Ägypten Lasst ihn nicht sterben!
Maikel Nabil Sanad hungert aus Protest. Und die Welt schaut weg
Er wiegt jetzt noch 48 Kilo, bei einer Größe von fast ein Meter achtzig. Seit dem 23. August ist der inhaftierte ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad im Hungerstreik. Er liegt im Krankenhaustrakt eines Gefängnisses am Stadtrand von Kairo. Sein Bruder sagt, er falle immer wieder ins Koma, sein Puls sei zeitweise kaum messbar. Sanad begann den Hungerstreik, um gegen seine Verurteilung zu drei Jahren Haft zu protestieren. Überall in der Welt haben Medien über seinen Fall berichtet, auch das ZEITmagazin (Nr. 34/11). Doch davon lässt sich der in Ägypten regierende Militärrat nicht beeindrucken.
Drei Jahre Haft für ein paar Blog-Einträge, in denen das Militär kritisiert wurde – das Urteil, das ein Militärtribunal im April gegen Sanad gefällt hat, ist sogar für ägyptische Verhältnisse absurd hart. Sanad war im Oktober 2010 Ägyptens erster Kriegsdienstverweigerer, seitdem ist er der Militärführung ein Dorn im Auge. Mit seiner Verhaftung wollte man offenbar ein Exempel statuieren.
Das Regime in Kairo scheint sich nicht davor zu fürchten, international an Ansehen zu verlieren. Warum auch – seit Monaten hält das Militär, das freie Wahlen versprochen hatte, seinen demokratiefeindlichen Kurs, ohne ernst zu nehmende internationale Kritik. Tausende Zivilisten werden von Militärtribunalen abgeurteilt, Demonstranten wahllos verhaftet, die Folterungen von Gefangenen in den Monaten nach Mubaraks Sturz nicht untersucht, Journalisten, die kritisch berichten, werden vorgeladen. Erst der Sturm eines Mobs auf die israelische Botschaft vor zwei Wochen hat die internationale Politik aufhorchen lassen – die Schuld aber, so hatte man den Eindruck, suchte man nicht bei der Armee, die zuvor doch jegliche Proteste gnadenlos unterdrückt hatte, sondern man verbuchte den Sturm als Kollateralschaden des Arabischen Frühlings. Dabei ist die Demokratiebewegung, die die Revolution vorbereitet hat, im Kern gewiss nicht israelfeindlich.
Es sind Menschen wie Maikel Nabil Sanad, die der Westen jetzt unterstützen sollte: ein aufrechter Demokrat, der die Aussöhnung mit Israel sucht. Einer, der für das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung sein Leben aufs Spiel setzt. »Wir sind den Diktator losgeworden, aber nicht die Diktatur«, schloss er eine seiner Analysen über die Rolle des Militärs nach dem Sturz Mubaraks. Sie brachte ihm die Verhaftung ein.
Das Militär mag das Land vor einem Machtvakuum bewahrt haben, aber sieben Monate nach dem Sturz Mubaraks ist es Zeit für ein paar unbequeme Fragen: Erwartet man tatsächlich, dass ein starrer Militärapparat freie Wahlen und Pluralismus fördert? Ein Apparat, an dessen Spitze ein 75-Jähriger steht, der unter Mubarak 20 Jahre lang Verteidigungsminister war und sich noch nie öffentlich legitimieren musste?
Es gibt keine schnellen Lösungen, aber nun ist es Zeit, den politischen Druck auf den Militärrat zu erhöhen. Der Umgang mit Maikel Nabil Sanad ist symptomatisch für die Arroganz des Regimes in Kairo, das offenbar die Diktatur weiterführen möchte.
Wie die Zukunft Ägyptens aussehen wird, mag kaum einer vorhersagen. Im Westen herrscht Angst, dass die Muslimbrüder als stärkste Kraft aus den Wahlen Ende November hervorgehen und das Land in ihrem Sinne umbauen. Die Wirtschaftslage ist katastrophal genug, und wenn der Militärrat den Eindruck aufrechterhält, dass er nicht besser ist als das alte Regime, treibt er vielleicht noch mehr Ägypter in die Arme der Muslimbrüder. Deshalb ist es so wichtig, dass der Westen, dass Deutschland und sein Außenminister jetzt öffentlich Position beziehen.
