Sachbuch Mesopotamien: Zwölf Punkte

Der Stanford-Archäologe Ian Morris rollt in seinem Buch »Wer regiert die Welt?« über 15.000 Jahre Geschichte auf.

Es wirkt wie eine Kinderfrage: »Mama, wer regiert die Welt?« Eine Frage, auf die ein Seufzen folgt: »Weißt du, das ist nicht so einfach zu erklären.«

Ian Morris muss ein sehr neugieriges Kind gewesen sein. Mit neun beschloss er nach einem Kinobesuch, Altertumswissenschaften zu studieren. Als 27-Jähriger wurde der Brite Assistenzprofessor an der Chicago University. Und heute, mit 51 und einer Veröffentlichungsliste, deren Umfang unter Kollegen ihresgleichen sucht, beschreibt sich der Stanford-Professor zwar lakonisch als »Archäologe, der viel fernsieht« – zugleich aber beansprucht er nichts weniger, als in seinem neuen Buch die Grundmuster der Geschichte entschlüsselt zu haben. Und zwar so gründlich, dass er die Zukunft mittels eines Index vorausberechnen kann. Wer Morris gelesen hat, könnte dem Kind also prompt antworten: »Noch regiert der Westen die Welt, vor allem die USA, ein bisschen auch Europa. Aber allerspätestens 2103 wird der Osten, genauer: wird China die Welt beherrschen. Wenn die Menschheit nicht vorher in Atomkriegen und Umweltkatastrophen versinkt.«

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Angesichts der Tatsachen, dass die USA gerade pleitegehen, der Maya-Kalender am 21. Dezember 2012 endet und die Zeugen Jehovas den Weltuntergang sowieso im Rhythmus von Jahrzehnten prognostizieren, klingt Morris’ Perspektive angenehm entspannt. Als populären Sachbuchautor mit sanftem Hang zur Apokalypse aber kann man ihn nicht abtun: Was er publiziert, wirkt und wirbt mit der Autorität eines Professors.

Der Titel des Buches ist zugleich die Leitfrage. Warum der Westen die Welt regiere, sei nur zu beantworten, indem man lange zurückschaue – sehr lange. Am besten doch gleich auf die gesamte Menschheitsgeschichte.

Geschichte wiederum begreift Ian Morris als ein Wechselspiel biologischer, soziologischer und geografischer Faktoren, wenngleich letztgenannter für die Herausbildung von Weltordnungen der wichtigste sei. Mit einem Index, der deutlich am Human Development Index der Vereinten Nationen angelehnt ist, wird der Zivilisationsgrad von Gesellschaften in Punkten messbar. So spart Morris oft ausschweifende Sätze, mit denen Historiker normalerweise die Entwicklung einer Zivilisation kontextualisieren – Mesopotamien: 12 Punkte. Das Griechenland der attischen Demokratie: 24; der Westen um die Jahrtausendwende: 900 Punkte.

Nachdem Morris seine Rechenmethode erklärt und einige paläoanthropologische Streifzüge unternommen hat, beginnt er im Neolithikum, die Erde in Ost und West aufzuteilen und Weltgeschichte fortan als Wettlauf zu inszenieren – wobei Ausdrücke wie »Neolithikum« oder »attische Demokratie« gar nicht erst fallen: Morris scheint eine fürchterliche Aversion gegen etablierte Fachbegriffe zu haben. Er umschreibt sie lieber im Plauderton, was das Übersetzertrio sogar noch intensivierte.

Doch zurück zur Jungsteinzeit, als um 7.500 vor Christus sowohl am Mittellauf des Jangtse in China als auch im fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten erste Landwirtschaften entstanden. Aus diesen Siedlungen wiederum stammen je die Völker des Ostens und des Westens ab, die sich seither um die Wette entwickeln. Dass auch für Mittelamerika um 8.000 vor Christus Maisanbau nachgewiesen ist, lässt Morris wie so vieles andere unerwähnt: Es hätte nicht in seine dualistische Konzeption gepasst, die in einem Showdown im 21. Jahrhundert gipfelt.

