Freiheitsheld Friedrich HeckerSieg oder Tod für die deutsche Republik

Anwalt der Freiheit, Revolutionär, deutscher Mythos: Zum 200. Geburtstag Friedrich Heckers ein Lebensbild in zwei Teilen von Tobias Engelsing

Friedrich Hecker zu Zeiten der deutschen Revolution von 1848/49

Friedrich Hecker zu Zeiten der deutschen Revolution von 1848/49  |  © Rosengarten-Museum. Konstanz

Wenn die Leute fragen, lebt der Hecker noch? Sollt ihr ihnen sagen, ja er lebet noch!« So klingt es bis heute zwischen Konstanz und Mannheim, das Heckerlied . Doch andernorts in Deutschland? Kennt man ihn da noch, den großen Hecker?

Die Mehrheit der Deutschen bewahrte den Helden ihrer ersten Demokratiebewegung keine besondere Anhänglichkeit. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 wurden Kokarden und Freiheitshüte eilig verbrannt, und man sah zu, wie die Demokraten eingesperrt und aus dem Land getrieben wurden. Untertanenmief machte sich breit, selbst liberale bürgerliche Kreise rieten zur Anpassung nach oben, wo Adel und (preußisches) Militär den Ton angaben.

Ein deutscher Sonderweg? Auch in anderen europäischen Ländern waren die republikanischen Erhebungen des Jahres 48 letztlich gescheitert. In Frankreich griff Napoleon III. nach der Macht. Italien einigte sich nicht als Republik, und in Ungarn restaurierten die Habsburger nach blutigen Kämpfen ihre Herrschaft. Und dennoch ehren diese Länder ihre Helden von damals bis heute. Das größte Standbild für Lajos Kossuth, den Kämpfer für Ungarns Freiheit, steht strahlend beim Parlament in Budapest. Die Denkmäler für den prominentesten Führer der italienischen Einigungsbewegung, Giuseppe Garibaldi, sind Legion – während in Deutschland allein Otto von Bismarck die Erinnerung an das 19. Jahrhundert beherrscht, dessen Gewaltpolitik dem Land die Einheit, nicht aber Frieden und Freiheit brachte.

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Friedrich Heckers Ziel war ein anderes Deutschland gewesen. Ein freies, friedlich vereint mit den anderen freien Nationen Europas. Und doch gilt der radikaldemokratische Abgeordnete und legendäre Führer des ersten badischen Aufstands von 1848 bis heute eher als pittoresk-romantische Figur, ein badischer Che Guevara, der seine Anhänger in ein kopfloses Abenteuer gestürzt und nach der ersten verlorenen Schlacht das Weite gesucht habe. In seiner zweiten Heimat, den USA, wurden dem »Vorkämpfer für Freiheit und Recht in zwei Weltteilen« Denkmäler gesetzt. In Deutschland wird er bis heute als ein Fall für Lokalhistoriker abgetan. Ein absurdes Missverständnis, das aber viel sagt über das deutsche Verhältnis zur eigenen Geschichte.

Auch sein 200. Geburtstag am 28. September dürfte ohne nationale Würdigung verstreichen. Nicht anzunehmen, dass dem politischen Berlin Heckers Name irgendetwas bedeutet.

Keine staatlichen Rettungsschirme für marode Fabriken

Friedrich Hecker stammt aus der Mitte der Gesellschaft. Im Kraichgaustädtchen Eichersheim kommt er zur Welt; seine Mutter Wilhelma ist eine geborene von Lüden, sein Vater Josef Hecker arbeitet als Verwalter für den Freiherrn von Venningen. Gemeinsam mit seinem Dienstherrn fällt Hecker senior bereits 1815 der großherzoglich badischen Obrigkeit durch eine Schmähschrift gegen die Verschwendungssucht des Hofes unangenehm auf. Seinen Sohn Friedrich erzieht der Vater in diesem freiheitsgestimmten Geist, wundert sich dann aber doch, als der Halbwüchsige ähnlich oppositionelle Reden führt: »Junge, wo hast Du nur das lose Maul her?«

Tobias Engelsing

ist Historiker und leitet die Städtischen Museen Konstanz.

Nach sehr gutem Abschluss des Gymnasiums in Mannheim nimmt der 19-Jährige in Heidelberg das Jurastudium auf. Der Strafrechtler Karl Mittermaier macht Hecker mit den Grundzügen der US-Verfassung vertraut, er propagiert öffentlich tagende Geschworenengerichte und wendet sich gegen die Todesstrafe. Bedeutenden Einfluss auf Hecker gewinnt auch der Freiburger Staatsrechtler und Kopf der liberalen Opposition im Großherzogtum, Carl von Rotteck. Wie dieser vertritt Hecker später als junger Abgeordneter der zweiten Badischen Kammer die Überzeugung, man müsse den alten Obrigkeitsstaat mithilfe von Verfassung und Gesetzgebung zum modernen Rechtsstaat wandeln.

