Es war im Mai dieses Jahres, als Tomoyuki Takada beschloss, seinen Landsleuten das Protestieren beizubringen. Zwei Monate zuvor war das Atomkraftwerk von Fukushima außer Kontrolle geraten, der Reaktor führte seitdem ein Eigenleben wie ein neuzeitliches Monster, täglich wurden in Japan neue Strahlenrekorde gemessen, und Takada stieg in Berlin in ein Flugzeug nach Tokyo. Neben ihm auf dem Sitz lag seine Geheimwaffe – leuchtend gelb und aus umweltfreundlicher, norddeutscher Jute. Sie hat grüne Henkel, und auf ihrem Bauch strahlt eine rote Sonne, drum herum formen japanische Schriftzeichen den Slogan »Atomkraft? – Nein danke!«.

Einhundert solcher Jutebeutel hatte Takada vor seinem Abflug nähen lassen, von einem Kieler Bioladenbetreiber. In Tokyo wollte er sie verteilen. Auf einer Seite ist die Tasche japanisch beschriftet, auf der anderen deutsch. »Das verleiht ihr Autorität«, findet Takada. Eine Art Gütesiegel aus dem Land des Atomausstiegs. Der japanische Bürger müsse erst lernen, seine Stimme zu erheben, sagt Takada. Mit dieser Tasche, diesem Kulturgut aus Germany, könne sich ein japanischer Geschäftsmann ohne Gesichtsverlust ins Büro trauen. Mit dieser Tasche könne jeder zum Einkaufen gehen. Es sei ein unauffälliger, freundlicher Protest. Ein Protest, der dem Wesen der Japaner entgegenkomme. Takada sagt: »In Japan müssen wir ganz unten anfangen.« Es dauere länger, bis der Japaner so wütend werde wie der Deutsche.

Ergebnis einer Umfrage: Welches Land ist das sympathischste?© ZEIT-Grafik

Tomoyuki Takada lebt seit den achtziger Jahren in Kaarst bei Düsseldorf. Als Dolmetscher hat er für die Kanzler Kohl und Schröder übersetzt, seine deutsche Frau ist bei den Grünen. Bevor er sich auf den Weg nach Japan machte, war Takada auf Anti-Atomkraft-Kundgebungen in Berlin, Stuttgart und München gewesen, das ganze Land war in Aufruhr. Doch in Japan blieb es gespenstisch still. Gerade mal ein paar Hundert Menschen demonstrierten, umringt von einem gigantischen Polizeiaufgebot. Wie seltsam: In Japan explodierte ein Atomkraftwerk, aber Tausende Kilometer entfernt in Deutschland beschloss die Regierung den Atomausstieg. In Deutschland wurden die Grünen zu einer Volkspartei. In Japan sprach sich der berühmte Schauspieler Taro Yamamoto gegen Atomkraft aus, und kurz darauf wurde seine Fernsehserie abgesetzt.

»Da musste etwas passieren«, sagt Takada. Deshalb hat er beschlossen, seine Landsleute aufzurütteln. Er denkt an eine neue japanische Demonstrationskultur, an deutsche Trillerpfeifen, an riesige Soundanlagen. Und an seine Jutetasche.

Vier Monate sind seit seiner Reise vergangen. Er sitzt in einem Berliner Café und streicht über den Stoff seines Beutels. In Tokyo hat er ihn in der U-Bahn verschenkt, in Restaurants, in Büros – und die begeisterten Abnehmer hat er auf Fotos festgehalten. Zu Weihnachten möchte Takada 99 neue Protesttaschen an Schulklassen aus Fukushima schicken, mit Gebäck gefüllt und mit dem Buch eines deutschen Lokalpolitikers, darin 100 Gründe für den Atomausstieg. Warum ausgerechnet 99 Taschen? »Wegen Nenas 99 Luftballons«, sagt Takada und lächelt verlegen.

Erstaunliches geschieht in diesen Tagen: Ein Japaner beglückt sein Land mit deutscher Protestkultur. In Chinas Städten diskutieren Bürgermeister die Mülltrennung nach deutschem Vorbild. Die Tschechen werden demnächst nach dem Riester-Modell fürs Alter sparen. Und Italiens Fußballverband fördert seine Jugendspieler jetzt so akribisch wie der deutsche.

Europa krankt und zankt, die Weltwirtschaft hat schlechte Laune – und wer die Zeitung aufschlägt, bekommt den Eindruck: Auch Deutschland droht mal wieder depressiv zu werden. Der Sommer war schlecht, für den Herbst wird eine Rezession befürchtet, die Mundwinkel der Kanzlerin sind schon jetzt bis zum Anschlag nach unten gezogen, und die Koalition ist nach zwei Jahren so zerrüttet wie eine Durchschnittsehe von Lothar Matthäus.

Doch auf einer Ebene unterhalb des politischen Diskurses passiert gerade Sonderbares: Weitgehend unbemerkt von den Deutschen, ist ihr Land zu einem globalen Sehnsuchtsort geworden. Dieser Wandel ist schwer messbar, weil es dabei nicht nur um Wirtschaftsdaten geht, sondern auch um Weltanschauungen. Um Aufmerksamkeit, die sich in Richtung Deutschland dreht, um Erstaunen, Bewunderung, manchmal Neid. Und um einzelne Lebenswege, tausendfach: In den vergangenen fünf Jahren habe die Einwanderung deutlich zugenommen, teilt das Statistische Bundesamt mit, zuletzt um 13 Prozent. Waren es in den neunziger Jahren meist Ungelernte, die in deutsche Fabriken strebten, sind es heute Hochschulabsolventen, die sich von einem Leben in Deutschland mehr versprechen als in ihrer Heimat: Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler. Mehr als die Hälfte von ihnen stammt aus der Europäischen Union. In der deutschen Botschaft in Paris erkundigt sich eine wachsende Zahl Franzosen, Studenten ebenso wie Rentner, worauf bei einem Umzug ins Nachbarland zu achten sei. Jobmessen, die die Agentur für Arbeit im Ausland ausrichtet, werden überrannt: in Portugal, in Spanien, in Griechenland.