Das Beeindruckende an Wer regiert die Welt? ist die Stringenz, mit der Morris die Geschichte vor allem in China und Europa beziehungsweise den USA verfolgt: Beider Geschichte wird gleich viel Raum gegeben. So lernt man nicht nur, endlich zwischen Han, Ming und Song-Dynastie zu unterscheiden, man erfährt auch, dass das mittelalterliche China nahe Kaifeng bereits an der Schwelle einer industriellen Revolution stand. Doch selbst wenn das Buch diesen wertvollen, parallelen Einblick in die Geschichte Ostasiens bietet: Man wünschte es sich ausführlicher, analytischer, werden hier doch die großen, die größten Fragen verhandelt.

Leser-Kommentare
  1. Ach Du meine Guete, "der Westen um die Jahrtausendwende: 900 Punkte", da habe ich mal geschluckt.

    Spaestenstens an der Stelle; "dass wir sehr viel besser Bescheid wissen über die Probleme, um die es dabei geht. [Vielleicht] könnte unsere Epoche tatsächlich das Denken entwickeln, das sie braucht" habe ich einfach nur gelacht.

    Leute wie Morris, selbstverliebt, unkritisch und -reflektiv gegenueber den eigenen Paradigmen und Denkschemata (und unterliegende Annahmen und allgemeine Mythen) und ihre selbstverliehene "Objektivitaet" sind der beste Beweis das diese Generation der Menschen dies nicht mehr lernt.

    Sterben muessen wir alle. Daran koennen die achso modernen Wissenschaftler und Philosophen auch nichts aendern *hahaha*

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    Wie wenig überraschend, daß die Zivilisation am meisten Punkte erhält, in der die Definition des Punktesystems stattfand.

    Was mich interessieren würde: was soll mit diesem Punktesystem gemessen werden? Entwicklung, Lebensstandard, Stabilität, Macht? Und sieht Morris einen hohen Punktestand als etwas genuin Gutes an?

    Im Artikel kommt es so vor, als wäre Morris der Ansicht, der heutige "Westen" sei 37 Mal so toll wie die Attische Demokratie (was ja absurd wäre). Trügt dieser Eindruck?

    Wie wenig überraschend, daß die Zivilisation am meisten Punkte erhält, in der die Definition des Punktesystems stattfand.

    Was mich interessieren würde: was soll mit diesem Punktesystem gemessen werden? Entwicklung, Lebensstandard, Stabilität, Macht? Und sieht Morris einen hohen Punktestand als etwas genuin Gutes an?

    Im Artikel kommt es so vor, als wäre Morris der Ansicht, der heutige "Westen" sei 37 Mal so toll wie die Attische Demokratie (was ja absurd wäre). Trügt dieser Eindruck?

  2. ..dann erhellt sich das Geschichtsbewusstsein vielleicht eher. Beide Autoren würden den Geschmack der Autorin des Artikels wohl wesentlich besser treffen, als Morris dies getan hat.
    Francis Fukuyamas 1. Teil von The Origins of Political Order ist eine komparative, sich an Max Webers Staatsdefinition orientierende Studie, die die Entstehung, Entwicklung und Verdichtung politischer Verhältnisse in zentralen Gebieten der Welt auf die Punkte State Building, Rule of Law und Accountable Government untersucht. Fukuyamas Quintessenz ist - sehr grob - , dass stabile und ausgereifte politische Ordnungen dann existieren, wenn das Beziehungsgefüge zwischen Menschen innerhalb einer Gesellschaft wenig/kaum auf verwandtschaftlichen Bindungen (Stichwort "Nepotismus") beruht, sondern in einem Staat vielmehr ein ausgeprägtes meritokratisches Prinzip gefördert wird. Diese Erkenntnis ist meines Wissens nicht überaus neu, jedoch wird sie von Fukuyama brilliant in verschiedenen Gebieten der Welt herausgearbeitet. Der Autor findet zudem eine Antwort auf das Problem des Environmental Determinism. Dieser Determinismus wurde von den Kritikern von Guns, Germs and Steel, dem Klassiker Jared Diamonds, aufgeworfen. Gleichwohl ist Diamonds Erklärungsansatz immer noch umwerfend, indem er die Handlungsspielräume der Menschen auf der Welt von ihren jeweiligen Lebensumständen (bedingt durch Geographie, Umwelt, Tier- und Pflanzenbestand, Klima etc.) abhängig macht.

