Lausitzer Tagebau Der Pfarrer und die Kohle
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"Braunkohle brauchen wir wirklich nicht mehr"

Vattenfall residiert in Cottbus in der Südstadt, im Erdgeschoss seines Bürogebäudes sind die Werke lokaler Künstler ausgestellt. Die Verbundenheit des Unternehmens mit der Region betont ein paar Stockwerke darüber auch Detlev Dähnert, er ist für die Zukunftsplanung zuständig. Dähnert sagt, Braunkohle sei für Deutschland eine »langfristig kalkulierbare heimische Energiequelle«, an der sich festzuhalten lohne. Er bekräftigt, dass alles getan werde, um in der Lausitz die Heimat der Menschen zu schützen, dass es »unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten« bei der Rohstoffförderung aber darauf ankomme, »eine maximale Gewinnung« zu ermöglichen. In Schweden, sagt Dähnert, seien für den Erzbergbau mal 20.000 Menschen umgesiedelt worden, Braunkohle sei für Vattenfall »eine Säule der Wertschöpfung«, und immer gehe es darum, was am Ende wichtiger sei: »Allgemeinwohl oder Einzelwohl?«

Diesem »Allgemeinwohl« sind seit Beginn des Lausitzer Tagebaus vor rund 90 Jahren allerdings schon 136 Dörfer zum Opfer gefallen, etwa 30.000 Menschen mussten ihm weichen. Auch Pfarrer Berndt predigt in seinem über 700 Jahre alten Kirchlein nicht erst seit 2007 wider die ungebremste Dienstbarmachung der Natur durch den Menschen. Schon zu DDR-Zeiten stand Atterwasch auf der Abbruchliste, schon dem SED-Staat war die Braunkohle sehr wichtig, schon damals lebte Berndt im Konflikt mit der Obrigkeit. Dass nun Vattenfall mit Billigung des Landes Brandenburg die alten DDR-Pläne wieder neu auflegt, habe, sagt Berndt, in einem früher »sehr fröhlichen Dorf ein Gefühl der Resignation« ausgelöst. Berndt sagt das an einem herrlichen Spätsommertag, im Garten des Pfarrhauses duften die Blumen. Die Ruhe und die gute Luft habe früher junge Familien zum Umzug nach Atterwasch bewegt, meint der Pfarrer. Damit sei es jetzt vorbei.

Die Öde reicht bis zum Horizont

Einige Kilometer südlich des Pfarrhauses ist auch zu besichtigen, was das »Allgemeinwohl« aus der Lausitzer Landschaft macht – eine graubraune, staubige Wüste. In 40 bis 120 Meter Tiefe und auf einer Breite von vier Kilometern arbeiten sich im Tagebau Jänschwalde riesige Bagger voran, vorn nehmen ihre überdimensionierten Schaufeln jährlich knapp elf Millionen Tonnen Kohle auf, hinten werden im Laufe eines Jahres über 110 Millionen Kubikmeter Abraum ausgespuckt. Die Öde reicht bis zum Horizont.

Zwar wachsen auf diesem Grund irgendwann wieder Gras, Büsche und Bäume; Vattenfall gibt viel Geld für die Renaturierung aus. Aber es ist nicht nur die Erde, die durch den Tagebau geschädigt wird. Auf einem Förderband wird die Braunkohle direkt aus der Grube zum Kraftwerk Jänschwalde transportiert und dort in sechs Blöcken verbrannt. Der seit 1981 betriebene Meiler ist unter den deutschen Stromfabriken nach dem Braunkohlekraftwerk im rheinischen Bergheim der größte Klimakiller. Rund 24 Millionen Tonnen Kohlendioxid werden hier jedes Jahr ausgestoßen – über fünf Prozent aller Kraftwerksemissionen in Deutschland.

In Brandenburg stammen sogar 60 Prozent des Kohlendioxids, das jährlich die Luft verpestet, aus Vattenfalls Kraftwerksschloten. Der Braunkohlenutzung ist es zu verdanken, dass jeder Bewohner des Bundeslandes statistisch Jahr für Jahr für doppelt so viel CO2 verantwortlich ist wie ein durchschnittlicher Bundesbürger. Daran könne sich nur etwas ändern, wenn die Kohleverstromung nach und nach reduziert werde, glauben Fachleute und Umweltgruppen. »Dass dagegen sogar neue Braunkohlemeiler in Erwägung gezogen werden, ist völlig absurd«, findet etwa Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule des Saarlands in Saarbrücken.

