Wenn ich Sigmund Freud richtig verstanden habe, sind unsere Träume wichtig für unsere geistige Gesundheit. Für mich gilt das jedenfalls. Die meisten meiner Träume sind sehr, sehr seltsam.

Dabei ist der einzige Traum, den ich häufiger träume, der klassische Regisseur-Albtraum: Ich bin mitten in den Dreharbeiten, die gesamte Crew ist am Set, und ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich dort tue und worum es in dem Film geht. Im Übrigen basiert meine Art, Drehbücher zu schreiben, auf der Vorstellung, dass ich mein Unterbewusstsein die Arbeit erledigen lassen kann und dann, wenn alles fertig ist, einfach das Ergebnis ausdrucke.

Ich verstehe mich als eine Art Sozialist, in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Also bin ich wohl ein Träumer: In meiner idealen Welt gäbe es die Freiheit der Rede, und niemand wäre scheißreich, während andere verhungern. Es wäre eine Welt, in der menschenfeindliche und gesichtslose Konzerne keine Macht mehr haben. Europa wäre ein enger Verbund unabhängiger Staaten mit eigener, unabhängiger Kultur unter wahrhaft demokratischer Kontrolle. Die Demokratie würde nicht nur den Reichen und Großkonzernen dienen, die Politik wäre nicht mehr bestimmt durch Korruption, Dummheit und Gier.

Die Welt wäre schon ein besserer Ort, wenn uns unsere Gier nicht ständig in die Quere käme. Aber das ist nur ein schöner und leider unrealistischer Traum.

Ich bin Pessimist. Ich befürchte, die Menschheit wird ohne eine gewaltige Katastrophe nichts lernen. Manchmal denke ich, das Einzige, was den Planeten retten könnte, wäre, wenn die Menschheit verschwindet. Ein Gedanke, der den Menschen natürlich nicht gefällt. Mir eigentlich auch nicht. Wem könnte ich dann meine Geschichten erzählen? Die Wale interessieren sich nicht dafür. Ich mag die Menschen, aus verschiedenen Gründen. Aber ich mag nicht, wie wir handeln, ohne Vernunft.

Für mich persönlich habe ich keine großen Träume. Sicher, ich würde gerne ein Meisterwerk drehen, bevor ich abtrete. Bis dahin reichen mir ein Glas Wein und eine Zigarette in einem Straßencafé, während ich beobachte, wie Passanten vorüberziehen. Lange schlafen, dann in den Wald gehen und ein, zwei Kilo Steinpilze sammeln, dann zu Hause eine Flasche Domaine de Courbissac 2006 öffnen. Während meine Frau die Pilze kocht, ein Buch von Erich Maria Remarque lesen und auf die Spätvorstellung von Murnaus Sonnenaufgang warten – das ist ein perfekter Tag.

Manchmal glaube ich, in meiner Jugend das eine oder andere versäumt zu haben, eine unblutige Revolution zu starten, zum Beispiel. Oder Prosa zu schreiben, davon habe ich immer geträumt. Irgendwann ist es für so etwas wohl zu spät, ich fühle mich heute zu alt und müde dazu. Trotzdem, man sollte seine Träume nie beerdigen. Man muss sie sich aber auch nicht unbedingt erfüllen. Es ernsthaft zu versuchen ist schwer genug.

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