Die erste Erregung ist abgeklungen, jetzt ist es an der Zeit, den Missbrauchsskandal in der Pädagogik, der uns seit einem Jahr beschäftigt, sorgfältig zu analysieren. Bildungshistoriker prüfen, ob etwa die Geschichte der Landerziehungsheime bis 1933 notwendigerweise zu einer Praxis führte, die sich für die Odenwaldschule nach 1950 nicht mehr übersehen lässt, bis heute haben sich über 150 Opfer gemeldet, von möglichen 500 Opfern ist die Rede – und sie stoßen in der Tat auf »dunkle Seiten der Reformpädagogik«. Kritische journalistische Beobachter analysieren die Lebenswelt katholischer Internate und werfen nicht nur »Licht in ein düsteres Kapitel Kirchengeschichte«, sondern betrachten auch ein »System«, das den dauerhaften Missbrauch möglich gemacht habe; ein Sozialpädagoge und Jugendforscher nimmt sich gleich die ganze Tradition der Pädagogik vor und versucht, Strafen, prügeln, missbrauchen als konstantes Merkmal deutscher Pädagogik seit dem frühen 19. Jahrhundert zu belegen. Und schließlich der Text eines Betroffenen, Jürgen Dehmers, ein Opfer des Missbrauchs an der Odenwaldschule , die unter Schülern so nett OSO genannt wurde, er hat unter Pseudonym einen Text geschrieben, an dem man messen können wird, was all die Analysen der Beobachter wert sind.

Den brisantesten Text liefert ohne Zweifel der Züricher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers , er wird eine pädagogische Diskussion entzünden. Als kluger wie distanzierter Beobachter der Reformpädagogik schon lange bekannt, setzt er mit seinem neuen Buch nicht die aktuelle Debatte über die Odenwaldschule fort, sondern analysiert in subtilen Fallstudien die Geschichte von vier Landerziehungsheimen bis zum Jahr 1933. Die Schule Abbotsholme des britischen Pädagogen Cecil Reddies (1858 bis 1932) macht den Anfang, sie war das englische Vorbild für die von Hermann Lietz von 1898 an gegründeten deutschen »Landerziehungsheime«, als deren erste Abspaltung nach einem Konflikt mit Lietz die Pädagogen Paul Geheeb und Gustav Wyneken 1906 ihre Freie Schulgemeinde Wickersdorf einrichteten, bevor Paul Geheeb 1910, wiederum nach einem Streit, jetzt mit Wyneken, in Oberhambach (Südhessen) mit dem Geld seines Schwiegervaters Max Cassirer die Odenwaldschule begründete.

Gleichermaßen kritisch gegenüber der bisherigen Geschichtsschreibung sowie den Einrichtungen und ihren Gründern, zeichnet Oelkers, gestützt auf ein dichtes, meist neues Material zumal biografischer Quellen und gegen die Einrede selektiver Nutzung gut gesichert, wahre Schreckensbilder pädagogischer Welten: persönliche Herrschaft der Gründer, pädagogische Willkür und Gewalt, menschenverachtende Erziehungsstrategien, unwürdige Lebensformen, schlechte schulische Ausbildung, egozentrisch-exzentrische Verhaltensweisen der Schulleiter, bei Lietz mit Antisemitismus gepaart, Ausbeutung der Lehrer und eine Sexualmoral, in der die Kinder zum Opfer der Libertinage ihrer Lehrer werden, wie bei Geheeb, oder zum Objekt homoerotischer Neigungen, wie bei Reddie oder Wyneken. »Eros und Herrschaft« sind die leitenden analytischen Begriffe. Sie bezeichnen Strukturen und Strategien, in denen sich scheinbar liebevolle Zuwendung als Herrschaftsstrategie entpuppt und pädagogische Praktiken sexuelle Gewalt ermöglichen und scheinbar legitimieren.

Wie kann solches Geschehen nur unbemerkt bleiben?

Beeindruckend wie bedrückend ist die Lektüre von Jürgen Dehmers’ autobiografischem Text, sie nötigt uns zu dem Befund, dass die Schreckensgeschichte der Landerziehungsheime 1933 nicht endete, sondern in der Ära des Odenwaldschulleiters Gerold Becker (1972 bis 1985) in einem »System Becker«, ihre Kontinuität gefunden hat. »Keine Grenzen, keine Regeln, außer: Becker ist der Boss«, so resümiert der ehemalige Schüler. Dehmers beschreibt – mit »rationalem Zorn«, wie einer seiner Freunde seinen hartnäckigen Umgang mit dem individuellen Leiden und die nicht nachlassende Arbeit an der öffentlichen Aufklärung der Deformationen der OSO zutreffend nennt – das schulinterne wie externe »Netzwerk« der Akteure und die »Mechanismen der Odenwaldschule«, die systematisch, »in Unabhängigkeit von einzelnen Akteuren«, sexuellen Missbrauch, aber auch die Gewalt unter Schülern ermöglichten und zugleich legitimierten und, obwohl die Taten bekannt wurden, bis 2010 eine folgenreiche schulinterne wie öffentliche Reaktion auf die Missstände als »Täterschützer« aktiv verhinderten.

