Es war im Mai dieses Jahres, als Tomoyuki Takada beschloss, seinen Landsleuten das Protestieren beizubringen. Zwei Monate zuvor war das Atomkraftwerk von Fukushima außer Kontrolle geraten, der Reaktor führte seitdem ein Eigenleben wie ein neuzeitliches Monster, täglich wurden in Japan neue Strahlenrekorde gemessen, und Takada stieg in Berlin in ein Flugzeug nach Tokyo. Neben ihm auf dem Sitz lag seine Geheimwaffe – leuchtend gelb und aus umweltfreundlicher, norddeutscher Jute. Sie hat grüne Henkel, und auf ihrem Bauch strahlt eine rote Sonne, drum herum formen japanische Schriftzeichen den Slogan »Atomkraft? – Nein danke!«.

Einhundert solcher Jutebeutel hatte Takada vor seinem Abflug nähen lassen, von einem Kieler Bioladenbetreiber. In Tokyo wollte er sie verteilen. Auf einer Seite ist die Tasche japanisch beschriftet, auf der anderen deutsch. »Das verleiht ihr Autorität«, findet Takada. Eine Art Gütesiegel aus dem Land des Atomausstiegs. Der japanische Bürger müsse erst lernen, seine Stimme zu erheben, sagt Takada. Mit dieser Tasche, diesem Kulturgut aus Germany, könne sich ein japanischer Geschäftsmann ohne Gesichtsverlust ins Büro trauen. Mit dieser Tasche könne jeder zum Einkaufen gehen. Es sei ein unauffälliger, freundlicher Protest. Ein Protest, der dem Wesen der Japaner entgegenkomme. Takada sagt: »In Japan müssen wir ganz unten anfangen.« Es dauere länger, bis der Japaner so wütend werde wie der Deutsche.

Ergebnis einer Umfrage: Welches Land ist das sympathischste?© ZEIT-Grafik

Tomoyuki Takada lebt seit den achtziger Jahren in Kaarst bei Düsseldorf. Als Dolmetscher hat er für die Kanzler Kohl und Schröder übersetzt, seine deutsche Frau ist bei den Grünen. Bevor er sich auf den Weg nach Japan machte, war Takada auf Anti-Atomkraft-Kundgebungen in Berlin, Stuttgart und München gewesen, das ganze Land war in Aufruhr. Doch in Japan blieb es gespenstisch still. Gerade mal ein paar Hundert Menschen demonstrierten, umringt von einem gigantischen Polizeiaufgebot. Wie seltsam: In Japan explodierte ein Atomkraftwerk, aber Tausende Kilometer entfernt in Deutschland beschloss die Regierung den Atomausstieg. In Deutschland wurden die Grünen zu einer Volkspartei. In Japan sprach sich der berühmte Schauspieler Taro Yamamoto gegen Atomkraft aus, und kurz darauf wurde seine Fernsehserie abgesetzt.

»Da musste etwas passieren«, sagt Takada. Deshalb hat er beschlossen, seine Landsleute aufzurütteln. Er denkt an eine neue japanische Demonstrationskultur, an deutsche Trillerpfeifen, an riesige Soundanlagen. Und an seine Jutetasche.

Vier Monate sind seit seiner Reise vergangen. Er sitzt in einem Berliner Café und streicht über den Stoff seines Beutels. In Tokyo hat er ihn in der U-Bahn verschenkt, in Restaurants, in Büros – und die begeisterten Abnehmer hat er auf Fotos festgehalten. Zu Weihnachten möchte Takada 99 neue Protesttaschen an Schulklassen aus Fukushima schicken, mit Gebäck gefüllt und mit dem Buch eines deutschen Lokalpolitikers, darin 100 Gründe für den Atomausstieg. Warum ausgerechnet 99 Taschen? »Wegen Nenas 99 Luftballons«, sagt Takada und lächelt verlegen.

Erstaunliches geschieht in diesen Tagen: Ein Japaner beglückt sein Land mit deutscher Protestkultur. In Chinas Städten diskutieren Bürgermeister die Mülltrennung nach deutschem Vorbild. Die Tschechen werden demnächst nach dem Riester-Modell fürs Alter sparen. Und Italiens Fußballverband fördert seine Jugendspieler jetzt so akribisch wie der deutsche.

Europa krankt und zankt, die Weltwirtschaft hat schlechte Laune – und wer die Zeitung aufschlägt, bekommt den Eindruck: Auch Deutschland droht mal wieder depressiv zu werden. Der Sommer war schlecht, für den Herbst wird eine Rezession befürchtet, die Mundwinkel der Kanzlerin sind schon jetzt bis zum Anschlag nach unten gezogen, und die Koalition ist nach zwei Jahren so zerrüttet wie eine Durchschnittsehe von Lothar Matthäus.

