Luchs Nr. 297Heimwärts

Verfolgung und Kriegsgräuel, aber auch unbeschwerte Kindheitstage: Uri Orlev erzählt die Lebensgeschichte eines jüdischen Jungen von Birgit Dankert

Zum fünften Geburtstag 1941 gibt es ein Spielzeugauto – Eljuscha ist begeistert. Doch schon wenig später soll er sein Spielzeug zurücklassen. Denn der Vater, ein sowjetischer Polizeioffizier aus jüdischer Familie, bringt seine Frau und die vier Kinder von Kostopol, einer Stadt in der Westukraine, nach Kiew. Von hier aus sollen sie weiterreisen in ein kasachisches Dorf, um vor den deutschen Truppen in Sicherheit zu sein. Eljuscha schmerzt der Verlust des Autos mehr als alles andere. Denn der kleine Junge versteht die große Weltgeschichte noch nicht.

Doch er kann dem kargen Leben mit den Halbnomaden Kasachstans durchaus Freude und Abenteuer abgewinnen. Gleichaltrige Spielkameraden, Kamelreiten, Fischen, Vögel fangen – für Eljuscha wird die Steppe zu seinem Königreich. Und als »Mann im Haus« hat der Junge in der islamisch geprägten Nachbarschaft mehr Freiheiten als seine Zwillingsschwestern, obwohl diese etwas älter sind. Die primitive Hütte, in der die Familie lebt, das kaum zum Überleben reichende Essen, dass die Mutter so hart arbeiten muss – all das ist für Eljuscha zweitrangig. Er wird getragen von der Liebe seiner Familie, der gesellschaftlichen Stellung der Eltern und seiner unschuldigen Hilfsbereitschaft.

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© Beltz

Zunächst mag der Leser vielleicht etwas stutzen, weil Eljuschas Leben so weichgezeichnet scheint. Dabei war es doch eine politische Flucht, die die jüdische Familie nach Kasachstan führte. Aber Eljuscha wird der islamischen Welt, den verhüllten Frauen, Kindern mit einem Vater und zwei Müttern, noch einmal begegnen. Da ist er elf Jahre alt, der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und Tausende jüdischer Familien kommen auf leidvollen Wegen per Schiff nach Palästina – noch vor der Gründung des Staates Israel. Eljuscha begegnet in der neuen Heimat auch arabischen Bewohnern eines palästinensischen Dorfes. Und sie erinnern ihn an glückliche Kindertage in der Steppe.

Dies ist eine atemberaubende Szene der israelischen Literatur für Kinder und Jugendliche. Denn im Klartext sagt sie: Wer in Kasachstan Muslime als hilfreiche Nachbarn mit einem fremden, aber funktionierenden Gesellschaftssystem kennengelernt hat, kann in Muslimen auf palästinensischem, auf israelischem Boden keine natürlichen Feinde erkennen.

Der Autor Uri Orlev erzählt für junge Leser eindrucksvoll von Verfolgung und Kriegsgräuel und erklärt politische Zusammenhänge. Dabei greift Orlev zurück auf seine Erfahrung, die er in den 40 langen, international erfolgreichen Jahren seiner schriftstellerischen Arbeit für Kinder und Jugendliche gemacht hat, und verwendet Stilmittel, die er in den Jahren immer weiter verfeinern konnte.

Eljuscha erinnert sich an die Zeit von 1941 bis 1948, also vom Überfall der nationalsozialistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion bis zur Gründung des Staates Israel. Der Junge erlebt Flucht, Bombardierung, Deportation, Hunger, Auswanderung, den Verlust des Vaters, Abschied von Freunden. Aber immer macht er dabei seinem Alter, seiner Sehnsucht gemäße Erfahrungen, die ihn wachsen und manchmal auch glücklich sein lassen.

Auch ein Leser, der keinen Krieg erlebt hat, kann die Grausamkeit der Situationen erfassen. Die armen blutjungen russischen Soldatinnen an den Geschützen zur Flugabwehr im Zug von Kasachstan zurück in die Ukraine lassen den Leser frösteln. Und so froh Eljuscha nach der Erschießung des Vaters über den Schutz der Mutter ist, so nachdrücklich spürt er den Schmerz der verwaisten, verloren gegangenen Kinder im Auffanglager, die nach einer Mutter und einem Gutenachtkuss gieren.

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