Leprich hat 2008 eine umfangreiche Studie über die brandenburgische Braunkohlebranche angestellt. Danach könnte ein großer Teil der bestehenden Kraftwerksblöcke auch ohne die Erschließung neuer Tagebaue noch für mehr als 20 Jahre am Netz bleiben. Wolfgang Neskovic, der in Cottbus trotz seiner scharfen Kritik an der Kohlenutzung für die Linke direkt in den Bundestag gewählt wurde, glaubt sogar, dass sich der Ausstieg aus der Braunkohle bis etwa 2040 hinziehen lasse; damit bleibe genügend Zeit, in der Lausitz für Arbeitsplätze auch jenseits der Kohle zu sorgen. Überdies sei es während der langen Ausstiegsphase problemlos möglich, den dreckigen Brennstoff durch erneuerbare Quellen zu ersetzen, meinen Leprich und Neskovic. »Braunkohle«, sagt der Saarbrücker Professor, »brauchen wir wirklich nicht mehr.«

Von Sinneswandel nichts zu spüren

Es gibt Meldungen, nach denen dies Vattenfalls Eigentümer, der schwedische Staat, ganz ähnlich sieht. In Cottbus allerdings ist von einem Sinneswandel nichts zu spüren. Detlev Dähnert setzt im Gespräch unverdrossen auf den Neubau eines Kraftwerks mit CCS – »da gibt es keine Änderung«. Auch auf die Frage, wo das abgeschiedene Kohlendioxid gelagert werden soll, wenn sich in Deutschland dafür kein Platz mehr findet, hat der Vattenfall-Manager eine Antwort parat: irgendwo in Europa, das sich schließlich »zum Aufbau einer europäischen CO2-Pipeline-Infrastruktur« bekannt habe.

Diese Sprachregelung findet sich neuerdings fast wortgleich auch in den Verlautbarungen des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Am 1. September teilte Matthias Platzeck per Pressemeldung mit, dass die EU »derzeit Pläne für ein Pipelinenetz entwickelt, das die Abspeicherung von CO2 in Norwegen ermöglichen könnte«, sich mithin das »Thema CCS« nicht erledigt habe. Wie Vattenfall setzt Platzeck – der alle Gesprächsanfragen der ZEIT abgelehnt hat – weiter auf die Kohle: »so lange, bis sie durch die erneuerbaren Energien vollständig und sicher ersetzt werden kann.«

Wann das sein könnte, wie sich das mit den Klimazielen der Bundesrepublik verträgt und was das alles für Atterwasch, Grabko, Kerkwitz und deren 900 Einwohner bedeutet, darüber schweigt Platzeck sich aus. Auch Pfarrer Mathias Berndt würde ihn gerne danach fragen. Er würde, meint Berndt, dem Ministerpräsidenten außerdem sagen wollen, dass es ein Akt wider die eigene Bevölkerung sei, drei Dörfer zu schleifen, und gegen Gottes Gebot zur Bewahrung der Schöpfung sowieso. Und er würde Platzeck daran erinnern, dass man das technisch Machbare ja nicht immer auch wirklich machen müsse.

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Leser-Kommentare
  1. Nur leben die meisten nicht in Ihren Finaziellen verhältnissen!
    Atomstrom war schlecht!
    Windkraft ist Gut aber keine Leitungen vorhanden!
    Solar ist ? Nur Teuer für den Steuerzahler!

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    • th
    • 28.09.2011 um 22:02 Uhr

    demonstriert man auch schon gegen Windkraftanlagen ...

    • th
    • 28.09.2011 um 22:02 Uhr

    demonstriert man auch schon gegen Windkraftanlagen ...

  2. wurde seit Urzeiten wegen der Kohle umgegraben und genauso oft renaturiert. Unzählige Dörfer sind derweil untergebuddelt worden. Wegen und vor allem der billigen Kohle geschuldet. Unsere gesellschaftliche Entwicklung, die gesamte industrielle Revolution ging von ihr aus und ist ihr geschuldet. Stellt sich natürlich die Frage, nachdem wir die Atommeiler abgeschaltet haben, Wind und Solar unstetig sind worauf wir in Zukunft unseren Erfolg bauen wollen?

    Haben die Grünen hierfür eine Antwort?

