederkommen, dann werde man Altamira nicht mehr wiedererkennen.
Wie wird die Stadt dann aussehen?
»Wenn ich das wüsste«, sagt er. »Alles passiert gleichzeitig. Planning by doing.«
3.000 Menschen, die eine Arbeit suchen, kommen jetzt jeden Monat neu hinzu, die meisten aus dem armen Norden. Die Bürgermeisterin, eine ehemalige Schönheitskönigin, sagt, die Stadt bemühe sich, ihnen Rückfahrtickets auszustellen. Sie wüssten nicht, wohin mit diesen Leuten, die Krankenhäuser seien überlastet. Viele haben angefangen, die Hügel an den Rändern Altamiras abzufackeln. Überall entstehen neue Siedlungen, wuchern die Favelas. Dann geht das Gerücht um, die Kayapó seien gekommen.
Die Kayapó sind das berüchtigtste Indianervolk Brasiliens, 6.000 Menschen, die ihren Ruf als stolze Krieger in die neue Zeit gerettet haben. Eine Kayapó war es, die dem Chef der Energiefirma Ende der achtziger Jahre ihre Machete durchs Gesicht zog. Es waren Kayapó, die einem Ingenieur von Norte Energia auf einer Versammlung das Hemd durchschnitten und ihn an den Haaren aus dem Saal schleiften. Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó, die anders als die Juruna noch immer leben wie vor 100 Jahren, 1.000 Kilometer weit entfernt vom Damm. Sie treibt die Angst nach Altamira, dass die alten Pläne aktuell werden, wenn das Kraftwerk erst mal steht. Es geht ihnen ums Prinzip.
Vor ein paar Wochen standen sie im Hof eines Hotels nahe dem Flussufer, fünf Indianer, die nichts als eine Hose trugen, langhaarige, bemalte Männer, über deren dicke Kugelbäuche breite Narben liefen. Sie saßen auf Plastikeimern, tranken Cola und schnorrten alle zehn Minuten eine Zigarette. Ruy war dabei, der Musiker der Organisation Xingu Vivo, und er stöhnte. Er hatte ihnen Essen gebracht, am nächsten Tag besorgte er ihnen T-Shirts, eine Machete und fünf Hängematten, die sie jetzt auf einer Sandbank ausgebreitet haben.
Es ist Nacht, ein Lagerfeuer brennt. Es ist die Stelle, an der bald eine Mauer aus Beton stehen wird. Eigentlich waren sie gekommen, weil die Juruna sie gerufen hatten, aber die Nachricht, dass die Juruna zu ihren Verwandten abgereist sind, kam zu spät. Jetzt wollen sie einen Ort finden, an dem sie ein Protestcamp bauen können. Tausend Kayapó sollen dort leben, dauerhaft, gleich neben dem Damm, sagt Niangao Kayapó, der Anführer der fünf Männer.
Niangao ist ein Mann mit feinen Gesichtszügen, er trägt eine Brille. An seinem Gürtel steckt eine Digitalkamera. Niangao, der das Konzert mit Sting organisierte, ist heute Sprecher aller Indianervölker im Bundesstaat Pará. Auch deshalb, sagt er, sei er hier, aus einem Verantwortungsgefühl.
Er sagt: »Ich spüre eine Wut in mir. Ich spüre, dass es Tote geben wird. Arbeiter und Indianer. Der Fluss wird bluten.«
Wann wird das Protestcamp stehen?
»Es wird noch dauern«, sagt Niangao. »Wenn Deutschland zahlt, könnte es schneller gehen.«
16.000 Dollar hat es die Initiative gekostet, die fünf Indianer vom Oberlauf hierherzubringen, die Flüge, die Miete für das Boot, der Sprit. Das Camp, schätzt Niangao, koste eine halbe Million Dollar. Es ist Geld, das sie nicht haben. Wenn Deutschland zahlt – Niangao sagt es so, als wäre eine halbe Million Dollar eine Hängematte, die man schnorren könnte. Als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass die Weißen weiter für ihre Schuld bezahlen. Niangao hat nicht mitbekommen, dass sich die Welt verändert hat.
