Maher Zellner hat einen Traum. Er möchte eine Schule gründen. An sich nichts Ungewöhnliches, allerdings hat er sich dafür einen Ort ausgesucht, dem etwas Albtraumhaftes anhaftet – Bagdad. Warum will er ausgerechnet dort eine deutsche Schule gründen, in einer Stadt, die geplagt und zermürbt ist von so vielen Selbstmordanschlägen, dass man sie kaum mehr zählen mag? Maher Zellner, Maschinenbauingenieur, 32 Jahre alt, streicht den dunkelgrauen Anzug glatt, richtet sich im tiefen Sofa einer Münchner Hotellobby auf und atmet einmal tief durch. Er hat auf diese Frage eine lange Antwort. »Weil es meine Heimatstadt ist«, beginnt er, sein Deutsch hat gelegentlich einen bayerischen Einschlag, »weil man am besten in der Hauptstadt anfängt mit dem Wiederaufbau des Landes«, weil das irakische Bildungssystem nach jahrzehntelangen Kriegen und Wirtschaftssanktionen heruntergekommen sei, weil die Zahl der Anschläge zurückgehe, weil viele Exil-Iraker gerne zurückkehren würden, wenn sie nur Aussicht auf eine gute Schule für ihre Kinder hätten. Genauso wie er selbst.

Sein Traum von der Schule hat viel mit seinem Leben zu tun. Maher kommt 1979 in Bagdad zur Welt. Kurz vor dem ersten Golfkrieg, gegen den Nachbarn Iran. Er bekommt in Bagdad wenig davon mit und kann normal zur Schule gehen. Bis weit in die achtziger Jahre seien die irakischen Schulen und Universitäten noch sehr gut gewesen, erzählt er, sie hätten zu den besten in der Region gezählt. Auf Bildung wurde Wert gelegt. Es galt der Spruch: »Ägypten schreibt, der Libanon druckt, der Irak liest.« Maher studiert an der Universität Bagdad Maschinenbau. Im Jahr 2000 muss er das Land »aus politischen Gründen verlassen«. Er will nach Deutschland. In das Land, von dem ihm sein Vater immer vorgeschwärmt hatte. Der arbeitete auf dem Zollamt, hatte viel mit Firmen aus der DDR zu tun, reiste oft nach Berlin, nach Leipzig, er sprach gut deutsch, die Regale in der Bagdader Wohnung waren voll mit Büchern aus Deutschland.

Maher kommt nach München, er will an der LMU einen ingenieurwissenschaftlichen Aufbaustudiengang absolvieren, es werden ihm aber lediglich zwei Studienjahre angerechnet, so besucht er nur Deutschkurse an der Uni. Aber er lernt eine Frau kennen und lieben, eine Orientalistikstudentin, heiratet sie und aus Maher al Mayahi wird Maher Zellner. Der Deutschiraker beginnt, für eine irakische Unternehmensberatung mit Sitz in Bagdad zu arbeiten. Bis heute pendelt er zwischen beiden Ländern, berät deutsche Firmen, die Geschäfte im Irak machen wollen.

Er fühlt sich wohl in Deutschland, trotzdem lässt ihn der Irak nicht los. »Mein Schwiegervater sagt, ich hätte einen Fuß in Deutschland und einen im Irak.« Die Idee, in Bagdad eine Schule zu gründen, kommt ihm zum ersten Mal 2003. Saddam war gestürzt, es herrschte eine kurze Phase der Euphorie. Als einige Jahre später Mahers Sohn in München auf die Welt kommt, geht er die Sache an. Er hört sich unter den Exil-Irakern in Deutschland um. Die meisten von ihnen kommen aus Bagdad. Viele würden gerne zurückkehren, diejenigen, die in Deutschland nur geduldet sind, genauso wie die, die hier Fuß gefasst und Arbeit haben. Die Eltern zumindest. Sie hätten gerne, dass ihre Kinder in einem arabischen Land erwachsen werden, sagt er, aus Sorge darüber, dass sie sonst ihre Wurzeln vergessen. Was sie an einer Rückkehr noch hindern würde, sei das Sicherheitsrisiko und das miserable irakische Bildungssystem.

An der Schulsituation kann er etwas verändern.Auch unter Familien in Bagdad stößt Zellner auf großes Interesse, viele schicken ihre Kinder auf türkische Privatschulen, um das staatliche irakische Schulsystem zu umgehen. Schnell hat er über dreißig »Anmeldungen« zusammen. Das reicht ihm, er will mit nur einer Grundschulklasse und einer Kindergartengruppe beginnen. Er hat einen Schulverein initiiert, hat Konzepte entwickelt und Förderanträge gestellt, bei irakischen Regierungsstellen, beim Auswärtigen Amt. Die Iraker haben Unterstützung zugesagt, von deutscher Seite kamen bisher erst interessierte Nachfragen. Der Liste der Voraussetzungen für eine amtliche Anerkennung und damit auch Förderung ist lang. Die schwierigste Hürde für Zellner ist es, eine ausreichende Zahl an qualifizierten deutschsprachigen Lehrkräften zu bekommen. Nur so lässt sich ein Unterricht nach deutschen Lehrplänen garantieren. Nur so werden einmal Abschlüsse, irgendwann auch das Abitur, so sein Traum, in Deutschland anerkannt.

Er weiß, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat. Zellner ist oft nach Erbil gereist, in den kurdischen Norden, wo es seit Herbst 2010 eine deutsche Schule gibt. Dort hat er Tipps bekommen, und das Erbiler Goethe-Institut hat zugesagt, ihm mit Unterrichtsmaterial auszuhelfen. Ein Jahr will er sich Zeit geben, ohne offizielle Unterstützung. So lange müsste sich die Schule über Spenden und Schulgeld finanzieren. 150 Dollar pro Monat schweben ihm vor. Viel Geld, aber die Gruppe der Gutverdiener sei schnell gewachsen, Beamte würden bis zu 4000 Dollar im Monat bekommen. Um nicht nur eine Schule für die Reichen zu sein, soll es auch Stipendien geben. Ein passendes Haus hat er schon ausgemacht, es liegt in der Nähe der Deutschen Botschaft, wo inzwischen auch viele Regierungsgebäude stehen. Da sei es sicher, sagt er. Zellner hofft, dass bald viele deutsche Firmen in den Irak kommen, nach Bagdad, irgendwann auch mit ihren Familien, dann braucht es Schulen wie seine.

Die Wachstumsperspektiven in dem Land mit den drittgrößten Ölreserven der Welt sind da: Es müssen Kraftwerke gebaut werden, Straßen, Raffinerien. Experten schätzen, dass sich das Bruttoinlandsprodukt des Landes in den kommenden zehn Jahren versechsfacht. »Die Iraker warten auf die Deutschen«, sagt Maher. Klar, die Korruption sei noch ein großes Problem, und die Anschläge seien abschreckend. Aber es werde besser. Oder zumindest weniger schlimm. Laut Statistiken ist die Zahl der Gewalttaten seit 2007 um 75 Prozent gesunken.

Es ist Abend geworden in München, zum Abschied sagt Maher Zellner, er hoffe, »dass es aus Bagdad bald öfter auch etwas Erfreuliches zu berichten gibt«.

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