Was ist passiert? Jahrzehntelang galt Deutschland als nicht sehr lebenswert, auch bei den Deutschen selbst. Inmitten eines selbstbewussten Kontinents lag das Land wie ein schwermütiger Griesgram, der sich aus guten Gründen selbst misstraute. Schuldbeladen und zerstört im Krieg, schnell und hässlich wieder aufgebaut – und umgeben von Nationen, die alle irgendetwas besser machten: die sozialen Skandinavier, die liberalen Niederländer, die lebensfrohen Italiener, die traditionsbewussten Briten, die Finnen mit ihren guten Schulen und die Franzosen mit ihrer vorbildlichen Familienpolitik.

Nun gibt es ein paar Nachrichten, die für den geübten deutschen Miesepeter klingen, als stammten sie von einem fernen Planeten: Bei einer Umfrage in Frankreich nannten 79 Prozent der Teilnehmer Deutschland ein »optimistisches Land«, 80 Prozent halten es für »weltoffen« und »sympathisch«, 82 Prozent für »innovativ«. Zum vierten Mal in Folge kürte eine Umfrage der BBC in 27 Ländern die Deutschen zum beliebtesten Volk der Welt, vor den Briten und Japanern.

Jeder fünfte Jugendliche in der Europäischen Union ist arbeitslos. In Deutschland ist es weniger als jeder zehnte , und es werden jeden Monat weniger. In Madrid und Tel Aviv demonstrieren junge Familien für bezahlbare Mieten, in London brannten Straßenzüge, und in Athen geht das Gerücht um, dass vor den Banken bald Panzer auffahren müssten. Ganz Europa schnürt Sparpakete, aber die Deutschen haben mehr Geld auf ihren Konten als vor der Krise, 60000 Euro pro Bürger. Im vergangenen Jahr lag die Geburtenrate mit 1,39 Kindern je Frau so hoch wie seit 1990 nicht mehr, dem Jahr des Einheitstaumels. Und der heftigste Streit des Jahres entbrannte um nichts Elementareres als einen Bahnhofsneubau.

Als Tomoyuki Takada, der Exporteur deutscher Protestkultur, mit seiner Jutetasche nach Japan flog, reiste er auch als Übersetzer der grünen Bundestagsabgeordneten Bärbel Höhn. Hundert junge Leute, die einmal Japans Grüne werden wollen, drängten sich in einem überfüllten Café in Tokyo um diese resolute Deutsche. »Die grüne Zukunft« heißt ihre Bewegung: ein Haufen 30-Jähriger, den die japanischen Medien verächtlich »Kindergarten« nennen. Eine Stunde lang referierte Höhn über den Aufstieg zur Regierungspartei. »Habt Geduld«, rief sie, »in Deutschland haben wir 35 Jahre gebraucht!« Als sie geendet hatte, wurde sie von Fragenden umringt. »Ich habe noch nie so viel Neugier erlebt«, wird Höhn später sagen. Plötzlich wollen alle mehr erfahren über dieses eigenwillige Land, in dem eine konservative Kanzlerin die mächtigen Stromkonzerne gängelt, in dem trotz Regenwetter mehr Solarstrom produziert wird als in jedem anderen Land, jährlich rund 12000 Gigawattstunden. Provinzregierungen aus Taiwan und Korea luden Höhn ein, ihnen das grüne Erfolgsmodell zu erklären. Und im Oktober werden die japanischen Grünen zur Fortbildung nach Deutschland kommen: nach Gorleben, nach Stuttgart zum Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und zu Boris Palmer, dem grünen Oberbürgermeister von Tübingen.

Die Teilnehmerzahlen der Deutschkurse haben sich verdoppelt

Zehntausend Kilometer von Japan entfernt, in Spanien, wollen die widerspenstigen Silben Montserrats Mund nicht verlassen.

»Auf-sass-gungs...«

Es ist später Nachmittag, siebzehn Uhr dreißig, wie man in Deutschland sagen würde. Eine Klimaanlage vertreibt den spanischen Spätsommer aus Raum 309 – »Schwäbisch Hall« – des Goethe-Instituts in Barcelona. Acht Schüler haben den achttägigen Spezialkurs »Erfolgreich bei Bewerbung und Vorstellungsgespräch« belegt – ein Italiener, ein Grieche und sechs Spanier, deren Deutschkenntnisse man in einem Lebenslauf schon jetzt als »sehr gut bis gut« bezeichnen würde. Unter ihnen Montserrat, die einen neuen Anlauf nimmt.

»Auf-fass-gun...«

Am vierten Tag des Kurses geht es um Begriffe aus deutschen Stellenanzeigen: »Aufgabengebiet«, »Verantwortungsbewusstsein«, »betriebliche Altersvorsorge«. Zungenbrecher, wie sie nur Deutsche ersinnen können. Ein Beamer wirft Montserrats Lebenslauf an die Wand: Studium der Pharmazie in Barcelona, Praktikum, Praktikum, Anstellung als Projektmanagerin, derzeit arbeitssuchend. Montserrat kneift die Augen zusammen, konzentriert sich, holt Luft. Dann endlich findet das Wort den Weg über ihre Lippen: »Auffassungsgabe!«

Montserrat, die nur ihren Vornamen nennen möchte, wird bald 30. Ihr größter Wunsch ist, endlich eine feste Arbeit zu haben – in einer Apotheke, in einem Pharmakonzern, irgendwas, irgendwo. Sie hofft, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis sie ihre Unterlagen fehlerfrei nach Deutschland schicken kann.

