Als Friedrich Hecker am 5. Oktober 1848 in New York von Bord geht, jubeln ihm Tausende von Anhängern zu, Abgesandte der Regierung in Washington und der Stadt New York begrüßen ihn. In großen Versammlungen wird er gefeiert, in New York, Philadelphia, in Baltimore, Cincinnati und St. Louis.

Vor allem für die Deutschamerikaner ist er ein Held. Ihre Spenden ermöglichen ihm und anderen Achtundvierzigern die Flucht in die USA, die große Republik jenseits des Atlantiks. Hecker geht nach Belleville im südlichen Illinois. Der Ort gilt als ein »kleines deutsches Athen, eine Hochburg deutscher Bildung und freiheitlicher Gesinnung«, wie es in einem Buch der Jahrhundertwende heißt.

Doch Hecker will dort nicht bleiben, er will aufs Land, Bauer werden. Mit seinem Heidelberger Studienfreund Gustav Körner, der bereits seit den dreißiger Jahren in Illinois lebt, macht er sich auf die Suche nach einer Farm. Er findet ein verlassenes Anwesen mit Wald und Ackerland in der Nähe des Weilers Lebanon. Es ist billig zu haben. Hecker möchte hier nicht nur Vieh halten und Getreide anbauen, sondern beschließt, auch Winzer zu werden.

Da dringt die Nachricht vom Kampf um die deutsche Verfassung, vom zweiten badischen Aufstand übers Meer. Noch einmal kehrt er nach Europa zurück. Doch er kommt zu spät. Als er im Sommer 1849 den Rhein erreicht, haben Preußens Truppen unter Prinz Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm I., die deutsche Freiheitsflamme schon ausgetreten.

Für Präsident Lincoln zieht er in den Bürgerkrieg

Hecker, wieder in Amerika, wird zum Latin Farmer: zu einem Bauern mit weichen Händen, der hinter dem Pflug seinen Horaz zitiert. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen, die das Gewerbe schnell wieder aufgeben, bleibt er dem neuen Leben treu. Als Winzer gewinnt Hecker Renommee. Noch in späteren Jahren korrespondiert er mit dem badischen Weinbauprofessor Adolph Blankenhorn über Anbaufragen und die Bekämpfung der Reblaus. Dieser bemerkenswerte Briefwechsel wurde erst kürzlich neu veröffentlicht.

Inzwischen hat Hecker seine Frau und die drei Kinder nachgeholt. Der Freiheitsheld aus Deutschland fühlt sich glücklich, wenn er seine »Axt nehmen und Waldland klären kann. Meine Rechnung mit der alten Welt ist abgeschlossen.« Manchen verwundert diese Wandlung. Der spätere amerikanische Innenminister Carl Schurz – auch er ein Achtundvierziger – besucht Hecker 1854. »Als junger Advokat in Mannheim und als Abgeordneter in der legislativen Kammer von Baden hatte er sich durch Eleganz seiner Kleidung ausgezeichnet. Jetzt trug er ein grauwollenes Hemd, lose abgetragene Beinkleider und ein paar alte Teppichpantoffeln«, berichtet Schurz etwas ernüchtert in seinen berühmten Erinnerungen.

Und doch lässt die Politik Hecker nicht los. Bald gerät er in die Auseinandersetzung um die Sklaverei. Die Gegner dieses grausamen Relikts aus kolonialer Zeit schätzten sich glücklich, den »einflussreichsten Deutschen« in ihren Reihen zu wissen. Mit 564 anderen Delegierten der neu gegründeten Republikanischen Partei stellt er im Juni 1856 John Charles Fremont als Präsidentschaftskandidaten auf, einen Mann, der sich konsequent gegen die Sklaverei wendet.

Hecker ist nicht der einzige German, der ihn unterstützt. Auch andere alte Kämpfer aus Deutschland sind dabei, wie Lorenz Brentano oder der Mitstreiter seit Mannheimer Tagen, Gustav Struve. Hecker packt die alte Kampfeslust. Als Redner reist er durch die Staaten des Nordens. Die größte Veranstaltung mit fast zehntausend Teilnehmern findet am 7. Oktober in der Academy of Music in New York statt. Hecker ruft, die »Väter der Republik« seien »immer gegen die Sklaverei« gewesen, was historisch wohl nicht ganz korrekt ist. Doch am Ende seiner Rede erntet er einen »hurricane of applause«, wie eine Zeitung berichtet.

Fremont verliert die Wahlen. Die neue Partei erzielt jedoch einen Achtungserfolg. Und bald darauf steht ein neuer Mann an ihrer Spitze. Es ist ein wenig bekannter Anwalt ebenfalls aus Illinois, der sich jedoch rasch einen Namen macht: Abraham Lincoln. Im November 1860 wird er zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt – wieder mit Heckers engagierter Hilfe.