Wachstum : Noch mehr ist nicht genug

Glücklicher macht das Wachstum uns längst nicht mehr. Wichtig wäre eine Debatte über Lebensqualität.

Catherine Austin Fitts misst Lebensqualität an einem Kinderlächeln. Ein warmer Sommertag, ein Gesicht mit strahlenden Augen, die Zunge leckt am Eis. Man braucht nicht lange nach Klischees vom Glück zu suchen: Dieses Bild zeigt eines. Für die Präsidentin der Investmentfirma Solari aber ist es mehr, sie hat daraus den Popsicle-Index entwickelt, benannt nach dem in den USA so beliebten Wassereis. Sie fragt die Einwohner von Stadtvierteln: Glauben Sie, dass ein Kind hier gefahrlos allein ein Eis kaufen kann? Je mehr Nachbarn das positiv sehen, desto höher ist der Index – und desto lebenswerter die Gegend.

Der Popsicle-Index ist eine Spielerei, und doch hat er einen ernsten Kern. Damit Kinder allein zur Eisdiele spazieren können, muss in einem Viertel vieles stimmen. Es muss einen Laden geben. Man muss zu Fuß hinlaufen können, ohne überfahren zu werden. Die Gegend sollte sicher sein. Und Familien müssen sich das Wohnen hier überhaupt leisten können. Ein kleines Eis lässt also erstaunliche Rückschlüsse auf die Lebensqualität zu.

So wie es gute und schlechte Viertel gibt, gibt es auch glücklichere Nationen und weniger glückliche. Denn Lebensqualität, Wohlgefühl oder das, was schon die alten Griechen als »gutes Leben« verstanden, ist mitnichten nur vom Zufall oder den Genen abhängig. Es braucht dafür einen gewissen Wohlstand, aber viel weniger, als viele meinen. Es hat mit Chancen, Bildung, Gesundheit und einer heilen Umwelt zu tun. Und es kommt auf die Verteilung an, gleichere Gesellschaften sind glücklicher als sehr ungleiche. Politik spielt also eine viel umfassendere Rolle für das Glück der Menschen als bislang angenommen. Nur erwähnt das in der politischen Debatte kaum jemand.

Lebensglück gesunken

Sicher, wir debattieren in diesen Tagen endlich wieder über Ungleichheit und Gerechtigkeit . Doch Glück und Politik? Das ist ein Tabu. Und selbst wenn man stattdessen von Lebensqualität spricht, gilt das bestenfalls als weiches Thema. In welchen Ländern die Menschen zufrieden leben, ist meist nur eine Meldung für die bunten Seiten. Hart sind hingegen Zahlen wie Einkommensverteilung oder Wachstumsraten. Die kann man messen, die gestatten Vergleiche. Und wenn eine Volkswirtschaft boomt, schwingt da auch immer mit: Hoppla, jetzt geht es besser. Wachstum ist zum Synonym für gutes Leben geworden.

Das hat fatale Folgen: Mit dem Hinweis darauf, dass wir wettbewerbsfähiger werden müssen, wurden hierzulande Schulzeiten verkürzt, Autobahnen gebaut und Kohlekraftwerke verteidigt. Mit dem Hinweis aufs Wachstum verteidigen Politiker fast jede Maßnahme – so als ob alles andere dann ganz automatisch gut wird. Dabei kann das Gegenteil richtig sein. Zwar hilft ein höheres Sozialprodukt armen Ländern. Doch dass es uns automatisch zufriedener macht, kann man mit gutem Recht bezweifeln. Umfragen belegen eher das Gegenteil. Das Lebensglück der Deutschen, so sagen die meisten Studien, ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken.

Wirtschaftsboom hat dem Land nicht gutgetan

Überraschend ist das nicht: Was nützt der Boom, wenn die Jobs immer stressiger werden, der Druck auf den Einzelnen immer höher? Was nützt der Wohlstand, wenn er vor allem denen da oben zugutekommt und unten die prekären Jobs boomen? Was, wenn wir genau wissen, dass wir unsere Umwelt und die Staatsfinanzen ruinieren, und Angst haben müssen, das spätestens für unsere Kinder das »gute Leben« immer schwieriger zu finden sein wird? Wir alle fühlen doch, dass da etwas schiefläuft. Auch deswegen steht die Gerechtigkeitsfrage stellvertretend für all das Unwohlsein wieder im Raum.

Erschreckt stellen wir fest, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren weit geöffnet hat. Mitnichten hat der Wirtschaftsboom allen im Land gutgetan.

Und so wird zum ersten Mal seit Langem wieder über höhere Steuern für die Reichen geredet und über die Lebensverhältnisse der Armen. Das ist gut so, nur greift die Debatte leider nicht weit genug. Denn Gerechtigkeit ist weit mehr als bloß ein bisschen zusätzliche Umverteilung oder ein paar neue Steuern .

Die Briten Richard Wilkinson und Kate Picket, die nach den Zusammenhängen von Wohlstand, Gleichheit und Glück forschen, belegen: Tatsächlich sind in gleicheren Gesellschaften mehr Menschen mit ihrem Leben zufriedener als in ungleichen. Länder wie die USA sind also selbst in Boomzeiten mitnichten das Modell einer guten Gesellschaft. Das liegt vor allem an der ungerechten Einkommensverteilung, allerdings ist der Zusammenhang viel spektakulärer als gemeinhin angenommen. Starke Ungleichheit belastet die Armen in reichen Gesellschaften nicht nur, weil sie wenig haben. Mindestens so entscheidend ist, dass sie weniger als die anderen haben. Dabei zählen zum Weniger auch immaterielle Werte: eine schlechtere Gesundheit, weniger Bildung oder das Gefühl, nicht dazuzugehören.

