Atomausstieg Trunschs Kohle

Warum Boxbergs Bürgermeister den Atomausstieg bezahlen soll

In Boxberg steht eine Wolkenmaschine. Sie entlässt weißen Rauch in die Luft, als seien fünf neue Päpste gewählt.

Roland Trunsch kann die Wolken von seinem Garten aus sehen, sie verheißen ihm Wohlstand. Man sieht auch den Schornstein, der in den Himmel sticht. Wuchtige Kühltürme. Das Kraftwerk ist die Skyline von Boxberg, Oberlausitz.

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Bürgermeister Trunsch, Mitglied der Freien Wähler, ist ein rauer Mann mit Schnauzbart. Er sammelt Koi-Karpfen im Teich vor dem Haus. Er sagt: »Wir wollen nicht jammern. Es geht uns noch gut.« Das liegt daran, dass in Boxberg die Kohle des Tagebaus Nochten verfeuert wird zu Megawatt von Energie. Boxberg war das größte Braunkohlekraftwerk der DDR. Es gehört nun Vattenfall, einem Energiekonzern aus Schweden. Trunsch, 58, arbeitete selbst im Kohlekoloss: elf Jahre lang. Dann wurde er Bürgermeister. Das war 1985, am 1. November. Er sagt, in Sachsen amtiere keiner länger.

Die SED, deren Mitglied er war, hat Trunsch hinter sich gelassen. Das Kraftwerk blieb Teil seines Lebens. Wie ein Tropf ernährte es die Gemeinde. In den fetten Jahren, sagt Trunsch, habe die Kommune 34 Millionen Euro angespart. Rücklagen aus der Gewerbesteuer. Die größte Flächengemeinde Sachsens war, zeitweise, wohl auch die reichste.

Dann geschah, was sie in Berlin Energiewende nannten. Das Ende der Atomkraft.

War das nicht eigentlich eine gute Nachricht für Boxberg? Bald nach Fukushima verkündete Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU): Nun komme die Zeit der Kohle! Im Energiemix der Republik, das wussten die Boxberger gleich, würden sie künftig eine große Rolle spielen. Trunsch freute sich auf satte Einnahmen. Er wollte einen Campingplatz bauen, gleich am Bärwalder See.

Alles kam anders. Das Ende der Atomkraft ist ein Problem für Ostsachsens Braunkohlegemeinden geworden. Den Anruf, der alles veränderte, erhielt Trunsch im Sommer. Am Telefon war die Vattenfall-Zentrale. »Die hatten überschlagen«, sagt der Bürgermeister, »was der Atomausstieg kosten würde. Wie viel Geld sie verlieren durch den Rückbau der Meiler.« Im Jahr 2011, erklärte man ihm, werde der Konzern deutlich weniger Gewinn erwirtschaften. Man werde kaum Gewerbesteuer zahlen, allenfalls ein Fünftel. Allein Folge des Ausstiegs?

Die Gewerbesteuer wird aufgeteilt zwischen den Standorten eines Konzerns. Jahrelang profitierte Boxberg von Vattenfalls Gewinnen. »Aber ohne Gewinn keine Steuer«, sagt Trunsch. Und so ist es vertrackt für seine Gemeinde: Nun, da ihre Kohle so wichtig ist wie nie, wirft ihr Kohlekraftwerk kein Geld mehr ab. Zwei Zahlen werden auf Boxbergs Straßen diskutiert: 90 Prozent und 6,2 Millionen. 90 Prozent von Trunschs Gewerbesteuereinnahmen kamen stets von Vattenfall. 6,2 Millionen Euro werden jetzt fehlen. Der Gemeinderat hat notgetagt. Er muss Ausgaben streichen. Die 3,6 Millionen für den Campingplatz. Die 4,6 Millionen für die Tourist-Information. Selbst die neue Außenanlage im Kindergarten Reichwalde wird nicht gebaut.

»Ich verstehe nicht«, sagt Trunsch, »warum Boxberg den Atomausstieg bezahlen soll.« Dessen Auswirkungen auf die Gemeinden habe die Kanzlerin nicht bedacht. Mit Bürgermeisterkollegen schrieb er einen Brief, adressiert an Angela Merkel. Grüße aus Schleife, Weißwasser, Rietschen. Boxberg. Die Vattenfall-Kommunen. Merkel ließ antworten, sie sei nicht zuständig. Die Kanzlerin, nicht zuständig für den Atomausstieg? Trunsch ist ratlos.

Vor einigen Tagen traf der Bürgermeister auf den Ministerpräsidenten. Stanislaw Tillich scherzte: Da ist der reichste Bürgermeister Sachsens! Früher hätte Trunsch sich darüber gefreut. Diesmal hatte er mit seiner Kämmerin gesprochen. 2014 ist das Ersparte aufgebraucht.

 
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