Dehmers gehörte zu der Gruppe von Jugendlichen, die das Jugendamt an die Odenwaldschule vermittelte. Sie waren einerseits wesentlicher Teil der Finanzierung der Schule – und zugleich Außenseiter unter den Kindern wohlhabender Eltern, die das Schulgeld aufbringen konnten, sie waren offenbar bevorzugte Opfer. Traumatisiert für ihr Leben, gelingt es nur wenigen, an dieser Traumatisierung zu arbeiten. Dehmers gewinnt seine Hartnäckigkeit offenbar im Training für Marathonlauf und inmitten einer kleinen Gruppe von Freunden. Schon 1998/99 hat er einen Bericht über die Missstände in der Frankfurter Rundschau ermöglicht. Sein Buch ist deshalb nicht allein ein verstörendes Zeugnis von persönlichem Leiden oder eine Kampfgeschichte, sondern hält für den Leser auch die beschämende Erfahrung bereit, dass in den zehn Jahren nach der Veröffentlichung in der Zeitung weder eine pädagogische noch eine politische Aufmerksamkeit gegeben war, die diesem Leiden ein Ende gemacht hätte.

Wie konnte man aber ein solches Geschehen übersehen? Für die Landerziehungsheime selbst legt Oelkers (wie Dehmers) die These nahe, dass bewusste Vertuschungsstrategien der Leiter, die schon aus Gründen des finanziellen Überlebens am öffentlichen Ruf ihrer Schulen massiv interessiert waren, dass desinteressierte und wegschauende Eltern sowie eine gutgläubige reformemphatische Öffentlichkeit zusammenspielten. Die Realität konnte und durfte so nicht in den Blick kommen, im Gegenteil, die Eigeninteressen der Gründer und die Reformambitionen der Pädagogen sorgten dafür, dass die Welt der Erziehung sich selbst bestärkte: hier die Guten, die Reformer, die vom Kinde aus denken und das Beste wollen, dort die verachtenswerte Regelschule, die an der Unterdrückung des Kindes arbeitet.

Die Kritik an dieser Realität ist zwingend, indes, es sind nichtallein »die dunklen Seiten der Reformpädagogik«, auf die Oelkers und Dehmers zeigen, sondern die der Landerziehungsheim-Bewegung, die als Erklärung hinzuzuziehen sind – genauer, die »Landerziehungsheime Hermann Lietz« und, siehe Oelkers, auch nur bis 1933. Oelkers selbst warnt vor einer Generalisierung. Deren Möglichkeit muss nun von Bildungshistorikern weiter diskutiert werden; ob die Geschichte der deutschen Reformpädagogik insgesamt neu geschrieben werden muss, ist noch zu prüfen. Wahrscheinlich muss man zunächst Oelkers’ Bild von Reformpädagogik problematisieren und auch seine Codierung der Geschichte der modernen Schule, bei der eine Kritik am Regelschulsystem ganz unverständlich wird. Diese Diskussion kann aber nur gelingen, wenn man Oelkers eigene Fixierung auf ein Pro und Contra der Reformpädagogik aufbricht, zu unterscheiden wäre zwischen Programm und Realität der historischen Reformpädagogik, in den Blick zu nehmen ist auch der aktuellen Reformdiskurs.

Vom Überleben in »totalen Institutionen«

Gleichzeitig, und dies wird durch die beeindruckende Studie des Internats Ettal sichtbar, die Bastian Obermayer und Rainer Stadler, Redakteure der Süddeutschen Zeitung , vorlegen, kann zwar Oelkers die »Struktur« der Landerziehungsheime als Wurzel des Übels herauslösen, aber damit sind noch nicht die bestimmenden Elemente des »Systems« der Internate an sich herausgearbeitet. Obermayer und Stadler geben nicht nur den Opfern eine Stimme und den Tätern ein Profil, sondern liefern auch eine Analyse der Bedingungen, die sich im Missbrauch als »System« offenbaren. Das geschieht umfangreich, wenn auch eher aufzählend als systematisierend, aber man erkennt deutlich, wie spezifische Bedingungen – eines katholischen Internats – mit den Strukturen von Internaten – als »totalen Institutionen« – und den Formen der Interaktion – formiert durch Geistliche (als Pädagogen) und deren Disziplinierungspraktiken und Kontrollfantasien – sich zu einem Syndrom von Gewalt und Missachtung der Schutzbefohlenen verbinden. Der Schrecken in Ettal – der bis in die jüngste Gegenwart anhielt – ist nicht geringer, als er in der Odenwaldschule war, die Mechanismen der institutionell erwünschten Vertuschung kehren wieder, die Regel des heiligen Benedikt schützt ebenso wenig wie die emphatischen kinderfreundlichen Worte der Reformpädagogen. Wer sich in ein Internat begibt, gerät in Gefahr für Leib und Leben, bedroht sind personale Integrität und Moral durch die pädagogische Praxis, aber doch nicht »zwangsläufig«, wie für Ettal behauptet wird, und überall hoffentlich auch nicht.