Arbeitslose unter 25 Jahre© ZEIT-Grafik

Wie Montserrat hoffen viele. Die Teilnehmerzahlen der Deutschkurse haben sich seit 2008 mehr als verdoppelt, sagt Marion Haase, die Direktorin des Goethe-Instituts in Barcelona. Ähnliches berichten ihre Kollegen aus Madrid, Lissabon, Athen und Budapest. Als der CDU-Fraktions-Vize Michael Fuchs Anfang Februar 2011 in einem Interview erwähnte, Deutschland brauche Fachkräfte , auch aus dem Ausland, war das den meisten deutschen Zeitungen nur eine Meldung wert. In Spanien, wo die Arbeitslosenquote gerade die 20-Prozent-Marke überschritt, schlug sie ein wie ein epochales Versprechen: Bei den Goethe-Instituten im Land klingelten die Telefone ununterbrochen. Arbeitslose erkundigten sich nach Spezialkursen für ihre Berufsfelder. Radiosender befragten Sachverständige, wie lange es wohl dauere, fließend Deutsch zu sprechen. Der Bürgermeister des südspanischen Dorfes Espera spendierte seinen Arbeitslosen kostenlose Sprachkurse. Und in Barcelona standen am Empfang des Instituts plötzlich die Menschen Schlange.

Selbst im traditionell flauen Oktober werden in diesem Jahr anstelle der gewohnten drei Anfängerkurse sieben stattfinden. Zu Stoßzeiten hält das Institut inzwischen 75 Veranstaltungen pro Tag ab. Die meisten Interessenten sind gut ausgebildete Akademiker: Architekten, Chemiker, Juristen, IT-Fachleute. Es sind vor allem die Jungen, die aus unterbezahlten Jobs in Callcentern fliehen wollen, aus Monatsverträgen und einem Leben im Dauerpraktikum.

Montserrat und ihren Mitschülern kann es nicht schnell genug gehen, die sperrigen Silben aneinanderzufügen – Alemania lockt. Nur Joaquín Ramis weiß, dass es lange dauert, in dieser eckigen Sprache heimisch zu werden. Er ist mit 50 Jahren der älteste Teilnehmer des Kurses; die deutsche Sprache begleitet ihn seit fast einem halben Jahrhundert.

»Märklin«, sagt er leise und lächelt, während er nach Kursende sein Auto durch Barcelona steuert. Das sei es, was ihm am meisten gefallen habe, als er als Schüler zum ersten Mal zu Besuch in Essen war: »Die Modelleisenbahnen, so perfekt.« Sein Lehrer hat ihm gesagt, dass es nicht üblich ist, den eigenen Namen ins Deutsche zu übersetzen. Aber Joaquín möchte, dass man ihn Joachim nennt.

Der spanische Joachim hat in Barcelona die deutsche Grundschule besucht und später Tiefbauingenieurwesen studiert. Er hat in Südamerika und auf den Kanarischen Inseln gearbeitet. Das Ingenieurbüro, das ihn meistens beauftragt, war am Bau des Torre Agbar beteiligt: ein zäpfchenförmiges Hochhaus, das neue Wahrzeichen Barcelonas. Joaquín Ramis ist Vater zweier Kinder. Als Selbstständiger findet er zwar immer noch Arbeit, aber sein Ingenieurbüro hatte vor vier Jahren 120 Mitarbeiter. Heute sind es noch 55. Die Baubranche gehört zu den größten Verlierern der Krise.

Wenn Joaquín Ramis morgens das Haus verlässt, trägt er Anzug und Krawatte. Ob er den Kurs aus Zukunftsangst besuche? »Wir bekommen heute in drei Monaten so viele Aufträge wie früher in drei Wochen«, sagt er. »Wenn man das als prophylaktische Maßnahme bezeichnen will: bitte!« Joaquín will vorbereitet sein. Sicherheitshalber, sagt er. Deshalb habe er Plan D entwickelt. D wie Deutschland.

Während die anderen feierten, produzierte Deutschland Dübel

Seiner Frau konnte er das neu erwachte Interesse an der deutschen Sprache nicht verheimlichen. Dennoch meidet er zu Hause das Thema. »Ich kann ihr einfach nicht sagen, wie grausam die Zukunft in Spanien werden kann.« Dass der Boden unter ihren Füßen womöglich eines Tages nicht mehr nur schwankt, sondern verschwindet.

Im vergangenen Herbst hat Joaquín Ramis für seine Familie schon einmal einen Kurzurlaub in Deutschland gebucht, auf dem Oktoberfest waren sie. Die Lebensfreude der Deutschen habe seinen Kindern gefallen, sagt er. Der Rest habe sie eher kaltgelassen, vor allem das Essen. Er lächelt. »Aber vielleicht habe ich es mit der vielen Wurst und dem Leberkäse auch übertrieben.«

Es ist Ende August, als Juan Gómez, Deutschland-Korrespondent der spanischen Zeitung El País, in seinem Büro gegenüber dem Berliner Kanzleramt sitzt und etwas gequält sagt: »Seit zwei Jahren muss ich meinen Landsleuten Deutschland erklären.« Im November wird Spanien eine neue Regierung wählen, im Wahlkampf überbieten sich die Spitzenkandidaten gegenseitig mit der Ankündigung, deutsche Rezepte auf ihr Land übertragen zu wollen. Andauernd hören die Spanier sperrige Wörter wie »Schuldenbremse«, »Duales Ausbildungssystem« und »Zwei-Stimmen-Wahlrecht«. Jedes Mal erreicht Juan Gómez dann ein Anruf aus Madrid: Er soll seinen Lesern übersetzen, was es damit auf sich hat.

Seit Monaten, stöhnt Gómez, schreibe er nur noch Wirtschaftsgeschichten: »Was sagt die Bundesbank?«, »Was sagt Schäuble?«, »Was will Merkel?«. Die deutsche Bundeskanzlerin sei jetzt die Herrscherin Europas. »Alles, was ein deutscher Politiker sagt, wird ausgelegt, als wäre es ein Satz aus der Bibel«, sagt Gómez.

