Rabbi Shalom Hurwitz gibt uns ein Rätsel auf. Wir sitzen an einem mächtigen Esstisch in seiner geräumigen Budapester Wohnung und beobachten, wie er in einer Schachtel kramt, die er kurz zuvor aus dem Bücherregal gezogen hat. Schließlich findet er, was er gesucht hat: ein Foto, auf dem vier junge Männer zu sehen sind. »Nun?«, fragt der Rabbi und lächelt verschmitzt: »Welcher davon bin ich?«

Er weiß, dass seine Frage nicht leicht zu beantworten ist. Das Bild zeigt ihn als Beau von Anfang 20, mit Schlafzimmerblick und Zigarette im Mundwinkel. Heute trägt Shalom Hurwitz einen langen Vollbart und eine runde Drahtgestellbrille im Gesicht. Er sei damals viel gereist, sagt der gebürtige Südafrikaner – Israel, USA, Kanada. Zur Religion habe er erst auf Umwegen gefunden. Vor knapp zehn Jahren zog er nach Ungarn, wo der 38-Jährige heute mit seinen sechs Kindern und seiner Frau lebt, die aus London stammt. Seither versorgt Frau Hurwitz die jüdische Gemeinde mit Brownies, die mancher als die besten in Budapest bezeichnet.

Die Wohnung des Rabbis liegt in der Elisabethstadt, Erzsébetváros, dem siebten Budapester Gemeindebezirk. Vier Hauptstraßen rahmen die Straßenzüge zu einem Quadrat, das heute als Jüdisches Viertel bezeichnet wird. Hier befand sich auch das Ghetto, in dem die jüdische Bevölkerung im Frühjahr 1944 zusammengetrieben wurde. Ein Jahr später marschierte die Rote Armee in Ungarn ein. Gegängelt von den neuen kommunistischen Machthabern, verließen viele Juden das Land. Wer blieb, musste versuchen, sich mit dem System zu arrangieren.

Seit dem Ende des Kalten Krieges jedoch kehren die jüdischen Traditionen zurück ins öffentliche Leben der Stadt. In den Straßen flanieren Orthodoxe. Für rituelle Bäder stehen Mikwes, Tauchbäder, bereit. Cafeterias verkaufen Flódnis, eine wunderbare Mehlspeise aus Mohn, Nüssen, Äpfeln und Pflaumenkonfitüre. Im Fernsehen gab es eine Weile sogar eine Koch-Show, die sich der ungarisch-jüdischen Küche widmete.

Vor allem die junge Generation bezieht sich selbstbewusst auf ihre Wurzeln. Zum Beispiel die Brüder Mayer, die sich am Nachmittag zu unserem Treffen mit dem Rabbi gesellen. Beide tragen Jeans und T-Shirt. Gábor Mayer ist Mitte dreißig und sieht sich als Wanderer zwischen den Welten: einen, der koscheres Essen nicht missen möchte und Frauen, die er kennenlernt, trotzdem nicht als Erstes über ihren Glauben befragt. Auch sein Bruder András bezeichnet sich als »Samstagsjuden«. Wenn sie von gläubigen Juden sprechen, verwenden beide die dritte Person Plural.

Dennoch haben Gábor und András eine Mission, und die verbindet sie mit Rabbi Hurwitz. Gemeinsam hüten sie einen beinahe verloren gegangenen jüdischen Schatz: Das letzte »Stiebl« von Budapest, vielleicht sogar das letzte in Ungarn. Der jiddische Begriff Stiebl stammt vom österreichischen Wort »Stüberl«, Stube, und bezeichnet eine kleine Synagoge innerhalb eines Wohnhauses. »Vor allem unter chassidischen Juden waren Stiebl weit verbreitet«, erklärt Rabbi Hurwitz, »denn die Chassidim ziehen das private Gebet dem kommunalen vor.« Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen zahlreiche chassidische Juden aus Galizien, dem heutigen Westzipfel der Ukraine, nach Budapest. Sie siedelten sich im achten Gemeindebezirk an, der Josefstadt.

Dutzende Stiebl sollen damals in dieser Gegend existiert haben. Dass man wenigstens eines von ihnen auch im 21. Jahrhundert noch besuchen kann, ist Jakab Gláser zu verdanken. »Dieser Mann«, sagt Gábor, »war ein Wunder! Mit 92 Jahren schaufelte er noch eigenhändig den Schnee vor seiner Stiebl-Tür am Teleki-Platz.« Angeblich kannte Gláser alle Menschen, die ihm im Laufe seines langen Lebens begegnet waren, bei ihrem Namen. Und er wusste unzählige Geschichten zu erzählen, nicht nur traurige. Ihm zuliebe kamen Gábor und András regelmäßig ins Stiebl, um »den alten Herren« das Beten zu ermöglichen. Denn nach jüdischem Glauben benötigt man für einen gültigen Gottesdienst einen Minjan, zehn Männer also.