EU-Datenschutzrecht "Es wird ein Riesenwerk"

EU-Kommissarin Viviane Reding will Google und Facebook zähmen. Ein Gespräch über Datenschutz.

DIE ZEIT: Frau Reding, der Datenschutz in Europa ist eine Katastrophe – für die Unternehmen, die ihn gewährleisten sollen, wie für die Bürger, die ihn wünschen. Wie will die EU-Kommission das ändern?

Viviane Reding: Wir brauchen in der Tat ein neues, modernes und einheitliches Datenschutzrecht für Europa. Momentan haben wir ein Durcheinander. Die Mitgliedsstaaten haben die EU-Richtlinie zum Datenschutz aus dem Jahr 1995 sehr unterschiedlich interpretiert. Viele Bestimmungen widersprechen sich in den einzelnen Ländern. Ich bin nun auf dem Weg, ein einheitliches europäisches Datenschutzrecht zu schaffen und durchzusetzen.

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ZEIT: Soweit bisher bekannt, soll Ihre neue EU-Richtlinie ungefähr das bringen, was in Deutschland eh schon gilt: Jeder hat das Recht, seine Daten bei einem Anbieter löschen zu lassen.

Reding: Meine Pläne gehen weiter. Laut unserer neuesten Eurobarometer-Umfrage haben 80 Prozent der Deutschen den Eindruck, dass sie nur teilweise oder gar nicht die Kontrolle über ihre Daten haben. Künftig soll daher die Beweislast, dass Daten noch gebraucht werden und nicht gelöscht werden können, beim Unternehmen liegen.

ZEIT: Haben Sie Kontrolle über Ihre Daten?

Reding: Ich versuche, so wenige Daten herauszugeben wie möglich. Aber das ist nicht die Lösung.

ZEIT: Sie haben doch sicher ein Smartphone.

Reding: Das habe ich eben nicht. Aber das kann und soll nicht die Lösung für alle sein. Viele Menschen haben eine andere Art zu kommunizieren. Wir wollen innovative Geräte und Dienste fördern. Und wir sollten die positiven Aspekte des Internets weiterentwickeln.

ZEIT: Wie stellen Sie das beim Datenschutz an?

Reding: Jeder, der an die Daten eines Verbrauchers will, muss erst dessen Einwilligung einholen. Und den Verbraucher dann auch darüber informieren, was mit den Daten geschieht. Jeder Bürger soll zugleich das Recht haben, diese Daten jederzeit zu löschen. Das ist das »Recht, vergessen zu werden«. Die Bürger haben hohe Erwartungen: 81 Prozent der Deutschen wünschen sich, gespeicherte Daten selbstbestimmt löschen zu können. Der Schutz personenbezogener Daten ist ein Grundrecht, das heute ausdrücklich in Artikel 8 der EU-Grundrechtecharta verankert ist. Mit der Novellierung der Datenschutzrichtlinie werden wir dafür sorgen, dass Bürger dieses Recht in der Praxis durchsetzen können. Das Internet darf dabei kein rechtsfreier Raum sein. Freiheit hat dort ihre Grenzen, wo Persönlichkeitsrechte von Nutzern verletzt werden.

ZEIT: Wieso sind Sie hier so leidenschaftlich?

Reding: Die Bürger sorgen sich mehr und mehr um die Sicherheit ihrer Daten – und das mit Recht. Denken Sie an all die Datenverluste durch Softwarefehler oder auch durch kommerziell bewusst getätigte Datenverkäufe. Millionen personenbezogener Daten, die einfach verloren gehen, und die Verantwortlichen tun so, als wenn nichts geschehen wäre. Wir müssen deshalb daran arbeiten, das Vertrauen unserer Bürger in die Informationsgesellschaft wiederherzustellen: durch vernünftige Gesetzgebung, unabhängige Datenschutzbehörden, die über die Grenzen hinweg effizient zusammenarbeiten, und eine verantwortungsvolle Politik der Unternehmen.

ZEIT: Wie wollen Sie den Bürgern konkret helfen?

Reding: Wir brauchen vor allem mehr Transparenz bei der Datenerhebung und -verwendung. Ich habe schon 2009 die Telekom-Firmen darauf verpflichtet, ihre Kunden zu informieren, wenn sich jemand unrechtmäßig Zugang zu ihren Daten verschafft hat. Diese Informationspflicht werden wir aufs Internet ausweiten. Internetfirmen werden verpflichtet sein, ihren Kunden unmittelbar mitzuteilen, wenn Daten verloren gehen oder gestohlen werden.

Leser-Kommentare
  1. damit man sich darüber mal Gedanken macht. Wurde aber leider für zu kurz befunden. ^^

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    • joG
    • 30.09.2011 um 10:34 Uhr

    ....stellt, ist jene nach dem Sinn, weitere Gesetze und Richtlinien anzuhäufen, bevor man ein legitimes Grundgesetz hat, dem die Bevölkerungen zustimmen. Das wird als unverschämte Arroganz weithin empfunden. Weiter zu machen, wie gehabt, vergrößert die Unsicherheit und Unzufriedenheit der Menschen in Europa und untergräbt, ja gefährdet, hierdurch die Stabilität des gesamten europäischen Projekts.