Wolle man die Regierung kritisieren, müsse man nur einwerfen: Merkel meint, Merkel macht. Gómez grinst. »Merkel ist die Peitsche, mit der man in Deutschlands Nachbarländern die Regierung vor sich hertreibt.« Und es funktioniere: Erst vor Kurzem wurden die öffentlichen Ausgaben drastisch zusammengestrichen, der Kündigungsschutz wurde auf deutschen Druck hin gelockert. Und zurzeit diskutiert Spanien eine Verfassungsänderung – damit man eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild installieren kann.

Was Juan Gómez’ Landsleuten schon fast wie ein Naturgesetz erscheint – Deutschland gibt den Ton an –, sickert hierzulande erst langsam ins Bewusstsein. Noch 2002 brandmarkte das Magazin Economist Deutschland als den »kranken Mann Europas« – ökonomisch taumelnd und »unsicher, was seinen Platz in der Welt betrifft«. Jahrelang hörten die Deutschen, ihr Land stehe am Abgrund. Reformunfähig seien sie, ein Volk von Anspruchsvollen und Verzagten. Keine Talkshow verging, in der nicht das deutsche Sozialsystem gegeißelt wurde, der Staat als solcher, keine Sonntagsrede, in der nicht irgendein »Ruck« gefordert wurde.

Ernst Burgbacher, der Mittelstandsbeauftragte im Wirtschaftsministerium, klingt erleichtert, wenn er sagt: »Wir haben die Fehler der anderen nicht mitgemacht. Wir haben uns nicht deindustrialisiert.«

Anteil armutsgefährdeter Personen in Prozent© ZEIT-Grafik

Vielleicht war das, was einige Verzagtheit nennen und andere Vorsicht, das größte Kapital der Deutschen: Während die anderen auf Pump Häuser bauten und eine große Finanzparty feierten, produzierten die Deutschen immer noch Schrauben und Dübel und legten ihr Geld aufs Sparbuch. Sie übten Lohnverzicht – auch wenn die Franzosen über deutsches Lohndumping schimpften. Sie gingen auf Kurzarbeit, verdienten gemeinsam weniger, damit niemand seinen Job verlor – auch wenn die Amerikaner das Kommunismus nannten. Und sie nahmen es hin, dass ihre Regierung sparte – auch zu dem Preis, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich öffnete.

Im Jahr 2010, nicht einmal zehn Jahre nach dem vernichtenden Urteil des Economist, ist Deutschland beim weltweiten Ranking des World Economic Forum auf den fünften Platz der besten Wirtschaftsstandorte vorgerückt, hinter der Schweiz, Schweden, Singapur und den USA. Die Auftragsbücher der meisten Firmen sind voll: in kleinen und mittleren Betrieben, in der Gesundheitsbranche, im Tourismus, in der Autoindustrie. Im Jahr 2011, prognostiziert der Bundesverband der Deutschen Industrie, werden die deutschen Exporte erstmals die Marke von einer Billion Euro überschreiten .

Wenn der Mittelstandsbeauftragte Burgbacher nach Kairo und Tunis reist, nach London und Paris, dann wird er bedrängt mit Fragen. Warum hat euch die Krise weniger erwischt als uns? Vor allem aber: Wie erhaltet ihr diese Unternehmen?

In Frankreich ist le Mittelstand inzwischen ein fester Begriff wie le Blitzkrieg, neidisch schaut man auf die Produktivität des Nachbarn. Die Zeitungen rühmen die deutsche Kompromisskultur und Sozialpartnerschaft. Die Chinesen nennen Deutschland Deguo, »Land der Tugend«, und im August forderte die New York Times: »Die Vereinigten Staaten und Westeuropa retteten einst Deutschland.« Es sei an der Zeit, dass Deutschland sich revanchiere, »nicht nur mit Geld, sondern mit Ideen«.

Flogen früher Pädagogen aus aller Welt nach Finnland, um von den Seriensiegern der Pisa-Studien das Lehren zu lernen, reisen mittlerweile finnische Delegationen nach Deutschland, um das Duale Ausbildungssystem zu studieren, dieses Nebeneinander von Lehre und Berufsschule. Es kommen Chinesen, Koreaner, Russen, Iren, Kuwaiter, sogar Aserbajdschaner. Das Bildungsministerium verteilt Broschüren mit dem Titel Exportartikel Weiterbildung, darin die Nachricht, dass Deutschland schon jetzt »weltweit nach den USA und Großbritannien« die meisten ausländischen Studierenden an seinen Hochschulen zu Gast habe.

"In Deutschland geht es nicht um Überleben, sondern gutes Leben"

Brasilien will in den nächsten drei Jahren 10.000 Stipendiaten schicken. Die Zahl der israelischen Studenten in Berlin hat sich mehr als verdoppelt. Und in den Restaurants der Hauptstadt sprechen die Kellner ihre Gäste immer öfter gleich auf Englisch an. Der mexikanische Architekt Jair Laiter, der lange in New York arbeitete und jetzt in Berlin lebt, behauptet sogar: »Deutschland ist das, was früher einmal die Vereinigten Staaten waren: offen für alle und ein Ort, an dem man sich verwirklichen kann.« Soeben hat der in Peking bedrängte chinesische Künstler Ai Weiwei angekündigt, sein Atelier nach Berlin zu verlegen. Und es ist gerade einmal drei Jahre her, dass Laura Lucchini sich auf den Weg nach Deutschland machte.

Lucchini ist Mitte 30. Sie hat in Buenos Aires und Madrid studiert, nach Berlin kam sie, »weil es für meine Generation einfach keinen Platz in Italien gibt«.

