Soziales NetzwerkDie Utopie ist da

"Timeline", das neue Angebot von Facebook, macht es möglich: Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen. von 

Mark Zuckerberg präsentiert seine eigene Timeline.

Mark Zuckerberg präsentiert seine eigene Timeline.  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu präsentieren . »Ihr werdet euch verändern, euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein«, so lautet auch dieses Mal sinngemäß die Verheißung, die man von ihm erwartet. Schließlich war es diese Botschaft, die Zuckerberg noch jedes Mal überbracht hatte, wenn er mit beachtlicher Farblosigkeit und gönnerhaftem Selbstbewusstsein die neuen kommunikativen Räume des Internets vorstellte, die er und seine Firma sich ausgedacht hatten.

Dieses Mal kommt es anders. »Schaut«, so lautet seine veränderte Botschaft im September 2011, »ihr habt euch schon verändert, ich zeige euch nur, was ihr sowieso macht«, Zuckerberg gibt damit die Rolle des Prognostikers auf. Mit »Timeline« tut Facebook dieses Mal nichts anderes, als das in Form zu bringen, was ein großer Teil seiner Mitglieder schon praktiziert: den eigenen Alltag so genau wie möglich virtuell zu dokumentieren, alles abzubilden und zu speichern, was den einzelnen Tag, die Stunde, den Moment ausgemacht hat. Timeline setzt die Idee einer Echtzeitübertragung, einer vollständigen, fortlaufenden Kopie des gelebten Alltags in die virtuelle Sphäre, auf umfassende und leicht zu bedienende Art um. Der Facebook-Chef schafft damit ein nie da gewesenes Lebensarchiv für jede einzelne Person in seinem Netzwerk. Der Prophet wird damit zum Menschen, der Weltveränderer zum schlichten Techniker. Und die Utopie zur Realität: Die Gleichzeitigkeit vom Leben und seinem Abbild im Netz ist möglich.

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Timeline soll in den nächsten Wochen und Monaten die bisherige Form des Sozialen Netzwerkes ablöse n. Viel näher noch als bisher soll das Virtuelle dadurch an den analogen Menschen rücken. Noch viel näher, das bedeutet: in Direktübertragung. Nicht mehr Minute für Minute und nur dann, wenn der User es will, soll das Leben des Einzelnen künftig übertragen werden. Sondern ständig, laufend, fließend, im Live-Stream. Das Profil, so wie es jetzt ist, muss kaum verändert, es muss nur ergänzt werden, um das eigene Leben auf den Funkmodus zu erweitern. Für viele User wird dies fast von selbst passieren, zunächst indem Facebook alle Daten, die er bislang online gestellt hat, eigenständig ordnet und das ständige Angebot liefert, diese zu ergänzen.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Nicht das Eintrittsdatum ins Soziale Netzwerk, sondern die Geburt wird nun zum Startpunkt eines jeden Profils. Die Seite des Mitgliedes wird durch einen Zeitstrahl bestimmt, der alles Bisherige chronologisiert. Jeder kleinste Kommentar, jeder Dialog, jede Statusangabe, jedes Bild, jeder veröffentlichte Link, jeder Schnappschuss, jede virtuelle Regung der letzten Jahre übernimmt das Netzwerk und bereitet diese Vergangenheit sogar so auf, dass das vermeintlich Wichtigste in großen Bildern, als »major life event« exponiert ist. Was der Algorithmus als eher trivial errechnet hat, schiebt er an die Seite, wo es allerdings ebenfalls jederzeit abrufbar und für immer gespeichert ist. Nicht mehr Spuren der Existenz werden hier ins Netz gelassen, sondern der gesamte Verlauf des Lebens.

