Alle sind dagegen, dass Adel Massarwa springt. Adel hockt drei Meter über der Theaterbühne auf einer Balustrade, zwei Stunden vor dem Auftritt. Natürlich springt Adel doch, über drei Zuschauerreihen. Krachend landet der schlanke Mann mit seinen schweren Schuhen auf der Bühne. Die Planken sind angeknackst, Adels Fuß ist es auch. Die Aufführung zieht Adel durch, dann erst lässt er sich ins Krankenhaus fahren.

Adel Massarwa ist einer der jungen Schauspieler des Freedom Theatre in Dschenin im Westjordanland, und seinen unbedingten Willen zum Spiel teilen alle. Mit dem Stück Sho Kman?, »Was noch?«, touren die sieben jungen Palästinenser und die Regisseure Nabil al-Raee und Zoe Lafferty bis Ende Oktober durch Deutschland. Es ist die erste Inszenierung nach dem Mord an Theatergründer Juliano Mer-Khamis . Mer-Khamis, Sohn einer israelischen Jüdin und eines palästinensischen Christen, wurde am 4. April 2011 in Dschenin in seinem Auto erschossen, sein einjähriger Sohn und die Kinderfrau überlebten.

Präsent ist Juliano Mer-Khamis immer: Faisal Abu Alhayjaa, fünf Jahre lang Schüler von Mer-Khamis, und die anderen sehen sich ihren »Gott« vor jedem Auftritt auf YouTube an. Sie erinnern sich, wie er sie auf die Bühne trieb: »Weiter! Ihr seid stark!« So halten sie es auch vor der Aufführung im Bremer Kulturzentrum Schlachthof. Währenddessen beobachtet Regisseur al-Raee, an eine Säule gelehnt, das ankommende Publikum und signalisiert mit der Hand sein aufgeregt klopfendes Herz.

Dann geht es los, mit Schüssen aus dem Dunkel und schreienden Menschen, die um ihr Leben rennen. Gekrümmt sinken sie zu Boden, sich schmerzvoll windend, in Angst vor dem Wärter: Adel Massarwa scheucht die Gefangenen, lässt sie Zirkusnummern zeigen und sät Zwietracht unter den Hungernden – indem er sie mit einem angebissenen Apfel reizt. Die Gefangenen stürzen sich darauf, als stehe der Apfel für jedes Hoffnungshäppchen, das im Nahost-Friedensprozess verteilt wird. Später wiederholt sich die Szene mit einem Schlüssel anstelle des Apfels – und sie endet mit dem Tod eines Protagonisten. Die Schauspieler sprechen in Sho Kman? in einer Fantasiesprache, vor allem aber mit ihren Körpern, strotzend vor Kraft und Anspannung. Sie variieren 45 Minuten lang zwei Themen: Unterdrückung und Widerstand.

Das Einfachste wäre, das Stück als Anklage gegen die israelische Besatzung des Westjordanlands seit 1967 zu interpretieren. Man darf vermuten, dass viele Zuschauer dies tun, zumal sie zum frenetischen Schlussapplaus Palästina-Solidaritätsflaggen ausrollen. Gerecht wird man damit weder dem Stück noch dem Engagement des Theaters. Die Szene, in der ein Mann mit Geldkoffer die Bühne betritt, kann man als kritischen Kommentar zur Korruption in den palästinensischen Autonomiegebieten lesen. Für manche Details hätte man sich mehr Informationen gewünscht. So sagte Regisseur Nabil al-Raee anfangs nur, der einzige auf Arabisch gesprochene Teil behandele die Frauenrechte. Es ist Saber Abu Ashreens großer Auftritt als Rapper. Jeder Millimeter seines Körpers ist voller Energie, die Adern an Kopf und Armen treten hervor.

Erst am nächsten Tag wird al-Raee erwähnen, dass Abu Ashreen den Song selbst geschrieben und aufgenommen hat: »Wer bist du, Mann, dass du Frauen kontrollierst? Du behauptest, es geschehe im Namen der Religion, doch dort steht es nicht! Öffne deinen Geist, und gib ihr das Recht, selbst zu wählen!« Nach dem Mord an Juliano Mer-Khamis ist es für das Freedom Theatre noch schwieriger geworden, Familien zu überzeugen, ihren Töchtern den Schauspielunterricht zu erlauben. Obwohl keine Frauen in Sho Kman? mitspielen, sind sie auf der Bühne präsent, symbolisiert durch rote Tücher, erst verlacht, dann verführt, später gedemütigt und mit einem Gürtel verdroschen.