Italien habe sich zu einer Gerontokratie entwickelt, sagt Lucchini, in allen wichtigen Bereichen herrschten Männer über 60. Das letzte Sparpaket der Regierung strich vor allem Leistungen für Frauen und Kinder. »Wir Frauen kommen in der öffentlichen Wahrnehmung nur als Wetteransagerinnen und Berlusconi-Miezen vor, im Parlament sitzen ehemalige Nachtklub-Tänzerinnen. Es ist kein Klima, in dem ich als Frau leben will.«

Lucchini hat eine italienische Freundin, die in Hamburg als Werbetexterin arbeitet, eine andere ist bei Siemens in München, wieder andere machen als Immobilienmaklerin oder Brillendesignerin in Deutschland Karriere. Rund 42.000 Abiturienten verließen Italien 2009, um woanders ihr Glück zu finden. In Italien, sagt Lucchini, lebten die jungen Leute im Schnitt bis zum 33. Lebensjahr bei ihren Eltern, die Hoffnung auf feste Arbeitsverträge hätten die meisten aufgegeben. Auch gut ausgebildete Frauen richten sich wieder bei Mama und Papa ein – mit einem einzigen Ziel: zu heiraten.

Laura Lucchini ist im neunten Monat schwanger. Mit ihrem italienischen Freund, einem Architekten, möchte sie ihr Kind in Berlin großziehen. »Hier ist der einzige Ort, an dem ich mir das vorstellen kann«, sagt sie. »In Berlin kann ich spätnachts noch U-Bahn fahren – und wenn ich meine Tasche im Café liegen lasse, bekomme ich sie am nächsten Tag zurück.« Kaum zu glauben, dass sie dieselbe Stadt meint, die die CDU im Wahlkampf gerade erst »Hauptstadt der Gewalt« nannte.

Deutschland gebe ihr ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit, sagt Lucchini. Ein Land, in dem der oberste Repräsentant des Staates sage, der Islam gehöre zu Deutschland. Ein Land, in dem Thilo Sarrazin zwar mehr als eine halbe Million Bücher verkauft hat, aber in dem es – bislang – keine rechtspopulistische Partei geschafft habe, den politischen Diskurs zu bestimmen. Ein Land, sagt Lucchini, wo einer dem anderen zuhöre.

Als Lucchini das erste Mal nach Berlin kam, wunderte sie sich über die vollen Cafés, in denen die Menschen bis mittags frühstückten, über die Freundlichkeit, mit der man ihr begegnete, die Frauen auf der Straße, die sich nicht mit Geld, sondern mit Stil einkleideten. Sie war in einer Stadt gelandet, die einen innerstädtischen Strand zu ihrem Markenzeichen gemacht hat, fest zum Müßiggang entschlossen.

Wenn man Laura Lucchini fragt, was dieses Land zu ihrem Sehnsuchtsort gemacht hat, ringt sie mit den harten deutschen Worten. Es sei »die soziale Balance«, sagt sie dann. »Das Gefühl, dass es hier nicht nur um Arbeit geht, ums Überleben. Sondern um ein gutes Leben.« Hört man Lucchini zwei Stunden zu, glaubt man für einen Moment, die Welt habe sich auf den Kopf gestellt – das, was die Deutschen früher in der Toskana suchten, findet eine Italienerin heute an der Spree: la dolce vita. Das süße Leben.

Es war im Sommer 2006, als auch den Deutschen selbst klar wurde, dass sich in ihrem Land etwas verändert hatte. Während der Fußballweltmeisterschaft trugen die Fernsehkameras vier Wochen lang irritierende Bilder in deutsche Wohnzimmer und in die Welt hinaus: Die Nationalelf spielte nicht berechnend, sondern beherzt, und ihre Anhänger feierten noch beherzter. Deutsche Polizisten ließen sich von ausländischen Fans Elchgeweihe aus Plüsch aufsetzen. Ein sorgloser Gastgeber verstolperte das Halbfinale, aber gewann neue Freunde.

Die Welt staunt seitdem über ein Land, das als so verbissen galt und auf einmal lässig sein kann. Ein Land, das eine Frau zur Kanzlerin wählt, einen schwulen Außenminister hat und einen Finanzminister im Rollstuhl. Ganz Europa verliebt sich einen Abend lang in einen englisch radebrechenden Teenager namens Lena. Die Deutsche Charlotte Roche schreibt einen exhibitionistischen Bestseller, der eigentlich von einer Französin stammen müsste. Leser in Amerika, England und Israel machen einen mehr als 60 Jahre alten Widerstandsroman zum Welterfolg: Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein. Neosurrealistische Bilder von Malern aus Leipzig erzielen Höchstpreise auf internationalen Auktionen. Und im verregneten Sommer 2011, meldet die Tourismuszentrale, war Deutschland hinter Spanien das beliebteste Reiseziel Europas, vor Frankreich und Italien.

Stefan Behnisch braucht eine Viertelstunde Anlauf, eine Viertelstunde voller Einschränkungen und Abwägungen, bis er in seinem Stuttgarter Großraumbüro das Wort »Avantgarde« in den Mund nimmt. »Noch vor ein paar Jahren«, sagt er, »folgte im Ausland auf meine Einleitung ›Ich komme aus Deutschland‹ immer der Holocaust. Jetzt staunen alle über die geglückte Vereinigung, den Erfindergeist und das weltweit erste grün regierte Bundesland, aus dem ich komme. Immer öfter werde ich als Vertreter einer Avantgarde empfangen.«

Behnisch ist Architekt, er trägt einen berühmten Namen. Sein Vater Günter hat die alte Bundesrepublik neu möbliert, mit Bauten wie dem schwebend leichten Münchner Olympiastadion und dem gläsernen Bundestag in Bonn. Stefan, der Sohn – ein Waldorfschüler und Philosophiestudent, aufgewachsen in den sechziger Jahren, in denen sich der Planet den Grenzen des Wachstums näherte –, wird auf der ganzen Welt für seine nachhaltigen Ökobauten bewundert.