Doch auf einer Ebene unterhalb des politischen Diskurses passiert gerade Sonderbares: Weitgehend unbemerkt von den Deutschen, ist ihr Land zu einem globalen Sehnsuchtsort geworden. Dieser Wandel ist schwer messbar, weil es dabei nicht nur um Wirtschaftsdaten geht, sondern auch um Weltanschauungen. Um Aufmerksamkeit, die sich in Richtung Deutschland dreht, um Erstaunen, Bewunderung, manchmal Neid. Und um einzelne Lebenswege, tausendfach: In den vergangenen fünf Jahren habe die Einwanderung deutlich zugenommen, teilt das Statistische Bundesamt mit, zuletzt um 13 Prozent. Waren es in den neunziger Jahren meist Ungelernte, die in deutsche Fabriken strebten, sind es heute Hochschulabsolventen, die sich von einem Leben in Deutschland mehr versprechen als in ihrer Heimat: Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler. Mehr als die Hälfte von ihnen stammt aus der Europäischen Union. In der deutschen Botschaft in Paris erkundigt sich eine wachsende Zahl Franzosen, Studenten ebenso wie Rentner, worauf bei einem Umzug ins Nachbarland zu achten sei. Jobmessen, die die Agentur für Arbeit im Ausland ausrichtet, werden überrannt: in Portugal, in Spanien, in Griechenland.

Was ist passiert? Jahrzehntelang galt Deutschland als nicht sehr lebenswert, auch bei den Deutschen selbst. Inmitten eines selbstbewussten Kontinents lag das Land wie ein schwermütiger Griesgram, der sich aus guten Gründen selbst misstraute. Schuldbeladen und zerstört im Krieg, schnell und hässlich wieder aufgebaut – und umgeben von Nationen, die alle irgendetwas besser machten: die sozialen Skandinavier, die liberalen Niederländer, die lebensfrohen Italiener, die traditionsbewussten Briten, die Finnen mit ihren guten Schulen und die Franzosen mit ihrer vorbildlichen Familienpolitik.

Nun gibt es ein paar Nachrichten, die für den geübten deutschen Miesepeter klingen, als stammten sie von einem fernen Planeten: Bei einer Umfrage in Frankreich nannten 79 Prozent der Teilnehmer Deutschland ein »optimistisches Land«, 80 Prozent halten es für »weltoffen« und »sympathisch«, 82 Prozent für »innovativ«. Zum vierten Mal in Folge kürte eine Umfrage der BBC in 27 Ländern die Deutschen zum beliebtesten Volk der Welt, vor den Briten und Japanern.

Jeder fünfte Jugendliche in der Europäischen Union ist arbeitslos. In Deutschland ist es weniger als jeder zehnte , und es werden jeden Monat weniger. In Madrid und Tel Aviv demonstrieren junge Familien für bezahlbare Mieten, in London brannten Straßenzüge, und in Athen geht das Gerücht um, dass vor den Banken bald Panzer auffahren müssten. Ganz Europa schnürt Sparpakete, aber die Deutschen haben mehr Geld auf ihren Konten als vor der Krise, 60000 Euro pro Bürger. Im vergangenen Jahr lag die Geburtenrate mit 1,39 Kindern je Frau so hoch wie seit 1990 nicht mehr, dem Jahr des Einheitstaumels. Und der heftigste Streit des Jahres entbrannte um nichts Elementareres als einen Bahnhofsneubau.

Als Tomoyuki Takada, der Exporteur deutscher Protestkultur, mit seiner Jutetasche nach Japan flog, reiste er auch als Übersetzer der grünen Bundestagsabgeordneten Bärbel Höhn. Hundert junge Leute, die einmal Japans Grüne werden wollen, drängten sich in einem überfüllten Café in Tokyo um diese resolute Deutsche. »Die grüne Zukunft« heißt ihre Bewegung: ein Haufen 30-Jähriger, den die japanischen Medien verächtlich »Kindergarten« nennen. Eine Stunde lang referierte Höhn über den Aufstieg zur Regierungspartei. »Habt Geduld«, rief sie, »in Deutschland haben wir 35 Jahre gebraucht!« Als sie geendet hatte, wurde sie von Fragenden umringt. »Ich habe noch nie so viel Neugier erlebt«, wird Höhn später sagen. Plötzlich wollen alle mehr erfahren über dieses eigenwillige Land, in dem eine konservative Kanzlerin die mächtigen Stromkonzerne gängelt, in dem trotz Regenwetter mehr Solarstrom produziert wird als in jedem anderen Land, jährlich rund 12000 Gigawattstunden. Provinzregierungen aus Taiwan und Korea luden Höhn ein, ihnen das grüne Erfolgsmodell zu erklären. Und im Oktober werden die japanischen Grünen zur Fortbildung nach Deutschland kommen: nach Gorleben, nach Stuttgart zum Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und zu Boris Palmer, dem grünen Oberbürgermeister von Tübingen.