Da kommt Angela Merkel schon mal nach Angola – und dann so was. Die Berichte über den Staatsbesuch der Bundeskanzlerin im Juli haben Ricardo Gerigk erzürnt, und sein Ärger ist immer noch nicht verraucht, denn die Art und Weise, wie das südwestafrikanische Land dargestellt wurde, ist aus seiner Sicht geradezu geschäftsschädigend. Gerigk hat nämlich mit viel Engagement die Delegation der Deutschen Wirtschaft aufgebaut, erst voriges Jahr wurde das Büro in Luanda eröffnet. Er will Investoren für den Standort Angola gewinnen, und nun muss er in den deutschen Zeitungen all die abschreckenden Klischees lesen: Korruption, Vetternwirtschaft, Selbstbereicherung, Vielweiberei – typisch Afrika eben. Pressefreiheit? »Ich nenne das Pressefrechheit!«

Als schreibende Luftlandetruppe hatten die Journalisten beim Blitzbesuch der Kanzlerin nicht mal einen Tag Zeit, um sich ein halbwegs realistisches Bild von Angola zu machen. Aber in der Heimat verkaufen sich die immergleichen Stereotype sowieso am besten. Nicht, dass es die afrikanischen Malaisen in Angola nicht gäbe, das räumt auch Gerigk ein, die öffentlichen Haushalte würden von bestechlichen Politikern und Funktionären geplündert, und die Misswirtschaft sei endemisch. Aber man müsse doch auch die positiven Seiten sehen, sagt der Deutsch-Brasilianer und deutet mit einem gravitätischen Handschwung auf die Landkarte an der Wand hinter sich. »Das ist Angola, dreimal so groß wie Deutschland, ein Land mit gewaltigen Möglichkeiten.«

Da kann man nicht widersprechen. Angola gehört zu den Staaten mit dem höchsten Wirtschaftswachstum der Welt, 2008, vor der globalen Finanzkrise, lag es bei fabelhaften 22,6 Prozent, in diesem Jahr werden es immerhin wieder 7,3 Prozent sein. Die nach Südafrika und Nigeria drittgrößte Volkswirtschaft Afrikas hat im August die Nigerianer als größten Ölexporteur des Kontinents überholt. Zudem verfügt das Land über beträchtliche Vorkommen an Diamanten, Phosphaten und anderen begehrten Rohstoffen, und sein landwirtschaftliches Potenzial würde ausreichen, um halb Afrika zu ernähren. Unlängst haben die amerikanischen Rating-Agenturen Angola höher eingestuft als Griechenland. Das ist nicht unbedingt ein Kompliment, aber es zeigt, dass im Südwesten Afrikas eine selbstbewusste Regionalmacht heranwächst.

In Deutschland scheint man dem angolanischen Wirtschaftswunder nicht zu trauen. Jedenfalls haben die Werbekampagnen diverser Lobbygruppen bislang nur wenige Unternehmen angelockt. Überhaupt scheut man im Westen das hohe Investitionsrisiko, außer den multinationalen Ölkonzernen ist nur die alte Kolonialmacht Portugal präsent. Dafür sind die neuen Handelspartner umso rühriger, die Brasilianer, Südkoreaner oder Südafrikaner zum Beispiel, vor allem aber die Chinesen. Seit Angola zu ihrem weltweit wichtigsten Öllieferanten aufgestiegen ist, sind sie im Land allgegenwärtig. Ein Heer von chinesischen »Gastarbeitern« – es sollen schon 30.000 bis 40.000 sein – bauen für Sklavenlöhne Straßen, Eisenbahnlinien, Fabriken, Krankenhäuser, Fußballstadien. Gleichzeitig wird Angola mit Billigwaren made in China überflutet. Die chinesische Export-Import-Bank und der nachts mit turmhohen Bildschirmen erleuchtete Betonklotz des China Investment Fund wirken zwischen den protzigen Ministerien wie Nebenregierungen. »Sie setzen ihre Regeln selber und treten mit der Attitüde einer Kolonialmacht auf«, befindet ein europäischer Diplomat. »Eigentlich haben wir den Wettlauf um Angola schon fast verloren.«

Die gewinnträchtigsten »Claims« sind jedenfalls abgesteckt. In Luanda herrscht Goldgräberstimmung, die einst so verschnarchte Hauptstadt gleicht einer riesigen Baustelle, allerwegen wird gehämmert, geteert und betoniert, reihenweise entstehen Wolkenkratzer. Sechs bis acht Millionen Menschen leben in der Kapitale, genaue Zahlen gibt es nicht; die Vororte wuchern so schnell, dass man allvierteljährlich einen neuen Stadtplan drucken müsste. Die Petromilliarden machen den Aufschwung möglich, aus den Ölquellen vor der Atlantikküste sprudeln täglich 1,9 Millionen Barrel Rohöl, und der unverhoffte Boom wird von der entsprechenden Großmannssucht begleitet: Luanda soll das »Dubai Afrikas« werden, trompetet die Regierung, eine hypermoderne Metropole auf dem Zukunftskontinent Afrika.

