Wir sattelten unsere Pferde und ritten los. Bauer Roth und der Zigeunerjunge, von denen wir die beiden Tiere ausgeliehen hatten, sahen uns noch einen kurzen Moment hinterher, dann drehten sie sich um und verschwanden im Hof. Wir nahmen den Weg durch die Apfelplantage hinauf in die Hügel. Die kommenden sechs Tage würden wir alleine durch Siebenbürgen reiten mit Dora und "Pferd", das keinen Namen hatte und von dem Bauer Roth nur sagte: "Wir nennen es ›Pferd‹, aber wenn Sie es unbedingt taufen wollen, dann tun Sie es."

Bauer Rolf Roth hatte sich am Telefon etwas verwundert angehört, als ich aus Deutschland angerufen und gefragt hatte, ob er mir sein Pferd leihe. "Sie wollen reiten, eine Woche lang, ganz alleine?" Ich hatte ihn angeschwindelt, wir kannten uns ja nicht, seine Nummer hatte ich vom deutschen Pfarrer in Malmkrog: "Ich komme ganz gut mit Pferden zurecht." Tatsächlich hatte ich keine Ahnung von Pferden. Sie flößten mir schon immer Angst und Respekt ein, so groß, so willensstark, so rätselhaft, wie sie sind. Berittene Polizei schüchtert mich bis heute ein. Ich wollte diese Angst besiegen. Mit 53 Jahren musste ich endlich mein Verhältnis zu Pferden klären.

"Nu denn." Mit diesen Worten hatte Roth am Telefon eingewilligt und versprochen, für meine Freundin Janet noch ein Pferd im Dorf aufzutreiben. Janet war immerhin als Kind ein wenig geritten. Das gab mir Sicherheit.

Malmkrog in der siebenbürgischen Provinz Hermannstadt (Sibiu) liegt am Ende einer Straße in einem lang gestreckten Seitental der Großen Kokel. Der Ort schien mir der ideale Ausgangspunkt, um über sanfte Hügel von Dorf zu Dorf zu reiten. Pferdewagen gehören hier zum Alltag. Der Hof von Bauer Roth befindet sich zentral an der einzigen Kreuzung des Ortes. Zur Begrüßung gab es Kirschlikör in der Küche. Nach dem dritten Glas gestand ich, dass ich überhaupt nicht reiten kann. "Wird schon gehen", murmelte Bauer Roth, "die Stute ist nur ein wenig eigenwillig."

Bei "Pferd", ebenjener zehnjährigen Schimmelstute, konnte man die Rippen zählen. Ihr Bauch war schwarzbraun vom Mist, in dem sie nachts lag. Und wie Dora, der Gaul des Zigeunerjungen, zog sie für gewöhnlich einen Wagen, um Milchkannen bei der Sammelstelle abzuliefern oder Heu einzufahren. Ich hatte zwei Bürsten mitgebracht, eine grobe und eine feine. Pferde müsse man striegeln, hatte ich gelesen. Als Roth die Bürsten sah, fragte er unwirsch: "Was soll das?" Ich steckte sie wieder ein. Der Bauer hatte zwei uralte Sättel aufgetrieben, deren Nähte aufgeplatzt und deren rostige Steigbügel mit Seilen befestigt waren. Als Untersattel diente Dora eine dünne Wolldecke, für Pferd hatte man einen Bettvorleger gefunden. Das Zaumzeug anzulegen und den Sattel festzuschnallen – es war gar nicht so schwierig.

Kurz darauf saß ich zum ersten Mal auf Pferd, und Bauer Roth gab mir zwei wichtige Geräusche mit auf den Weg: Eine Art Schnalzen, fast wie ein Kuss, setze das Tier in Gang, ein lautes "Hoooeeee" lasse es anhalten. Die Lenkung funktioniere ähnlich wie beim Fahrrad: rechts am Zügel ziehen – Rechtskurve. Links ziehen – Linkskurve. "Sie brauchen eine Rute, ein Pferd muss wissen, wer der Herr ist", sagte Roth und brach einen Haselnussstecken im Garten ab. Dann gab er uns eine Dose mit Antibiotikum für eine nässende Wunde am Kopf von Pferd, ein langes Seil und wünschte: "Alles Gute!"

Als wir schließlich durch die Apfelplantage aus Malmkrog hinausritten, schmerzte bereits mein linker Fuß. Pferd war mir, ich unterstellte Absicht, mit voller Kraft daraufgetreten, als ich aufsteigen wollte. Die Luft über dem Talboden flirrte vor Hitze, doch der Schweiß, der mein T-Shirt schon nach den letzten Häusern in einen nassen Lumpen verwandelte, kam eher von meiner Angst. Am Dorfausgang blieb Pferd stehen, als könne es riechen, woher der Schweiß stammte. Es half kein Kuss, kein "pffft, pffft". Nicht einmal die Haselnussrute. Pferd drehte um und lief zurück. Ich stieg ab und zog die Stute am Zügel zum Dorf hinaus. Ein Bauer lachte.