Avantgarde, Erfindergeist, Zukunftslust - auch das sind Verdienste der 68er

Es ist jetzt gut sieben Jahre her, dass Behnisch der amerikanischen Biotech-Firma Genzyme ein neues Hauptquartier baute, einen luftigen Glaswürfel mitten auf einer Industriebrache bei Boston: Auf dem Dach blitzen Spiegel, die das Sonnenlicht in alle Winkel des Gebäudes leiten, im Inneren streicht der Wind durch Bäume, die Heizung wird mit der Abwärme eines Kraftwerks betrieben – und die Fenster öffnen sich, sobald die Luft verbraucht ist, von selbst.

Fünf Jahre lang wurde in amerikanischen Medien über keinen Neubau häufiger berichtet als über dieses seltsame Haus eines Deutschen, in dem die Angestellten seltener krank werden als in den Bürotürmen ringsum. Noch heute recken Schaulustige vor der Kendall Street 500 die Hälse. Behnisch hat jetzt Aufträge in Berkeley und Baltimore, in Harvard und Santa Monica, er gehört zu einer Riege deutscher Architekten, die mit einem neuen Anspruch von sich reden machen – Baumeister mit selbst erteiltem Erziehungsauftrag, die die Zukunft lebenswert machen wollen: Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven plant die neue Google-Zentrale in Kalifornien, laut Konzern »das nachhaltigste Gebäude, das überhaupt möglich ist«. Das Büro Sauerbruch Hutton aus Berlin hat ein CO₂-neutrales Stadtquartier für Helsinki entworfen. Und das Energiekonzept für die klimaneutrale Zukunftsstadt Masdar in der Wüste Abu Dhabis haben Ingenieure der Stuttgarter Firma Transsolar ersonnen.

Installierte Leistung aus Windkraftanlagen, in Megawatt.© ZEIT-Grafik

»Da kommen wohl deutscher Ingenieurgeist und deutsche Romantik zusammen«, sagt Behnisch mit einem Lächeln. Auch der Hang zum Zweifel, findet er, könne ein Motor des Fortschritts sein. Dieser teutonische Ernst, »der Wille, es genau wissen zu wollen, der gut ist, solange er nicht ins Oberlehrerhafte kippt« – und plötzlich baut der Architekt ein Haus aus Gründen, schichtet Argument auf Argument: die German angst, die auch vor Fehlern schütze. Die German zuversicht, seit die Einheit gelungen sei. Und die Regierung Schröder, die Deutschland einen »funktionierenden Sozialstaat« hinterlassen habe, »trotz oder wegen der Agenda 2010«. Das will Behnisch, ein Linker, dann noch festhalten: Der draufgängerische Gerhard Schröder habe »mit seiner Bereitschaft, etwas zu wagen«, den Reformwillen der Deutschen geweckt, ihre Zukunftslust.

Avantgarde, Erfindergeist, Zukunftslust: Aus Behnischs Worten spricht fast so etwas wie Stolz. Kein nationalistischer Stolz, sondern helle Freude an einem Land, in dem keine Protztürme geplant werden, sondern Städte, die mit Ökostrom auskommen, in dem Homosexuelle aufs Standesamt und Väter in Elternzeit gehen, in dem es fast so viele Bürgerinitiativen wie Vereine gibt. Ein Land, das den Idealen aus Behnischs Jugend näher gekommen ist.

In diesen Tagen, in denen Europa um seine Zukunft ringt, ist Daniel Cohn-Bendit nur per Handy zu erreichen. Gerade sei er in Frankfurt, sagt diese bekannt knarzige Stimme am Telefon, nächsten Montag in Paris, Dienstag in Brüssel, dann in Ramallah und Tel Aviv. Er muss immer noch die Welt retten, wenigstens verbessern, dieser Daniel Cohn-Bendit, Sohn einer Französin und eines Deutschen, Dolmetscher Jean-Paul Sartres, Sponti-Kollege Joschka Fischers, gealterter Alt-68er, Europaparlamentarier der Grünen und vom Wesen her nach wie vor ein Oppositioneller, auch mit 66 Jahren.

Cohn-Bendit weiß nichts vom Jutetaschen-Export des Japaners Tomoyuki Takada, nichts von der schwangeren Italienerin Laura Lucchini in Berlin, nichts von den Umzugsplänen des Ingenieurs Joaquín Ramis in Barcelona. Dennoch fasst er all ihre Eindrücke zusammen, als er sagt: »In Deutschland kann man leichter sein Leben führen.« Seine Freunde in Frankreich könnten nicht begreifen, »wie die Deutschen es schaffen, modern zu sein und trotzdem konservativ zu bleiben. Die glotzen mit großen Augen und versuchen zu verstehen: Wie geht die erhaltende Grundstimmung der deutschen Psyche zusammen mit dem Kampf gegen gesellschaftliche Verkrustungen?«

Cohn-Bendit wäre kein Politiker, wenn seine Antwort auf diese selbst gestellte Frage nicht zu seinen Gunsten ausfiele: Es waren die 68er und in ihrer Folge die Grünen, die das Land ausgelüftet haben. »Kein Volk war so sehr dazu gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, wie die Deutschen. Und das fing an mit den Bewegungen in den sechziger Jahren.« Deshalb sei Deutschland heute ein reifes Land, zivilisierter als viele andere, weniger autoritär, weniger paternalistisch, mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen und einer guten Debattenkultur.

Cohn-Bendits Lob ist voller Selbstlob. Und doch ist es bemerkenswert, wenn dieses Kind jüdischer Eltern, die 1933 vor den Nazis nach Frankreich flohen, stolz wie ein Staatsgründer über Deutschland spricht.

