Friedrich HeckerEin Sohn der freien Erde

Im Exil wollte Friedrich Hecker nur Bauer sein. Doch auch in den USA ließ die Politik den deutschen Freiheitshelden nicht los. Ein Porträt zu seinem 200. Geburtstag in zwei Teilen von Alfred Georg Frei

Friedrich Hecker auf einem Fotoporträt aus den 1870er Jahren

Friedrich Hecker auf einem Fotoporträt aus den 1870er Jahren  |  © The State Historical Society of Missouri Research Center-St. Louis

Als Friedrich Hecker am 5. Oktober 1848 in New York von Bord geht, jubeln ihm Tausende von Anhängern zu, Abgesandte der Regierung in Washington und der Stadt New York begrüßen ihn. In großen Versammlungen wird er gefeiert, in New York, Philadelphia, in Baltimore, Cincinnati und St. Louis.

Vor allem für die Deutschamerikaner ist er ein Held. Ihre Spenden ermöglichen ihm und anderen Achtundvierzigern die Flucht in die USA, die große Republik jenseits des Atlantiks. Hecker geht nach Belleville im südlichen Illinois. Der Ort gilt als ein »kleines deutsches Athen, eine Hochburg deutscher Bildung und freiheitlicher Gesinnung«, wie es in einem Buch der Jahrhundertwende heißt.

Doch Hecker will dort nicht bleiben, er will aufs Land, Bauer werden. Mit seinem Heidelberger Studienfreund Gustav Körner, der bereits seit den dreißiger Jahren in Illinois lebt, macht er sich auf die Suche nach einer Farm. Er findet ein verlassenes Anwesen mit Wald und Ackerland in der Nähe des Weilers Lebanon. Es ist billig zu haben. Hecker möchte hier nicht nur Vieh halten und Getreide anbauen, sondern beschließt, auch Winzer zu werden.

Da dringt die Nachricht vom Kampf um die deutsche Verfassung, vom zweiten badischen Aufstand übers Meer. Noch einmal kehrt er nach Europa zurück. Doch er kommt zu spät. Als er im Sommer 1849 den Rhein erreicht, haben Preußens Truppen unter Prinz Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm I., die deutsche Freiheitsflamme schon ausgetreten.

Anzeige

Für Präsident Lincoln zieht er in den Bürgerkrieg

Hecker, wieder in Amerika, wird zum Latin Farmer: zu einem Bauern mit weichen Händen, der hinter dem Pflug seinen Horaz zitiert. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen, die das Gewerbe schnell wieder aufgeben, bleibt er dem neuen Leben treu. Als Winzer gewinnt Hecker Renommee. Noch in späteren Jahren korrespondiert er mit dem badischen Weinbauprofessor Adolph Blankenhorn über Anbaufragen und die Bekämpfung der Reblaus. Dieser bemerkenswerte Briefwechsel wurde erst kürzlich neu veröffentlicht.

Inzwischen hat Hecker seine Frau und die drei Kinder nachgeholt. Der Freiheitsheld aus Deutschland fühlt sich glücklich, wenn er seine »Axt nehmen und Waldland klären kann. Meine Rechnung mit der alten Welt ist abgeschlossen.« Manchen verwundert diese Wandlung. Der spätere amerikanische Innenminister Carl Schurz – auch er ein Achtundvierziger – besucht Hecker 1854. »Als junger Advokat in Mannheim und als Abgeordneter in der legislativen Kammer von Baden hatte er sich durch Eleganz seiner Kleidung ausgezeichnet. Jetzt trug er ein grauwollenes Hemd, lose abgetragene Beinkleider und ein paar alte Teppichpantoffeln«, berichtet Schurz etwas ernüchtert in seinen berühmten Erinnerungen.

Alfred Georg Frei

ist Professor für Kulturgeschichte an der Hochschule Merseburg.

Und doch lässt die Politik Hecker nicht los. Bald gerät er in die Auseinandersetzung um die Sklaverei. Die Gegner dieses grausamen Relikts aus kolonialer Zeit schätzten sich glücklich, den »einflussreichsten Deutschen« in ihren Reihen zu wissen. Mit 564 anderen Delegierten der neu gegründeten Republikanischen Partei stellt er im Juni 1856 John Charles Fremont als Präsidentschaftskandidaten auf, einen Mann, der sich konsequent gegen die Sklaverei wendet.

Hecker ist nicht der einzige German, der ihn unterstützt. Auch andere alte Kämpfer aus Deutschland sind dabei, wie Lorenz Brentano oder der Mitstreiter seit Mannheimer Tagen, Gustav Struve. Hecker packt die alte Kampfeslust. Als Redner reist er durch die Staaten des Nordens. Die größte Veranstaltung mit fast zehntausend Teilnehmern findet am 7. Oktober in der Academy of Music in New York statt. Hecker ruft, die »Väter der Republik« seien »immer gegen die Sklaverei« gewesen, was historisch wohl nicht ganz korrekt ist. Doch am Ende seiner Rede erntet er einen »hurricane of applause«, wie eine Zeitung berichtet.

Fremont verliert die Wahlen. Die neue Partei erzielt jedoch einen Achtungserfolg. Und bald darauf steht ein neuer Mann an ihrer Spitze. Es ist ein wenig bekannter Anwalt ebenfalls aus Illinois, der sich jedoch rasch einen Namen macht: Abraham Lincoln. Im November 1860 wird er zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt – wieder mit Heckers engagierter Hilfe.

Leserkommentare
  1. ... allerdings in den USA dann ein ähnlich verkommenes Wirtschaftssystem vorfinden. Zu seiner Zeit gab es i.W. noch Golddeckung ...

