BildungsratDie Wegbereiter

Einen Bildungsrat, der eine Richtung vorgibt – den gab es mal, unter Willy Brandt. Nun ist er wieder im Gespräch.

Selten ist eine faszinierende Idee so gut versteckt worden. Man muss den Antrag zur CDU-Bildungspolitik schon bis Zeile 751 lesen, bevor man die paar trockenen Sätze findet: Einen »Bildungsrat« wolle man einrichten, heißt es da, »analog zum Wissenschaftsrat«. Seine Aufgabe: »wissenschaftliche Stellungnahmen und Empfehlungen zur langfristigen Entwicklung des Bildungssystems«.

So steht es im Vorschlag des CDU-Vorstandes, der auf dem Parteitag im November beschlossen werden soll – und der bereits viel Aufregung in der Partei verursacht hat. Allerdings nicht wegen des Bildungsrates, sondern wegen der ebenfalls enthaltenen Absage an die Hauptschule, bei der viele Unionsmitglieder einen Verrat am christlich-konservativen Menschenbild wittern. »Das Thema überlagert alles«, stöhnen Vertraute von Bundesbildungsministerin Annette Schavan – und das, obwohl das Schicksal der Hauptschule in Wirklichkeit mangels Elternnachfrage längst besiegelt ist.

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Dass der womöglich zukunftsweisendste, ganz sicher aber brisanteste Vorschlag in dem CDU-Konzept woanders steht, haben die meisten in ihrer Aufregung übersehen. Dabei würde ein Bildungsrat, vernünftig umgesetzt, die Antwort auf einige der drängendsten Probleme in der Bildungspolitik bedeuten. Mehr noch: Bestehend zu gleichen Teilen aus Politikern und Wissenschaftlern, würde er deutschlandweite Empfehlungen abgeben, die das Bildungschaos, die Zersplitterung der Republik in bildungspolitische Kleinstaaten, beenden könnten.

Damals stieg die Zahl der Abiturienten um die Hälfte

Was die Idee noch faszinierender macht: Es hat den Rat bereits einmal gegeben. Seine Hochzeit hatte er während der sozialliberalen Koalition Willy Brandts. Einige der damals führenden Bildungsexperten saßen, vom Bundespräsidenten berufen, bereits seit 1966 regelmäßig zusammen: vom Soziologen Ralf Dahrendorf über den Pädagogen Heinrich Roth bis zu Hellmut Becker, dem Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Mit dem Bildungsrat hielt die empirische Forschung Einzug in die Bildungspolitik. Das geflügelte Wort von der »katholischen Arbeitertochter vom Land« (Dahrendorf) als Symbolfigur der entdeckten Bildungsungerechtigkeiten machte die Runde. Als Nächstes gab der Rat Empfehlungen, wie diese beseitigt werden könnten. Das Ergebnis: die sogenannte Bildungsexpansion. Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der Abiturienten um mehr als die Hälfte; im Rahmen eines vom Bildungsrat angeregten Schulversuchs vervielfachte sich die Zahl der Gesamtschulen, die vor allem bildungsfernen Kindern einen Zugang zu akademischer Bildung erleichtern sollten. Kurzum: Die Beschlüsse genossen eine Autorität, an der die Politiker, ob sie wollten oder nicht, kaum einmal vorbeikamen. So wurde der Bildungsrat zum Beweis dafür, dass Expertengremien eben doch mehr sein können als Quasselbuden. Bis er 1975 vor allem auf Betreiben einiger genervter CDU-Minister aufgelöst wurde und ideologische Gegensätze auf Parteienebene erneut aufflammten.

Und heute? Nach der Auflösung des Bildungsrates hat es bis fast in die Gegenwart gedauert, bis die empirische Bildungsforschung vor allem dank der Pisa-Studien endlich aufs politische Parkett zurückkehrte – und mit ihr der Mut zu lange überfälligen Reformen. Erstaunlich ist, mit welchem Tempo SPD wie CDU seitdem die bildungspolitischen Weichen neu gestellt haben: von der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur über die Einführung von Ganztagsschulen bis hin zur Etablierung eines Zwei-Säulen-Modells mit Gymnasium und nur noch einer zweiten weiterführenden Schulart.