Am 4. Oktober findet das Berufungsverfahren im Fall Maikel Nabil Sanad statt. Seine Anwälte machen sich keine großen Hoffnungen, dass er plötzlich von allen Vorwürfen freigesprochen werden könnte. Vor allem kann es sein, dass Sanad das Verfahren gar nicht mehr erleben wird, weil er sich nach Aussagen seines Bruders weiterhin strikt weigert zu essen. Am 4. Oktober wäre er 42 Tage in Hungerstreik, das ist kaum zu überleben.
Die internationalen Regierungen, auch die deutsche, dürfen nicht stumm zusehen, wie eine erfolgreiche Demokratiebewegung von alten Eliten zerstört wird. Wir dürfen Maikel Nabil Sanad jetzt nicht alleinlassen.
- Datum 24.09.2011 - 10:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.9.2011 Nr. 39
- Kommentare 13
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Die Menschenrechtslage in der arabischen Welt ist nach wie vor - trotz des in den Medien viel besungenen "arabischen Frühlings" - schlicht zum Verzweifeln. Doch der Westen scheint nur insofern daran interessiert zu sein, als sie den Nahost-Konflikt betrifft und insbesondere die sich in der Opferrolle übenden Palästinenser. Dabei ignoriert er die grundlegende Erkenntnis, dass die in der arab. Ländern herrschende politische Unterdrückung und Gewalt, die gleiche autoritäre undemokratische Wurzel hat, die den Nahost-Konflikt am Leben erhält. Eine kurzsichtige, heuchlerische Position.
Immer mit der Ruhe, es ist eine Heuchelei das zu schnell vorurteiligt argumentiert und behauptet wird. Wenn sie sich nach 40 Jahren unterdrückung befreien, können sie auch nicht auf anhieb alles ablegen und von heut auf morgen so tun als ob die Sonne in ihrem Leben jeden Tag geschien hätte.Alles braucht seine Zeit, die Europäer haben auch viel Zeit gebraucht nach endlosen Kriegen um zur Vernunft zu kommen, und der Ostblock hat sich auch befreit, aber es gibt dort immer noch ein paar fetzen alter Ideologien und praktiken(z.B.Ukraine-verhaftung timochenko,Ungarn-Presseeinschränkung ) die gehen halt nicht von heut auf morgen weg. Mal was von Übergang gehört. Die Kolonialisten sind aus den Arfikanischen Ländern nach zig Jahrzehnten Ausbeutung & Unterdrückung weggegangen, und was ist dort...was erwartet man wenn man alles zerbricht und einen Scherbenhaufen hinterlässt?
Immer mit der Ruhe, es ist eine Heuchelei das zu schnell vorurteiligt argumentiert und behauptet wird. Wenn sie sich nach 40 Jahren unterdrückung befreien, können sie auch nicht auf anhieb alles ablegen und von heut auf morgen so tun als ob die Sonne in ihrem Leben jeden Tag geschien hätte.Alles braucht seine Zeit, die Europäer haben auch viel Zeit gebraucht nach endlosen Kriegen um zur Vernunft zu kommen, und der Ostblock hat sich auch befreit, aber es gibt dort immer noch ein paar fetzen alter Ideologien und praktiken(z.B.Ukraine-verhaftung timochenko,Ungarn-Presseeinschränkung ) die gehen halt nicht von heut auf morgen weg. Mal was von Übergang gehört. Die Kolonialisten sind aus den Arfikanischen Ländern nach zig Jahrzehnten Ausbeutung & Unterdrückung weggegangen, und was ist dort...was erwartet man wenn man alles zerbricht und einen Scherbenhaufen hinterlässt?
