Moderne GesellschaftDu musst dein Leben ändern

Aber wie? So könnte das Neue in der Politik aussehen von Heinz Bude

Deutschland erlebt gerade einen verrückten Widerspruch: Dem Land geht es insgesamt ziemlich gut, aber das Gefühl der Kontrolle schwindet von Tag zu Tag. Dem Vorstandsvorsitzenden eines der größten deutschen Konzerne dreht sich der Magen um, wenn er auf dem Rückflug von China nach Deutschland liest, dass irgendwelche Trader irgendwo vor ihren Bildschirmen auf den Niedergang Europas wetten. Das Medienpublikum verfällt in die Sprachlosigkeit eines, wie die Aktivistin Naomi Klein sich ausgedrückt hat, Katastrophenkapitalismus, der die Grenze zwischen Real- und Finanzwirtschaft verwischt und am Ende nicht nur Banken, sondern ganze Staaten in den Ruin treibt.

Regierungen sprechen von Ausnahmezuständen, um eine Politik ohne Alternative zu rechtfertigen. Aber diese Geste der Souveränität erscheint hilflos und beweist nur die Leere, die im politischen Zentrum herrscht. Muss man den Begriff des Fortschritts, wie heute viele in der Rückbesinnung auf das Wort von Walter Benjamin aus den dreißiger Jahren glauben, wieder in der Idee der Katastrophe fundieren?

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Heinz Bude
Heinz Bude

ist Soziologieprofessor in Kassel und lehrt am Hamburger Institut für Sozialforschung. Zuletzt erschien von ihm Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet.

Wenn Vertröstung und Vertagung zum politischen Programm werden, wächst die Sehnsucht nach etwas Neuem, das frische Luft und Freiraum verspricht. Jung und heiter soll das Neue daherkommen, Ballast abwerfen, Platz schaffen und endlich mit den ganzen elenden Missverständnissen aufräumen. Das Spiel mit der Utopie ist dann gar nicht mehr wirklichkeitsfremd, sondern der Situation angemessen. Denn Zukunft ist dann denkbar, wenn wir uns nicht mehr nur in einer vergehenden, sondern immer auch in einer bevorstehenden Zeit fühlen.

In der Sehnsucht nach dem Neuen verbirgt sich auch das Bedürfnis, innezuhalten und den Augenblick zu erfassen. So sucht man nach einer Partei, die aufräumt mit den Parteien des Establishments , welche die Welt nur verschieden interpretieren, aber vergessen haben, sie zu verändern. Wer etwas machen will, muss wissen, was Sache ist: Wie konnte es so weit kommen? Wie ziehen wir den Karren wieder aus dem Dreck? Was bringt die Zukunft?

Denn einfach weitermachen, das geht nicht in einer Welt, in der Mächte, Märkte und Medien derart kurzgeschlossen sind, dass Unfälle normal geworden und Regulierungen trotzdem ausgeschlossen sind. Wer den Tatsachen ins Auge sieht, muss zugeben, dass selbst Ironie unter solchen Bedingungen keine Form der Kontrolle mehr darstellt. Die Beobachtung der eigenen Beobachtungen führt zu keiner anderen Perspektive: Alles ist möglich, aber nichts lässt sich machen.

Entlastung findet man in den Sozialen Netzwerken , wo der Klatsch auf Dauer gestellt wird. Die Geschichte, die nichts Gutes verheißt, wird durch die Biografie ersetzt, die sich als Onlineshow inszenieren lässt. Das Netz ist die Welt, die die überschüssigen Energien absorbiert und die überschießenden Vorstellungen repräsentiert. Es ist paradox: Der Augenblick der Reflexion wird ausgerechnet dort gesucht, wo es ihn am wenigsten gibt. Denn die Speicherung der eigenen Alltagsdaten verstärkt im persönlichen Erleben nur den Eindruck, dass sich das Unkontrollierbare nicht kontrollieren lässt. Klatsch dreht sich um die Angst, missverstanden zu werden, aber dabei träumt man von einem destruktiven Charakter, dem das, was die anderen über einen denken, völlig egal ist. Es dämmert einem, dass man aus der Zwangsjacke der eigenen Biografie nur herauskommt, wenn man bereit ist, ins Offene zu treten und sich missverstehen zu lassen.