Doch die mit den Reformen einhergehenden Unsicherheiten sind gewaltig: Wie können bundesweit einheitliche Standards für die neuen Schulformen gefunden werden? Wie könnte ein l änderübergreifendes gemeinsames Abitur aussehen, wie es zuletzt Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) gefordert hat? Und wie kann das sogenannte Kooperationsverbot überwunden werden, das seit der letzten Föderalismusreform von 2006 Bund und Ländern im Bereich der Schulen die Zusammenarbeit fast unmöglich macht und die Länder finanzpolitisch austrocknet?

Die Antwort, so seine Befürworter, könnte wie in den sechziger und siebziger Jahren erneut der Bildungsrat sein. »Wenn wir ihn mit wirklichen Kompetenzen ausstatten, könnte er ein exzellentes Modell sein, um wissenschaftlichem Sachverstand eine direkte politische Wirkung zu verleihen«, sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. »Wir wissen alle, was zu tun ist, und doch passiert es allzu oft nicht.« Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg, sagt: »Der Bildungsrat könnte die nötige Autorität darstellen, auf die sich Bildungspolitiker beziehen würden, wenn sie auf den ersten Blick unpopuläre, aber notwendige Maßnahmen gegenüber den Wählern oder ihren eigenen Parteifreunden durchsetzen müssen.«

So weit die Wissenschaftler. Doch die Abwehrfront ausgerechnet der SPD-regierten Länder steht. Die baden-württembergische Ministerin Gabriele Warminski-Leitheußer etwa zückt das Totschlagargument. »Wir brauchen keine neuen Gremien«, sagt sie und warnt vor »organisatorischen und bürokratischen Hürden. Sinnvoller wäre es, die bestehenden Institutionen und vor allem die Kultusministerkonferenz (KMK) weiterzuentwickeln.«

Leserkommentare
    • Kiira
    • 02.10.2011 um 17:52 Uhr

    "Der Erwartungsdruck der Gesellschaft, dass endlich Schluss sein soll mit der bildungspolitischen Zersplitterung, ist in der Tat gewaltig..."

    Wirklich? Schon jetzt werden flächendeckend unsinnige Lehrmethoden oktroyiert, die dann nach ein paar Jahren irgendeinem anderen unausgegorenen Unsinn weichen. Von der Mengenlehre bis zum Lautieren könnte man unzählige Beispiele aufzählen. Zum Glück lernen die meisten Schüler trotzdem lesen, rechnen und schreiben und auch sonst eine ganze Menge.

    Besser wäre allerdings - und dafür gibt es an vielen Schulen tatsächlich ein großes Bedürfnis - den einzelnen Schulen mehr Autonomie einzuräumen. Denn nur vor Ort kennt man die Schwierigkeiten und Potenziale der Schüler und ihres Umfeldes wirklich.

    Wir brauchen im Bildungswesen mehr Zersplitterung, nicht weniger!

    2 Leserempfehlungen
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    Dann ziehen Sie Mal mit ihren schulpflichtigen Kindern von einem Bundesland ins nächste, viel Spass!
    Durfte durch die berufsbedingten Umzüge meiner Eltern meine Schulkarriere in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern meistern, war ein Riesenspass!
    Ist heutzutage schließlich nicht mehr selbstverständlich bis zu zwölf Jahren an einem Ort zu arbeiten, ICH als Arbeitnehmer erwarte da etwas mehr Flexibilität vom Bund, nicht auch noch von meinen Kindern.

    Kann man nach der elften Klasse der gymnasialen Oberstufe eigentlich unproblematisch in die zwölfte eines anderen Bundeslandes ziehen oder gibt es da Kompatibilitätsprobleme? Ach egal, Hauptsache Bildung, ist schließlich ein Privileg und macht satt! Was nutzt einen schon ein guter Schulabschluss...

    • Kiira
    • 03.10.2011 um 20:53 Uhr

    Ja, wir brauchen mehr Zersplitterung und weniger Zentralismus. Dass Sie und ihre Kinder sich umstellen müssen, wenn sie die Schule wechseln ist natürlich ein Problem. Dafür müssen Sie aber nicht einmal in ein anderes Bundesland umziehen. Da reicht es manchmal schon, zu einer Schule auf der anderen Straßenseite zu wechseln: von einem humanistischen Gymnasium auf ein naturwissenschaftliches, von einer Schule mit Spanisch LK auf eine mit Französisch oder von dieser auf eine Gesamtschule mit Schwerpunkt Kunst.

