Deutschland erlebt gerade einen verrückten Widerspruch: Dem Land geht es insgesamt ziemlich gut, aber das Gefühl der Kontrolle schwindet von Tag zu Tag. Dem Vorstandsvorsitzenden eines der größten deutschen Konzerne dreht sich der Magen um, wenn er auf dem Rückflug von China nach Deutschland liest, dass irgendwelche Trader irgendwo vor ihren Bildschirmen auf den Niedergang Europas wetten. Das Medienpublikum verfällt in die Sprachlosigkeit eines, wie die Aktivistin Naomi Klein sich ausgedrückt hat, Katastrophenkapitalismus, der die Grenze zwischen Real- und Finanzwirtschaft verwischt und am Ende nicht nur Banken, sondern ganze Staaten in den Ruin treibt.

Regierungen sprechen von Ausnahmezuständen, um eine Politik ohne Alternative zu rechtfertigen. Aber diese Geste der Souveränität erscheint hilflos und beweist nur die Leere, die im politischen Zentrum herrscht. Muss man den Begriff des Fortschritts, wie heute viele in der Rückbesinnung auf das Wort von Walter Benjamin aus den dreißiger Jahren glauben, wieder in der Idee der Katastrophe fundieren?

Wenn Vertröstung und Vertagung zum politischen Programm werden, wächst die Sehnsucht nach etwas Neuem, das frische Luft und Freiraum verspricht. Jung und heiter soll das Neue daherkommen, Ballast abwerfen, Platz schaffen und endlich mit den ganzen elenden Missverständnissen aufräumen. Das Spiel mit der Utopie ist dann gar nicht mehr wirklichkeitsfremd, sondern der Situation angemessen. Denn Zukunft ist dann denkbar, wenn wir uns nicht mehr nur in einer vergehenden, sondern immer auch in einer bevorstehenden Zeit fühlen.

In der Sehnsucht nach dem Neuen verbirgt sich auch das Bedürfnis, innezuhalten und den Augenblick zu erfassen. So sucht man nach einer Partei, die aufräumt mit den Parteien des Establishments , welche die Welt nur verschieden interpretieren, aber vergessen haben, sie zu verändern. Wer etwas machen will, muss wissen, was Sache ist: Wie konnte es so weit kommen? Wie ziehen wir den Karren wieder aus dem Dreck? Was bringt die Zukunft?

Denn einfach weitermachen, das geht nicht in einer Welt, in der Mächte, Märkte und Medien derart kurzgeschlossen sind, dass Unfälle normal geworden und Regulierungen trotzdem ausgeschlossen sind. Wer den Tatsachen ins Auge sieht, muss zugeben, dass selbst Ironie unter solchen Bedingungen keine Form der Kontrolle mehr darstellt. Die Beobachtung der eigenen Beobachtungen führt zu keiner anderen Perspektive: Alles ist möglich, aber nichts lässt sich machen.

Entlastung findet man in den Sozialen Netzwerken , wo der Klatsch auf Dauer gestellt wird. Die Geschichte, die nichts Gutes verheißt, wird durch die Biografie ersetzt, die sich als Onlineshow inszenieren lässt. Das Netz ist die Welt, die die überschüssigen Energien absorbiert und die überschießenden Vorstellungen repräsentiert. Es ist paradox: Der Augenblick der Reflexion wird ausgerechnet dort gesucht, wo es ihn am wenigsten gibt. Denn die Speicherung der eigenen Alltagsdaten verstärkt im persönlichen Erleben nur den Eindruck, dass sich das Unkontrollierbare nicht kontrollieren lässt. Klatsch dreht sich um die Angst, missverstanden zu werden, aber dabei träumt man von einem destruktiven Charakter, dem das, was die anderen über einen denken, völlig egal ist. Es dämmert einem, dass man aus der Zwangsjacke der eigenen Biografie nur herauskommt, wenn man bereit ist, ins Offene zu treten und sich missverstehen zu lassen.

»Du musst dein Leben ändern!« Aber wie, wenn man die Erfahrung macht, dass die gesellschaftliche Lage verkehrt und die persönliche Welt verbaut ist? Zukunft ist bei alledem das eigentlich knappe Gut.

Umstellt von Parteien der Vergangenheit stellt sich die Frage, wie eine Partei aussehen könnte, die Zukunft auf dem Programm hat. Denn das Wesen der Politik ist, nicht nur das Vergehende zu registrieren, sondern sich das Kommende vorzustellen. Das kann weder die Wirtschaft, noch kann es die Kultur. Kultur träumt Vergangenheit, Wirtschaft experimentiert mit der Gegenwart, aber den Zugriff auf Zukunft schafft allein die Politik.