Vielversprechend klingt das. Doch hinter den schönen neuen Kulissen entdeckt man schon bald ein ganz anderes Luanda: verwahrloste Plattenbauten, die sich in vertikale Slums verwandelt haben, infernalischer Dauerstau, Smog, Müllberge, giftige Kloaken. Vor dem Autosalon in der Rua da Missão, der gar nicht genug Luxuskarossen und Allradpanzer herbeischaffen kann, betteln zerlumpte Straßenkinder. Sie werden verscheucht, als die ersten Kunden eintreffen, Herren in weißen Lackschuhen mit dicken Golduhren. Ein Bild der extremen Gegensätze, das man oft zu sehen bekommt. Im Schatten der verspiegelten Hochhäuser, Bankpaläste und Konzerntempel stehen Blechhütten, Wohlstandsinseln mit prächtigen Villen grenzen an musseques, an innerstädtische Slums wie Boa Vista oder Katambor. Die neureiche Oberschicht – Parteibonzen, höhere Staatsbeamte, Militärs, Ölmanager – genießt ein üppiges Leben, die breite Masse darbt wie eh und je, dazwischen versucht sich eine dünne Mittelschicht zu behaupten. Angola gehört zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt, 54,3 Prozent seiner rund 18 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze, sie müssen ungefähr mit einem Euro am Tag auskommen.

Ein durchdachtes Entwicklungskonzept ist nirgendwo zu erkennen

Basilio, ein spindeldürres Kerlchen von neun Jahren, poliert jeden Morgen die Schuhe der Herrschaften, er muss mithelfen, seine Familie irgendwie durchzubringen, für die Schule bleibt keine Zeit. Er kann seinen Namen nicht mal richtig schreiben, »Balsilo«, kritzelt er in unseren Notizblock. Er träumt von dem chromblitzenden Motorrad im Schaufenster des Salons. Aber mit seinen mageren Einkünften – 20 Kwanza pro Kunde, rund 15 Cents – wird er den Kaufpreis in hundert Jahren nicht verdienen.

»Noch ist die Armut sehr groß, und der schnelle Reichtum bringt jede Menge Parvenüs hervor«, erklärt Arlindo Barbeitos. »Aber das sind Übergangsphänomene in einer Nachkriegsgesellschaft.« Der 70-jährige Historiker gehört zu den großen Intellektuellen Angolas, er hat mit dem amtierenden Präsidenten die Schulbank gedrückt und in Frankfurt am Main bei Adorno, Marcuse und Habermas studiert. Angola sei eine verspätete Nation, sie löse sich gerade aus der Erstarrung des 27-jährigen Bürgerkriegs. »Im Vergleich zu Deutschland befinden wir uns im Jahre 1954. Ihr solltet uns einfach Zeit geben.«

Der Bürgerkrieg nach dem Ende der Kolonialära hat 1,5 Millionen Menschenleben gekostet, in den Provinzen sieht man bis heute seine Hinterlassenschaften: zerstörte Infrastruktur, Waffenschrott, tödliche Landminen, die immer noch nicht entschärft sind – und traumatisierte Menschen. Hunderttausende ziehen in die Metropole Luanda und hoffen, dass ein paar Brösel vom großen Kuchen für sie abfallen. Bislang hoffen die meisten vergeblich.

Das werde auch so bleiben, solange eine kleptokratische Elite regiere, prophezeit Rafael Marques. Der Journalist ist ein scharfzüngiger Kritiker des Regimes, er wirft dem Präsidenten und seiner unersättlichen Machtclique vor, das Land zu zerstören. Auf einer Art »Korruptionstour« durch die City zeigt er Besuchern die Monumente des neuen Reichtums, die mit Petrodollars aus dunklen Kanälen gebaut wurden. Marques wurde mehrfach eingesperrt; jetzt nimmt er eine Auszeit in Amerika. Aber auch die Straßenhändler können einem erzählen, wer wo welche Geschäfte betreibt. Vor einer Filiale der Banco Sol wird zum Beispiel der Name Joana Lina Baptista genannt. Die Vorstandschefin der Bank ist die Vizesprecherin des Parlaments.