    Die Hoffnung, dass ein Schulwechsel ohne Herausforderung abgeht, wenn alle Schulen bundesweit zentralisiert gesteuert würden, ist trügerisch. Und der Preis ist zu hoch. Weil Zentralismus den Elan der Menschen vor Ort zerstört und ihr spezifisches Know-how entwertet.

    Der Traum von der (deutschlandweiten?, europaweiten?, weltweiten?) Einheitsschule ist ein spätsozialistisches, gleichmacherisches Hirngespinst und eine ideologische Sackgasse.

    Menschen sind unterschiedlich. Autonomere Schulen könnten sich darauf einstellen - und auch die Integration von neu zugezogenen Schülern würden diese selbständigeren Schulen ganz nebenbei viel leichter meistern.

    Dann ziehen Sie Mal mit ihren schulpflichtigen Kindern von einem Bundesland ins nächste, viel Spass!
    Durfte durch die berufsbedingten Umzüge meiner Eltern meine Schulkarriere in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern meistern, war ein Riesenspass!
    Ist heutzutage schließlich nicht mehr selbstverständlich bis zu zwölf Jahren an einem Ort zu arbeiten, ICH als Arbeitnehmer erwarte da etwas mehr Flexibilität vom Bund, nicht auch noch von meinen Kindern.

    Kann man nach der elften Klasse der gymnasialen Oberstufe eigentlich unproblematisch in die zwölfte eines anderen Bundeslandes ziehen oder gibt es da Kompatibilitätsprobleme? Ach egal, Hauptsache Bildung, ist schließlich ein Privileg und macht satt! Was nutzt einen schon ein guter Schulabschluss...

    • Kiira
    • 03.10.2011 um 20:53 Uhr

    Ja, wir brauchen mehr Zersplitterung und weniger Zentralismus. Dass Sie und ihre Kinder sich umstellen müssen, wenn sie die Schule wechseln ist natürlich ein Problem. Dafür müssen Sie aber nicht einmal in ein anderes Bundesland umziehen. Da reicht es manchmal schon, zu einer Schule auf der anderen Straßenseite zu wechseln: von einem humanistischen Gymnasium auf ein naturwissenschaftliches, von einer Schule mit Spanisch LK auf eine mit Französisch oder von dieser auf eine Gesamtschule mit Schwerpunkt Kunst.

    Die Hoffnung, dass ein Schulwechsel ohne Herausforderung abgeht, wenn alle Schulen bundesweit zentralisiert gesteuert würden, ist trügerisch. Und der Preis ist zu hoch. Weil Zentralismus den Elan der Menschen vor Ort zerstört und ihr spezifisches Know-how entwertet.

    Der Traum von der (deutschlandweiten?, europaweiten?, weltweiten?) Einheitsschule ist ein spätsozialistisches, gleichmacherisches Hirngespinst und eine ideologische Sackgasse.

    Menschen sind unterschiedlich. Autonomere Schulen könnten sich darauf einstellen - und auch die Integration von neu zugezogenen Schülern würden diese selbständigeren Schulen ganz nebenbei viel leichter meistern.

  1. Wenn man nicht mehr weiter weiß, schafft man einen Arbeitskreis.
    Man sollte das neue Gremium "Ausschuss" nennen, damit der Name das Ergebnis nennt.
    (Satire off)
    Der Bildungsrat hat in den 70er Jahren gute Arbeit geleistet und durfte sie tun, bis er an die Tabus der bundesdeutschen Ländereliten rührte - Das war sein Ende.
    Es gibt keinen Grund zu glauben, dass es nicht erneut so wäre.
    Die Länder (damals "angeführt" von Frau Schavan) haben doch was sie wollten: die eigene Bildungautonomie. Warum jammern sie jetzt schon wieder - weil Fähigkeiten und Wünschen zweierlei sind. Da hilft auch keine Geld verschlingende und nichts zustande bringende KMK, denn es ist in den meisten Fällen kein Einigungswillen da, meist aus Erwägungen wie: ich bin A-Land, du bis B-Land (man könnte auch rot und schwarz sagen).
    Nun auch noch die "Schulautonomie" zu stärken, das ist der alte Traum der neoliberalen (Bertels-) Männer und Frauen, wo doch schon allein die Bezahlungsunterschiede der Länder bald ein neues Problem schaffen werden.
    Nach 45 Jahren Beobachtungen in der deutschen Bildungslandschaft ist das Wort vom rasenden Stillstand noch das netteste, was mir dazu einfällt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Vielen Dank, wir haben schon die dysfunktionale Ständige! Kultusministerkonferenz der Länder. Die bloße Existenz dieses Gremiums beweist, daß es sich bei Bildung um eine genuine Aufgabe des Bundes handelt. Die Sachzwänge müssen schon ungeheuer sein, um diese Bande eifersüchtiger Provinzler an einen Tisch zu bringen.
    Die Bildungshoheit der Länder muß endlich fallen.
    Wir verlangen ständig Mobilität über die Ländergrenzen hinweg, schikanieren dann aber Schulkinder, die umziehen müssen. Ohne einheitliche Standards beim Abitur wird der numerus clausus zur Farce.
    Der neue Vorschlag verhält sich zu dem, was nötig ist wie ein bremer Abitur zu einem bayerischen Abitur.

