Erst kam der Mai, dann der Herbst, und nun oktembert es schon seit Wochen. Der Himmel wird wissen, warum. Er macht es wie Shakespeare. Schließlich haben wir Finanzkrise , reden von der wirtschaftlichen "Großwetterlage", vom "Geschäftsklima", da ist auch das Firmament symbolisch verdüstert. So schicksalhaft, so gottgegeben wie die Meteorologie will auch der Markt geduldet und erlitten sein, und Gott sitzt mit Professor Hans-Werner Sinn und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt auf Wolke sieben und muss zugeben: Der Mensch rechnet sich nicht.

Seine sozialen, seine gesundheitlichen, seine kulturellen Bedürfnisse, letztlich sein Gehirn, seine seelischen Blähungen, seine Geistigkeit machen ihn zu einer unwirtschaftlichen Größe. Als Gesamtpaket fehlt ihm die Wettbewerbstauglichkeit, und selbst als Nischenprodukt wird er sich langfristig am Markt kaum behaupten können. Doch andererseits: Ist Gott selbst noch konkurrenzfähig? Schließlich macht schon der Bosbach mehr Schlagzeilen als er, und als der Papst nach Spanien kam, hagelte es Proteste. Da ließ Gottes Stellvertreter seine Schafe zu sich kommen, und wer steckte im nächstbesten Büßerpelz? Der Matussek, der alte Westentaschen-Savonarola! Das ist so, wie wenn man sich über die Wiege der Menschheit beugt, und wer liegt drin: Roberto Blanco!

Nein, Wolken wallen über jedem Himmel. Griechenland ist täglich pleitiger, die Währung lahmt und muss zum Europäden. Stuttgart schlichtet sich zu Tode , also unter die Erde. Der Junge mit der Mundharmonika wird im Meer ausgestreut. Als Putin aber schnorchelt, findet er bloß antike Vasen. Philipp Lahm hat Kabinenmief gesät und den Sturm der Entrüstung geerntet, und bei ProSieben zeigt Galileo "geniale Kartoffelgerichte". Mein Gott, was haben wir bloß für eine Wühltisch-Mentalität?

Was waren das für Zeiten, als uns die Geschichte noch schaukelte! Als wir noch synchron zu laufen meinten mit den Ereignissen! Inzwischen aber sind wir angekommen in einem Furor, der uns jeden Zusammenhang verlieren lässt. Als wären wir Passagiere auf einem Karussell, schwirren die Dinge immer konturloser vor unseren Augen, kennen kein richtiges Nacheinander mehr, eher ein Ineinander von Tsunami, Fukushima, Syrien, Gadhafi, Griechenland, Finanzkrise, Hungerkatastrophe und Oslo-Massaker. Wo hört denn das eine auf, wo endet das andere? Ist das die Trägheit des Auges, das uns verspätet sagt, was wir sahen, die Trägheit des Gefühls, das noch nicht weiß, was es fühlen soll? Und eine neue Ausstellung gibt es auch und eine neue CD – friss, schling es runter, es wird dich überfordern und sedieren.

Wer Idylle will, muss Tiere betrachten: Die Kuh Yvonne streift durchs Gehölz auf dem Weg zum Gnadenhof, Happyfeet, der Pinguin, ist zu Fuß unterwegs nach Neuseeland. Claudia Schiffer gesteht, es fasziniert sie das Dunkle, und als hätte sie es gehört, vertieft sich Mirja DuMont öffentlich in ihrem Sky sein Schamhaar. Bud Spencer , "der Picasso der Doppelbackpfeife", führt die Bestsellerlisten an und gibt einem Freibad den Namen. Gleich darauf erhört Alice Schwarzer Charlotte Roches Schoßgebete und begibt sich mutterseelenallein auf die Palme. Dann erlebt Spitzel-Gott Rupert Murdoch vor Gericht den Tag seiner "größten Demut", so sagt er, und Silvio Berlusconi nennt Italien ein "Scheißland" – so sagt er, will er aber nicht gesagt haben, sagt er.

Dann kommt schon wieder die große Schwitzflecken-Ausstellung von Bayreuth, diesmal mit Biogasanlagen auf Walhalla. Das muss Kultur sein, sagt sich jeder, der noch keine gesehen hat. Aber wenn Margot Werner und Thea Gottschalk ihre Fad Couture in die Kamera schwenken, ist immer Kultur, und wenn Guido Westerwelle winkt, weiß man nicht, wem und warum, und wünscht ihn sich ins Hardrock-Walhalla von Wacken.