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    Aber ist das nicht einfach Geschichtsklitterung, wenn man die Beweise und einer fixen These "State building, rule of law und accountable government' zuordnet, das damit bewiesen wird das eine quasi gottgebene, lineare Entwicklung zu dieser politisch-zivilen Institutionen stattgefunden hat!?! Das wir annehmen, dass der Staat die optimale Form einer Gesellschaft ist und diese hervorbringt ist doch eine ueberaus streitbare These und Annahme und ist doch eher ein Traum, Einbildung wenn man so will, als Realitaet.

    Anstatt Fukuyama und Diamond zu lesen, wuerde ich Ihnen lieber Foucault ans Herz legen, der eine etwas andere Perspektive auf solche "wahren, richtigen" Annahmen gibt.

    Aber ist das nicht einfach Geschichtsklitterung, wenn man die Beweise und einer fixen These "State building, rule of law und accountable government' zuordnet, das damit bewiesen wird das eine quasi gottgebene, lineare Entwicklung zu dieser politisch-zivilen Institutionen stattgefunden hat!?! Das wir annehmen, dass der Staat die optimale Form einer Gesellschaft ist und diese hervorbringt ist doch eine ueberaus streitbare These und Annahme und ist doch eher ein Traum, Einbildung wenn man so will, als Realitaet.

    Anstatt Fukuyama und Diamond zu lesen, wuerde ich Ihnen lieber Foucault ans Herz legen, der eine etwas andere Perspektive auf solche "wahren, richtigen" Annahmen gibt.

  3. Aber ist das nicht einfach Geschichtsklitterung, wenn man die Beweise und einer fixen These "State building, rule of law und accountable government' zuordnet, das damit bewiesen wird das eine quasi gottgebene, lineare Entwicklung zu dieser politisch-zivilen Institutionen stattgefunden hat!?! Das wir annehmen, dass der Staat die optimale Form einer Gesellschaft ist und diese hervorbringt ist doch eine ueberaus streitbare These und Annahme und ist doch eher ein Traum, Einbildung wenn man so will, als Realitaet.

    Anstatt Fukuyama und Diamond zu lesen, wuerde ich Ihnen lieber Foucault ans Herz legen, der eine etwas andere Perspektive auf solche "wahren, richtigen" Annahmen gibt.

    • iboo
    • 10.10.2011 um 9:54 Uhr

    Besser als dieser Bestseller erscheinen mir da die Publikationen des kürzlich verstorbenen Ökonomen Angus Maddison. Seine "Contours of the World Economy, 1-2030" klingen zwar auch reißerisch, wurden aber von Maddison und seinen Leuten in viel Kleinarbeit mit Daten hinterlegt (http://www.ggdc.net/MADDI...).
    Auch Maddision erklärt warum der Westen China überholte. Die Gründe waren allerdings ganz andere.

    • topal
    • 10.10.2011 um 11:08 Uhr

    Dann, um noch tiefer anzusetzen, - Eugen Drewermann, "Strukturen des Bösen" - Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer/psychoanalytischer/philosophischer Sicht.

    Die Kernintentionen des "menschlichen" Handelns machen die Geschichte. Da wir frei sind, zu handeln, ist Geschichte nicht vorherbestimmt, und deshalb ist es fast müßig, herausfinden zu wollen, wie es wohl werden wird. Nicht müßig ist es, eine Vision zu "haben", welche sich aus eben unseren Intentionen ableiten lässt....

  4. wird noch mal ein Gesetz gegen sinnfreie Übersetzungen speziell und insbesondere bei Buchtiteln erlassen.

    Der Originaltitel lautet: Why the west rules - for Now.

    Also etwa: Warum der Westen herrscht - für Jetzt.

    Dessen ungeachtet, klingt das nach einem interessanten Buch in der Tradition eines Jared Diamonds, der ohne Rücksicht auf akademische Phraseologie und Schubladendenken schreibt.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Prinzipiell, stimme ich Ihnen zu das Autoren die einen interdisziplinaeren Blick nehmen gute Werke produzieren koennen und einen interessante Einsicht auf Komplexitaet und Wechselwirkungen werfen koennen (hier denke ich z.B. an Erich Fromm). Auf der anderen Seite ist die Balance sicher fein und man muss aufpassen, wo diese Leute einfach nette, populaere Thesen auffassen und auf Teufel drauf komm raus los schreiben (da faellt mir z.B. auch Huntingtons Buch ein, clash of civilizations ein, das wirklich abenteuerlichst ist).

