Ich möchte in diesem Text eine Vorhersage treffen, die Ihnen sehr unwahrscheinlich erscheinen mag, die aber dennoch mit großer Sicherheit eintreffen wird: Google, Facebook und andere große Internetkonzerne wandeln sich gerade von innovativen Vorreitern zu Grundversorgungsunternehmen der Informationsbeschaffung und des Gedankenaustauschs – und sie werden eines Tages unter staatliche Aufsicht gestellt oder gar vom Staat betrieben werden.

Die eine Beobachtung, die mich zu diesem Schluss treibt, ist eine reichlich offensichtliche. Die Benutzung von Computern und dem Internet wird mobil, sie begleitet uns ständig, sie verwebt sich mit unserem Alltag wie nie zuvor. Sie selber lesen diesen Text womöglich auf einem iPhone oder einem Tablet-Computer; sie machen sich auf diesem Gerät vielleicht Notizen oder schlagen "Jon Callas" bei Google nach; sie empfehlen Ihren Bekannten danach per Sozialem Netzwerk die Lektüre der ZEIT, oder Sie warnen davor. Auch ich habe diesen Text auf einem Tablet-Computer geschrieben, unterwegs im Flugzeug. Zu Rechnerdienstleistungen und zum Internet verhalten wir uns fast schon wie Fische zum Wasser: Wir merken nicht, dass es uns umgibt. Wir schwimmen einfach darin.

Neuartige Dienstleistungen dieser Art beginnen in der Regel als Luxusgüter, bevor sie die ganze Gesellschaft erfassen. Vor etlichen Jahrzehnten hatten nur reiche Leute fließendes Wasser in ihren Bädern, heute ist es eine Notwendigkeit, wenn man als Mitglied der zivilisierten Gesellschaft anerkannt werden will. Natürlich kann man beim Neubau seines Hauses sagen: Oh nein, bitte legen Sie keinen Wasseranschluss! Ich gehe in den Garten und werde dort eine Handpumpe installieren! Doch es wird fortan sehr schwer sein, die Nachbarn für einen Kaffeeklatsch daheim zu gewinnen.

Es ist auch schon fast unmöglich geworden, auf ein Mobiltelefon zu verzichten. Okay – man kann das so gerade noch, aber man wird laufend nach seiner Mobiltelefonnummer gefragt werden und schräge Blicke ernten, wenn man keine hat.

Diese Geschichte verläuft immer gleich. Bald werden wir an den Punkt kommen, wo eine Teilhabe an der modernen Gesellschaft nicht mehr möglich ist, ohne das allgegenwärtige Internet zu benutzen und die Informationsangebote von Facebook, Google und anderen, die das Netz mit Inhalten und Funktionen beleben. Wir sprechen hier also von Grundversorgungsunternehmen.

Die zweite Beobachtung, auf die ich meine Vorhersage stütze, ist weniger geläufig. Die Entwicklung hin zu allgegenwärtiger Rechenleistung, Information und Vernetzung wird von zwei sehr unterschiedlichen Arten von Unternehmen vorangetrieben. Wir müssen präzise zwischen den "Produktherstellern" und den "Dienstleistern" unterscheiden. In dieser Unterscheidung liegt ein Schlüssel zum Verständnis ihres Verhaltens.

Wir sind das Produkt

Zu den Produktherstellern gehören beispielsweise Apple und Microsoft, Research in Motion (BlackBerry) oder Samsung. Das Verhältnis zwischen Konzern und Kunde ist bei einem Produkthersteller wie meinem früheren Arbeitgeber, dem Computerkonzern Apple, besonders einfach zu verstehen: Apple verkauft Produkte an Endverbraucher. Wer einen iPod hat oder einen Macintosh-Rechner besitzt, hat dieses Produkt von Apple gekauft. Es gibt eine unmittelbare Beziehung und eine unmittelbare Rückkopplung zwischen Hersteller und Verbraucher. Wenn die Produkte den Kunden nicht gefallen, dann werden sie sie nicht kaufen oder zurückgeben oder sich beschweren, und das Unternehmen gerät bald in Schwierigkeiten.

Doch wie ist es bei Internetdienstleistern?

Die Leute sind immer wieder schockiert von dieser Einsicht, aber: Wir sind nicht die Kunden von Google, Facebook und Co. Wir bezahlen nicht für ihre Dienste. Die Kunden von Google, Facebook und Co. sind die Unternehmen, die Anzeigen in ihren Diensten schalten. Diese Unternehmen kaufen: uns – unser Hinschauen, unsere Aufmerksamkeit. Wir sind das Produkt.

Google hegt seine Nutzer wie Bauern ihren Salat

Das bedeutet natürlich keineswegs, dass unser Wohlergehen den Internetdienstleistern egal ist. Auch einem guten Gemüsebauern ist sehr am Wohlergehen seiner Salatköpfe und Kartoffelknollen gelegen. Er will, dass sie gesund bleiben und groß werden und ein erfülltes Gemüseleben verbringen, damit er sie nach der Ernte mit großem Gewinn weiterverkaufen kann. Die Internetdienstleister umschmeicheln uns und halten uns bei Laune, sodass wir bisweilen schon glauben könnten, wir seien tatsächlich die Kunden.

Das hat aber seine Grenzen. Bei der Ernte versteht der Bauer keinen Spaß. Beim Datensammeln verstehen Google, Facebook und Co. keinen Spaß. Für eine gute Ernte ist es unabdingbar, dass die Internetdienstleister uns umfassend analysieren, dass sie so viel wie möglich über unser Verhalten erlernen, und dass sie die Erkenntnisse daraus möglichst vielfältig und weitgehend nutzen. Das erklärt, warum weder Google noch Facebook es wirklich transparent machen, welche Daten sie über uns sammeln, wie und in welcher Form sie ausgewertet und die Ergebnisse daraus Dritten zugänglich gemacht werden. Die Antworten auf entsprechende Anfragen bleiben häufig im Nebel.