Nach erfolgreichem Studium in Heidelberg und München und einer summa cum laude benoteten Dissertation studiert Hecker 1836 in Paris die öffentlichen Verhandlungen der Geschworenengerichte und besucht Sitzungen der Nationalversammlung. Zwei Jahre darauf erhalten er und sein späterer Mitstreiter Gustav von Struve die Zulassung als Advokaten am Großherzoglichen Oberhofgericht in Mannheim. In dieser Zeit lernt Hecker Josefine Eisenhardt kennen, Tochter einer wohlhabenden Mannheimer Kaufmannsfamilie. 1839, im Todesjahr von Heckers Mutter, heiraten die beiden. Das Paar wird sieben Kinder bekommen.

Leserkommentare
    • siljan
    • 27. September 2011 16:31 Uhr

    EICHTERSHEIM

    nicht Eichersheim.

    Wenn man schon bedauert, daß der Hecker so unbekannt und wenig gewürdigt wird sollten solch kleine Details schon stimmen.

    Ansonsten schöner Artikel. Aber ganz so unbekannt ist er wenigstens hier bei uns im Kraichgau nicht. Merci.

    • lonetal
    • 27. September 2011 16:43 Uhr

    trotz "Eichersheim" ... und bitte auf dieser Spur bleiben und sie weiterverfolgen. Vielleicht gelingt es dann, die unselig-dumme mitscherliche "Unfähgikeit zum Trauern" und ähnlichen akademischen Blödsinn endlich zu korrigieren.

    Eine deutsche Freiheitstradition gibt es seit mindestens 1525. Sie ist es wert, in Erinnerung gerufen zu werden, schon um der Opfer willen. Sie wurde immer wieder in Blut getränkt unter Mithilfe von Familien, die damit ihr Vermögen machten und heute trotz blutiger Vergangenheit in hohem Ansehen stehen.

    Auch da wären Namen zu nennen.

  1. Warum wird der Hecker (und seine Ideen und Taten) in der Jetztzeit verschwiegen? Weil man so ein Deutschland doch gar nicht mehr haben möchte. Weil man z.T. auch Angst hat, die Ziele Heckers und seiner liberalen Mitkämpfer zu beschreiben. Denn es könnte zu einem Nachdenken über unsere heutige Verfaßtheit in Deutschland führen.
    Was der Artikel leider nicht erwähnt:
    "Während seiner Studienjahre begeisterte er sich für die Ziele der Studentenbewegung; so engagierte er sich bei den Heidelberger Corps Rhenania, Hassia und Palatia." (zitiert nach Wikipedia).
    Und seien wir doch ehrlich zu uns selbst: Der Untertanenmief prägt auch die gegenwärtige Republik. So läßt's sich leichter am Volk vorbei regieren ...

    • Timo K
    • 27. September 2011 16:57 Uhr

    für die Heckers der deutschen Geschichte.

    • colca
    • 27. September 2011 17:08 Uhr
    5. Chaot

    Heckers hochfliegende Pläne hatten im damaligen Deutschland nicht die Spur einer Chance. Realistische Zeitgenossen sahen das damals schon so.
    Nachdem Hecker krachend im Paulskirchenparlament gescheitert war, verlegte er sich auf außerparlamentarischen, gewaltsamen Widerstand. Heute nennt man Leute wie ihn Terrorist.
    Insofern ist seine historische Einordnung als lokales Phänomen, aber oder nationale Relevanz, schon richtig. Ihn in einem Atemzug mit Bismarck zu nennen ist so bizarr falsch, dass ich eigentlich gar nicht darauf eingehen wollte.

    Dieser Satz aber:
    "dessen Gewaltpolitik dem Land die Einheit, nicht aber Frieden und Freiheit brachte."
    darf so nicht unkommentiert stehen bleiben.

    Das Deutsche Kaiserreich war von allen europäischen Großmächten die Friedlichste, hat abgesehen von einigen kolonialen Feldzügen keinen einzigen größeren Krieg zwischen 1871 und 1914 geführt. Diese 43 Friedensjahre waren bis dahin präzedenzlos in der deutschen Geschichte, sie sicherten dem Land Aufstieg und relativen Wohlstand. Nie wieder war Deutschland in so vielen Bereichen Weltspitze wie in der späten Kaiserzeit.
    Selbst bei den politischen Freiheiten musste sich das Deutsche Reich zu seiner Zeit international nicht verstecken - war immerhin Heimat der weltweit stärksten sozialistischen Partei und mächtiger Gewerkschaften.
    Die Fundamente dieser Blütezeit hat zu erheblichen Teilen Otto von Bismarck mit seiner klugen Realpolitik gelegt.
    Und welchen Beitrag leistete Hecker?