Immer mit der Ruhe, es ist eine Heuchelei das zu schnell vorurteiligt argumentiert und behauptet wird. Wenn sie sich nach 40 Jahren unterdrückung befreien, können sie auch nicht auf anhieb alles ablegen und von heut auf morgen so tun als ob die Sonne in ihrem Leben jeden Tag geschien hätte.Alles braucht seine Zeit, die Europäer haben auch viel Zeit gebraucht nach endlosen Kriegen um zur Vernunft zu kommen, und der Ostblock hat sich auch befreit, aber es gibt dort immer noch ein paar fetzen alter Ideologien und praktiken(z.B.Ukraine-verhaftung timochenko,Ungarn-Presseeinschränkung ) die gehen halt nicht von heut auf morgen weg. Mal was von Übergang gehört. Die Kolonialisten sind aus den Arfikanischen Ländern nach zig Jahrzehnten Ausbeutung & Unterdrückung weggegangen, und was ist dort...was erwartet man wenn man alles zerbricht und einen Scherbenhaufen hinterlässt?
In Ägypten ist mit vielen Opfern ein Diktator abgesetzt worden, keine Diktatur. Da hat der Hungerstreikende völlig Recht. Im Gegenteil etabliert sich die Diktatur nun erneut. Ja, 'alles braucht seine Zeit', auch ein angeschlagenes Regime, um wieder das Programm der Unterdrückung und der Folter durchzustarten, für das auch das ägyptische Militär steht. TV-Dokumentationen mit Militär, das Demonstranten fast zu Tode trampelt, sie mit Sondergerichten aburteilt, gab es genug. Wieviel Zeit braucht es, bis dieses Militär Massenerschießungen wie im Jemen durchführen wird?
In Ägypten ist mit vielen Opfern ein Diktator abgesetzt worden, keine Diktatur. Da hat der Hungerstreikende völlig Recht. Im Gegenteil etabliert sich die Diktatur nun erneut. Ja, 'alles braucht seine Zeit', auch ein angeschlagenes Regime, um wieder das Programm der Unterdrückung und der Folter durchzustarten, für das auch das ägyptische Militär steht. TV-Dokumentationen mit Militär, das Demonstranten fast zu Tode trampelt, sie mit Sondergerichten aburteilt, gab es genug. Wieviel Zeit braucht es, bis dieses Militär Massenerschießungen wie im Jemen durchführen wird?
Ich bin auf Maikel Nabil Sanad durch einen Beitrag im Deutschlandradio Kultur aufmerksam geworden, auf den ich hier ergänzend verweisen möchte,
http://www.dradio.de/dkul...
weil er ein paar Hintergründe zu Maikel Nabil Sanad erwähnt, die in diesem Kontext interessant sind, nämlich sein starkes Engagement für Frieden und Versöhnung mit Israel. Genau dieses ist in Ägypten auf starken Widerspruch gestoßen. Es geht also nicht nur um Demokratie im Inneren, die nach wie vor gefährdet ist, sondern es geht auch darum, dass es in der Außenpolitik die traditionellen Dogmen gibt, die jeglichen Fortschritt in Sachen Frieden im Nahen Osten zementieren.
Ich hoffe sehr, dass Nabil Sanad überlebt und freigelassen wird. Auch "Reporter ohne Grenzen" fordert die Freilassung Sanads: http://www.reporter-ohne-...
Ich wünsche und hoffe mir, daß die Ägypter weiter demonstrieren und sich von der Millitärregierung nicht blenden lassen. Aber man sollte auch bedenken, daß das Ägyptische Millitär sehr von den U.S.A. beeinflußt wird, immerhin bekommen sie eine erhebliche Summe, die sich wohl in der Armee niemand verscherzen will, wem interessiert es da wieder noch einmal an das Volk zu denken. Und die U.S. Regierung kann wieder schön im Dunkeln Macht ausüben. Ist eine für mich sehr Naheliegende Theorie.
ist offen reflexiv? ;)
Aber im ernst, ich bin Ihrer Meinung.
