Reagenzgläser

Politiker mit Doktortitel stehen im Moment unter Generalverdacht. So mancher bekam seinen Titel wegen Täuschung aberkannt oder muss sich einer entsprechenden Untersuchung stellen. Ein Grund für die »Fahndungserfolge« war sicher, dass die Plagiatsjäger von Gutten- und VroniPlag für ihre Enthüllungen kaum Fachkenntnisse benötigten. Ein teilweise automatisierter Abgleich mit vorhandenen Texten im Internet deckt Mauscheleien bei den juristischen, sozial- oder geisteswissenschaftlichen Dissertationen schnell auf. Doch warum sind noch keine Naturwissenschaftler aufgeflogen? Kommt man ihnen nicht so leicht auf die Schliche? Oder sind Physiker und Biologen ehrlicher als Juristen?

Wolfgang Löwer lacht bei diesen Fragen kurz auf. Der Jurist ist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als Ombudsmann für die Wissenschaft eingesetzt. An ihn können sich Forscher wenden, die wissenschaftliches Fehlverhalten in ihrem Umfeld vermuten. »Bei den Geisteswissenschaftlern ist das Plagiat die häufigste Form des Fehlverhaltens«, sagt Löwer. »In den Naturwissenschaften geht es eher um das Unterdrücken, das Schönen und im Extremfall das Erfinden von Daten.«

Mit bloßem Abschreiben, wie es der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ausgiebig praktiziert hat, ist in den exakten Wissenschaften nichts zu gewinnen. Hier steckt die Essenz nicht im Text, sondern in den Messwerten. Wie steht es also um diese Daten? Wie einfach ist es, sie zu erfinden? Fällt es auf, wenn die Darstellungen experimenteller Ergebnisse per Photoshop geschönt werden? Oder wenn sie gar so verändert werden, dass sich die Frage nach absichtlicher Fälschung stellt?

Das Thema hat gerade an Brisanz gewonnen: Ausführlich berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) am vergangenen Wochenende über Vorwürfe gegen den deutschen Stammzellforscher Thomas Skutella. Skutellas Team hatte im August 2008 mit einer Veröffentlichung im Fachblatt Nature Aufsehen erregt. Darin wurde die Gewinnung sogenannter pluripotenter Stammzellen aus menschlichem Hodengewebe beschrieben. Die Ergebnisse waren zunächst als Durchbruch der Stammzellforschung bejubelt worden. Später aber zweifelten Experten wie der Münsteraner Stammzellforscher Hans Schöler an den sensationellen Befunden.

Sowohl Skutellas ehemaliger Arbeitgeber, die Universität Tübingen, als auch sein zukünftiger Arbeitgeber, die Universität Heidelberg, haben Kommissionen eingesetzt, die derzeit ermitteln, ob es zu Datenmanipulationen gekommen ist. Bislang habe kein unabhängiger Forscher die beschriebenen Zellkulturen je zu Gesicht bekommen. Ob Thomas Skutella wirklich Daten manipuliert oder gar gefälscht hat, werden wohl erst die Berichte der Untersuchungskommissionen endgültig zeigen.

Sollten sich die Verdächtigungen um Skutella erhärten, würde der Fall die nicht eben kurze Liste von Datenbetrug in den Naturwissenschaften verlängern. So wollte der Südkoreaner Hwang Woo-suk im Jahr 2004 menschliche Embryos geklont und aus diesen embryonale Stammzellen erzeugt haben. Ein großer Schwindel, der ein Jahr später aufflog. Der Chemiedoktorand Guido Zadel schummelte in den 1990er Jahren bei der Datenerhebung über Enantiomere – sich spiegelbildlich gleichende Moleküle. Unter den Physikern gilt Jan Hendrik Schön als einer der dreistesten Fälscher. Schön promovierte 1997 in Konstanz und narrte anschließend als Postdoc-Forscher an den amerikanischen Bell Labs jahrelang die Wissenschaftsgemeinde mit herausragenden, allerdings meist frei erfundenen, experimentellen Ergebnissen. Erst im Jahr 2002 kam alles ans Licht.

Doch an welcher Stelle beginnt ein Forscherleben in die falsche Richtung abzudriften? Und was könnte diese ungute Entwicklung aufhalten? Paul Leiderer ist Professor für Physik an der Universität Konstanz. Seinerzeit war er an der Untersuchung beteiligt, ob Schön bereits während seiner Promotion gefälscht hatte. Die Zeit der Promotion ist eine kritische Phase. Ein guter Betreuer müsse so eng mit seinen Doktoranden zusammenarbeiten, sagt Leiderer, dass Betrug unmöglich sei. »Wenn einer bei uns einen neuen interessanten Effekt findet, dann fragt man als Arbeitsgruppenleiter doch sofort: Wie sind die Daten genau entstanden?« Er stehe in so einem Fall fünf Minuten später im Labor und lasse sich das Experiment vorführen.