  2. waren zu Zeiten der 70er unter den linken Studenten in West Berlin recht bekannt.
    Zu meiner Zeit als Student wurde Hecker und die demokratische Volksmusik um 1848 verehrt.
    Es gab sogar in Kreuzberg 36 eine Linke Eckkneipe mit badischer Küche: "Zum Hecker" Oppelner/Ecke Sorauer Str. wo sich die frühen Spontis einfanden.
    Wie Ionetal erwähnt, gab es im Badischen tatsächlich eine demokratisch-aufmüpfige Tradition, die durch Martin Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" und seinem Auftritt vor dem Kaiser und Klerus auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 in Worms begründet wurde und bald in die Kämpfe des verarmten Rittertums um Landau 1522 gegen den Hohen Klerus und ab 1524/26 in die Bauernkriege mündeten die in Württemberg, Elsass, der Pfalz und Baden besonders heiß kochten - neben Franken, Thüringen, dem Allgäu und Tirol - und rd. 130.000 erschlagene Bauern und Stadtbürger durch die Landsknechte des Schwäbischen Bundes des Bauern-Jörg zur Folge hatten.

    Die Situation der protestantischen Bauernkriege gegen die weltliche und klerikale Herrschaft wiederholte sich dann in den 30er und 40er Jahren im Vormärz der Revolution 1848, die dann durch die Preussischen Bajonette des Kartätschen Prinz Wilhelm I und seinen gnadenlosen Regimentern zerschlagen und vernichtet und die Restauration der Absolutisten bis zu den Einheitskriegen Bismarcks und zur Etablierung des Blut&Eisen Deutschlands als Nation mit der Reichsgründung in Versailles am 18.Jan.1871 herbeigezwungen wurden.

    • lonetal
    • 27. September 2011 18:20 Uhr

    Sie schreiben: "Hecker und die Badener waren zu Zeiten der 70er unter den linken Studenten in West Berlin recht bekannt."

    So war es. Bis 1945 galten die Aufständischen als Pack. Nach 1945 tat man sich schwer damit. Ein Geschichtsbuch (1952) erwähnte noch 1966 die damaligen Kämpfe nur mit einem Satz:

    ”In Berlin und Wien wurden Barrikaden errichtet, es gab Tote und Verwundete.”

    In einem anderen Geschichtsbuch aus dem Jahre 1970 werden die Kämpfe in Deutschland nicht erwähnt, erst in der Neubearbeitung 971. Die 68er hatten die Tür aufgestoßen. Die Wortwahl zeugt allerdings von Unsicherheit:

    “Eine Gruppe Radikaler forderte die Einführung der Republik in Deutschland. Baden sollte den Anfang machen. Die Radikalen riefen zur bewaffneten Volkserhebung auf. Hunderte von Freiheitskämpfern marschierte nach Südbaden ...”

    Dass neben Freiheitskämpfern Radikale stehen – in Deutschland und damals angesichts der RAF! -, zeigt eine immer noch zwiespältige Haltung. Bis 1985 haben sich Betrachtungsweise und Sprache grundlegend geändert:

    “Viele Demokraten versuchten, mit Flugblättern und Versammlungen die Regierungen umzustimmen ... Nun brach in Baden, in Sachsen, in der Pfalz und im Rheinland der offene Aufstand aus, weil die Bürger ratlos und maßlos enttäuscht waren ...”

    Aus Radikalen sind Demokraten geworden, aus Freiheitskämpfern Bürger. Ein Umdenken hat stattgefunden - und jetzt heißt es(hoffentlich bald wieder): Freiheitsbaum statt Bismarckeiche, Heckerhut statt Stahlhelm.

  3. Redaktion

    Der Autor des Artikels Tobias Engelsing wies uns gerade darauf hin, dass in den Premierquellen beide Schreibweisen zu finden sind.

    Herzliche Grüße.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cinor
    • 28. Juli 2012 0:00 Uhr

    ...aber das Kaff heißt EichTersheim. Wie es 1848 geheißen haben mag, ist für den Erkenntnisgewinn "Hecker dort geboren" nicht relevant, sondern eher hinderlich.

    Grüße aus dem Revoluzzer-Kraichgau, wo Hecker mitnichten ein Unbekannter ist

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