Auch die »weißen Elefanten« Luandas sind sehenswert, all die schönen Prestigeprojekte, die als Investitionsruinen herumstehen. Das Hospital Geral draußen in Kilamba Kiaxi ist ein typisches Exempel. Die Chinesen haben die stattliche Großklinik in Windeseile aus dem Boden gestampft, schon zwei Jahre später musste sie wegen statischer Mängel geschlossen werden. Als der Autor das Gebäude fotografieren will, entgeht er nur mit viel Glück einer Festnahme durch die Militärpolizei. Man will solchen Pfusch verbergen. In den frischen Teerdecken klaffen schon die ersten Regentrichter, schlüsselfertige Schulen stehen leer, weil es an Lehrern fehlt. Für die 3.000 städtischen Omnibusse, die unlängst angeschafft wurden, konnte man nur 1.500 Fahrer auftreiben. »Es gibt mehr Minister in Angola als Chirurgen«, schimpft der Held in José Eduardo Agualusas Luanda-Krimi Barroco Tropical. Der Staat konzentriert sich darauf, die Infrastruktur aufzubauen, bildet aber kein Personal aus, das sie erhalten könnte. Schilda lässt grüßen. Ein durchdachtes Entwicklungskonzept ist nirgendwo zu erkennen, und der Wirtschaft droht durch das eruptive, unkontrollierte Wachstum die sogenannte »holländische Krankheit«: Die Rohstoffexporte florieren, alle anderen Industriesektoren werden sträflich vernachlässigt, man produziert nichts und importiert alles. Selbst das Mineralwasser wird in diesem mit Naturquellen gesegneten Land aus Portugal geliefert. Die schiefe Handelsbilanz spiegelt sich in den astronomischen Preisen, Luanda gilt unterdessen als teuerste Hauptstadt der Welt. Ein normales Hotelzimmer? 400 Dollar. Eine Pizza? 25 Dollar, por favor! Wer hier investieren will, muss nicht nur hohe Nebenkosten einkalkulieren. Er braucht große Risikobereitschaft, starke Nerven, unendlich viel Geduld und engmaschige Netzwerke. Die Korruption grassiert auf allen Ebenen der Verwaltung, ohne Schmiergeld läuft nichts. Das Wirtschaftsmagazin Economist hat ausgerechnet, dass ein ausländischer Firmengründer 56 bürokratische Hürden überwinden muss.

Ho Chi Minh, Che Guevara, Karl Marx, in Luanda erinnern nur noch die Straßennamen an die Heroen der Weltrevolution. Die ehemaligen Kommunisten in der Regierung sind zu Staatskapitalisten mutiert, ihre Leitbilder heißen China oder Singapur. »Norwegen wäre ein besseres Modell«, meint Luis Samacumbi. Der Konfliktforscher sitzt in einem schäbigen Büro in der Nähe des Flughafens, das nur über eine Schlaglochpiste zu erreichen ist. Er leitet die Observatório Político Social de Angola, eine zivilgesellschaftliche Organisation, die die Politik kritisch beobachtet. »In CNN-Werbespots wird Angola als starke, aufblühende Ökonomie präsentiert, aber es gibt kein trickle down, der Wohlstand sickert nicht zu den einfachen Leuten durch.« Durch Korruption und Nepotismus würden sage und schreibe 45 Prozent aus den Staatskassen verschwinden. »Es ist ein zentralistisches System, in dem die Regierungspartei MPLA alles kontrolliert, der staatliche und der private Sektor sind eng verschmolzen, und jede wichtige Entscheidung muss ganz oben abgesegnet werden.«

Ganz oben sitzt Präsident José Eduardo dos Santos, einer der reichsten Männer Afrikas. »O pai grande« nennen sie ihn, den großen, allmächtigen Vater. Der Ex-Marxist regiert seit 31 Jahren – und könnte nach einer Verfassungsänderung bis 2022 weiterregieren. Dos Santos trägt gern erdbeerrote Krawatten und tritt lässig auf. »Der wirkt wie Harry Belafonte«, meinte ein Begleiter der Bundeskanzlerin. Obwohl sich Angola längst vom Westen abgewandt hat und auf seine neuen Verbündeten setzt, pries der Gastgeber die deutsch-angolanische Partnerschaft. Und selbstverständlich war ein Angebot aus Merkels Wirtschaftsdelegation hochwillkommen: Der Reeder Friedrich Lürßen will Angola sechs bis acht Patrouillenboote verkaufen , angeblich zum Stückpreis von bis zu 25 Millionen Euro. Die Angolaner können sich solche Spielzeuge leisten, schließlich wollen sie schon bald zu den Führungsnationen Afrikas aufsteigen, wirtschaftlich, politisch und militärisch.