    Prinzipiell, stimme ich Ihnen zu das Autoren die einen interdisziplinaeren Blick nehmen gute Werke produzieren koennen und einen interessante Einsicht auf Komplexitaet und Wechselwirkungen werfen koennen (hier denke ich z.B. an Erich Fromm). Auf der anderen Seite ist die Balance sicher fein und man muss aufpassen, wo diese Leute einfach nette, populaere Thesen auffassen und auf Teufel drauf komm raus los schreiben (da faellt mir z.B. auch Huntingtons Buch ein, clash of civilizations ein, das wirklich abenteuerlichst ist).

  5. Prinzipiell, stimme ich Ihnen zu das Autoren die einen interdisziplinaeren Blick nehmen gute Werke produzieren koennen und einen interessante Einsicht auf Komplexitaet und Wechselwirkungen werfen koennen (hier denke ich z.B. an Erich Fromm). Auf der anderen Seite ist die Balance sicher fein und man muss aufpassen, wo diese Leute einfach nette, populaere Thesen auffassen und auf Teufel drauf komm raus los schreiben (da faellt mir z.B. auch Huntingtons Buch ein, clash of civilizations ein, das wirklich abenteuerlichst ist).

    Antwort auf "Irgendwann"
  6. Wie wenig überraschend, daß die Zivilisation am meisten Punkte erhält, in der die Definition des Punktesystems stattfand.

    Was mich interessieren würde: was soll mit diesem Punktesystem gemessen werden? Entwicklung, Lebensstandard, Stabilität, Macht? Und sieht Morris einen hohen Punktestand als etwas genuin Gutes an?

    Im Artikel kommt es so vor, als wäre Morris der Ansicht, der heutige "Westen" sei 37 Mal so toll wie die Attische Demokratie (was ja absurd wäre). Trügt dieser Eindruck?

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    Ich vermute das Morris einen hohen Wert als per se gut ansieht, sonst wuerde er es nicht messen und zum anderen meint er eben Aussagen zu koennen, wie hoch/gut eine Gesellschaft entwickelt ist.

    Und denken Sie sich doch mal selber. Einfach das eigenen Leben zu bewerten wie weit Sie sich schon entwickelt haben. Sind Sie in Ihrem Leben schon von 40 auf 100 gesprungen!?! Genauso absurd und beschraenkt das auf eine Zivilisation anzuwenden.

    Und leider, leider gibt es im Moment in der gesamten Wissenschaft diese starke Stroemung das allein quantitative Statistiken wirklich, "harte" Aussagen erlauben, was natuerlich auch hochpolitisch ist, denn Disziplinen/Profs deren Methoden andere sind finden schwerer Gehoer. Es ist naheliegend, dass Frau Reichstetter diesem Denken auch nahe steht, wenn sie schreibt "Wir, die darbenden Weltregenten, wollen vom drohenden Verfall vielmehr wissenschaftlich fundiert erfahren – gern unterhaltsam essayistisch, aber bitte mit Statistik".

    Vielleicht ist unser Statistikglaube auch einfach ein Ausdruck von geistiger Darbheit (Lebensglueck in einer Nummer... schon leicht beschraenkt).

    Ich vermute das Morris einen hohen Wert als per se gut ansieht, sonst wuerde er es nicht messen und zum anderen meint er eben Aussagen zu koennen, wie hoch/gut eine Gesellschaft entwickelt ist.

    Und denken Sie sich doch mal selber. Einfach das eigenen Leben zu bewerten wie weit Sie sich schon entwickelt haben. Sind Sie in Ihrem Leben schon von 40 auf 100 gesprungen!?! Genauso absurd und beschraenkt das auf eine Zivilisation anzuwenden.

    Und leider, leider gibt es im Moment in der gesamten Wissenschaft diese starke Stroemung das allein quantitative Statistiken wirklich, "harte" Aussagen erlauben, was natuerlich auch hochpolitisch ist, denn Disziplinen/Profs deren Methoden andere sind finden schwerer Gehoer. Es ist naheliegend, dass Frau Reichstetter diesem Denken auch nahe steht, wenn sie schreibt "Wir, die darbenden Weltregenten, wollen vom drohenden Verfall vielmehr wissenschaftlich fundiert erfahren – gern unterhaltsam essayistisch, aber bitte mit Statistik".

    Vielleicht ist unser Statistikglaube auch einfach ein Ausdruck von geistiger Darbheit (Lebensglueck in einer Nummer... schon leicht beschraenkt).

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