Wo leere Stellen sind, soll der User seine Timeline jederzeit ergänzen können. Fotos der Kindheit, Dokumente wie Schulzeugnisse oder sonstiges Material zu bedeutenden oder unbedeutenden Erlebnissen können eingefügt werden, um das Leben möglichst vollständig abrufbar zu machen. Der Zeitstrahl wird laufend in die Gegenwart verlängert. Das gelingt mithilfe von Applikationen auf dem Smartphone und diversen Internetdiensten. Der Aufenthaltsort des Mitgliedes wird auf den Punkt genau geortet, halb automatisch, halb in Eigenregie durch Informationen, Bilder, Video- und Tonaufnahmen ergänzt. Wer die passende App hat, muss nicht mehr selber schreiben, ob er sich nach rechts, nach links, geradeaus oder gar nicht bewegt, welche Musik er dabei hört, wann er um welchen See joggen war, wie schnell sein Herz in diesem Moment geschlagen hat, ob es geregnet hat oder die Sonne schien. »Freunde« können außerdem sofort interagieren: sich in das vom virtuellen Bekannten gehörte Lied einklicken, dort mithören, wo der andere es gerade hört, den Film an der Stelle mitsehen, an der der andere eben gerade gelacht hat.

Leserkommentare
  1. Jetzt kann man endlich seine Knastvergangenheit der Weltöffentlichkeit präsentieren.

    • linji
    • 28. September 2011 19:09 Uhr

    Was ist, wenn Anti-Social-Network-Aktivisten die Speicher von Timeline "deleten"? Sterben dann auch die User?

    Oder umgekehrt: Stirbt ein User "in echt", lebt er dann auf Timeline weiter?

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    - stimmt's?

    • spalter
    • 28. September 2011 19:36 Uhr

    ...warum irgendjemand diesen Dienst nutzen wollte. Aber ich finde, dass Facebook jetzt schon reine Zeitverschwendung ist, anscheinend bin ich einfach nicht Teil der Zielgruppe.

    Ich bin mal beigetreten im Zuge eines kleinen Klassentreffens 9 Jahre nach dem Abitur, und war erst begeistert, plötzlich die Kontaktmöglichkeit mit den meisten ehemaligen Klassenkameraden zu haben. Diese Kontakte sind aber nach ein, zwei Wochen wieder im Sand verlaufen, und danach gab es auch von Freunden und Bekannten fast nur Nachrichten, wer grad auf dem Klo oder im Rewe einkaufen war, was ihm die Glücksnuss heute sagt oder welcher Harry-Potter-Charakter er ist.

    Dann kamen jeden Tag mindestens fünf Anfragen für die Teilnahme an irgendwelchen dämlichen Spielen, ich weiß nicht wie viele hundert Anwendungen ich schon blockiert hatte, um nicht ständig Mehrfachanfragen zu kriegen.

    Zu allem Überfluss wurde ich dann auch noch ständig namentlich auf Fotos verlinkt, die mich teils in unvorteilhafter Pose nach 10 Bier in T-Shirts fragwürdiger Metalbands zeigten. Ich weiß nicht, ob mein zukünftiger Arbeitgeber das sehen soll (er mag diese Frage anders beantworten als ich).

    Ich habe mein Konto dann irgendwann gelöscht (ich hoffe, damit auch zumindest weitgehend den Inhalt gelöscht - sicher kann man sich da wohl nicht sein), und ich vermisse es wirklich nicht. Für mich ist Facebook völlig überflüssig.

    Freunde habe ich immer noch, so schlimm wars wohl nicht.

  2. Irgendwie wird man als unbeteiligter Beobachter den Eindruck nicht los, dass bezüglich Facebook neben einer Überbewertung an der Börse auch eine gedankliche Blase droht.

    Ein neues Feature einer Internet-Seite, deren Relevanz gen null tendiert wenn die versammelte Internetgemeinde beschließen sollte, dass fortan ein anderes Netzwerk angesagt sei, mit der Spaltung von Atom-Kernen oder Entschlüsselung unseres Erbgutes zu vergleichen ist schon etwas vermessen.

    Wer sein Privatleben nicht offen zugänglich machen möchte, kann immer noch weitestgehend selbst entscheiden was er veröffentlicht oder entsprechende Seiten gänzlich meiden. Sollte es Facebook irgendwann mit seiner Sammlung und Verwertung von Daten übertreiben (was durchaus wahrscheinlich ist) wird sich sicherlich schnell eine Alternative finden. Und die gepeicherten Daten einen dankbaren Abnehmer.

