Preiselbeerenpflück-WMAuf die Beeren, los!

Weltmeisterschaft im Preiselbeerenpflücken in Finnland. Ehrensache, dass wir dabei sind. Angelika Franz ist in der Klasse "Frauen-Dreier, Pflücken per Hand" angetreten von Angelika Franz

Die leuchtend roten Beeren stehen so dicht, dass bei jedem Schritt der Schuh kostbare Beute zermust.

Die leuchtend roten Beeren stehen so dicht, dass bei jedem Schritt der Schuh kostbare Beute zermust.  |  © Angelika Franz

Man muss schon vorsichtig sein hier draußen in den finnischen Wäldern. Die Jungfrau Marjatta war es nicht, wie das finnische Nationalepos Kalevala berichtet. Sie aß eine Preiselbeere – und schwupps, war sie schwanger. Doch Aulikki, Kaija und ich haben alle bereits Kinder und sind für Wunder wohl nicht mehr empfänglich. Das könnte ein Wettbewerbsvorteil sein bei der Weltmeisterschaft im Preiselbeerenpflücken.

Als Mitteleuropäer macht man sich leicht ein falsches Bild von dieser Sportart. Da denkt man, es geht vor allem ums Finden. Aber das ist das kleinste Problem hier in den Wäldern um die Stadt Suomussalmi , knapp unterhalb des Polarkreises und nahe der russischen Grenze. Die leuchtend roten Beeren stehen so dicht, dass bei jedem Schritt der Schuh kostbare Beute zermust. Es ist Anfang September, Hocherntezeit für die Preiselbeere. Die arktische Sommersonne der letzten Wochen hat kräftig Farbe in die Früchte getrieben. Jetzt, wo die Tage kürzer werden, ist ihr Werk vollbracht: Die Beeren sind reif. Preiselbeeren. Blaubeeren. Moltebeeren. Wilde Erdbeeren. Arktische Himbeeren. Sanddorn. Krähenbeeren. Und nicht nur das: Zwischen den Baumwurzeln schießen die Pilze in dichten Kissen aus dem Boden. Steinpilze. Butterpilze. Milchlinge. Pfifferlinge. Röhrlinge. Reizker. Rotkappen. Morcheln. Dazwischen immer wieder Fliegenpilze wie aus dem Märchenbuch. Die klare Luft pikst scharf in der Nase vom Duft der Kiefern und Birken wie der Aufguss einer finnischen Sauna – nur eben eiskalt.

Anzeige
Suomussalmi: Anreise

Mit Finnair über Helsinki nach Kajaani (drei Flüge täglich). Von dort mit dem Mietwagen über die E 63 weiter nach Suomussalmi. Die Fahrt dauert etwa eineinhalb Stunden

Unterkunft

Hotel Suomussalmi, Scandic Kiannon Kuohut, Jalonkatu 1, 89600 Suomussalmi, Finnland, Tel. 00358-8/710770, www.scandichotels.com/Hotels/Countries/Finland/Suomussalmi/Hotels/Scandic-Kiannon-Kuohut/ DZ ab 103 Euro inkl. Frühstück

Arctic Flavours: www.arktisetaromit.fi/en/frontpage/

Auskunft

Visit Finland www.visitfinland.de

Zwei giftgrüne Plastikeimer hat heute Morgen jeder von uns bei der Registrierung auf dem Marktplatz bekommen, bevor drei Reisebusse uns an diese vorher streng geheim gehaltene Stelle im Wald gebracht haben. "Lass deinen zweiten Eimer im Bus", sagt Aulikki, eine Weltmeisterschafts-Veteranin. "Selbst in einem guten Jahr bekommt keiner den ersten voll." Aulikki, Kaija und ich treten in der Klasse "Frauen-Dreier, Pflücken per Hand" an. Die beiden Lehrerinnen und ich werden also kaum so große Mengen ernten wie die Pflücker mit den traditionellen Handkämmen oder gar den Pflückharken und den Sammelcontainern auf dem Rücken. Etwa hundert Teilnehmer drängen sich jetzt um die Busse und spähen schon einmal nach roten Flecken im Unterholz. Letzte Minuten, um die Schnürsenkel der Wanderschuhe nachzuziehen oder das Kopftuch fester zu knoten. Dann fällt der Startschuss, und wir hechten in die Büsche.

Wenn ein "krrrrscht trrrrrt" ertönt, dann nähert sich ein Profi mit Harke

Beeren pflücken darf in Finnland jeder. Überall. Zwar wurde es explizit nie aufgeschrieben, aber hier gilt wie in Norwegen und Schweden das uralte Jedermannsrecht. Jeder darf auf jedermanns Land nach Herzenslust pflücken, angeln, baden und sogar übernachten, solange er niemanden stört. Sorgen, dass Fremde einem die Beeren wegessen könnten, kennen die Finnen nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr um die 500.000 Tonnen von ihnen in den finnischen Wäldern wachsen. Aber selbst bei Preisel- oder Heidelbeeren, die kommerziell gepflückt werden, liegt der geerntete Anteil nur bei rund drei bis zehn Prozent. Das sind pro Finne immerhin rund 100 Kilo oder 20 Eimer – von denen er acht selber verspeist. Der Rest wird exportiert. 

Preiselbeerbüsche lassen sich melken wie das Euter einer Kuh: Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und dann mit sanftem Druck abstreichen. Handvoll um Handvoll wandert in den Eimer. Das größte Problem ist die Ablenkung. Wie schön wäre es, noch einen zweiten Eimer zu haben für all die leckeren Beeren und Pilze, die zwischen den Preiselbeeren stehen. Oder zumindest kurz innezuhalten, um die eine oder andere Beere im Mund verschwinden zu lassen. Aber nein, Disziplin: Die Konkurrenz ist hart! Naht ein anderer Pflücker, kündigt sich das akustisch an. "Trrrrrt" macht es, wenn eine Handvoll Preiselbeeren in den Plastikeimer kullert. Nur "trrrrrt" ist nicht so schlimm. Gefährlich wird es, wenn ein "krrrrscht trrrrrt" ertönt. So klingt ein Profi-Pflücker mit Harke, der hinter sich eine entpreiselte Zone zurücklässt.

Leserkommentare
  1. Schöner Artikel, der in mir die alte Sehnsucht weckt, im nächsten Leben als Skandinavier wiedergeboren zu werden.
    Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht zu naiv sind und ihr kulturelles Erbe vor den Exzessen der Globalisierung schützen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pekka
    • 12. Oktober 2011 10:37 Uhr

    Oder wie kann ich ihren Kommentar verstehen?

    • zenobit
    • 28. September 2011 10:37 Uhr

    Netter Artikel.
    Das Jedermannsrecht ist aus meiner Sicht sehr sympathisch, sollte auch bei uns eingeführt werden..

    Phytoöstrogene
    Wieviele Beeren darf denn ein Mann essen, ohne das ihm Brüste wachsen :D

    Eine Leserempfehlung
    • pekka
    • 12. Oktober 2011 10:37 Uhr

    Oder wie kann ich ihren Kommentar verstehen?

    Antwort auf "Seufzer"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Finnland | Norwegen | Schweden | Lappland | Südostasien
Service