Das Kapital der Indianer, das Mitleid, das die Welt mit ihnen hatte, ist aufgebraucht. Brasilien ist zu groß geworden. Es ist heute kein Dritte-Welt-Land mehr, bei dem man es sich leistet, auf die Einhaltung der Menschenrechte hinzuweisen. Es ist ein Geschäftspartner, bei dem man über manche Dinge schweigend hinwegsieht.
Am nächsten Morgen brechen die fünf Indianer schon bei Sonnenaufgang auf. Sie gleiten mit der Strömung von der Sandbank an das Ufer. Dann nehmen sie ihre Speere, laufen eine Biegung hoch und blicken sich um: eine Hüttensiedlung von Norte Energia, in der Bauarbeiter wohnen, daneben eine Wiese. Dies soll der Ort sein, an dem ihr Lager stehen wird. Sie gehen auf die Hütten zu. Ein Wachmann öffnet das Gatter. Auf einer Veranda bilden sie einen Kreis und führen einen Kriegstanz auf. Niangao schreit etwas, das sehr entschlossen klingt. Etwas abseits steht der Chef der Bauarbeiter. Er wartet höflich, bis sie fertig sind. Dann fragt er: »Kaffee?«
- Datum 23.09.2011 - 15:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.9.2011 Nr. 39
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Es ist jammerschade , wenn ein Stausee für lange Zeit die Ökologie verändert.
Mir tun auch die wenigen Indianer leid, die ihr Jagdgebiet verlieren.Doch nur der Wandel ist beständig.
Es wird sich dort aber eine andere Umwelt einstellen, ob gut oder schlecht ist erst nachträglich ehrlich zu beantworten.
Wer keine Atomkraft will , muss eben andere Arten der elek. Versorgung sicherstellen.
Die Wirtschaft Brasiliens ( und die katholische Bevölkerung ) wächst sehr schnell und eine sichere Energieversorgung zählt zu den Voraussetzungen für Wachstum, und den gönnen wir den Brasilianern doch.
Wir würden ja auch gern Wasserkraftwerke errichten, da dies in Sachsen aber nicht auf Gegenliebe trifft versuchen wir die Norweger von dem Nutzen zu überzeugen , den sie haben, wenn wir von dort Strom beziehen
Durch zusätzliche Umweltzerstörung in anderen Löndern ?? Die werden uns was husten. Noch sind die Norweger nicht zu Jurunas von grünen Gnaden degradiert.
"Vom Nutzen ÜBERZEUGEN", äusserst dubios !!
Durch zusätzliche Umweltzerstörung in anderen Löndern ?? Die werden uns was husten. Noch sind die Norweger nicht zu Jurunas von grünen Gnaden degradiert.
"Vom Nutzen ÜBERZEUGEN", äusserst dubios !!
Durch zusätzliche Umweltzerstörung in anderen Löndern ?? Die werden uns was husten. Noch sind die Norweger nicht zu Jurunas von grünen Gnaden degradiert.
"Vom Nutzen ÜBERZEUGEN", äusserst dubios !!
eben im Stausee. Es sind auch keine 30.000 die umgesiedelt
werden muessen. Energie aus erneuerbaren Energien ist not-
wendig und gerade Itaipu in Brasilien zeigt, was hier fuer
das Land (und Uruguai, das seither Energie umsonst bekommt)
geleistet wurde. Die Indianer bekommen eine Menge Dinge
umsonst (medizinische Versorgung, Schulen etc). Was tun sie
dafuer?
die gern so leben möchten wie ihre Vorfahren.
Das ist aber eine sehr kleine Minderheit. Die Mehrheit der
Indianer hat eine Schulbildung, einen Beruf, und sie wollen
ein Mittel-Klasse-Leben.