    • joG
    • 30.09.2011 um 10:34 Uhr

    ....stellt, ist jene nach dem Sinn, weitere Gesetze und Richtlinien anzuhäufen, bevor man ein legitimes Grundgesetz hat, dem die Bevölkerungen zustimmen. Das wird als unverschämte Arroganz weithin empfunden. Weiter zu machen, wie gehabt, vergrößert die Unsicherheit und Unzufriedenheit der Menschen in Europa und untergräbt, ja gefährdet, hierdurch die Stabilität des gesamten europäischen Projekts.

  2. Datenschutz steht starken wirtschaftlichen Interessen entgegen. Mit einem "lockerem" Umgang mit dem Datenschutz lassen sich Millarden Euro verdienen, siehe Faceboook.
    Die Politik in Brüssel wird stark von Lobbyverbänden beeinflusst. Vermutlich werden am Ende die "Anti-Datenschutz Lobbyisten" die Gesetzesvorlage formulieren. Das Ergebnis wird als keine Verbesserung im Datenschutz sein.

  3. Unsere Veranwortliche ist ja bekanntlich unge-aignert...

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    • ctt
    • 07.10.2011 um 14:59 Uhr

    "Unsere Veranwortliche ist ja bekanntlich unge-aignert..."
    Besser hätte man es wohl kaum ausdrücken können :)

    • ctt
    • 07.10.2011 um 14:59 Uhr

    "Unsere Veranwortliche ist ja bekanntlich unge-aignert..."
    Besser hätte man es wohl kaum ausdrücken können :)

    • joG
    • 30.09.2011 um 10:34 Uhr

    ....stellt, ist jene nach dem Sinn, weitere Gesetze und Richtlinien anzuhäufen, bevor man ein legitimes Grundgesetz hat, dem die Bevölkerungen zustimmen. Das wird als unverschämte Arroganz weithin empfunden. Weiter zu machen, wie gehabt, vergrößert die Unsicherheit und Unzufriedenheit der Menschen in Europa und untergräbt, ja gefährdet, hierdurch die Stabilität des gesamten europäischen Projekts.

  4. ZEIT: Wieso sind Sie hier so leidenschaftlich?

    Weil ich davon ablenken will, dass die EU-Staaten die größten Datenkraken sind, die Daten aller Flugpassagiere an dei USA weitergeben usw. usf.
    Haltet den Dieb!

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    • GDH
    • 30.09.2011 um 17:55 Uhr

    "Früher hat niemand die Vorschläge der Kommission zerredet. Sie wurden nach Diskussion im Europaparlament meist eins zu eins in die Praxis umgesetzt. "

    Deswegen ist der Weg über die Kommission ja auch so beliebt, wenn Regierungen ihre nationalen Parlamente umgehen wollen. Dieses Gremium ist faktisch ziemlich mächtig und sehr schwach legitimiert.
    Wenn man die EU stärken will, sollte das EU-Parlament (nicht die Kommission) mit mehr Rechten ausgestattet werden. Da fallen Beschlüsse zumindest öffentlich und die Zusammensetzung ist auch transparent (und nicht durch ein Quasi-Mehrheitswahlrecht wie bei der Kommision, wo die Zusammensetzung von Regierungskoalitionen ausgekungelt wird).

    • GDH
    • 30.09.2011 um 17:55 Uhr

    "Früher hat niemand die Vorschläge der Kommission zerredet. Sie wurden nach Diskussion im Europaparlament meist eins zu eins in die Praxis umgesetzt. "

    Deswegen ist der Weg über die Kommission ja auch so beliebt, wenn Regierungen ihre nationalen Parlamente umgehen wollen. Dieses Gremium ist faktisch ziemlich mächtig und sehr schwach legitimiert.
    Wenn man die EU stärken will, sollte das EU-Parlament (nicht die Kommission) mit mehr Rechten ausgestattet werden. Da fallen Beschlüsse zumindest öffentlich und die Zusammensetzung ist auch transparent (und nicht durch ein Quasi-Mehrheitswahlrecht wie bei der Kommision, wo die Zusammensetzung von Regierungskoalitionen ausgekungelt wird).

  5. ...diese sollten aber bitte auch auf die Voratsdatenspeicherung angewendet werden.

    Eine Leser-Empfehlung
    • GDH
    • 30.09.2011 um 17:55 Uhr

    "Früher hat niemand die Vorschläge der Kommission zerredet. Sie wurden nach Diskussion im Europaparlament meist eins zu eins in die Praxis umgesetzt. "

    Deswegen ist der Weg über die Kommission ja auch so beliebt, wenn Regierungen ihre nationalen Parlamente umgehen wollen. Dieses Gremium ist faktisch ziemlich mächtig und sehr schwach legitimiert.
    Wenn man die EU stärken will, sollte das EU-Parlament (nicht die Kommission) mit mehr Rechten ausgestattet werden. Da fallen Beschlüsse zumindest öffentlich und die Zusammensetzung ist auch transparent (und nicht durch ein Quasi-Mehrheitswahlrecht wie bei der Kommision, wo die Zusammensetzung von Regierungskoalitionen ausgekungelt wird).

    • ctt
    • 07.10.2011 um 14:59 Uhr

    "Unsere Veranwortliche ist ja bekanntlich unge-aignert..."
    Besser hätte man es wohl kaum ausdrücken können :)

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