Die Unzufriedenheit wächst vor allem unter den Jungen

Aufbauhilfe? Der in Deutschland lebende Menschenrechtsaktivist Emanuel Matondo spricht von einem »Waffendeal mit dem Despoten«.

Auch Samacumbi, der Konfliktforscher, hat an dem Geschäft so seine Zweifel. Aber eine Diktatur oder gar Despotie würde er Angola nicht nennen. Gewiss, das politische System sei autoritär, dennoch könne er frei und ohne Furcht sprechen. »Unsere Organisation wurde schon viermal vom Parlament eingeladen, um Planungskonzepte zu kommentieren.« Befolgt wird ihr Ratschlag, mehr Demokratie und Transparenz zu wagen, offenbar nicht. Braucht ein Land, das im Öl schwimmt, eigentlich noch Entwicklungszuschüsse? Könnte es sich, wenn es seine Petromilliarden vernünftig einsetzen würde, nicht selber helfen? »Im Prinzip, ja. Aber es fehlt uns am Know-how und an gut ausgebildeten Fachkräften. Auf diesen Feldern brauchen wir nach wie vor Unterstützung,« gibt Samacumbi zu bedenken. Quersumme des Gesprächs: Angola bewegt sich in die falsche Richtung, aber noch ist es für eine Kurskorrektur nicht zu spät.

»In der Staatspartei MPLA gibt es eine Reihe von klugen Köpfen, die die Weichen umstellen wollen. Nur dann können wir dem Fluch des Ölsegens entgehen«, sagt ein Ökonom, der an der Katholischen Universität lehrt und namentlich nicht genannt werden will. »Aber die, die wirklich das Sagen haben, machen sich darüber keine Gedanken.« Wozu auch? Das »schwarze Gold« sprudelt und wird zu Geld. Man trifft sich in den exklusiven Restaurants auf der Ilha, einer der Bucht von Luanda vorgelagerten Nehrung, schlürft Champagner, knackt Langusten, sieht im Clube Náutico nach seiner Ferretti-Yacht und erfreut sich am Anblick der im Abendlicht funkelnden Skyline. Luanda, unser Saint Tropez! Das untergründige Grummeln im Volk überhören die Reichen und Mächtigen. Die Unzufriedenheit wächst vor allem unter den Jungen. »Fora! Fora!«, skandieren die Fans bei den Konzerten des Rappers Ikonoklasta: »Raus! Weg!« Gemeint ist die diebische, verantwortungslose Regierung. Offenbar haben die Machthaber Angst, dass der punktuelle Protest sich irgendwann zu einem Volksaufstand wie in Arabien ausweiten könnte. Dino Matross, der Generalsekretär der MPLA, warnt jedenfalls schon mal vorsorglich: »An jeden, der demonstriert: Wir kriegen dich!«

Auf der Freiluftterrasse des schicken Cafés Bahia trinkt ein Ölingenieur aus Frankreich galão, Milchkaffee. Am Meeresufer bewegen Bulldozer Sandberge, um eine Flaniermeile aufzuschütten. »Den Politikern ist die Massenarmut doch völlig egal«, knurrt der Ingenieur, »sie wollen nur eines: die eigenen Taschen füllen.« Auch er möchte anonym bleiben, obwohl er das Land bald verlässt. Drei Jahre hat er auf einer Bohrinsel im Atlantik gearbeitet, jetzt reicht es ihm. »Überall confusão, heillose Verwirrung. Die chaotischen Angolaner denken überhaupt nicht in die Zukunft, in 30 Jahren, wenn ihre Ölquellen ausgetrocknet sind, werden sie wieder auf Null zurückfallen.« Er sagt vorher, dass das Land all seinen Reichtum wie ein berauschter Casinospieler verzocken und früher oder später den afrikanischen Weg gehen werde – den Weg des Niedergangs.

Aber, wer weiß, vielleicht liegen die ewigen Afropessimisten diesmal falsch. Sie sollten einmal durch Luanda Sul fahren, durch die moderne Trabantensiedlung im Süden der Hauptstadt, in der zwei Millionen Menschen leben. Meerblick, gepflegte Gehwege, Geldautomaten, funktionierende Ampeln, ruhig fließender Verkehr, palmenumsäumte Wohnanlagen, die Rosengarten oder Dolce Vita heißen, mittendrin Belas Shopping, ein Konsumparadies, in dem die Besserverdienenden einkaufen. Luanda Sul repräsentiert jenes globale Wohlstandsideal, das auch die Angolaner anstreben. Noch wirkt es wie ein Raumschiff aus Kalifornien, das zufällig in Afrika gelandet ist.