Ein Frühlingstag bei Neckarwestheim © Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

Dieser Weg führt zu nichts. Das jedenfalls soll wohl die massive Holzschranke signalisieren, quer über dem zugewachsenen Pfad, der nicht so aussieht, also ob er häufig von Menschen betreten würde. Ich hole zum ersten Mal tief Luft. »Es ist nicht verboten, dort zu gehen«, murmele ich, wohl wissend, dass ich nicht unbedingt erwünscht bin. Vorsichtshalber trete ich noch ein bisschen entschlossener auf, schreite mir quasi Mut zu.

Die Neugierde hat mich auf einen der merkwürdigsten Wanderwege Deutschlands geführt. Er ist auf keiner Karte verzeichnet. Eigentlich will er gar nicht gefunden werden. Ein fast vergessener historischer Treidelpfad am Ufer des Neckars, der hier zwischen Wiesen, schroffen Felsformationen und steilen Weinlagen gemütlich seine Schleifen zieht. Böse Zungen behaupten, der Weg sei strahlend schön. Denn auf halber Strecke zwischen den beiden Gemeinden Gemmrigheim und Neckarwestheim schneidet er seit dem Bau des Atomkraftwerks Neckarwestheim in den 1970er Jahren das Werksgelände. Ein altes, verbrieftes Wegerecht erlaubt jedem Wanderer und Radfahrer den Durchgang.

Von Neckarwestheim aus bin ich losgezogen, den AKW-Wanderweg zu erkunden, voller Elan und freudiger Erregung. Der Gedanke, gewissermaßen als Sicherheitsrisiko-Wanderin unterwegs zu sein, amüsiert mich. Der Himmel schaufelt die Wolken zu weißen Haufen zusammen, dazwischen tummeln sich auf blauer Spielwiese Schäfchen- und Federwolken. Eine unglaublich friedliche Kulisse, vor der eine Wasserdampfsäule in den Himmel tänzelt. Eigentlich sieht sie eher aus wie ein nervöser Flaschengeist – egal, jedenfalls ist sie meine Peilung Richtung AKW.

Auf dem offiziellen, also ausgeschilderten Radweg, der einen großen Bogen um das Kraftwerk macht, gelangt man hinab zum Fluss. Und nun stehe ich vor dieser Holzschranke und merke, wie sich plötzlich ein Gefühl der Beklemmung in mir breitmacht. Dabei ist der Weg, der hinter der Schranke durch einen lichtgrünen Laubtunnel führt, wunderschön. Unten am Neckar sitzen Angler am Ufer, Bienen summen. Selbstverständlich esse er den Fisch, den er hier aus dem Wasser hole, sagt einer der Männer und schaut mich verständnislos an. Aus der Ferne hört man ein Röhren wie von PS-starken Motoren eines Containerschiffs. Es wird mit jedem Schritt lauter. Ich wusste gar nicht, dass AKWs solch einen Lärm machen.

Nicht nur der Radweg, auch der Gemmrigheimer Rundwanderweg des Schwäbischen Albvereins lenkt Ausflügler weiträumig um das AKW herum, was erstaunlich ist, denn es war der frühere Bürgermeister der Gemeinde, Helmut Klass, selbst Mitglied des Albvereins, der damals auf das Wegerecht bestand. »Man wollte die alte Gewohnheit der Einheimischen, diesen Weg zu nutzen, nicht einfach preisgeben«, sagt Klass’ Nachfolgerin, Monika Chef, auf Anfrage.

Ein paar Hundert Meter hinter der Schranke dann der erste richtige Warnhinweis, schwarz auf weiß: »Werksgelände. Betreten durch Unbefugte verboten.« Ein provisorisches rot-weißes Absperrband flattert im lauen Wind, weiter hinten steht ein Betonzaun mit Stacheldraht. Nicht einschüchtern lassen. Ich springe über einen Abwasserkanal, stapfe einen kleinen Hügel hinauf. Dann stehe ich endlich vor dem Tor, neben dem ein rot-weißer Rettungsring hängt, dazu eine Klingel und ein verblasstes Schild: »Benutzer des Uferweges bitte läuten«. Das klingt freundlich.