Über München geht ein dichter Nieselregen nieder, als in der Salvatorkirche im Stadtzentrum die griechisch-orthodoxe Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt: alte Frauen in Röcken und Strickjacken, Männer in Lederblousons, junge Mütter mit Kinderwagen. Die Alten küssen die Ikonen. Am Altar singt ein melancholischer Männerchor, unterstützt von Pater Petros, einem schmalen jungen Mann in goldbesticktem Ornat.

Zwei Stunden lang singt, betet, kniet die Gemeinde mit entrückten Gesichtern. Wie aus der Welt gefallen wirkt die kleine Kirche in Münchens Mitte, zwischen all den Wohlstandstempeln: Baldessarini, Schumann’s und Ligne Roset.

»Etwas ist verrutscht zwischen dem Drinnen und Draußen, zwischen Griechen und Deutschen«, sagt der Pater nach der Messe. Immer öfter sitzen morgens junge Männer in den Bänken, ohne Geld, ohne Arbeit, nur mit einer Reisetasche. »Pater, ich habe ein Problem« sei ihr erster Satz, gesprochen voll Scham, oft aus dem Dunkel des Chorgestühls. Es sind Europas neue Wirtschaftsflüchtlinge. Pater Petros vermittelt die Männer zur Heilsarmee oder fragt nach der Messe: Hat jemand einen Job? Hat jemand ein Zimmer frei? Doch immer öfter fragt seine Gemeinde ihn dasselbe.

Mit rund 20.000 Menschen hat München die größte griechische Gemeinde Deutschlands. Die Salvatorkirche ist zu einer Schleuse zwischen zwei Ländern geworden. Manchmal, sagt der Pater, riefen die Gestrandeten ihn vom Bahnhof aus an. Schon Wochen zuvor seien sie aus Griechenland gekommen, hätten auf Baustellen oder in Biergärten gearbeitet, in Hinterzimmern geschlafen – und seien verjagt worden, als es Zeit war für den ersten Lohn. »Das sind die Geschichten, die sie mir erzählen«, sagt Pater Petros, »und ich glaube ihnen.«

Die neue deutsche Dominanz ist einigen unheimlich

Dieser Nachsatz ist ihm wichtig. Denn zwischen dem Drinnen und dem Draußen steht längst das Misstrauen, wie Gift ist es aus den Nachrichten in den Alltag gesickert. Das griechische Boulevardblatt Eleftheros Typos montierte der Viktoria auf der Berliner Siegessäule ein Hakenkreuz in die Hand. Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen, revanchierte sich die Bild-Zeitung vergangenen Herbst.

Seit einigen Monaten predigt Pater Petros »gegen das aufkommende Ressentiment«, wie er es nennt. Gerade hat der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger vorgeschlagen, die Flaggen verschuldeter Staaten vor EU-Gebäuden auf halbmast zu ziehen. Im Fernsehen hört Pater Petros die deutschen Politiker über die Griechen wie über dumme Kinder reden. Immer öfter scheint dieses mächtige Reich sich Strafen für die anderen Europäer auszudenken, noch strengere Regeln zum Abbau der Schulden.

Nein, das gelobte Land wird nicht geliebt in Pater Petros’ Kirche. Die Frauen, die nach dem Gottesdienst zusammenstehen – Helena, Despina und Panagiota –, haben jahrzehntelang bei Siemens geputzt, waren Sattlerinnen bei BMW. Jetzt schimpfen sie: »Ich werde krank, wenn ich höre, dass ich faul sein soll!« – »Wer hat denn die Demokratie erfunden?!« Keine Woche vergeht, in der nicht das von den Nazis »gestohlene griechische Gold« in griechischen Zeitungen thematisiert wird. Würde Deutschland seine Kriegsschuld endlich begleichen, behaupten Kommentatoren, wäre Griechenland längst gerettet. Jede Meldung, dass es Deutschland gut geht, dient als Erklärung, warum es mit den Griechen bergab geht.

Pater Petros ist Sohn einer Griechin und eines Deutschen; ein Kind Europas, wie die Politiker es sich wünschen. Ein Kind aus zuversichtlichen Zeiten, ein Orthodoxer, der Bayerisch spricht – und der jetzt gegen die Entfremdung predigt, von der er selbst nicht frei ist. Auch Pater Petros sucht inzwischen nach Unterschieden. Er sagt: »In Nordeuropa mussten die Menschen immer eine Vorratswirtschaft betreiben. Die Ernte einholen, bevor der Winter kommt. Vorausdenken. Aus Fehlern lernen. Dieser Optimierungswille – das ist typisch deutsch. Die Griechen hingegen konnten philosophieren, der Wein wuchs trotzdem. Das Erste geht auf Kosten der Kultur, das Zweite auf Kosten der Sicherheit, will ich meinen.«

Es ist eine knappe Theorie, das weiß auch der Pater. Eine Theorie, die Kleptokratie und Korruption nicht einrechnet. Aber er ist nun mal Pfarrer und kein Ökonom. »Ich meine«, sagt der Pater, »wenn die Strebsamen vorne sind und die Philosophierer hinten, dann sagt das auch etwas über das System aus, in dem wir leben.«

Die größten Exportländer© ZEIT-Grafik

Ein Riss geht durch den Kontinent. Christine Lagarde, die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds, mahnte Deutschland, seine Exporte zu drosseln. Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown kritisierte im Handelsblatt, dass »deutsche Banken die Getränke spendiert haben, wo immer eine Party stattfand«. Jetzt aber weigere sich die Bundesregierung, die Konsequenzen zu tragen und gemeinsamen Euro-Anleihen zuzustimmen. Und die Londoner Daily Mail ätzt: »Wo Hitler bei der Eroberung Europas mit militärischen Mitteln versagte, haben die modernen Deutschen mit Handel und Finanzdisziplin Erfolg. Willkommen im Vierten Reich!«

Immer lauter werden die Stimmen, denen die neue deutsche Dominanz unheimlich ist. Deutschland soll die Führung übernehmen, aber sich nicht zu sehr einmischen. Deutschland muss Konsequenz zeigen, darf aber kein anderes Land unter Druck setzen. Es ist vertrackt: Deutschland soll, Deutschland soll nicht. Wie macht man das: führen, aber nicht dominieren? Der Stärkste sein, aber kein Hegemon?

