Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu präsentieren . »Ihr werdet euch verändern, euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein«, so lautet auch dieses Mal sinngemäß die Verheißung, die man von ihm erwartet. Schließlich war es diese Botschaft, die Zuckerberg noch jedes Mal überbracht hatte, wenn er mit beachtlicher Farblosigkeit und gönnerhaftem Selbstbewusstsein die neuen kommunikativen Räume des Internets vorstellte, die er und seine Firma sich ausgedacht hatten.

Dieses Mal kommt es anders. »Schaut«, so lautet seine veränderte Botschaft im September 2011, »ihr habt euch schon verändert, ich zeige euch nur, was ihr sowieso macht«, Zuckerberg gibt damit die Rolle des Prognostikers auf. Mit »Timeline« tut Facebook dieses Mal nichts anderes, als das in Form zu bringen, was ein großer Teil seiner Mitglieder schon praktiziert: den eigenen Alltag so genau wie möglich virtuell zu dokumentieren, alles abzubilden und zu speichern, was den einzelnen Tag, die Stunde, den Moment ausgemacht hat. Timeline setzt die Idee einer Echtzeitübertragung, einer vollständigen, fortlaufenden Kopie des gelebten Alltags in die virtuelle Sphäre, auf umfassende und leicht zu bedienende Art um. Der Facebook-Chef schafft damit ein nie da gewesenes Lebensarchiv für jede einzelne Person in seinem Netzwerk. Der Prophet wird damit zum Menschen, der Weltveränderer zum schlichten Techniker. Und die Utopie zur Realität: Die Gleichzeitigkeit vom Leben und seinem Abbild im Netz ist möglich.

Timeline soll in den nächsten Wochen und Monaten die bisherige Form des Sozialen Netzwerkes ablöse n. Viel näher noch als bisher soll das Virtuelle dadurch an den analogen Menschen rücken. Noch viel näher, das bedeutet: in Direktübertragung. Nicht mehr Minute für Minute und nur dann, wenn der User es will, soll das Leben des Einzelnen künftig übertragen werden. Sondern ständig, laufend, fließend, im Live-Stream. Das Profil, so wie es jetzt ist, muss kaum verändert, es muss nur ergänzt werden, um das eigene Leben auf den Funkmodus zu erweitern. Für viele User wird dies fast von selbst passieren, zunächst indem Facebook alle Daten, die er bislang online gestellt hat, eigenständig ordnet und das ständige Angebot liefert, diese zu ergänzen.

Nicht das Eintrittsdatum ins Soziale Netzwerk, sondern die Geburt wird nun zum Startpunkt eines jeden Profils. Die Seite des Mitgliedes wird durch einen Zeitstrahl bestimmt, der alles Bisherige chronologisiert. Jeder kleinste Kommentar, jeder Dialog, jede Statusangabe, jedes Bild, jeder veröffentlichte Link, jeder Schnappschuss, jede virtuelle Regung der letzten Jahre übernimmt das Netzwerk und bereitet diese Vergangenheit sogar so auf, dass das vermeintlich Wichtigste in großen Bildern, als »major life event« exponiert ist. Was der Algorithmus als eher trivial errechnet hat, schiebt er an die Seite, wo es allerdings ebenfalls jederzeit abrufbar und für immer gespeichert ist. Nicht mehr Spuren der Existenz werden hier ins Netz gelassen, sondern der gesamte Verlauf des Lebens.

Wo leere Stellen sind, soll der User seine Timeline jederzeit ergänzen können. Fotos der Kindheit, Dokumente wie Schulzeugnisse oder sonstiges Material zu bedeutenden oder unbedeutenden Erlebnissen können eingefügt werden, um das Leben möglichst vollständig abrufbar zu machen. Der Zeitstrahl wird laufend in die Gegenwart verlängert. Das gelingt mithilfe von Applikationen auf dem Smartphone und diversen Internetdiensten. Der Aufenthaltsort des Mitgliedes wird auf den Punkt genau geortet, halb automatisch, halb in Eigenregie durch Informationen, Bilder, Video- und Tonaufnahmen ergänzt. Wer die passende App hat, muss nicht mehr selber schreiben, ob er sich nach rechts, nach links, geradeaus oder gar nicht bewegt, welche Musik er dabei hört, wann er um welchen See joggen war, wie schnell sein Herz in diesem Moment geschlagen hat, ob es geregnet hat oder die Sonne schien. »Freunde« können außerdem sofort interagieren: sich in das vom virtuellen Bekannten gehörte Lied einklicken, dort mithören, wo der andere es gerade hört, den Film an der Stelle mitsehen, an der der andere eben gerade gelacht hat.