  3. Timline wird Facebook implodieren lassen. Das Netzwerk verbannt sich selbst in die Niche. Es werden sich viel begeisterte finden, aber eben nicht mehr 800 Millionen.

    • Elite7
    • 28. September 2011 19:52 Uhr

    Mir geistert immer nur die eine Frage im Kopf rum: Wen interessiert das alles überhaupt? Wer könnte so sehr an meinem Leben interessiert sein? Meine Eltern? Meine Freundin? Es hat schon seinen Grund, dass es Geheimnisse gibt und nicht jeder alles wissen muss. Ich jedenfalls werde bestimmt nicht diese Timeline mit unnötigen Deteills füllen. Ich hätte mir eher was Praktisches, Nützliches erhofft, wie z.B. einen Facebook-Arbeitsmarkt mit Firmenprofilen, online-Bewerbung und Lebenslauf. Oder ein Facebook-Datingservice oder so was in der Art. Für die Anwender praktisch, für den Konzern gewinnbringend. Aber was das soll...Himmel, ich begreif es nicht.

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    • bubblez
    • 28. September 2011 20:08 Uhr

    Sinn des Ganzen ist, der Werbewirtschaft (und damit der Industrie) möglichst genaue Nutzerprofile zuschustern zu können, damit der "Kunde" mit gezielter Werbung direkt "angefixt" werden kann.

    Das ist ja heute schon so, oder warum glauben Sie, ist Mark Zuckerberg zum Milliardär geworden? Der neue "Dienst" bedeutet vor allem eine Optimierung der Facebook - Geschäftsidee.

    Alles für das kapitalistische Mantra vom unbegrenzten Wachstum.

    • Elite7
    • 29. September 2011 1:02 Uhr

    Das ist ja auch gut so, das respektiere ich. Natürlich will ich als Rockfan keine Werbung für Lenas neues Album sehen. Aber was hat mein Lebenslauf, meine Geschichte damit zu tun? Mal abgesehen davon, dass es einfach keinen interessiert, wann ich auf dem Klo bin, wann ich Krank bin, wann ich in welchem Eiscaffee bin. Ich wüsste nicht, was das nützen sollte in einer TimeLine.
    Persönliche Werbung ist ja schon mal ein Fortschritt gegenüber dem TV und dem Radio, sonst hätte das Internet ja keinerlei Vorteile zu bieten. Aber das ist einfach nur noch krank.

    • bubblez
    • 28. September 2011 20:08 Uhr

    Sinn des Ganzen ist, der Werbewirtschaft (und damit der Industrie) möglichst genaue Nutzerprofile zuschustern zu können, damit der "Kunde" mit gezielter Werbung direkt "angefixt" werden kann.

    Das ist ja heute schon so, oder warum glauben Sie, ist Mark Zuckerberg zum Milliardär geworden? Der neue "Dienst" bedeutet vor allem eine Optimierung der Facebook - Geschäftsidee.

    Alles für das kapitalistische Mantra vom unbegrenzten Wachstum.

    Antwort auf "Das ist pervers"
    • Elite7
    • 29. September 2011 1:02 Uhr

    Das ist ja auch gut so, das respektiere ich. Natürlich will ich als Rockfan keine Werbung für Lenas neues Album sehen. Aber was hat mein Lebenslauf, meine Geschichte damit zu tun? Mal abgesehen davon, dass es einfach keinen interessiert, wann ich auf dem Klo bin, wann ich Krank bin, wann ich in welchem Eiscaffee bin. Ich wüsste nicht, was das nützen sollte in einer TimeLine.
    Persönliche Werbung ist ja schon mal ein Fortschritt gegenüber dem TV und dem Radio, sonst hätte das Internet ja keinerlei Vorteile zu bieten. Aber das ist einfach nur noch krank.

    Antwort auf "Das ist pervers"

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