»Du musst dein Leben ändern!« Aber wie, wenn man die Erfahrung macht, dass die gesellschaftliche Lage verkehrt und die persönliche Welt verbaut ist? Zukunft ist bei alledem das eigentlich knappe Gut.

Umstellt von Parteien der Vergangenheit stellt sich die Frage, wie eine Partei aussehen könnte, die Zukunft auf dem Programm hat. Denn das Wesen der Politik ist, nicht nur das Vergehende zu registrieren, sondern sich das Kommende vorzustellen. Das kann weder die Wirtschaft, noch kann es die Kultur. Kultur träumt Vergangenheit, Wirtschaft experimentiert mit der Gegenwart, aber den Zugriff auf Zukunft schafft allein die Politik.

Leserkommentare
  1. Schöne Gedanken, wirklich schöne Gedanken, leider wird das Offensichtliche vergessen: die eigene (gesellschaftliche) Existenz.

    "Die Herausforderungen einer heutigen Zukunftspolitik heißen Ökologie, soziale Ungleichheit und Europa." Und das "Demographieproblem"? Die schönste Außenwelt nützt nichts, wenn die eigene Existenz beginnt sich aufzulösen.

    • Krizzz
    • 29. September 2011 19:54 Uhr

    Sie verkennen das Potential des Internets, Herr Bude. Es ist nicht der Ort absorbierter Energien und überschießender Vorstellungen. Es ist der Ort, an dem die Zukunft entsteht. Einen solchen Schub der quantitativen Versammlung und Verteilung von Informationen gab es seit der Erfindung des Buchdrucks nicht mehr. Wie hätten Kopernikus, Galilei oder Bacon ihr Wissen und ihre Erkenntnisse erlangen können, ohne die Möglichkeiten der günstigen und effektiven Aufnahme und Verteilung von Informationen?
    Das Wissen entwickelt sich weniger durch einzelne Experten und Intellektuelle - sie stellen vielmehr die Hüter des etablierten dar - es bildet sich in der kontingenten Zusammensetzung des Vorhandenem zu etwas neuem. Es ist nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit bis die digital natives, Inspiriert durch die sinnlichen Eindrücke des Internets, neue Formen des Wissens entwickeln, die über dämliche Videos hinausgehen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja, das Internet ist wie der Hyperraum, durch den ich JETZT mit jedem Menschen dieser Welt in Verbindung treten kann.

    Bücherverbrennungen gibt es nicht mehr.
    Missbrauch verjährt nicht mehr so schnell.

    ICH muss nicht mehr mein Leben ändern, sonder dass sich ändernde Leben verändert mich, oder ich geh unter, weil es keine Grenzen mehr gibt in einer globalisierten Welt, hinter denen ich mich verstecken kann mit meiner inerhalb der Grenzen "richtigen" Weltanschauung.

  2. Sehr interessant, aber: "Kultur träumt Vergangenheit". Kultur ist immer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem, weswegen sie den Menschen auch viel Freude bereitet und von reiner Rationalität ablenkt, zumal sich die drei Zeitebenen auch so überlagern können, dass Menschen die Differenzierung verlieren. Und so kann es Freude machen Kultur zu produzieren, selbst wenn sie dann als missraten verworfen wird und ebenso kann es Freude machen anderen dabei zuzuschauen, -hören usw. Das kann auch beängstigen. Science Fiction beispielsweise ist eine vorausschauende Kultur, die nicht selten nah an einer zukünftigen Realität liegt, die wiederum Kultur ist. So meine ich, dass Politik Kultur benötigt, um Sinn zu machen...
    Daraus ließen sich schon zahlreiche konkrete Ansätze für konkrete Kulturpolitik finden. Ideen hätte ich schon, wenn ich mir allein die Medienmechanismen anschaue. Es sollte beispielsweise viel einfacher sein, die produzierte Alltagskultur in andere Medien zu bringen, als das Internet. Was ich beispielsweise nicht leiden kann ist die jahrzehntelange Wiederholung der immer gleichen Lieder in manchen Radiosendern, wobei ich Erkennungsmelodien schätze und mich freue, mal wieder alte Hits zu hören. Kulturfeindlich finde ich die Redundanz mit der Topstars durchgenudelt werden. Die Kultur wird flach, auch weil sie stark verwertungsorientiert ist, selbst wenn Kultur stetig wächst.

