Zu den Produktherstellern gehören beispielsweise Apple und Microsoft, Research in Motion (BlackBerry) oder Samsung. Das Verhältnis zwischen Konzern und Kunde ist bei einem Produkthersteller wie meinem früheren Arbeitgeber, dem Computerkonzern Apple, besonders einfach zu verstehen: Apple verkauft Produkte an Endverbraucher. Wer einen iPod hat oder einen Macintosh-Rechner besitzt, hat dieses Produkt von Apple gekauft. Es gibt eine unmittelbare Beziehung und eine unmittelbare Rückkopplung zwischen Hersteller und Verbraucher. Wenn die Produkte den Kunden nicht gefallen, dann werden sie sie nicht kaufen oder zurückgeben oder sich beschweren, und das Unternehmen gerät bald in Schwierigkeiten.

Doch wie ist es bei Internetdienstleistern?

Die Leute sind immer wieder schockiert von dieser Einsicht, aber: Wir sind nicht die Kunden von Google, Facebook und Co. Wir bezahlen nicht für ihre Dienste. Die Kunden von Google, Facebook und Co. sind die Unternehmen, die Anzeigen in ihren Diensten schalten. Diese Unternehmen kaufen: uns – unser Hinschauen, unsere Aufmerksamkeit. Wir sind das Produkt.

Google hegt seine Nutzer wie Bauern ihren Salat

Das bedeutet natürlich keineswegs, dass unser Wohlergehen den Internetdienstleistern egal ist. Auch einem guten Gemüsebauern ist sehr am Wohlergehen seiner Salatköpfe und Kartoffelknollen gelegen. Er will, dass sie gesund bleiben und groß werden und ein erfülltes Gemüseleben verbringen, damit er sie nach der Ernte mit großem Gewinn weiterverkaufen kann. Die Internetdienstleister umschmeicheln uns und halten uns bei Laune, sodass wir bisweilen schon glauben könnten, wir seien tatsächlich die Kunden.

Das hat aber seine Grenzen. Bei der Ernte versteht der Bauer keinen Spaß. Beim Datensammeln verstehen Google, Facebook und Co. keinen Spaß. Für eine gute Ernte ist es unabdingbar, dass die Internetdienstleister uns umfassend analysieren, dass sie so viel wie möglich über unser Verhalten erlernen, und dass sie die Erkenntnisse daraus möglichst vielfältig und weitgehend nutzen. Das erklärt, warum weder Google noch Facebook es wirklich transparent machen, welche Daten sie über uns sammeln, wie und in welcher Form sie ausgewertet und die Ergebnisse daraus Dritten zugänglich gemacht werden. Die Antworten auf entsprechende Anfragen bleiben häufig im Nebel.

Es gibt ein wenig Wettbewerb zwischen den Firmen, aber er ist äußerst begrenzt. Alternativen zu den großen Anbietern Google und Facebook sind nicht in Sicht, und im Punkt der Datensammelei nehmen sie sich alle nicht viel. Als das neue Soziale Netzwerk Google+ im Sommer dem Platzhirsch Facebook Konkurrenz zu machen drohte, gab Facebook nach langer Zeit wieder mal den Protesten seiner um ihren Datenschutz besorgten Benutzerschar Raum – ein kleines bisschen.

In Programmen codierte Gesetze

Viele Kunden verließen Facebook trotzdem, aber kaum gelandet bei Google+, standen sie vor einem neuen Problem: Wer sich an Google+ beteiligt, muss dies mit seinem wirklichen Namen tun. Wer sich ein Pseudonym ausdenkt, wird aus dem Dienst hinausgeworfen, soweit es dem Unternehmen auffällt. Einer US-Amerikanerin namens Violet Blue wurde beinahe der Zutritt zu Google+ verwehrt, weil ihr Name kein echter Name zu sein schien – obwohl er es war. Es gibt viele solcher Geschichten. So drakonisch vorzugehen, hatte für Google nur einen Grund: Die Firma hat es sich besonders leicht machen wollen, die Nutzer seiner Dienste als Produkte an die Werbekunden zu verkaufen.

Wir reden hier von politischen Dingen. Besonders im Fall der Sozialen Netzwerke reden wir darüber, wer die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmt. In den frühen neunziger Jahren, in meinen alten Cypherpunk-Tagen, haben wir gerne gesagt: Computerprogramme sind unsere Politik. Das stimmt ja auch. Wenn man ein Programm schreibt, das den Computer anweist: "Diesen Facebook-Eintrag dürfen nur Jon, Hans und Spencer sehen", dann ist es so. Diese Vorschriften beziehungsweise der Spielraum, in dem Endverbraucher solche Vorschriften beeinflussen können, werden heute von den Serviceunternehmen erlassen. Sie erlassen Gesetze. Sie codieren sie in ihren Programmen, und sie legen sie in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen fest.

Wenn man sich freilich die Geschichte von Grundversorgungsindustrien anschaut – und zu solchen werden Google, Facebook & Co. ganz zweifellos bald gehören – so stellt man fest, dass der größere Teil von ihnen irgendwann verstaatlicht worden ist. Wo es keine Verstaatlichung gab, oder wo auf eine frühere Verstaatlichung hin eine Firma sogar wieder privatisiert wurde, bekamen diese Unternehmen eine meist drakonische staatliche Aufsichtsbehörde übergestülpt, die Marktverhalten, Preise, den Angebotsumfang und Beschwerdeprozeduren für Verbraucher vorschreibt.