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Wir können doch nicht ernsthaft glauben, dass unser Stromverbrauch ohne jegliches Opfer zu decken ist.
    Bodensenkungen nach dem Bergbau, Landschaftszerstörung durch den Tagebau, Risiken der Atomkraft, "Verspargelung und Schattenspiele" durch Windräder usw. usf..
    Wir können ja gern alles davon beklagen, aber einen Tod werden wir (oder auch nur die jeweils direkt Betroffenen für uns) wohl sterben müssen.
    Dass wir die Braunkohle heute und morgen nicht mehr brauchen, ist jedenfalls wenig glaubhaft, denn der Aufbau von ausreichenden Alternativen steht erst noch an.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Daishi
    • 27.09.2011 um 17:36 Uhr

    "Billigen Strom?"

    Deutschland hat europaweit den höchsten Strompreis.

    Eine Leser-Empfehlung
    • mickz
    • 27.09.2011 um 17:40 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo

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    • mickz
    • 27.09.2011 um 20:04 Uhr

    zur "Energiewende" der Regierung Merkel.

    schrieb ich, Warum wird das zensiert? Das mag nicht konstruktiv sein, aber die Energiepolituik dieser Regierung ist es sicher auch nicht.

    Man kann diese Aussage auch weiterführen, aber das ist doch nun wirklich nicht mehr notwendig angesichts der Diskrepanz, die zwischen der werbeheischenden aber inhaltsleeren Darstellung der Regierung und der Realität ihrer "Energiepolitik" steht.

    • mickz
    • 27.09.2011 um 20:04 Uhr

    zur "Energiewende" der Regierung Merkel.

    schrieb ich, Warum wird das zensiert? Das mag nicht konstruktiv sein, aber die Energiepolituik dieser Regierung ist es sicher auch nicht.

    Man kann diese Aussage auch weiterführen, aber das ist doch nun wirklich nicht mehr notwendig angesichts der Diskrepanz, die zwischen der werbeheischenden aber inhaltsleeren Darstellung der Regierung und der Realität ihrer "Energiepolitik" steht.

  4. Solange regenerative Energiequellen gegen konkurrenzlos billige Braunkohle ankommen müssen, gestattet der freie Markt keinen Umstieg.
    Es muß nach Marktlogik erst alles unwiederruflich vernichtet werden, was nichts kostet (Natur, Heimat, Klima).

    Wenn die Menschen schlau wären und nicht alle Macht "den Märkten" gäben, würden sie sich jetzt so verhalten, als gäbe es die Braunkohle gar nicht, denn irgendwann müssen sie sowieso ohne auskommen.

  5. in der Nähe von Aachen auch betroffen. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Landschaften und für viele Leute auch Heimat werden der Kohle wegen einfach weggebaggert. Gewachsene Strukturen werden damit vernichtet. Es ist die Frage, ist die Kohle das wert, zumal behauptet wird, daß Kohle im Ausland billiger gekauft werden kann, wie hier gefördert, auch müssen die Arbeitsplätze wieder herhalten.

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    • th
    • 28.09.2011 um 22:10 Uhr

    weit mehr Menschen von der Umsiedlung wegen Braunkohletagebauen betroffen, als in der Lausitz ...

    Der Unterschied ist: in Nordrhein-Westfalen hat man sich schon lange daran gewöhnt, dass die ganze Landschaft letztlich der Industrie wegen umgekremelt wird.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Zitat:
    "Vom Tagebau sind wir hier,... in der Nähe von Aachen auch betroffen. "

    • th
    • 28.09.2011 um 22:10 Uhr

    weit mehr Menschen von der Umsiedlung wegen Braunkohletagebauen betroffen, als in der Lausitz ...

    Der Unterschied ist: in Nordrhein-Westfalen hat man sich schon lange daran gewöhnt, dass die ganze Landschaft letztlich der Industrie wegen umgekremelt wird.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Zitat:
    "Vom Tagebau sind wir hier,... in der Nähe von Aachen auch betroffen. "

  6. Die EE ersetzen Kohle genauso wie Uran. Wozu noch auf eine Steinzeittechnologie setzen wenn 100% EE absehbar sind?! Wer immer noch nicht weiß wie das funktionieren kann sollte sich aber mal langsam informieren. Mit der BILD-Zeitung wird das aber nicht gehen.

    Strompreise sind nicht so einfach zu vergleichen. Man sollte schon die Steuer abziehen. Auch gibt es in Frankreich eine staatliche Preisfestsetzung, unsere Atomlobby würde den Politikern hier aber was husten würde es hier genauso gemacht.
    2009 wollte EDF den Strompreis um 20% erhöhen, darauf hat Sarkozy diesen Manager abgesetzt.

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