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Kommentare

70 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Kulturschock

Jetzt erschrecken Sie die werten Mitforisten doch nicht schon am fruehen Morgen :-) Die Idee vom Bedingungslosem Einkommen ist bestechend, bedeutet aber die Abkehr von gewohnten Denkmustern. Es faellt vielen Menschen schwer, sich davon frei zu machen und gedanklich einmal voellig unvoreingenommen mit diesem Thema auseinderzusetzen. Es ist wohl niemandem entgangen, dass das heutige System eine Sackgasse ist und wir uns auf tiefgreifenden Veraenderungen in unserer Lebensweise einrichten werden muessen. Intelligente Alternativen sind gefragt auch wenn diese Ideen viele von uns zuerst ueberfordern moegen. Ob die "etablierten Parteien" fuer derartige, notwendige Veraenderungen noch die erste Wahl sind, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Da hat sich auch noch jemand Gedanken zu diesem Thema gemacht : http://www.alexanderseiff...

Mit wenig Eigentum trotzdem mehr genießen?

Hier versucht man zunehmend, uns indische Verhältnisse schönzureden.
Der Weg in die direkte Sklaverei führt über das bedingungslose Grundeinkommen, dessen Höhe nach politischer Nützlichkeit bemessen würde.
Es wird träge Massen ohne jede Würde schaffen, die nichts anderes mehr können, als die Hand aufzuhalten. In solch einem System liegt es gleichsam nahe, die leistungsfähigeren Unterschichten zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Mit den Ein-Euro-Jobs ist ein erster Schritt in diese Richtung schon gemacht.
Die Knappheit der Arbeitskraft muß über den Preis angezeigt werden.

Banker

"Seltsame Ansichten vertreten Sie. Da würden dann zehntausende einfacher Bankangestellter entlassen - und schon ginge es dem Rest der Bevölkerung besser? Das erklären Sie mir aber bitte einmal."

Dazu mal folgender Gedanke:
Auch ohne größenwahnsinniges giergetriebenes Management werden die Menschen weiter ihren Zahlungsverkehr abwickeln müssen, es will ja keiner das Geld abschaffen. Sollte sich herausstellen, dass hierfür weniger Bankangestellte gebraucht werden - klasse! Wie wär's alternativ mit wertschöpfender Tätigkeit? Und zwar auch Wertschöpfung im gesellschaftlichen Sinne, z. B. Erziehung, Bildung, Pflege...
Mehr Geld aus Geld zu machen, geht entweder über produktive Arbeit (anderer) - oder krumme Geschäfte. Und auf die können wir definitiv verzichten.

Komisch

Jahrelang haben unterschiedliche Medienvertreter von Welt, Spiegel, Zeit, Focus und anderen Medien versucht uns von eben diesen Reformen zu überzeugen, Vor wenigen Monaten hieß es noch im Presseclub, dass das Wachstum allen zu gute kommt. Nichts davon ist eingetroffen. Es wird auch zukünftig keine Gehaltssteigerungen geben und somit auch Verbesserungen der Lebensqualität der Menschen in diesem Land. Wir sollten und davon bin ich überzeugt den Niedriglohnsektor wieder zurückdrängen und die Bedingungen für geringfügige Beschäftigung erschweren. Das Schein-Subunternehmertum gehört auch viel stärker reglementiert, so dass nicht soetwas wie bei Hermes weiter wuchert. Die Wirtschaftsphilosophie der letzten drei Jahrzehnte hat dieses Land, diesen Kontinent und dieser Welt nicht gut getan. Nur hat man uns versucht das einzureden. Wir müssen wieder zurückfinden zu den Traditionen, die einen wirklichen sozialen Ausgleich ermöglichten. Eine Reform der Sozialversicherung kann nur von der Gestalt sein, dass ausnahmslos alle in diese einbezahlen. Sonderregelungen für Mediziner, Rechtsanwälte, Beamte, Unternehmer, Selbständige, etc. darf es nicht geben. Die Beiträge würden dann auch für alle sinken. Man kann das als Sozialismus und Gleichmacherei abtun, nur ist dieser Schritt notwendig um die Gesellschaft sozialer zu gestalten. Das Totschlagsargument "Sozialismus" hat lange genug sozialen Fortschritt behindert. Damit muss endlich Schluss sein. Lasst uns eine gerechteres Land schaffen.

Ist mir auch aufgefallen

Der Teil der die Zufriedenheit debatiert hat mich auch sehr an meine Vergangenheit in der DDR erinnert. Man hatte den Eindruck dass der Wasserei-Index ueberall relativ hoch war. Nach der Wende hatte sich das schlagartig in meinem Viertel geaendert, ploetzlich sproß der Drogenhandel und die Spielplaetze vermoderten.

Was das Thema Wachstum angeht, da laeuft die Gesellschaft einem Gespenst hinterher. Wie in allen Bereichen gilt auch in der Wirtschaft der Energieerhaltungssatz. Also, man kann nur ein gewisses Maß an Wachstum erwarten, da die Produktivitaet nicht unendlich ist und dadurch nicht mehr Mehrwert geschaffen werden kann als physikalisch moeglich (Produktion, Logistik, Arbeitsstunden, etc.) Wenn man also Wachstum als Grundvoraussetzung hat, kann man sich nur in eine Krise wirtschaften.

Meiner Meinung nach sollte die Politik die Ansaetze von Ingenieuren uebernehmen ein gutes Mittelmaß zu finden. Dann kann Wachstum und Zufriedenheit auch besser ausgeglichen werden.