Im Jahr 1992, als die Landstraßen noch holprig waren und TV-Antennen wie Skelette auf jedem Hausdach standen, sprachen drei Männer heftige Worte in das Diktiergerät eines jungen Forschers namens Andreas Rummel. Der recherchierte gerade für seine Diplomarbeit zur Rolle der Parteipolitik beim Aufbau des Mitteldeutschen Rundfunks.

Die Gründung des Senders habe »etwas Staatsstreichartiges« gehabt, fand ein Thüringer SPD-Landtagsabgeordneter. »Da ist wirklich erbarmungslos Parteipolitik betrieben worden«, meinte ein Parteifreund mit Blick auf die sächsische Union. »Das Sagen haben die Westdeutschen«, sprach ein DDR-Bürgerrechtler aus Dresden. Als die drei so redeten, war der MDR gerade ein paar Monate alt und seine Ursünde noch frisch.

Fast 20 Jahre später, im Sommer 2011, lud Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zur gemeinsamen Abschiedsparty mit dem MDR für dessen Direktorin Ulrike Wolf ins mondäne Schloss Eckberg ein. »Fehlende Staatsferne« warf Dirk Panter, Sachsens SPD-Generalsekretär, dem Sender daraufhin vor. Die Dresdner Staatskanzlei tue so, »als würde ihr der MDR gehören«, empörte er sich. Die Feier wurde danach abgesagt.

Ärger gab es auch wegen der Nominierung von Bernd Hilder, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, als Nachfolger des scheidenden Intendanten Udo Reiter. Am 26. September steht jener im Rundfunkrat zur Wahl. In einem Brief an das Gremium beklagte der MDR-Personalrat, durch die Nominierung Hilders habe sich »der Eindruck verstärkt, dass die politische Unabhängigkeit, also Staatsferne, gefährdet ist«. Und mit Blick auf Hilders angebliche CDU-Nähe heißt es: »Dass der Rundfunkrat über einen Kandidaten abstimmen soll, dem auch nur ein Hauch von Staatsnähe vorausgeht, schadet dem Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.«

Seit Jahren wälzt sich der MDR in scheinbar endlosen Skandalen um Betrug, Bestechlichkeit oder Stasi-Affären, deren Unterhaltungswert bisweilen den des MDR-Programms um ein Vielfaches übersteigt. Doch das drängendste Problem lauert tiefer im System: Es ist die bedenkliche Nähe des Senders zur Politik, insbesondere jener in Sachsen, dem größten der MDR-Länder. Der Ursprung dafür liegt in der Geschichte der Anstalt, die im Jahr 1991 auf abenteuerliche Weise aus dem Boden gestampft wurde.

Nach geltendem Recht muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk staatsfern organisiert sein, und er soll die ganze Breite der Gesellschaft repräsentieren. Das ist die Quelle seiner Legitimation. Genau diese Punkte hebelten die regierenden Parteien bei der Gründung des MDR im Jahr 1991 aus. Es tobte ein Machtkampf, dessen zentrale Figur Herbert Goliasch war, damals Fraktionschef der sächsischen CDU. Goliasch, ein kleiner, runder Mann mit Bürstenfrisur, trug den Spitznamen »Kugelblitz«. Dort, wo er einschlug, hinterließ er bleibenden Eindruck.

Zu DDR-Zeiten war Goliasch Mitglied der Ost-CDU gewesen; nach der Wende machte er schnell Karriere. Sein Verständnis von Politik erklärte er in Rummels Arbeit folgendermaßen: »Für mich ist Macht eine Verantwortung, die ich habe. Und wenn ich die nicht wahrnehme, wenn ich kneife, wenn ich sie auf einen anderen übertrage, wozu habe ich sie mir dann geben lassen?«

Im Freistaat regierten die Christdemokraten damals mit absoluter Mehrheit, in Sachsen-Anhalt und Thüringen in Koalitionen mit der FDP. Diese Machtfülle setzten Goliasch und der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf trickreich für ihre Zwecke ein. Am Anfang stand ein Detail des Einigungsvertrages vom 3. Oktober 1990: Hierin wurde festgeschrieben, dass der Rundfunk der DDR bis zum 1. Januar 1992 vollständig abgewickelt werden und an seiner statt die neue öffentlich-rechtliche Struktur auf Sendung gehen sollte. Nur rund ein Jahr stand zur Verfügung für die Gründung einer ebenso mächtigen wie komplexen Behörde. Mit dieser viel zu knapp bemessenen Spanne beginnt die Tragödie des MDR. Der Zeitdruck wurde in der Folge wiederholt dazu benutzt, schnelle Entscheidungen im Sinne der regierenden Parteien durchzusetzen.