Unsere Gesellschaft ist in dieser krisengetriebenen Zeit besonders stark durch soziale Spaltung und Desintegration gekennzeichnet. Dieser Entwicklung ist lange Zeit wenig Aufmerksamkeit zugekommen. Sie ist nun aber nicht mehr zu ignorieren.

Vorangegangen war ein massiver Kontrollverlust der nationalstaatlichen Politik, verbunden mit einem ebenso großen Machtgewinn des Kapitals. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die soziale Ungleichheit immer weiter verschärft. Dabei bleibt weitgehend unthematisiert, was die britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett anhand zahlreicher Ländervergleiche bereits dokumentierten. Sie haben herausgefunden, dass eine Gesellschaft mit zunehmender Ungleichheit zersetzt wird. Das wiederum bringt steigende soziale wie gesundheitliche Probleme mit sich und führt zu einem Anstieg der Gewalt.

Wer nicht der Behauptung anhängt, die Spaltung sei das Ergebnis von natürlichen Prozessen, die nach den Gesetzen von kapitalistischer Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz abliefen (weshalb auch kein Gedanke an die laufenden Prozesse der Umverteilung und ihre gesellschaftliche Zerstörungskraft verschwendet zu werden brauche), muss sich fragen: Wer sind die Akteure dieser Spaltungsbewegung?

Missachtung derer »da unten«

Soziale und gesundheitliche Probleme sind ebenso wie physische Gewalt stärker in unteren sozialen Lagen der Gesellschaft präsent. Direkte wie indirekte Spaltungsakteure sind die intellektuellen Diskursagenten bei den wissenschaftlichen, insbesondere den wirtschaftswissenschaftlichen und politischen Eliten. Sie suchen einen bürgerlichen Resonanzboden, finden ihn und werden ihrerseits von ihm beeinflusst. Diese zirkulären Prozesse verschärfen sich durch immer stärkere Abweichung vom Ideal anzustrebender Gleichheit und vor allem Gleichwertigkeit. Die Missachtung derer »da unten« wächst. Eine rohe Bürgerlichkeit bildet sich heraus, und so geraten wir auf den Weg zu einer eskalierenden Spaltung.

Diese rohe Bürgerlichkeit wird befeuert durch den Klassenkampf von oben. Man muss dazu nur das Beispiel des Philosophen Peter Sloterdijk nehmen, der seinen Kampf gegen den nehmenden Staat und dessen generösen feudalistischen Rückfall inszeniert. In zahlreichen Medien fanden Sloterdijks Thesen unterstützenden Widerhall. Doch selbst wenn solche Positionen nicht direkt umgesetzt werden, hinterlassen sie Verarbeitungsspuren im informierten Publikum.

Von Gruppen, die sich subjektiv in der Bürgerlichkeit verortet sehen, wird dies begierig aufgegriffen. Schließlich sind sie selbst von Abstiegsängsten geplagt, die spätestens seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 existieren und seit September 2008 nach der Finanzkrise noch einmal verstärkt wurden. Der so von oben inszenierte Klassenkampf wird über die rohe Bürgerlichkeit nach unten weitergegeben. Die objektive finanzielle Spaltung zwischen Reich und Arm wird ideologisch durch die Abwertung und Diskriminierung von statusniedrigen Gruppen durch die rohe Bürgerlichkeit getragen.

Dafür gibt es empirische Belege. Sie werden unter anderem von einem auf zehn Jahre angelegten Forschungsprojekt zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit geliefert, für das jährlich 2000 repräsentativ ausgewählte Menschen befragt werden.

Gruppen mit höheren Einkommen werten immer stärker ab

Die Ergebnisse sind erstaunlich. Zunächst nehmen ausgerechnet diejenigen, die sich selbst als den oberen Teil der Gesellschaft bezeichnen, die soziale Spaltung in der Gesellschaft signifikant weniger wahr. Dabei lässt sich diese sogar objektiv belegen, etwa über das Netto-Geldvermögen. Gerade die Besserverdienenden beklagen mittlerweile zunehmend, dass sie nicht in einem gerechten Maße vom allgemeinen Wachstum profitieren würden. Sie bekämen also nicht, was ihnen aus ihrer Sicht zustände.

Die geringere Wahrnehmung der sozialen Spaltung durch die oberen Einkommensgruppen hat viele Folgen. Beispielsweise wird die Hilfe für Schwache und die Solidarität mit schwachen Gruppen eher aufgekündigt. Weniger Unterstützung wird vor allem gegenüber Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern gefordert. Im Sinne des Kapitals wie im ökonomistischen Denken werden diese Menschen als nutzlos etikettiert. Sie sollten entgegen dem Grundgedanken einer Solidargemeinschaft endlich Selbstverantwortung übernehmen.

Hilfe wird aufgekündigt

Und so gibt es eindeutige Zusammenhänge zwischen der Forderung an die sozial Schwachen, ihre kritische Lebenssituation selbst zu bewältigen, und der Abwertung von Langzeitarbeitslosen, niedrig qualifizierten Zuwanderern und Behinderten: Die Gruppen mit höheren Einkommen werten immer stärker ab.

Insgesamt ist eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse empirisch belegbar. Sie geht Hand in Hand mit einem Anstieg von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in höheren Einkommensklassen.

Die rohe Bürgerlichkeit zeichnet sich durch den Rückzug aus der Solidargemeinschaft aus – befeuert durch wirtschaftswissenschaftliche Eliten und die herrschende Politik.

In der rohen Bürgerlichkeit wird deutlich, dass der autoritäre Kapitalismus, dessen Zähmung in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik noch gelungen schien, außer Kontrolle geraten ist. Mit seiner spezifischen Gewalt des Desinteresses an sozialer Integration aus den Sphären von Wirtschaft und Politik ist er tief in die sich aufspaltende Gesellschaft eingedrungen. Die rohe Bürgerlichkeit wird zum Mittel der gesellschaftlichen Spaltung, die initiierenden Eliten bleiben unangreifbar oder anonym.

Die Opfergruppen sind mittlerweile wehrlos und nicht mobilisierungsfähig. Arbeitslosigkeit , insbesondere wenn sie von Dauer ist, wirkt zerstörerisch. Zudem ist es entwürdigend, nicht einmal minimale Anerkennung zu erfahren.

Die geballte Wucht rabiater Eliten und die Transmission sozialer Kälte durch eine rohe Bürgerlichkeit, die sich selbst in der Opferrolle wähnt und deshalb neue Abwertungen gegen schwache Gruppen in Szene setzt, zeigt nur eines: Die gewaltförmige Desintegration ist auch in dieser Gesellschaft nicht unwahrscheinlich.