Wie ein Vorkommentator schon geschrieben hat, wird es mit der "Demokratie", in welcher Form auch immer, noch eine Weile brauchen, da alte Muster erst abgelegt werden müssen.
Aber hierfür muss das ägyptische Volk standhaft bleiben!
ist offen reflexiv? ;)
Aber im ernst, ich bin Ihrer Meinung.
Wie ein Vorkommentator schon geschrieben hat, wird es mit der "Demokratie", in welcher Form auch immer, noch eine Weile brauchen, da alte Muster erst abgelegt werden müssen.
Aber hierfür muss das ägyptische Volk standhaft bleiben!
ist offen reflexiv? ;)
Aber im ernst, ich bin Ihrer Meinung.
Wie ein Vorkommentator schon geschrieben hat, wird es mit der "Demokratie", in welcher Form auch immer, noch eine Weile brauchen, da alte Muster erst abgelegt werden müssen.
Aber hierfür muss das ägyptische Volk standhaft bleiben!
Versteh ich jetzt nicht, da haben wir doch alles herbeigeschrieben und herbeiempört, nun sind die Zustände noch schlimmer als vorher.
Mehr Kriminalität, mehr Verhaftungen, weniger Freiheit, weniger Wirtschaftswachstum, die Fundamentalen stellen nach Umfragen die stärkste Partei, welche schon Alkohol und Bekini Verbot fordert, das wird fein für den Tourismus.
Was haben wir uns manipulieren lassen und devot mitgeklatscht?
Da hat uns der ZEITgeist aber mächtig in die falsche Richtung geführt. Peinlich wird jetzt geschwiegen, wo einst devot für einen subjektiven "Freiheit"sbegriff, bzw. objektiv für eine instabile und unsichere Zukunft Ägyptens gegackert wurde.
Und da sehen Sie auch schon den Grund, warum diese Damen und Herren auf Dauer nicht mehrheitsfähig sein würden. Keine Sorge also, die Anfangsschwierigkeiten wird der demokratische Selbstheilungsprozess überwinden.
Und da sehen Sie auch schon den Grund, warum diese Damen und Herren auf Dauer nicht mehrheitsfähig sein würden. Keine Sorge also, die Anfangsschwierigkeiten wird der demokratische Selbstheilungsprozess überwinden.
Jede Unterstützung des ägyptischen Militärrates durch den Westen wird zum Bumerang werden, der uns einmal gewaltig am Schädel trifft. Die vollmundigen Unterstützungsbekundungen westlicher Politiker waren nur zur Beruhigung des eigenen Volkes gedacht - Taten sollte man daher besser nicht erwarten. Jetzt wo der Medienhype um den arabischen Frühling abgeebbt ist, verfallen sie wieder in ihr business as usual der prärevolutionären Ära.
Die Menschen in Ägypten wissen aber sehr genau, wer die Fäden im Hintergrund zieht, sie wissen, dass das ägyptische Militär von den USA finanziell unterstützt wird, sie wissen, dass unsere "Freiheitsstatue" nur zum Marketing in eigener Sache auf dem Tahrirplatz flanierte und sich längst mit dem Militärrat eingelassen hat und sie wissen, dass das Gerede von Menschenrechten letztlich nur Heuchelei ist. Mit jedem Tag der vergeht, mit jeder Stunde werden die Ägypter den Westen mehr hassen. Wer könnte es ihnen verübeln?
Als Mubarak foltern liess, sah der Westen zu und gab durch finanzielle und politische Unterstützung Mubaraks sein Einverständnis. Wenn nun der Militärrat foltert, willkürlich inhaftiert und verurteilt und der Westen weiterhin finanzielle Mittel und politische Unterstützung zur Verfügung stellt, wird wiederum klar an wessen Seite der Westen steht: an der Seite der Unterdrücker, Ausbeuter und Mörder. Und dann wundern wir uns über die Islamisierung, über Terroranschläge und Hassparolen gegen den Westen? Sind wir denn alle blind!?
http://www.blogtokguru.com/
(es lebe unser Huduthrecht!)
Mahfouz und Nagati freiwillig.
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