Gesellschaftskritik Über neue Brillen
© Emannuel Dunand/AFP/Getty Images

Guido Westerwelle mit neuer Brille
Es gibt so Phasen im Leben, da hat man das Gefühl, etwas muss sich jetzt ändern. Irgendetwas stimmt nicht mehr, man kriegt das Problem nicht richtig in den Griff. Da ist dieser Drang, etwas zu tun, aber weil dann doch der Mut fehlt, sich zu trennen oder zu kündigen oder auszuwandern, gehen Frauen schließlich oft zum Friseur und schneiden sich die Haare kurz oder einen Pony. Guido Westerwelle muss schon länger dieses Gefühl gehabt haben. Am Wahlabend in Berlin ist es dann wohl sehr stark geworden, und da die Haare schon kurz waren und ein Pony eher doof, hatte er am Tag danach eine neue Brille.
Vielleicht ist die neue Brille für den Mann das, was für die Frau die neue Frisur ist. Der Mann im Anzug hat ja nur wenig Spielraum, optisch mal was zu wagen. Westerwelle hat schon einiges ausprobiert, es waren Momente, die nicht nach Wiederholung schreien: Er hat sich im weißen Anzug in einer Gondel in Venedig fotografieren lassen, er hat in Talkshows Schuhe getragen, auf deren Sohle eine 18 prangte – 18 wie 18 Prozent. Da blieb jetzt wirklich nur die Brille.
Beim Kauf einer neuen Brille gibt es drei Möglichkeiten. Das randlose Modell, zu dem der Optiker sagt: »Damit machen Sie garantiert nichts falsch«, bei Politikern beliebt. Das auffällige Modell, gern rot: »Mal was ganz anderes!« Und das schwarze Gestell mit breitem Rahmen: »Ein Statement.« Mit der randlosen Brille hat Westerwelle doch das ein oder andere falsch gemacht, jetzt hat er sich für das Modell Statement entschieden; mit nicht allzu dickem Rand allerdings, was das Statement schon wieder abschwächt.
Er ist nicht der Einzige, der sich in letzter Zeit vom Randlosen losgesagt hat, hin zu mehr Kontur: Frank-Walter Steinmeier und Norbert Röttgen tragen eine Statement-Brille, auch Reinhold Beckmanns Brille ist jetzt dunkel. All das ist ein Zeichen dafür, dass der Optiker einem das schwarze Gestell bald mit den Worten »Damit machen Sie garantiert nichts falsch« hinlegen wird.
Dem Betroffenen geht es nach einer derartigen optischen Veränderung ja gleich ein bisschen besser: Man hat etwas gewagt und zeigt es der ganzen Welt. Leider wirkt das oft ein bisschen verkrampft. So war es bei Scharping, der trotz neuer Brille Scharping blieb, so war es bei Steinmeier, der die verlorene Wahl durch den neuen Look nicht vergessen machen konnte. Aber vielleicht wird zumindest das »Kuratorium Gutes Sehen« Westerwelles Mut anerkennen und ihn zum »Brillenträger des Jahres 2011« küren. Ein Titel für Menschen, die zu ihrer Brille stehen. Immerhin.
- Datum 26.09.2011 - 12:34 Uhr
- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle ZEITmagazin, 29.9.2011 Nr. 40
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