Der Manager des Autozulieferers schien ein paar Zentimeter zu wachsen, als er mich auf seine neuste Errungenschaft hinwies: »Wir haben ein Betriebliches Vorschlagswesen eingeführt.« Ein paar Briefkästen, die bunt verstreut in der Firma hingen, untermauerten seine Worte. »Was versprechen Sie sich davon?«, wollte ich wissen. »Unsere Mitarbeiter sollen ihre Ideen einbringen . Jeder kann Vorschläge in die Briefkästen stecken und bekommt eine Rückmeldung.«

Wie ist es um eine Firma bestellt, wenn der normalste Vorgang der Welt – dass Mitarbeiter Ideen einbringen – ein halbes Dutzend Briefkästen erfordert? Warum wird der Einfall eines Mitarbeiters zum Ausnahmefall erklärt und auf einen Prozessweg geschickt? Offenbar trifft dort im Alltag zu, was Mark Twain schreibt: Wer eine neue Idee hat, gilt erst mal als »unausstehlich« , als Terrorist, der ein Attentat auf die heiligen Hallen des Bewährten plant.

Wo die Mitarbeiter ernst genommen werden, wo ihre Ideen erwünscht sind, dort braucht es kein Betriebliches Vorschlagswesen (BVW) – dort ist der Ideenfluss in den Alltag integriert. Wer einen Einfall hat, rennt bei seinen Vorgesetzten offene Türen ein . Wer in seinem Arbeitsbereich etwas verbessern will, kann neue Ideen umsetzen, ohne dass vorher ein halbes Dutzend Oberindianer mit den Köpfen nicken müssen. In solchen Firmen wäre ein Betriebliches Vorschlagswesen so überflüssig wie eine Schneekanone im Schneetreiben.

Das BVW stammt aus einer Zeit, als Ideen noch Chefsache waren; oben wurde gedacht, unten wurde gemacht. Gute Mitarbeiterideen schienen selten wie Goldkörner im Sand. Das BVW siebte diese Einfälle heraus. Heute hat sich die Qualifikation der Mitarbeiter radikal verändert; viele wissen über ihr Fach und ihre Kunden mehr als ihre Vorgesetzten.

Einfälle gehen verloren

Wenn eine Firma die meisten Mitarbeiterideen über ein BVW ans Licht fördert, beweist das: Im Alltag läuft etwas schief! Offenbar ist es nicht selbstverständlich, dass Mitarbeiter Ideen einbringen und umsetzen, sondern ein Kuriosum. In solchen Betrieben gehen Hunderte von Einfällen verloren, bis vielleicht mal einer im Briefkasten landet. Die Mitarbeiter sind einfach nicht motiviert, sie persönlich vorzubringen.

Das beste BVW ist eines, das gar nicht existiert – weil Ideen der Mitarbeiter ohne Umweg in die Arbeit einfließen können.