Nun also Italien! Es ist nicht leicht zu sagen, was die Zukunft Europas in diesen Tagen mehr gefährdet: der Kollaps der FDP, die Herabstufung der italienischen Kreditwürdigkeit oder die Regierungskrise in der Slowakei. Auf unheimliche Art hängt alles mit allem zusammen. Und weil sich gerade besonders viele Augen auf Berlin richten, gerät leicht aus dem Blick, dass über den nächsten Schritt der Operation Euro-Rettung nicht dort entschieden wird. Jedenfalls nicht nur dort.

Denn auch in Helsinki, Den Haag oder Bratislava bangen die Regierungen um ihre Mehrheit in den Parlamenten. Bis Anfang dieser Woche hatten erst fünf von 17 Euro-Staaten die Reform des Rettungsschirms EFSF verabschiedet (siehe Grafik). Eine Reform, von der die Regierungschefs sagen, sie sei unabdingbar für den Erhalt des Euro – und damit für die Zukunft der EU. Auf jeden Fall ist sie die Voraussetzung für künftige Finanzhilfen für Griechenland. Spätestens bis Mitte Oktober sollen daher auch die anderen Länder entschieden haben. Zeit ist Geld, und nur wenn alle 17 Euro-Staaten zustimmen, kann die Reform in Kraft treten.

Und dann? Jenseits des Unmittelbaren, welche Perspektiven gibt es? Man muss dieser Tage genau hinhören, wenn in Europa über Europa gesprochen wird. Denn das Reden über die Krise fällt den Regierenden erkennbar schwer, laufen sie doch mit jedem Wort Gefahr, neue Fronten zu eröffnen, hängt doch an jedem ihrer Sätze das Bleigewicht einer möglicherweise historischen Entscheidung.

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Der finnische Ministerpräsident Jyrki Katainen zum Beispiel regiert ein Land, das seit seinem EU-Beitritt 1995 besonders fest an Europa glaubte, dem dieser Glaube aber mit jeder Tranche, die in den vergangenen Monaten nach Griechenland überwiesen wurde, etwas mehr abhandengekommen ist. Der Ministerpräsident ist deswegen unlängst sehr grundsätzlich geworden. Finnland, so Katainen in einer Rede vor zwei Wochen, »kann sich nicht auf seine Größe stützen, wenn es international mitreden möchte«. Nur als Teil der EU habe das geografisch randständige Land die Chance, Einfluss zu nehmen. »Wir können Europa nicht den Rücken kehren. Warum nicht? Weil eine funktionierende EU vor allem den kleinen Ländern nutzt.«

Rechnungen wie diese werden derzeit in vielen Ländern aufgemacht. Mal handeln sie von Exportüberschüssen, mal von Agrarsubventionen, der Reisefreiheit oder eben von Macht und Einfluss. Immer lautet die zentrale Frage: Was nützt uns die EU? Man kann das kleinlich finden, gemessen an dem »Projekt«, das Europa immer sein sollte. Gewiss ist der Blick nüchterner geworden, auch selbstbezogener, nicht nur in Finnland. Aber vielleicht ist eine solche Kosten-Nutzen-Rechnung, die Frage nach dem eigenen Vorteil, gar kein schlechter Anfang, um in der Krise wieder einen Halt zu finden. Und eine Mehrheit in den Parlamenten.

Groß gegen Klein, Arm gegen Reich, Ost gegen West

Besonders heikel ist die politische Situation in der Slowakei. Die Regierung dort hatte bereits vor einem Jahr gegen die Unterstützung Griechenlands gestimmt. Und auch diesmal hat sich einer der vier Koalitionspartner festgelegt, auf keinen Fall die Hand für die Reform des Rettungsschirms zu heben . »Es ist pervers, in diesem Zusammenhang von Solidarität zu sprechen«, sagt Richard Sulík, der Vorsitzende der liberalen Partei Freiheit und Solidarität. Noch immer liegt das Durchschnittseinkommen der Slowaken unter dem der Griechen. Und überhaupt, so Sulík, führten die immer neuen Finanzhilfen geradewegs »in den Sozialismus«. Am 11. Oktober wird das slowakische Parlament abstimmen, als letztes der 17 Euro-Staaten.

Solidarität oder Sozialismus? Auch das spiegeln die Debatten über Europa: die historischen Erfahrungen und nationalen Befindlichkeiten der verschiedenen Mitgliedsstaaten, ihr Selbstverständnis als großes oder kleines, armes oder reiches, ost- oder westeuropäisches Land. Wo Griechen, Spanier oder Portugiesen »Solidarität« meinen, versteht der Slowake Sulík »Sozialismus«. Die Frage, was man sich unter einer europäischen »Wirtschaftsregierung« vorstellt, wird in Paris anders beantwortet als in Berlin. Und das Wort »Föderation« geht einem Belgier seit je leichter über die Lippen als einem Briten.