    4 Leserempfehlungen
  3. "... zeigen selbst ernannte Expertengremien wie der von Dieter Lenzen geleitete »Aktionsrat Bildung«, in dem sich führende Bildungswissenschaftler zusammengeschlossen haben."

    Experten werden nicht ernannt, weder durch den Staat noch durch sich selbst; sie sind es oder sie sind es nicht. Daß von diesem Aktionsrat nur Übles zu erwarten ist, liegt daran, daß diese führenden Bildungswissenschaftler vielleicht führend sind, aber nicht als Bildungswissenschaftler; es liegt nicht daran, daß sie das Gremium selbst gegründet haben statt auf eine Ernennung zu warten.

    Siehe auch: http://deutsche-sprak.blo...

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich erlebe die Bildungsdebatte als Unbeteiligter schon seit über 30 Jahren. Immer wieder die gleiche Leier, alles dreht sich im Kreis. Ich habe die Schnauze so voll von diesem Thema.

    Was ist so schwer daran Schülern etwas Rechnen, Lesen und Schreiben beizubringen? Was ist so schwierig daran, Oberstufenschülern etwas Differentialrechnung und deutsche Literatur zu vermitteln?

    Allen voran, die SPD-regierten Länder die auf Kosten der Schüler immer wieder neue Reformen anstoßen. Und die untüchtigsten Schüler produzieren. Ein Wahnsinn, ein kompletter Wahnsinn!

    5 Leserempfehlungen
  5. und bekommt die Kleinstaaterei in Deutschland nicht in den Griff. Ob Schule, Rauchverbot u.s.w. . Dieses Land ist krank, weil die Parteien Ihre Gefolgschaft mit Posten versorgen muß. Die DDR hatte auch ihre Bezirke, aber wenigstens gallten überall die gleichen Gesetze!
    Man hätte doch so einiges von der DDR übernehmen können, weil fortschrittlicher.

    Eine Leserempfehlung
    • abc...
    • 03.10.2011 um 4:40 Uhr

    und keine neuen Einkaufstempel.

    Uns fehlen interdisziplinäre Bildungsangebote
    für ALLE Bürger !

    Es könnten z.B.:
    in den leer gewordenen Kaufhäusern
    Bildungsangebote "von der Wiege bis zur Bahre"
    bereit stehen, denn JEDER Bürger ist vom ersten
    bis zum letzten Atemzug auch Steuerzahler.

    Die neuen Kulturtechniken könnten
    gelehrt und gelernt werden.
    Von frühkindlicher Erziehung bis zur Seniorengymnastik...
    und wer nun fragt:
    wer soll das bezahlen,
    der darf sich erinnern,
    das WIR Bürger so oder so ALLES in diesem Staat bezahlen,
    und oft noch ein bisschen mehr ... .

    Also bitte, leisten wir uns bitte
    etwas nachhaltig Gutes,
    das, einmal einverleibt,-
    uns nicht mehr entzogen werden kann:
    Bildung !

  6. Landes zu minimieren ist meiner Meinung nach eine gute Idee. Dass gerade SPD geführte Länder mit einem Bildungsrat ein Problem haben sollen, wundert mich. In NRW ist die wissenschaftliche Expertise im Zusammenhang mit "Inklusion" gerade dabei das Schulsystem und die Gesellschaft des Landes möglicherweise sehr einschneidend zu verändern. Frau Löhrmann spricht sich ebenfalls für eine Aufhebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern aus.

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