Im Herzen von Mailand, in einem ehrwürdigen Altbau, liegt die Wohnung von Umberto Eco. Beengt muss man sich hier nicht fühlen. Das Haus hat einen großen Lichthof, auf der Dachterrasse wuchern die Grünpflanzen, drinnen sind die hohen Wände naturgemäß fast komplett mit Bücherregalen ausgestattet. Dazwischen der Abguss einer griechischen Statue, ein bisschen moderne Kunst an der Wand, ein alter Globus, kurz: eine echte Gelehrtenwohnung. Durchaus geschmackvoll, aber ohne jedes Styling. Substanz statt Inszenierung. Seine Frau, sie kommt aus Deutschland, bringt Kaffee. Wir reden ein wenig auf Deutsch, aber Eco gibt zu verstehen, dass er kein Wort versteht. Vielleicht muss man dies noch wissen: Umberto Eco begleitet eigentlich jeden Satz mit einem herzhaften, raumgreifenden Lachen. Melancholie ist keine Tonart, die er im Gespräch verwendet.

DIE ZEIT: Hier liegt ja das Buch Mein Dante des großen italienischen Komikers Roberto Benigni auf Deutsch. Liest das Ihre Frau?

Umberto Eco: Ja, das liest meine Frau. Ich habe ein Vorwort dafür geschrieben, und Benigni war so glücklich darüber, dass er mir einen Scheck über eine Billion Euro ausstellte. Eine Summe, die auszuzahlen ja unmöglich ist. Also habe ich beschlossen, den Scheck zu rahmen.

ZEIT: Sie kennen sich?

Eco: Ja, wir sind alte Freunde.

ZEIT: Da hätten Sie ja mal in einem seiner Filme mitspielen können, wenigstens in einer Nebenrolle.

Eco: Das wäre gewiss reizvoll. Wie ja alles reizvoll ist, was für Abwechslung sorgt. Aber es gilt: Ars longa, vita brevis. Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben. Mich fragte einmal ein Schwulenmagazin, ob ich je homosexuelle Erfahrungen gemacht hätte. Ich antwortete: Noch nicht. Ars longa, vita brevis.

ZEIT: Ihr neuer Roman Der Friedhof in Prag ist ein Bestseller in Italien.

Eco: Ja, 500.000 Stück wurden verkauft.

ZEIT: Befriedigt Sie das?

Eco: Hören Sie mal! Man wäre ja schön blöd, ein Buch zu schreiben und dabei zu hoffen, es würde nicht gelesen werden. Zugegeben, es bringt auch Unannehmlichkeiten mit sich. Man muss dann ständig dieselben Sachen sagen. Ich versuche ja, von Buch zu Buch immer komplizierter zu werden, um die Leser abzuschrecken. Der Friedhof in Prag spielt im Paris der Belle Époque. Der zwielichtige Simone Simonini ist ein glühender Antisemit, der seine politischen Umtriebe mal in den Dienst der Freimaurer, mal in den der Jesuiten, mal in den der Bonapartisten, mal in den der Antiklerikalen stellt. Aber egal, für welchen Geheimbund er gerade unterwegs ist, es ist immer derselbe Grundbestand an Verschwörungstheorien, die er in Umlauf bringt. Im Zentrum stehen die Protokolle der Weisen von Zion, jenes gefälschte Dokument über eine angebliche jüdische Weltverschwörung.

ZEIT: Ihr Welterfolg aus den achtziger Jahren, Der Name der Rose, beginnt mit dem Satz: »Natürlich, eine alte Handschrift«. Auch in Ihrem neuen Roman geht es um die Macht der Worte, aber im negativen Sinn. In Der Name der Rose ging es um ein Buch, das eine befreiende Kraft hatte: Aristoteles’ Poetik über das Lachen. Im Friedhof in Prag erzählen Sie hingegen von gefälschten Büchern, die den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vorangetrieben haben.

Eco: Dieser erste Satz aus Der Name der Rose bezog sich auf den berühmtesten Roman im Italien des 19. Jahrhunderts, Manzonis Verlobte. Der beginnt mit der Fiktion eines Manuskripts. Es war eine Hommage an Manzoni. Das wurde aber in anderen Ländern gar nicht verstanden. Mein jüngstes Buch hat aber mit Der Name der Rose nicht viel zu tun. Zugegeben, alle meine Bücher handeln von Büchern. Wäre ich Strauss-Kahn, meine Bücher handelten vom Sex. Wäre ich Berlusconi, sie handelten von Geld. Aber weil ich ein Mensch des Buches bin, schreibe ich über Bücher.

ZEIT: In diesem Fall über gefälschte, unwahre Bücher.

Eco: Ich habe mich schon immer mit dem Thema Fälschungen befasst und mich besonders für die Protokolle der Weisen von Zion interessiert, dieses Meisterstück aller Fälschungen. Das antisemitische Pamphlet ist kompiliert aus vielen alten Texten, die ursprünglich überhaupt keinen Bezug zum Judentum hatten. Und wissen Sie, was der Skandal ist? 1931 wurde nachgewiesen, dass die Protokolle Fiktion sind. Von diesem Moment an glaubten die Leute erst recht an die Wahrheit der Protokolle, und das Buch verkaufte sich überall hervorragend. Außer in Deutschland, da hatte man Mein Kampf. Wie Fälschungen die Welt beeinflussen, das hat mich immer fasziniert.