  3. Es gab eine Art Superhit in und aus Deutschland. Alle Versuche diesen Song hier zu einem Hit zu machen floppten, wegen "wollen wir nicht, geht nicht, soll nicht sein usw.". Als der Song im Ausland zu großen Erfolgen kam, wurden hier alle Schleusen aufgemacht. Diesen Weg können aber nicht viele gehen...
    Sogar diejenigen, die sich Förderung der Kultur auf die Fahnen schreiben, versuchen die entstehende Kultur zurück zu drängen.

  4. Ja, das Internet ist wie der Hyperraum, durch den ich JETZT mit jedem Menschen dieser Welt in Verbindung treten kann.

    Bücherverbrennungen gibt es nicht mehr.
    Missbrauch verjährt nicht mehr so schnell.

    ICH muss nicht mehr mein Leben ändern, sonder dass sich ändernde Leben verändert mich, oder ich geh unter, weil es keine Grenzen mehr gibt in einer globalisierten Welt, hinter denen ich mich verstecken kann mit meiner inerhalb der Grenzen "richtigen" Weltanschauung.

  5. Der beste Artikel den ich bisher gelesen habe.

    Viele Erklärungs- und Gestaltungsmuster der Politik werden durch die Dichte der Abfolge maximaler Ereignisse zunehmend nutzloser. Auch der gesellschaftliche Diskurs verliert zunehmend an Schwung und Wirksamkeit.

    Es wurde einfach zu vieles übersteuert. Ich persönlich habe mein ursprüngliches Weltbild perfekt konserviert und gegen jede unredliche Beeinflußung von Außen vollkommen abgeschottet. Ich passe mich nicht der Unvernunft der Anderen an.

    Jede sinnvolle Veränderung der Welt kann nur in gegenseitiger vernunftbetonten Abstimmung unter Vielen stattfinden. Das invasive Zerstören von Weltbilder, die mit dem eigenen Weltbild nicht übereinstimmen ist nicht zielführend. Es raubt der Gesellschaft dringend notwendige Resourcen.

  6. Ein Unternehmen welches kein Absatz findet und damit scheitert, haftet "nur" mit dem vorhandenen Unternehmenswert. Der Bürger der finanziell scheitert, haftet mit seiner Existenz bzw. mit einem menschenwürdigen Dasein. Dieser Fakt schafft zwangsläufig Uneinigkeit in der Gesellschaft und damit konservatives Denken. Neue Strategien und Ideen lassen sich nur implementieren, wenn die alten Denkstrukturen und Systeme umstrukturiert bzw. beseitigt werden. Der Konservatismus hält aber an die alte Struktur und Ordnung fest, und damit bleibt die Existenzangst in der Gesellschaft bestehen. Die Lösung für dieses Dilemma wäre der kollektive Geist, um gemeinsame Ziele in bis zu globaler Größenordnung zu erreichen, oder Promlemlösungen zu finden. Aber dafür müsste man den Mensch wohl neu erfinden bzw. von Anbeginn der Geburt für Chancengleichheit, und soziale Gerechtigkeit Aller sorgen.
    Zudem kommen da noch die ökologischen Probleme, die wenig Spielraum für Individualismus lassen, so das es eigentlich nur einen Weg aus all den Krisen gibt, und der heisst Expansion in neue Bereiche. Doch dafür fehlen die Voraussetzungen.

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