Deutsche Bahn : Chaos mit Ansage

Fahrgästen droht im Winter wieder Ärger. Deutsche Bahn, Zugbauer und Behörden schieben einander die Schuld zu.
Eine verschneite Lokomotive der Deutschen Bahn steht in Düsseldorf im Hauptbahnhof. © Martin Gerten/dpa

Am Ende der Diskussionsrunde hatte jeder Gast einen Wunsch frei. Frank Sennhenn wünschte sich »160 rote Regionalzüge«. Sennhenn ist kein Modelleisenbahnfanatiker. Er ist der Chef von DB Regio , der Regionalverkehrssparte der Deutschen Bahn. Vergangene Woche sollte Sennhenn beim Verkehrskongress Traffic Talks in Bonn mit Vertretern der Branche über die Zukunft des Schienenverkehrs diskutieren. Doch dann musste er vor allem Fragen zur aktuellen Lage beantworten. Wie schlimm wird es im Winter? Droht ein Chaos wie im vergangenen Jahr? Werden wieder reihenweise Züge ausfallen, müssen wieder Tausende Reisende auf den Bahnsteigen frieren? Und wird die Bahn ihren Kunden erneut davon abraten, den Zug zu nehmen? So geschehen kurz vor Weihnachten 2010 .

»Wir sind auf den Winter vorbereitet«, sagte Sennhenn in der öffentlichen Runde. Die Bahn habe zusätzliche Abtauanlagen angeschafft, um die Züge schneller durch die Werkstätten zu bringen. Es seien Hunderte Weichenheizungen eingebaut worden, und zudem werde in diesem Jahr mehr Personal bereitstehen. Doch später, im persönlichen Gespräch, gibt Sennhenn dann doch zu: »Ich schließe Engpässe nicht aus. Wir haben einfach keine Reserve.«

Sennhenn fehlen 160 Regionalzüge. Fahrzeuge der Baureihe Talent 2 vom Hersteller Bombardier. Sie sollten eigentlich alle bis Ende des Jahres im Einsatz sein, knapp die Hälfte davon bereits vor zwei Jahren. Sie werden dringend gebraucht in Nürnberg, an der Mosel, im Osten Deutschlands. Einhundert dieser Fahrzeuge sind auch längst gebaut, nur fahren sie nicht. Es sind So-da-Züge, sie stehen einfach so da, auf Abstellgleisen rund um Berlin. Der Grund: Das Eisenbahnbundesamt verweigert ihnen die Zulassung, weil es Probleme mit den Bremsen gibt. Die Züge dürften zwar fahren, aber nicht schneller als 140 Stundenkilometer. Die Behörde hat Bedenken bei der Sicherheit.

Die Bahn will die Regionalzüge in diesem Zustand aber nicht abnehmen, schließlich hat sie bei Bombardier Fahrzeuge bestellt, die für 160 Kilometer in der Stunde taugen. Doch sind bei drohendem Engpass langsamere Züge nicht besser als überhaupt keine? »Wenn wir die Züge nur 140 fahren lassen, wirft das zum Teil den Fahrplan über den Haufen«, sagt Sennhenn. Deshalb fahren auf den betroffenen Strecken weiterhin die alten Züge, die eigentlich als Reserve gedacht waren. Kommt es im Winter zu Ausfällen, gibt es keinen Puffer.

Ähnlich sieht es im Fernverkehr aus. Dort fehlen neue ICE-3-Züge, die vor allem nach Frankreich fahren sollten. Die Bahn hatte sieben Fahrzeuge der Baureihe 407 für den Fahrplanwechsel im Dezember fest eingeplant. Nun kommen sie wohl erst ein Jahr später zum Einsatz. Auch hier gibt es Probleme mit dem Hersteller, diesmal ist es Siemens. Grund für die Verzögerungen seien »Probleme mit der Zugsicherungstechnik eines Lieferanten«, heißt es bei Siemens. Es geht dabei um komplexe Software. Was die Sache noch schwieriger macht: Die Züge sollen in Deutschland und Frankreich fahren, und dort gelten unterschiedliche Standards, etwa bei der Signal- und Leittechnik. Die Fahrzeuge brauchen deshalb eine Zulassung für beide Länder – von zwei nationalen Behörden. Und das dauert. Zeit, die die Deutsche Bahn nicht hat. Seit vor drei Jahren im Kölner Hauptbahnhof ein ICE entgleiste, müssen die Hightechzüge bis zu zehnmal öfter zum Ultraschall als früher. Hinzu kommt, dass die Bahn ab dem nächsten Jahr alle ICE-Züge mit neuen Achsen ausstatten will und die Aufenthalte in den Werkstätten dann noch länger dauern werden.

Man könnte also sagen: Wenn alles optimal läuft, kommt die Bahn gerade so durch den Winter. Wenn es nicht optimal läuft, wenn Weichenheizungen ausfallen oder Oberleitungen einfrieren, dann droht ein Zusammenbruch.

Dabei sind die Probleme nicht neu, sie sind spätestens seit vergangenem Winter bekannt. Wer also trägt die Schuld daran, dass es dieses Jahr wieder dick kommen könnte? Die Bahn sagt: Die Hersteller, denn sie liefern die dringend benötigten Züge nicht pünktlich. Die Hersteller sagen: Die Lieferfristen sind kaum zu schaffen. Jeder Auftrag ist anders, jeder Zug eine Maßanfertigung, Verzögerungen sind nicht auszuschließen. Und beide Seiten sagen: Schuld hat auch das Eisenbahnbundesamt, weil es für die Zulassung der Züge zu lange braucht. Weil es zu viele Normen gibt, die sich auch noch ständig ändern. Das Amt wiederum sagt: Die Vorschriften fallen nicht vom Himmel, die Behörde setzt nur um, was Parlamente und Arbeitskreise beschließen. So streitet die Branche seit Jahren. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Der Ingenieur liest ein Gutachten...

