Wenn die Leute fragen, lebt der Hecker noch? Sollt ihr ihnen sagen, ja er lebet noch!« So klingt es bis heute zwischen Konstanz und Mannheim, das Heckerlied . Doch andernorts in Deutschland? Kennt man ihn da noch, den großen Hecker?

Die Mehrheit der Deutschen bewahrte den Helden ihrer ersten Demokratiebewegung keine besondere Anhänglichkeit. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 wurden Kokarden und Freiheitshüte eilig verbrannt, und man sah zu, wie die Demokraten eingesperrt und aus dem Land getrieben wurden. Untertanenmief machte sich breit, selbst liberale bürgerliche Kreise rieten zur Anpassung nach oben, wo Adel und (preußisches) Militär den Ton angaben.

Ein deutscher Sonderweg? Auch in anderen europäischen Ländern waren die republikanischen Erhebungen des Jahres 48 letztlich gescheitert. In Frankreich griff Napoleon III. nach der Macht. Italien einigte sich nicht als Republik, und in Ungarn restaurierten die Habsburger nach blutigen Kämpfen ihre Herrschaft. Und dennoch ehren diese Länder ihre Helden von damals bis heute. Das größte Standbild für Lajos Kossuth, den Kämpfer für Ungarns Freiheit, steht strahlend beim Parlament in Budapest. Die Denkmäler für den prominentesten Führer der italienischen Einigungsbewegung, Giuseppe Garibaldi, sind Legion – während in Deutschland allein Otto von Bismarck die Erinnerung an das 19. Jahrhundert beherrscht, dessen Gewaltpolitik dem Land die Einheit, nicht aber Frieden und Freiheit brachte.

Friedrich Heckers Ziel war ein anderes Deutschland gewesen. Ein freies, friedlich vereint mit den anderen freien Nationen Europas. Und doch gilt der radikaldemokratische Abgeordnete und legendäre Führer des ersten badischen Aufstands von 1848 bis heute eher als pittoresk-romantische Figur, ein badischer Che Guevara, der seine Anhänger in ein kopfloses Abenteuer gestürzt und nach der ersten verlorenen Schlacht das Weite gesucht habe. In seiner zweiten Heimat, den USA, wurden dem »Vorkämpfer für Freiheit und Recht in zwei Weltteilen« Denkmäler gesetzt. In Deutschland wird er bis heute als ein Fall für Lokalhistoriker abgetan. Ein absurdes Missverständnis, das aber viel sagt über das deutsche Verhältnis zur eigenen Geschichte.

Auch sein 200. Geburtstag am 28. September dürfte ohne nationale Würdigung verstreichen. Nicht anzunehmen, dass dem politischen Berlin Heckers Name irgendetwas bedeutet.

Keine staatlichen Rettungsschirme für marode Fabriken

Friedrich Hecker stammt aus der Mitte der Gesellschaft. Im Kraichgaustädtchen Eichersheim kommt er zur Welt; seine Mutter Wilhelma ist eine geborene von Lüden, sein Vater Josef Hecker arbeitet als Verwalter für den Freiherrn von Venningen. Gemeinsam mit seinem Dienstherrn fällt Hecker senior bereits 1815 der großherzoglich badischen Obrigkeit durch eine Schmähschrift gegen die Verschwendungssucht des Hofes unangenehm auf. Seinen Sohn Friedrich erzieht der Vater in diesem freiheitsgestimmten Geist, wundert sich dann aber doch, als der Halbwüchsige ähnlich oppositionelle Reden führt: »Junge, wo hast Du nur das lose Maul her?«

Nach sehr gutem Abschluss des Gymnasiums in Mannheim nimmt der 19-Jährige in Heidelberg das Jurastudium auf. Der Strafrechtler Karl Mittermaier macht Hecker mit den Grundzügen der US-Verfassung vertraut, er propagiert öffentlich tagende Geschworenengerichte und wendet sich gegen die Todesstrafe. Bedeutenden Einfluss auf Hecker gewinnt auch der Freiburger Staatsrechtler und Kopf der liberalen Opposition im Großherzogtum, Carl von Rotteck. Wie dieser vertritt Hecker später als junger Abgeordneter der zweiten Badischen Kammer die Überzeugung, man müsse den alten Obrigkeitsstaat mithilfe von Verfassung und Gesetzgebung zum modernen Rechtsstaat wandeln.

Nach erfolgreichem Studium in Heidelberg und München und einer summa cum laude benoteten Dissertation studiert Hecker 1836 in Paris die öffentlichen Verhandlungen der Geschworenengerichte und besucht Sitzungen der Nationalversammlung. Zwei Jahre darauf erhalten er und sein späterer Mitstreiter Gustav von Struve die Zulassung als Advokaten am Großherzoglichen Oberhofgericht in Mannheim. In dieser Zeit lernt Hecker Josefine Eisenhardt kennen, Tochter einer wohlhabenden Mannheimer Kaufmannsfamilie. 1839, im Todesjahr von Heckers Mutter, heiraten die beiden. Das Paar wird sieben Kinder bekommen.