Was werden die Deutschen tun, wenn die Krise noch mehr Geld verschlingt? Wenn ihr Wohlstand zu schmelzen beginnt?

Täglich erreichen die Bürger neue Schreckensbotschaften über den Euro, Nachrichten von den eigenen Schulden und von Schulden anderer, die sie womöglich auch noch bezahlen müssen. Mit 400 Milliarden Euro, meldet die Deutsche Bank, müsste Deutschland im Extremfall für die Euro-Rettung haften – das ist fünfmal so viel, wie die Regierung im Jahr 2012 für alle Renten ausgeben wird. Vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin machte die FDP plötzlich Stimmung und beklebte ihre Plakate mit dem Zusatz: »Berlin darf nicht die Euro-Zeche zahlen.«

Und doch – nicht einmal zwei Prozent wählten die FDP.

Einen Tag nach der Wahl meldete das Institut für Demoskopie Allensbach: Die Deutschen sind so glücklich wie seit zehn Jahren nicht mehr. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren sei die allgemeine Zufriedenheit deutlich angestiegen. Ihr Glück beruhe nicht nur auf Geld, sondern auch auf Gesundheit und Geselligkeit.

Deutschland ist ein glückliches Land, das sein Glück jetzt auch begriffen hat. Das kann kleinherzig machen. Oder großzügig stimmen. Jedenfalls ist es typisch deutsch, sich darüber sofort wieder den Kopf zu zerbrechen.

"In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht", sagt Eldar Farber

»Mir gefällt es, in einem Land mit unsicherer Identität zu leben«, sagt der Maler Eldar Farber . »Es ist gerade das Undeutliche und Unfertige an den heutigen Deutschen, das mich anzieht.«

Es ist fast sechs Jahre her, dass Farber, ein Israeli, im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück vor einem mächtigen Baum stand und ihm eine Frage durch den Kopf ging: »Kennt dieser Baum meinen Vater?«

In Israel war Farber damals schon ein gefeierter Landschaftsmaler. Er war 35, es war sein erster Besuch in Deutschland, lange hinausgeschoben. Seine Eltern hatten den Holocaust überlebt, der Vater war Häftling in Ravensbrück gewesen.

Farber postierte seine Staffelei zwischen den Lagerbaracken. Über den weiten uckermärkischen Himmel trieben Wolken. Wie malt man einen Ort, von dem man am Kinderbett schreckliche Dinge hörte?

Farber ging mit Ravensbrück um, als wäre es ein Motiv wie jedes andere. Es gibt kein Zeichen des Schreckens auf seinem Bild, kein Drama, nur die Wolken, hell über der öden Hoffläche. Ein schöner, stiller Sommertag in Deutschland: Farbers Bild ist das Dokument einer bestandenen Mutprobe. Er hatte sich nicht überwältigen lassen. Er konnte jetzt anfangen, Deutschland zu mögen.

Als Farber zum ersten Mal nach Deutschland kam, hatte er eine schwer fassbare Angst vor diesem Land, das in seiner Vorstellung immer schwarz-weiß gewesen war, wie auf den Fotos seiner Eltern. Als er vom Flughafen aus stadteinwärts fuhr, erwischte er sich bei dem Gedanken, dass das Licht an einem Berliner Sommerabend wunderschön ist: »In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht. Hier in Deutschland sind sogar in den dunklen Tönen unzählige Nuancen zu erkennen.«

Sommer für Sommer, wenn die gnadenlose Sonne das Arbeiten in Tel Aviv unmöglich macht, verbringt Farber seitdem im »sanften Berliner Licht«. Er ist einer von rund 3000 Israelis, die sich in Berlin niedergelassen haben. In seinem Atelier in Prenzlauer Berg steht ein neues Bild, eine smaragdgrün schillernde Waldszene aus dem Berliner Tiergarten. Seit seinen Kindertagen in Tel Aviv habe er Sehnsucht nach dem deutschen Wald gehabt, sagt Farber. In Israel gibt es keine Wälder. Farber glaubt, dass ihm das Bildgedächtnis seiner Eltern vererbt worden sei.

»Ich fühle mich bei den Deutschen auf eine verrückte und zugleich natürliche Art wohl«, sagt Farber. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage: Ich liebe die Ordnung hier, und dass sich die Leute an Regeln halten.« Farber rührt die Beklommenheit neuer Bekannter, wenn sie erfahren, dass seine Eltern KZ-Häftlinge waren. Offenbar ist es inzwischen leicht, in Deutschland zu leben – aber immer noch schwer, ein Deutscher zu sein. Diesen Vorbehalt der Menschen hier gegen sich selbst bewundert Eldar Farber am meisten. »Die Deutschen sind immer noch verstört von ihrer Vergangenheit. Nun müssen sie Kriege führen, den Euro retten, die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Sie sind verwirrt, weil die Lektion des ›Nie wieder!‹ keine Antwort ist auf die neuen Aufgaben.« Israel sei viel zu belagert, um sich so viel Unbestimmtheit leisten zu können, sagt Farber. Und Deutschland? Ist ironischerweise vom Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde geworden.

Farbers Deutsche Landschaften wurden letztes Jahr in Tel Aviv gezeigt. Alle Bilder wurden verkauft, bis auf das Bild aus dem Lager Ravensbrück. Eldar Farber hat es seinem Vater geschenkt. Nun hängt es zu Hause in Tel Aviv. Sein Vater liebt das Bild. Ein großer alter Baum steht in der Mitte, und der Himmel über Ravensbrück ist blau.

Mitarbeit: Angela Köckritz, Hanno Rauterberg, Michael Thumann