Wenn Straßen sich kreuzen, braucht der Mensch, der sie überqueren will, Hilfe. Zu seinem Schutz wurden Regeln geschaffen, später Schilder, dann Lichtsignalanlagen, man nennt sie Ampeln. Ampeln sind Lebensretter. Aber niemand dankt es ihnen, schon gar nicht in Großstädten. Die Hamburger haben 458 von rund 1.700 Ampeln in ihrer Stadt als »Nerv-Ampeln« identifiziert. Der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer hatte sie nach ihrer Zufriedenheit mit den Ampeln befragt und vergangenen Samstag 100 Bürger zu der »Planungswerkstatt Lichtsignalanlagen« in eine Grundschule eingeladen. Auf dass die Behörden die Sorgen der Ampelbenutzer verstehen und die Ampelbenutzer Einblick in die Funktionsweise der Ampelschaltungen erhalten.

»Die Ampel ist eine amtliche Anordnung, durch die Ampel spricht der Staat«, sagt zu Beginn der Verkehrswissenschaftler Werner Brilon (letzte Veröffentlichung: Metering Enhancements for Postponing Freeway Flow Breakdown). Er versucht, den Laien in 20 Minuten die Basics der Ampelingenieure nahezubringen – keine leichte Aufgabe, immerhin hängen sechs Seiten Glossar in der Infomappe. Eine Vokabel wie »feindliches Grün« erklärt sich noch von selbst, »Permissivsignal« schon nicht mehr, ganz zu schweigen von der »Zwischenzeitenmatrix«.

»Ich fühle mich von manchen Ampelschaltungen veräppelt«, sagt ein Zuhörer, »und wenn ich den Sinn einer Ampel nicht verstehe, dann ignoriere ich sie.« Nicken bei den hundert Bürgern, schlappes Lächeln bei den Ingenieuren, Verkehrsexperten, Behördenvertretern, als wollten sie sagen: Den Sinn nicht verstehen? Wenn Sie das nächste Mal mit 1,4 Metern pro Sekunde über eine Kreuzung mit zehn Ampelphasen gehen, obwohl Sie Rot haben, lieber Bürger, wenn Sie dann nicht aus Nord, Süd, Ost oder West umgefahren werden, weder von einem Auto noch von einem Bus oder einem Rad, dann reden wir noch mal über den Sinn und Unsinn von Ampelschaltungen...

Sieben Nerv-Kreuzungen werden jetzt analysiert, so auch die an Glacischaussee, Feldstraße, Holstenglacis und Sievekingplatz. Es gibt hier alles, was die Stadt zu bieten hat: Linksabbiegerspuren, Einbahnstraßen, Radwege , Verkehrsinseln, Busspuren, Grüne-Welle-Problematik und, weiter östlich, den Brahmsplatz, dessen Existenz auf unseren Beispielknoten sehr einwirkt.

Das an die Wand geworfene Schema der Kreuzung löst Schnaufen aus. Die Signalgruppe F3 hat acht Sekunden lang Grün, aha. »Und was sollen die kleinen Schirmchen an den Seiten der Straßen darstellen?«, fragt eine Zuhörerin. »Das sind Bäume«, erklärt ein Experte. »Straßenbegleitgrün.«

Dieser Knoten stellt Radfahrer vor Probleme, wie alle sieben Kreuzungen. Und das, obwohl es der Wille des Ersten Bürgermeisters ist, dass bis zum Jahr 2015 die Radfahrer 18 Prozent des hanseatischen Verkehrs ausmachen sollen. Gegenwärtig sind es 12. »Wenn ich mit dem Rad über den Knoten will, muss ich auf vier Ampeln warten und einmal um die Gnadenkirche rum. Warum erlaubt man nicht einfach den Gegenverkehr auf den Radwegen?«, fragt Karen Mielke, die jeden Morgen 50 Minuten lang zur Arbeit radelt. Schwierig! Dafür müsste der Radstreifen auf den Bürgersteigen breiter werden – und wohin dann mit den Kinderwagen?

Könnte man nicht eine Radspur auf der Straße einrichten, neben den Autos? Erster Experte: »Wenn Sie als Radfahrer dann links abbiegen wollen, müssen Sie über drei Autospuren rüber – irre!« Zweiter Experte: »Dann müssten die Parkplätze weg. Die Diskussion mit den Anwohnern führen Sie aber dann!«

Angesichts dieser Probleme verstummen die Autofahrer in der Runde. Er wünsche keinem, hier links abbiegen zu müssen, sagt einer nur. Nun nähert sich eine Lösung: Lasst es uns machen wie in Holland! Die Räder dürfen auf die Straße und kriegen an den Ampeln einen Sammelbereich vor den Autos. Dazu noch Radampeln, die vor der Autoampel grün werden, damit die Radler Vorsprung beim Losfahren haben.

Bleiben noch die Busse, deren »Anforderungsgrün« alles wieder zerstören kann. Sie sollen, geht es nach Olaf Scholz, einfach immer sofort Grün bekommen, wenn sie sich einem Knoten nähern.

Nach zwei Stunden Diskussion über die Kreuzung Glacischaussee/Feldstraße/Holstenglacis/Sievekingplatz sprechen die Bürger die Sprache der Ampelingenieure. Wenn nur alle wüssten, wie komplex die Materie ist, ja, dann herrschte eine andere Stimmung an Hamburgs Lichtsignalanlagen, sagen sie. Die Fachmänner (es sind nur Männer) sind gleichermaßen beeindruckt und wollen die Forderungen umsetzen. Wenn es dann so weit ist, müssten sich bloß alle an die Vereinbarungen halten – und an die Ampeln.