Es gibt ein wenig Wettbewerb zwischen den Firmen, aber er ist äußerst begrenzt. Alternativen zu den großen Anbietern Google und Facebook sind nicht in Sicht, und im Punkt der Datensammelei nehmen sie sich alle nicht viel. Als das neue Soziale Netzwerk Google+ im Sommer dem Platzhirsch Facebook Konkurrenz zu machen drohte, gab Facebook nach langer Zeit wieder mal den Protesten seiner um ihren Datenschutz besorgten Benutzerschar Raum – ein kleines bisschen.

In Programmen codierte Gesetze

Viele Kunden verließen Facebook trotzdem, aber kaum gelandet bei Google+, standen sie vor einem neuen Problem: Wer sich an Google+ beteiligt, muss dies mit seinem wirklichen Namen tun. Wer sich ein Pseudonym ausdenkt, wird aus dem Dienst hinausgeworfen, soweit es dem Unternehmen auffällt. Einer US-Amerikanerin namens Violet Blue wurde beinahe der Zutritt zu Google+ verwehrt, weil ihr Name kein echter Name zu sein schien – obwohl er es war. Es gibt viele solcher Geschichten. So drakonisch vorzugehen, hatte für Google nur einen Grund: Die Firma hat es sich besonders leicht machen wollen, die Nutzer seiner Dienste als Produkte an die Werbekunden zu verkaufen.

Wir reden hier von politischen Dingen. Besonders im Fall der Sozialen Netzwerke reden wir darüber, wer die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmt. In den frühen neunziger Jahren, in meinen alten Cypherpunk-Tagen, haben wir gerne gesagt: Computerprogramme sind unsere Politik. Das stimmt ja auch. Wenn man ein Programm schreibt, das den Computer anweist: "Diesen Facebook-Eintrag dürfen nur Jon, Hans und Spencer sehen", dann ist es so. Diese Vorschriften beziehungsweise der Spielraum, in dem Endverbraucher solche Vorschriften beeinflussen können, werden heute von den Serviceunternehmen erlassen. Sie erlassen Gesetze. Sie codieren sie in ihren Programmen, und sie legen sie in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen fest.

Wenn man sich freilich die Geschichte von Grundversorgungsindustrien anschaut – und zu solchen werden Google, Facebook & Co. ganz zweifellos bald gehören – so stellt man fest, dass der größere Teil von ihnen irgendwann verstaatlicht worden ist. Wo es keine Verstaatlichung gab, oder wo auf eine frühere Verstaatlichung hin eine Firma sogar wieder privatisiert wurde, bekamen diese Unternehmen eine meist drakonische staatliche Aufsichtsbehörde übergestülpt, die Marktverhalten, Preise, den Angebotsumfang und Beschwerdeprozeduren für Verbraucher vorschreibt.

Die Dienste gehören bald zur Grundversorgung

Die Faustregel lautet ungefähr: Der Staat greift umso härter durch, je geringer der Wettbewerb bei der Bereitstellung unerlässlicher Grundversorgungsdienste ausfällt – und je schlechter die Rückkopplung zwischen Endverbraucher und Konzernentscheider ausfällt, die an einem funktionsfähigen Produktmarkt ja regulierend wirkt. Stehen Hersteller in hartem Wettbewerb zueinander, hören sie auf die Endverbraucher, weil diese Macht über sie haben. Klassischerweise versagt dieser Marktmechanismus, wenn unter den Dienstleistern und Infrastrukturfirmen Quasimonopole entstehen. Das kennen wir aus der Wasserversorgung, von der Eisenbahn, der Stromlieferung, den Telefongesellschaften.

In eine vergleichbare Situation geraten nun Google, Facebook und Co., auch wenn ich nicht so weit gehen würde, hier eine natürliche Monopolbildung zu unterstellen. Der Grund, warum die Rückkopplung zwischen Endverbrauchern und Anbietern hier nicht funktioniert, ist ein etwas anderer, aber nicht minder schwerer: Wir sind nicht einmal die Kunden. Gleichwohl gehören die Dienste dieser Konzerne bald zur Grundversorgung. Für viele Menschen und Unternehmen ist das schon der Fall.

Etliche Regierungen werden Machtworte sprechen

Eigenmächtig legen diese Konzerne nun wesentliche Regeln für unser Zusammenleben in der Gemeinschaft fest. Daher lautet meine Voraussage: Wenn diese Internetdienstleister es nicht schleunigst lernen, uns in ihren Communitys als Bürger zu behandeln statt als Gemüse, werden etliche Regierungen auf der Welt in naher Zukunft Machtworte sprechen. Sie werden die Aufsicht übernehmen. Regierungen wissen, wie man uns als Bürger behandelt. Sie haben es auch ganz gern, wenn sie die Gesetze schreiben und nicht irgendwelche Programmierer in fernen Konzernzentralen.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich halte das nicht für eine begrüßenswerte Entwicklung; ich fürchte nur, dass es so kommen wird. Elefanten zertrampeln das Gras, und Regierungen sind nun mal Elefanten. Ihre Regeln werden manche Innovation hemmen und manchen Technikpionier in andere Branchen treiben.

Aber die Schuld daran wird man dann Google, Facebook und Co. geben müssen – die heute noch die Gelegenheit haben, umzusteuern.

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann