Händler in Chicago © Scott Olson/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Fehrenbach, die Geschäfte bei Bosch laufen im Jubiläumsjahr glänzend. Dennoch wirken Sie aufgewühlt.

Franz Fehrenbach: Ich war gerade in Japan und China . Auf dem Rückflug las ich von der Empfehlung einer US-Bank, deren Kunden nun auf den Niedergang Europas wetten sollen...

ZEIT: Sie meinen Goldman Sachs .

Fehrenbach: Ja. Wenn ich auf den Niedergang Europas wette, um eine hohe Rendite zu erzielen, finde ich das unerträglich und unmoralisch. Bei so einem Verhalten dreht sich mir, gelinde gesagt, der Magen um.

ZEIT: Solche Geschäftspraktiken kann man als Manager aus der Industrie nicht verstehen?

Fehrenbach: Die Realwirtschaft kämpft mit aller Energie dafür, wettbewerbsfähig zu bleiben und Europa als Binnenmarkt zu erhalten. Und andere wetten auf den Niedergang dieser tollen Region…

ZEIT: Neu sind solche Wetten nicht. Schon in der großen Bankenkrise stand die Politik dem Treiben der Finanzakteure hilflos gegenüber.

Fehrenbach:(hebt den Ton) Seit 2008 reden wir darüber, die Finanzmärkte zu regulieren. Aber bisher ist viel zu wenig geschehen, um Hedgefonds und andere Großspekulanten in die Schranken zu weisen.

ZEIT: Sie mögen die Banker nicht.

Fehrenbach: Meine Kritik gilt nicht pauschal allen Banken oder Investoren. Aber gegen solche spekulativen Geschäfte muss die Politik etwas unternehmen. Da werden haltlose Gerüchte gestreut, etwa über die französische Großbank Société Générale , wohl nur, um die Kurse zu drücken und daran zu verdienen. Das gehört endlich reguliert, und zwar knallhart.

ZEIT: Die Regierenden haben ihre Aufgabe nicht erfüllt?

Fehrenbach: Die haben gedacht, das geht schon vorbei. Aber nichts ist vorbei.

ZEIT: Die Spekulationen haben aber eine reale Basis – die hohen Staatsschulden .

Fehrenbach: Meine absolut größte Sorge ist: Wie bleibt Europa politisch handlungsfähig? Wir müssen klären, wie wir mit der Verschuldung umgehen, was aus dem Euro und der europäischen Wirtschaftszone wird. Es geht mittlerweile um die politische Glaubwürdigkeit, darum, wie Europa sozial und gesellschaftlich stabil bleiben kann.

ZEIT: Wer genau muss da jetzt agieren? Berlin wird schon von allen Seiten kritisiert.

Fehrenbach: Es hilft überhaupt nicht, auf die Kanzlerin und andere Politiker einzuprügeln. Wir alle müssen uns klar werden, wohin wir Europa in den nächsten zehn Jahren entwickeln – und die Regierungen natürlich als Erste. Aber wir hatten auch Vorgängerregierungen, die die Europäische Union viel zu schnell haben wachsen lassen. Da war gar keine wirtschaftliche Integration möglich. Die sind locker über die Vorgaben des Maastricht-Vertrags hinweggegangen, auch in Deutschland.