Eine gutbezahlte Arbeit, eine Wohnung mit Klimaanlage, volleingerichteter Küche, ein Auto, Urlaubsreisen, gute Bildung für die Kinder.
Und genau deshalb ist die überwiegende Mehrheit der Brasilianer, die Indianer sind, für den Staudamm.
Sie leben nicht mehr in einfachen Hütten am Fluss oder im Wald, sondern in Häusern mit Telefon, Internet, Fernseher und Kühlschrank.
DIESE Indianer interessieren die Europäer aber überhaupt nicht.
Die Europäer idealisieren lieber die halbnackten Wilden in selbstgebauten Hütten ohne fließendes Wasser und Strom.
Und wenn DIESE Indianer meinen, gegen ein Staudamm-Projekt
sein zu müssen, glauben die Europäer, DIESE Indianer unterstützen zu müssen.
Vielleicht sollte man in Europa Reservate schaffen, in denen Menschen einfach und ohne die Segnungen der Zivilisation im Einklang mit der Natur leben können....
Brasilien wird gehandelt als aufgehende Weltmacht am Horizont doch in den verschiedenen Großstädten ist man sich seines Lebens nicht sicher.... und nun dieses. Die unersättliche Gier der hochschießenden Wirtschaft wird alles untergeordnet. Die riesigen Urwaldflächen verschwinden. Die Lebensgrundlage vieler Menschen ist dann dahin und für unser Weltklima ist das ein Schlag in die Bauchgrube.
Wen interessiert das? Nur verantwortungsbewusste Menschen die auch an kommende Generationen denken. Doch diese Art von Menschen kommen gegen die Gier nicht an!
Protestierend Menschen werden gegen dieses Projekt mit Geld viel Geld und Drohungen ruhiggestellt.
schaffen die Voraussetzungen, dass die kommenden Generationen nachhaltig versorgt werden koennen, und
genau dazu traegt das Projekt bei. Beitrag 4 schildert
die Realitaet.
schaffen die Voraussetzungen, dass die kommenden Generationen nachhaltig versorgt werden koennen, und
genau dazu traegt das Projekt bei. Beitrag 4 schildert
die Realitaet.
an Stuttgart 21 und zeigt der Bahn, wie Wünsche auch gegen Widerstreben realisiert werden können.
Im 18 Jh. wurde in Deutschland das Oderbruch trocken gelegt. Die Malaria verschwand, Felder und Städte entstanden.
Der Schwarzwald war früher ein undurchdringlicher Wald. Die letzten Häuser wurden in den 70iger Jahren an das Stromnetz angeschlossen.
Es ist nicht richtig, wenn Menschen aus den reichen Ländern den Menschen in den "armen" Länder "verbieten" wollen, die Natur genau so umzugestalten, wie es in Europa lange Tradition ist. Erst die Urbarmachung der Wälder hat auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands die "Zivilisation" möglich gemacht. Unsere Wälder sind Kulturwälder die den Rohstoff für Ökohäuser liefern. Es sind auch genau dieses Segnungen der Zivilisation, die uns viel älter werden lassen als früher. Ist es gut wenn Indianer bei der Geburt ihrer Kinder im Urwald sterben? Es ist nicht einmal romantisch.
nur zur Klarstellung: Die Indianer werden medizinisch
versorgt. Wussten Sie das tausende gesunde Indianer-Babies
nach der Geburt umgebracht werden, wenn die Familien-Verhaeltnisse nicht klar sind? Die brasilianische Regierung
will nicht direkt eingreifen, jedoch gibt es Bemuehungen
diese Kinder zur Adoption freizugeben.
nur zur Klarstellung: Die Indianer werden medizinisch
versorgt. Wussten Sie das tausende gesunde Indianer-Babies
nach der Geburt umgebracht werden, wenn die Familien-Verhaeltnisse nicht klar sind? Die brasilianische Regierung
will nicht direkt eingreifen, jedoch gibt es Bemuehungen
diese Kinder zur Adoption freizugeben.
Doppelposting. Die Redaktion/sc
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren