Film "Melancholia" : Der Planet ohne Trost

Freut euch, denn die Welt ist nicht zu retten: Lars von Triers neuer Film "Melancholia"

Melancholia zu drehen habe ihm Spaß gemacht, es sei eine glückliche Arbeit gewesen mit diesen großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, und der Film habe ihn am Ende aus einer lang anhaltenden Depression befreit. Das ist begreiflich, betrachtet man Melancholia unter dem Aspekt des Kinohandwerks. Der Film ist virtuos, eine gewiefte Kombination von Genres und Motiven. Elemente des Katastrophenfilms sind vorhanden, auch dessen Mechanismen der Spannungserzeugung, die Ingmar-Bergmansche Neugier am Zerfall von Beziehungen und Selbstbildern fällt ins Auge, ein gewisses Interesse an Satire und Fantastik – all das von einer nervösen Dogma-Kamera beobachtet. Der Film ist größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig. Kein Dekonstruktionsspiel mit Zitat und Selbstzitat wird hier betrieben, sondern Gemütserregungskunst im Stil des 19. Jahrhunderts. Dass er seine Zuschauer aus einer Depression befreit, ist möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Mehr als einmal betonte Lars von Trier in den vergangenen Monaten,

Der Aufbau ist simpel: Auf ein Vorspiel folgen zwei Kapitel, die den Schwestern Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg) gewidmet sind. Die beiden sind die Hauptfiguren, das Doppelgestirn dieses Films. Zu Beginn bringt der Zuschauer noch die Kraft auf, sich gegen die unverblümten Überwältigungsversuche Triers zu sperren. Atemberaubende Bilder zweier sich annähernder Planeten, unterlegt mit Musik aus Wagners Tristan: Einige Kritiker entdeckten hier die große Geste Albert Speers. Und dann rasen sie auch noch ineinander. Weiter: Eine bräutliche Justine, die sich verzweifelt durch einen Park schleppt, das Moos und die Erde kleben an ihr, sie hat kein Ziel, will nur fort. Der Blick auf einen Rasen mit Sonnenuhren. Zwei Schatten werfen sie: Alles ist anders, verzaubert, unheilvoll, Fiktion. Danach setzt der Film erneut an, er springt direkt in Justines Hochzeitsfest. Der Katastrophenfilm wäre genau umgekehrt verfahren: erst das Reale, dann die kosmische Bedrohung.

Die Witterung eines Tieres vor der Katastrophe

Es existiert eine Art Plot in Melancholia , aber den erstickt Trier sofort. Keiner muss sich schwitzend fragen, ob die Welt gerettet werden kann. Nein, sie kann nicht gerettet werden, und schon der erste suchende Blick der verspäteten, mit der Limousine havarierten Braut in den Himmel, wo ein orangefarbener Stern zu glimmen scheint, ist das Todesurteil. Und nun wird es interessant.

Justine ist eine junge, strahlende Artdirektorin, die einen jungen, strahlenden Artdirektor heiratet. Und weil ihre Schwester Claire mit einem sehr reichen Mann verheiratet ist, findet das Fest auf dem Landsitz des Schwagers (Kiefer Sutherland) statt. Das Haus liegt einsam, es ist luxuriös und verwittert, nicht düster, aber eine ideale Kulisse für ein Endspiel. Die Party ist sündhaft teuer, der Papa ist lustig und durstig, und Charlotte Rampling als verbitterte Mutter rundet das Bild einer etwas exzentrischen Familie ab. Justine jedoch ist an diesem Abend nicht bloß indisponiert. Unruhe ergreift sie, die Witterung eines Tieres vor der Katastrophe. Es ist mehr als Depression, es wird sofort zu einem schwarzen Loch in ihrem Inneren, Tod, Vanitas. In wenigen Stunden gelingt es ihr, ihre komplette soziale Existenz zu ruinieren. Der nächste Morgen wirft Licht auf ein tristes Schlachtfeld. Justine bricht zusammen und kehrt, kaum einer Regung fähig, ins Haus ihrer Schwester zurück.

Das war des Tiers Gesellschaftsporträt. Nun geht es um Claire, die Lebenszugewandte, Praktische, Stabilere der beiden Frauen. Der Planet Melancholia befindet sich im Anflug, und es ist eine Riesensache für Sternenforscher und Hobbyastronomen. Der Fly-by wird grandios werden, und auch ihr Mann John hat sich ein Teleskop gekauft, durch das er mit dem Sohn den größer und größer werdenden Punkt am Himmel beobachtet. Claire verlässt sich auf den allgemeinen Optimismus. Doch eines Tages kommt der Butler nicht mehr zur Arbeit. Im Internet erfährt Claire, dass eine Theorie existiert, wonach Melancholia die Erde zwar passiert, dann aber, eingefangen von deren Schwerkraft, zurückkehrt.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Sachlich?

Das war durch und durch sachlich, verehrte Zensoren. Nur der Ton war verärgert, mehr nicht. Hier also nochmal:

Ging mir genauso. Lars "von" Trier ist wohl einer der am meisten überschätzten Filmemacher aller Zeiten. Kataklysmische Hyper-Soap für Intellektüllen, prätentiöser Schmarrn, bis auf wenige Einstellungen erschreckend banale Bilder, hirntote Selbstreferenzen und bekannte Versatzstücke, hohle langweilige Figuren, null Plot, gähnende Leere, null Spannung, bleiernes emotionsloses Koma, garniert mit einer hauchdünnen Folie aus unausgerichtetem, nichtssagendem, charakterlosem Psychokitsch, und immer dieser extrem nervende Wagner, der am meisten überschätzte Komponist aller Zeiten. (Passt allerdings gut zum Trier mit seinen Fake-Nummern.) Der Titel "Melancholia" ist kein Kommentar zum Film, welcher einfach nur ein totales Fiasko ist, sondern zum Regisseur, und die Ironie ist, dass Trier es noch nicht mal schafft, Melancholie zu verfilmen. Vielleicht ging es nur um die Zerstörung, um das letzte Bild: sah Trier sich etwa selber am Ende auf dieser Wiese sitzen?

Hat jemand hingesehen?

Offenbar nicht. Und trotz der wegweisenden Andeutungen des vorliegenden Artikels hat nicht einer von Ihnen den Film Revue passieren lassen; stattdessen seine, nach der ersten Besichtigung festegefahrene Meinung niedergeschrieben. Sie haben ihre Eindrücke abgeschüttelt und den Film als Schwachsinn abgetan, genauso, wie es der Regisseur wollte und der Rezensist richtig erkannt hat - entweder aus mangelnder Sensibilität oder aus Angst vor der Realität, dass die Welt tatsächlich nicht gut und ewig sein könnte. Ehrlich gesagt, wusste ich vor "Melancholia" nicht einmal, wer Lars von Trier ist und es ist mir auch ziemlich egal. Er hat mit diesem Film auf einzigartige Weise die ureigenen Ängste eines jeden Menschen offenbart und das genügt.