VerlagsbrancheZwei fremde Milieus

Hans Barlach, Mitgesellschafter des Suhrkamp Verlags, wirft der Geschäftsführung des Hauses Veruntreuung vor. von 

Als Joachim Unseld vor zwei Jahren seine Anteile am Suhrkamp Verlag an Ulla Unseld-Berkéwicz verkaufte , ging ein langer, zermürbender Kampf zwischen zwei Gesellschaftern zu Ende, die sich nicht riechen konnten. Seither war es tatsächlich deutlich ruhiger um den Verlag geworden. Man sprach nicht mehr über die Machtkämpfe, sondern über das Programm. Der Verlag zog von Frankfurt nach Berlin und schien damit die ganze unschöne Vergangenheit, die Suhrkamp-Erbstreit-Soap, hinter sich zu lassen und auch geistig neu durchzuatmen.

Das Programm war gerade in den vergangenen drei, vier Jahren von großer Dignität und Klasse, getragen von der fast schon anachronistisch anmutenden Überzeugung, dass es die anspruchsvollen Gedanken sind, durch die wir die Welt erkennen können. Zwar gibt es bei Suhrkamp mittlerweile auch eine Krimireihe, gleichwohl ist der Verlag nach wie vor ein furchtloses Kulturprojekt von unerbittlichem Anspruch. Unter Heinrich Geiselberger ist die edition suhrkamp wieder wie in guten alten Zeiten zu einem aufregenden Laboratorium der Gegenwartsdiagnose geworden. Und was für ein großartiges Buch hat der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour mit Jubilieren über die religiöse Rede geschrieben: Es ist in diesem Jahr bei Suhrkamp erschienen. Aber für hohe Verkaufszahlen sorgt ein solcher Titel nicht. Auch das ehrgeizige und eindrucksvolle Projekt von Ulla Unseld-Berkéwicz , ihr Verlag der Weltreligionen, ist keine cash cow. Steht der Verlag also finanziell auf soliden Füßen?

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Normalerweise werden Verlagsleitungen dafür kritisiert, dass sie zu kommerziell denken, dass sie die Verlagshäuser inhaltlich downgraden und zu sehr auf die Rendite schauen. Bei Ulla Unseld-Berkéwicz liegt der Fall umgekehrt: Sie hat eine Kulturmission. Es ist ihr gelungen, den Verlag intellektuell wieder zu profilieren. Aber niemand, der sich mit dem Verlagsgeschäft auskennt, kann sich vorstellen, dass sie in der Lage ist, das Haus ökonomisch über Wasser zu halten. Und die Zahlen sehen nicht gut aus: Laut Handelsregister hat die Suhrkamp Gruppe von 2005 bis 2009 vier Millionen Euro Verluste gemacht. In den Bestsellerlisten kommt der Verlag kaum mehr vor. Alle setzen jetzt darauf, dass Suhrkamp-Autorin Sibylle Lewitscharoff mit Blumenberg den Deutschen Buchpreis gewinnt.

Jetzt meldet das Nachrichtenmagazin Focus , Hans Barlach, dessen Medienholding AG Winterthur 39 Prozent am Suhrkamp Verlag hält, habe Klage eingereicht beim Berliner Landgericht gegen die dreiköpfige Geschäftsführung, bestehend aus Ulla Unseld-Berkéwicz, Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe. Der Vorwurf: Die Geschäftsführung habe ihre Kompetenzen überschritten und Gelder veruntreut.

Beim Suhrkamp Verlag bestätigt man die Klage und entgegnet, der Verlag habe Barlach bereits am 16. August per einstweiliger Verfügung untersagt, der Geschäftsführung Veruntreuung von Verlagsmitteln zu unterstellen. Nun steht wieder eine große juristische Auseinandersetzung ins Haus, an deren Ende kein Stein mehr auf dem anderen stehen könnte.

Dazu muss man wissen: Als sich Hans Barlach 2006 über die Medienholding AG Winterthur bei Suhrkamp einkaufte, geschah das gegen den ausdrücklichen Willen der Verlegerin. Völlig klar, dass Ulla Unseld-Berkéwicz deshalb auch kein Interesse daran hat, dass ihr neuer Mitgesellschafter irgendetwas zu sagen hat. Aber es ist andererseits auch eine völlig unrealistische Annahme, dass ein so starker Mitgesellschafter es sich nehmen ließe, ein Wörtchen mitzureden – gerade wenn das Unternehmen Verluste schreibt.

Und nun beginnt wieder eine typische Suhrkamp-Farce: Hans Barlach hatte diesen Sommer, weil es zu keinem persönlichen Gespräch gekommen sei, an Ulla Unseld-Berkéwicz als Vorsitzende der Unseld-Familienstiftung, die 61 Prozent am Verlag hält, eine E-Mail geschrieben, in der er aufführte, mit welchen Entscheidungen der Geschäftsführung er nicht einverstanden sei. Er hatte diese E-Mail im cc auch an seinen vertraglich gebundenen (und zur Verschwiegenheit verpflichteten) Berater Axel Rütters (Verleger der Europäischen Verlagsanstalt in Hamburg) geschickt. Statt einer Antwort bekam Barlach besagte einstweilige Verfügung: Er habe geschäftsschädigende Informationen an Dritte weitergegeben.

Leserkommentare
    • Kometa
    • 22. September 2011 15:31 Uhr

    Jau:
    "Und was wünschen wir uns? Dass Suhrkamp weiter so tolle Bücher macht."

    ... mit d e n Verlusten, die der Autor auch irgenwie- und -wo in seinem Berichtchen eingestreut hat... - äh, ja für die nächsten Jahre ebnso auch weierhin..., dauerhaft - als Leistungsnachweis der Villa- et Verlags-Prinzipalin.

  1. Da rotieren die Ahnen des Verlages - ob Verleger oder Autoren - im Grabe. Dabei hat man den Anschluss ans digitale Zeitalter wohl längst verpasst und jetzt vielleicht sogar die Chance, als Literatur-Dinosaurier kulturell weiter zu existieren. Immerhin: Totgesagte leben ... (Wenn ich meinen Blick beim Schreiben aufs Bücherregal richte, fällt er sogleich nostalgisch auf die Erstausgabe der Brecht´igen Gesammelten Werke von 1969.) @weingraefin

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