Benno Hafenegers kurze und in Details leider viel zu knapp gehaltene Geschichte Strafen, prügeln, missbrauchen. Gewalt in der Pädagogik zeigt einschlägige Exempel schwarzer Pädagogik aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Hafeneger hat aus der vorliegenden Literatur eine Chronik pädagogischer Gewalt kompiliert, er konzentriert sich auf die Erziehung von Jungen, und er spart neben der NS-Erziehung auch die DDR aus so wie die Jugendhilfe und -psychiatrie, es fehlen also wesentliche Vergleichsfelder. Im Wesentlichen zeigt er das Phänomen, liefert aber noch keine hinreichende Analyse. Dabei sind, insgesamt, die Begriffe selbst schon ein Problem: »Gewalt« findet sich bei Hafeneger, »Herrschaft« und »Eros« bei Oelkers, bei Obermayer/Stadler ein Blick auf die »totale Institution« – aber Abgrenzungen zu »Macht«, Sexualität« oder der Struktur zum Beispiel der »pädagogischen Interaktion« findet man noch nicht. In der Konzentration auf Internate hat die Analyse schon Tiefenschärfe gewonnen, der eher vage Blick auf Formen und Institutionen des Aufwachsens insgesamt, den Hafeneger bietet, bedarf noch der Schärfung. Zunächst ergibt sich der Befund, dass nicht nur katholische jesuitische Stadtschulen, benediktinische Internate und liberale Landerziehungsheime für die Heranwachsenden gefährliche Orte sind, an denen Erzieher ihre Macht missbrauchen, sondern offenbar – wie die Heim-Enquête gezeigt hat – auch Erziehungsheime in der alten Bundesrepublik (so wie katholische Heime in Irland und den USA oder die Jugendwerkhöfe in der DDR) und, nicht zu vergessen, die Familie oder die Peergroup. Zur Erfahrung der Internate gehört allerdings auch die Praxis von Macht und Herrschaft, die Bewohner über ihre Mitbewohner ausüben: Der junge Törleß belegt das ebenso wie Hesses Unterm Rad, Oelkers’ Verweis auf den »Pennalismus« kommt nicht von ungefähr.

Was, fragt man sich am Ende, ist das aber für ein elendes Bild, das hier von Erziehung gezeichnet wird, vor dem man sich auch durch die Einrede des »Einzelfalls« oder der persönlichen Verfehlung nicht mehr schützen kann? Wenn es die antipädagogische Kritik (und die Erfahrung ihres Ungenügens) nicht schon gegeben hätte, könnte man geneigt sein, sie neu zu erfinden; die Frage der Erziehungsphilosophen, ob »Erziehung sittlich erlaubt ist«, und wenn ja, mit welchen Praktiken, muss man in jedem Fall neu aufwerfen; der Kern der Frage geht aber an die »erziehenden Gewalten« selbst, an Eltern und Lehrer, an die fachliche und allgemeine Öffentlichkeit.

In Thüringen, Oelkers und andere Historiker liefern die Belege, hat man Gustav Wyneken schließlich die Erlaubnis versagt, Internate zu führen, man muss also nicht behördlich wegschauen, wie in Hessen 1999. Im Jesuitenorden fand sich ein Pater, der den Ruf seiner Institution dadurch mehrte, dass er mutig für Aufklärung sorgte, und es gibt kein Gesetz, das anderen Orden diesen Mut verbietet. Den Reformpädagogen aller Couleur steht eine kritische Selbstbesinnung bevor, wie Oelkers sie eröffnet hat. Es wäre auch nicht schädlich, wenn Eltern sich ihrer Pflichten erinnerten und das Kindeswohl nicht nur im eigenen Interesse bei Scheidungsprozessen in den Mund nähmen. Bildung als öffentliche Aufgabe ist ohne eine kritische Öffentlichkeit nicht zu haben.