So also sieht Kampfsport für Grauhaarige aus: Neun Erwachsene stehen aufgereiht in einer Berliner Turnhalle, straffen ihre Schultern, schieben ein Bein schräg nach vorn und wippen in den Kniegelenken. Einige bewegen sich geschmeidig, andere haben erkennbar Mühe. »Elegant geht anders, Oli, aber macht ja nix«, ruft Trainer Carsten Brunner und versucht, aufmunternd zu gucken. Oliver Pohl, 47, Dirigent und Konzertpianist, ist zum ersten Mal beim Training. Nach einem Bandscheibenvorfall hat er sich für Budomotion angemeldet, ein neues Angebot in Brunners Karateschule. Er müsse bei der Arbeit viel sitzen, manchmal verspannt, und das vermutlich noch viele Jahre, sagt Pohl. Je länger er fit sei, desto länger könne er Geld verdienen. In Brunners Karateschule gibt es längst mehr Erwachsene wie Pohl als Jugendliche. Nachwuchs zu finden sei viel schwerer als Ältere, sagt der Trainer.

Entsprechend sehen auch die Angebote aus. Budomotion ist neu im Programm, eine sanfte Version von Karate. Es ist einerseits so schonend, dass mehrere Krankenkassen für die ersten sechs Unterrichtsstunden zahlen. Andererseits ist es doch ein Kampfsport, der besser und härter aussieht als Aquagymnastik oder Nordic Walking, aber die Gelenke ähnlich schont. Die Bewegung mit dem schnell vorgestreckten Knie kommt auch in vielen Kursen für Pflegebedürftige mit mürben Knochen vor, als Sturzprophylaxe. Man lernt zu fallen.

Kleiner Aufwand, große Wirkung, noch größere Zukunft – so würden Altersforscher zusammenfassen, was Brenner in seiner Berliner Karateschule anbietet. So unspektakulär sieht aus, was Experten für Pflege und Demenz zurzeit für die klügste Antwort auf ein großes Zukunftsproblem halten, den aller Voraussicht nach dramatischen Anstieg von Pflegefällen, wenn die Generation der Babyboomer alt ist. Während in Berlin in diesen Tagen heftig darum gerungen wird, wie die Pflegeversicherung so reformiert werden kann, dass sie für eine steigende Zahl von Pflegefällen Leistungen finanzieren kann, hat sich der Blick vieler Wissenschaftler auf das Problem in den vergangenen Jahren verschoben: Sie schauen auf den Lebensstil der heute noch berufstätigen, mittleren Generation, auf deren Ernährung, ihre Bewegung, ihre Belastungen. Bei den Forschern setzt sich ein neuer Blick auf die Pflegebedürftigkeit durch, vor allem auf die Volkskrankheit Demenz. Alzheimer, die häufigste Demenzerkrankung , ist kein Schicksal, lautet ihre Botschaft. Ihr Ausbruch lässt sich nicht verhindern, aber bremsen . Entscheidend für das Pflegerisiko eines 70-Jährigen ist der Lebensstil in den zwanzig bis dreißig Jahren davor. Daraus folgt: Wer einen Pflegenotstand verhindern will, muss sich heute dafür interessieren, wie die Alten von morgen leben.

In den USA müssen viele Menschen ihre Rente mit kleinen Jobs aufbessern

Ohne medizinische Fortschritte würde sich allein die Zahl der Demenzkranken in den kommenden zwanzig Jahren verdoppeln und bis 2050 von heute 1,2 auf 4,8 Millionen Menschen steigen. Wie stark diese Zahl tatsächlich anwächst und ob in den Jahren 2030 bis 2050 eine junge Generation von Berufstätigen tatsächlich extrem belastet wird von einer dramatisch gestiegenen Zahl von Pflegebedürftigen – das hängt nach der neueren Diskussion extrem davon ab, wie die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge bis dahin leben werden. Die Gesundheitsvorsorge ist mindestens so wichtig wie die finanzielle Vorsorge.

»Es ist Unsinn, von der Zahl der heute pflegebedürftigen 80-Jährigen einfach auf die in der Zukunft zu schließen«, sagt Konrad Beyreuther, Medizinprofessor an der Universität Heidelberg und einer der renommiertesten Alzheimer-Forscher des Landes. Beyreuther beginnt seine Tage morgens unter der Dusche damit, dass er sich auf ein Bein stellt, rückwärts zählt und Konzentrationsaufgaben löst. Er ist überzeugt davon, dass der Schlüssel zur Lösung des Pflegeproblems in einem veränderten Lebensstil der heute noch Berufstätigen liegt. Um zehn bis fünfzehn Jahre lasse sich der Ausbruch der Nervenkrankheit verschieben, schätzt er und rät zu all jenen Maßnahmen, die auch gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen werden – plus intensivem Gedächtnistraining für alle über 50.

»Seit etwa zwei Jahren steht für die Wissenschaft die Frage der Prävention von Demenz im Mittelpunkt, die lange vorher eher ein Randthema war«, sagt Konrad Hartmann, Professor für Pharmakologie an der Universität Saarbrücken und Koordinator verschiedener internationaler Forschungsprojekte zum Thema Demenz. Der Grund sei gewesen, dass die Suche nach einem Medikament gegen Alzheimer an einen kritischen Punkt gelangt sei: Nach langer Zeit war es gelungen, Mittel zu finden, mit denen sich die Ablagerung von Eiweißen auf den Nervensträngen bremsen lässt – und damit der Prozess, der als Ursache für den allmählichen Gedächtnisschwund vieler alter Menschen galt. Doch den Patienten ging es kaum anders als zuvor. »Seitdem ist das Interesse an der Prävention von Demenz enorm gestiegen«, sagt Hartmann. Altersvorsorge – das können demnach auch Gedächtnisübungen unter der Dusche sein, die Fahrt ins Büro mit dem Fahrrad oder ein Budomotionkurs.

In Berlin wird das Thema Vorsorge im Moment anders übersetzt . Gemeinsam ist allen Ideen, dass Gesundheitsvorsorge keine Rolle spielt. Darin unterscheidet sich die Diskussion in Deutschland stark von der in anderen Ländern. Dass auch Investitionen in den eigenen Körper eine Art materieller Vorsorge sein können, die den Lebensstandard für die Zukunft sichern, ist hierzulande kein verbreiteter Gedanke. In den Vereinigten Staaten geht man selbstverständlich davon aus, dass der Lebensstandard beispielsweise eines 68-Jährigen stark davon abhängt, aber er neben seiner Altersversorgung noch zusätzliche Einnahmequellen durch kleine oder große Jobs hat. In den Vereinigten Staaten arbeiten viel mehr Menschen im Alter irgendwie weiter, mitunter notgedrungen – der hochqualifizierte Ingenieur wird Berater, der Geringqualifizierte räumt im Supermarkt Regale ein.