  2. Naja hauptsächlich mal wieder übers doch ach so böse Kaiserreich hergezogen....

    Was ist denn aus den USA geworden ?

  3. Als Badener des Vormärz 1848 hat er Großes geleistet für die Demokratie, die sich in Deutschland erst nach dem WK2 unter den Amis als Besatzungsarmee entfalten konnte.

    In der Tradition der protestantischen Bauernkriege
    versuchte er der Konterrevolution geführt vom reaktionärem Preussen mit einem demokratischen Aufstand entgegen zu wirken und mußte vor der Macht der Bajonette und Kartätschen ins Exil über Frankreich in die USA fliehen.

    Leider scheiterte er wie Jörg Ratgeb und Thomas Müntzer 1525 an der mörderischen Macht der Feudalherren.
    Die Bundesrepublik wäre gut beraten den Frierich Hecker wie Bluhm u.a. Protagonisten für die Demokratie in Freiheit als ihre eigentliche Väter in der Deutschen Demokratiegeschichte zu ehren und hervorzuheben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Davor haben die heute Herrschenden Angst! eine Auseinandersetzung mit Robert Blum, Friedrich Hecker u.a. würde doch die großen Demokratiedefizite der heutigen Republik doch nur sichtbar machen.

    Wer die Auseinandersetzung über Ernst Moritz Arndt an der Greifswalder Universität verfolgt hat, weiß doch dass unser Geschichtsbild und auch das Selbstverständnis dieser heutigen Republik eher dem des Metternicht'schen Regimes entspricht. Nation, Freiheit werden doch geleugnet (ich erinne nur an die aktuelle Diskussion um den Eurorettungsschirm, um die EU allgemein). Metternich wollte die großen Herrscherhäuser in Europa schützen und heute werden die Besitzstände des internationalen Großkapitals geschützt. Freiheitsrechte und Gruppenrechte werden mit Füßen getreten ... aber natürlich alles im Namen der "Freiheit"....

    > > Die Bundesrepublik wäre gut beraten den Friedrich Hecker wie Bluhm u.a. Protagonisten für die Demokratie in Freiheit als ihre eigentliche Väter in der Deutschen Demokratiegeschichte zu ehren und hervorzuheben. > >

    Hecker versuchte eine Revolution mit Waffengewalt, in einem Moment, wo alle Zeichen auf Niederlage für einen alles umstürzenden Aufstand deuteten, da sich die systemtragenden Eliten für den Reformismus entschieden hatten und ein Volksaufstand mangels revolutionsbereiter Volksmasse ausfallen musste.

    Meinhof (u.a.) versuchte ebenso eine Revolution mit Waffengewalt, nachdem friedliche Reformbemühungen brüsk vom Establishment zurückgewiesen wurden (i.d.R. mit dem Polizeischlagstock).
    Ebenfalls stand dieser Aufstand im Zeichen der Niederlage, da weder Eliten noch die einfache Bevölkerung nach der Wirtschaftswunderzeit gerade in revolutionärer Stimmung waren.

    Ich will ihnen jetzt nicht ans Bein pinkeln.
    Aber:
    Wenn an Heckel als edlen Freiheitskämpfer gedacht werden soll, kann man Meinhof, Baader, Ensslin unmöglich als Terroristen betrachten, sofern man sich nicht des bigotten Zeitgeistes hingeben möchte.

  4. Davor haben die heute Herrschenden Angst! eine Auseinandersetzung mit Robert Blum, Friedrich Hecker u.a. würde doch die großen Demokratiedefizite der heutigen Republik doch nur sichtbar machen.

    Wer die Auseinandersetzung über Ernst Moritz Arndt an der Greifswalder Universität verfolgt hat, weiß doch dass unser Geschichtsbild und auch das Selbstverständnis dieser heutigen Republik eher dem des Metternicht'schen Regimes entspricht. Nation, Freiheit werden doch geleugnet (ich erinne nur an die aktuelle Diskussion um den Eurorettungsschirm, um die EU allgemein). Metternich wollte die großen Herrscherhäuser in Europa schützen und heute werden die Besitzstände des internationalen Großkapitals geschützt. Freiheitsrechte und Gruppenrechte werden mit Füßen getreten ... aber natürlich alles im Namen der "Freiheit"....

  5. > > Die Bundesrepublik wäre gut beraten den Friedrich Hecker wie Bluhm u.a. Protagonisten für die Demokratie in Freiheit als ihre eigentliche Väter in der Deutschen Demokratiegeschichte zu ehren und hervorzuheben. > >

    Hecker versuchte eine Revolution mit Waffengewalt, in einem Moment, wo alle Zeichen auf Niederlage für einen alles umstürzenden Aufstand deuteten, da sich die systemtragenden Eliten für den Reformismus entschieden hatten und ein Volksaufstand mangels revolutionsbereiter Volksmasse ausfallen musste.

    Meinhof (u.a.) versuchte ebenso eine Revolution mit Waffengewalt, nachdem friedliche Reformbemühungen brüsk vom Establishment zurückgewiesen wurden (i.d.R. mit dem Polizeischlagstock).
    Ebenfalls stand dieser Aufstand im Zeichen der Niederlage, da weder Eliten noch die einfache Bevölkerung nach der Wirtschaftswunderzeit gerade in revolutionärer Stimmung waren.

    Ich will ihnen jetzt nicht ans Bein pinkeln.
    Aber:
    Wenn an Heckel als edlen Freiheitskämpfer gedacht werden soll, kann man Meinhof, Baader, Ensslin unmöglich als Terroristen betrachten, sofern man sich nicht des bigotten Zeitgeistes hingeben möchte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Abraham Lincoln | Mannheimer | USA | Illinois | New York | Bremen
Service