...und freut sich: die Durchschnittstemperatur im Dezember liegt bei 1,5°C. Da müssen wir ja nicht mit eingefrorenen Weichen rechnen! Schnee fällt dann auch nicht oder bleibt zumindest nicht liegen --> Was stimmt hier nicht?

Die Bahn kriegt es mal wieder nicht hin, ihre Züge pünktlich fahren zu lassen und um die anfallenden Entschädigungen an die Kunden auszahlen zu können (und die horrende Stromrechnung wegen des Atom-Ausstiegs zu bezahlen), müssen erstmal die Preise wieder erhöht werden.

Weiter so! Auf an die Börse!

Frechheit dazu: Preiserhöhung als Garnierung

So eine Chuzpe muss man haben: die Bahn hat natürlich zu Beginn des Winterfahrplans eine kräftige Preiserhöhung angekündigt: http://www.handelsblatt.c...

Und sollte es keinen harten Winter geben, sondern einen milden, dafür aber stürmischen, dann können wir sicher sein, dass die Bahn ebenfalls nicht fährt: dann liegen wieder einmal Bäume auf den Schienen, weil die Gleisprofile seit Jahren nicht mehr freigeschnitten worden sind oder die Gleise sind in den Mittelgebirgen mit Geröll verschüttet, weil man die Hänge an den Strecken seit Jahren nicht mehr gesichert hat.

Aber egal, wie der Winter wird: in beiden Fällen können wir absolut sicher sein, dass erstaunte und verblüffte Vorstände und Pressesprecher vor Kameras und Mikrofonen anzutreffen sind und erklären, man habe mit all dem nie und niemals rechnen können. Man sei dem Primat der modernen Betriebswirtschaft unterworfen.

EDIT: Ist doch schon mal wieder interessant, dass an den Zügen die BREMSEN wieder einmal nicht funktionieren...

Lustig...

... ich kenne Menschen aus dem europäischen Ausland, die uns um unsere Bahn beneiden, während wir neidisch auf die Schweiz schielen und die Schweiz neidisch auf Japan.

Die Deutsche Bahn hat sicherlich viele Probleme, aber ich denke wir müssen jetzt auch nicht so tun, als wäre es andernorts überall besser. Der Vergleich ist nicht vonnöten, um sich über hiesige Zustände beschweren zu können.

Prioritäten der Politik entscheiden über Erfolg

Die Schweizerische Bundesbahn hätte es wohl auch nicht sehr einfach, wenn sie nicht tatkräftig vom Bund unterstützt würde.

Am Beispiel der Autobahnvignette der CH, deren Einnahmen für den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs zur Verfügung stehen, liegt das Übel wohl eher an der Prioritäten-Setzung der Politik als an der Ingenieursleistung oder dem Wetter.

Als Schweizer bin ich übrigens überhaupt nicht neidisch auf Japan. Mir genügt es, wenn ich mindestens jede halbe Stunde in jede Richtung einen Zug habe und noch viel wichtiger, beim Umsteigen der nächste Zug auf mich wartet und am Schluss höchstens 3 Min. gegenüber dem Fahrplan angekommen bin.

Fazit: Nicht Prestigebauten sind wichtig, sondern die Leistung.

Probleme mit der Bahn im Ausland:

Na dann kommen sie mal nach England.

Sie werden dann recht bald von der Deutschen Bahn träumen.
Das soll nicht heißen dass es keine Länder gibt in denen es besser funktioniert - die gibt es, aber es gibt auch viele Länder in denen es schlechter läuft.

Ich bin einmal vor ein paar Jahren bei bisschen Schneefall früher von der Uni nach Hause gefahren - warm? Weil niemand garantieren konnte dass die Bahn nicht stillstehen wird - und das waren vielleicht 2-3cm Schnee oder weniger.
Und diese Woche hatte ich noch keinen pünktlichen Mainline Zug nach Leeds - ohne Schnee.

Und dann noch ...

...[...]die Preise erhöhen. Wer so ein [...]Unternehmen auch noch unterstützt, indem er damit fährt, ist selbst Schuld. Von mir aus könnt ihr dann im Winter wieder 10h im Schnee stecken bleiben und dann als Entschädigung einen heissen Kaffee und Rabattkarte von 25% auf die nächste Fahrt bekommen.
Genau dann werde ich mit dem Finger auf jene zeigen und lachen.

Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mk

Autofahrer:

Autofahrer die glauben sie müssten bei Schnee unbedingt von A nach B kommen sind mir da aber auch nicht lieber.

Letzten Winter hat es in England etwas mehr geschneit - natürlich mussten Idioten ihre PKWs bewegen, was zufolge hatte dass die Straßenbahn in Sheffield, welche trotz Schnee fuhr (im Gegensatz zu Bussen) nicht durchkam weil die Straße zugeparkt war.

Bei solchen Autofahrern sollte man den PKW verschrotten und ihnen noch eine schöne hohe Geldstrafe aufbrummen.

Im Winter ist die Bahn eigentlich das beste Verkehrsmittel - es muss nur vernünftig instandgehalten werden. Ferner müssen auch die Mittel bereitgestellt werden um die Schienen frei zu halten und die Weichen aufzutauen, aber dann ist das Wetter egal.
Dazu ist die Bahn, bei vernünftig geschultem Personal auch wesentlich sicherer als Straßen - vor allem im Winter.