Pariser Intellektuelle Sartres Erben
Die neuen Intellektuellen von Paris interessieren sich nicht mehr für Ideologien – sondern dafür, wie wir leben.
Paris ist ein Treibhaus des Intellekts. In der Stadt, fünfmal so dicht bevölkert wie Berlin, finden sich auf kleinem Raum die besten Hochschulen des Landes, die wichtigen Verlage und die meisten Redaktionen der Debattenzeitschriften. Man kennt, trifft und streitet sich: an der Uni, auf einer der zahllosen Diskussionsveranstaltungen oder im Studio von France Culture, einem Radiosender, der einen großen Teil seines Programms der Welt der Ideen widmet. »Intellektueller« ist hier ein Ehrentitel. In dieser Stadt, in der es nach einem Spottwort mehr Autoren als Leser gibt, schreiben Beamte und Politiker Bücher, um sich diesen Titel anheften zu können, und Journalisten rechnen sich automatisch zu den Intellektuellen. Wer ein Buch verfasst hat, und sei es eines über Steuertricks, ist bereits écrivain, Schriftsteller – also Intellektueller.
Nur war lange Zeit leider nicht viel Neues von den Pariser Intellektuellen zu hören. Sie trieben Politik wie Bernard-Henri Lévy oder schrieben libertär-pessimistische Bücher wie Michel Houellebecq. Aber wo waren die Ideen, die dazu führten, dass sich Denkschulen um sie herum bildeten? Erinnerungen an Jean-Paul Sartre, Louis Althusser, Michel Foucault und Jacques Lacan werden wach, deren Vorlesungen Hochämter waren. Wer aber nostalgisch wird, könnte darüber glatt das Neue übersehen, das gerade aufkommt in Paris: Vorbei sind die Zeiten, in denen die intellektuellen Sonnensysteme um ein paar Cafés im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés kreisten, in denen Rotwein trinkende junge Wilde die Welt neu erfanden. Die Szene hat keine festen Orte mehr, man wohnt halt dort, wo man es sich leisten kann, ansonsten wird gearbeitet. Und zwar an Themen aus der Lebenswelt: Liebe, Stress und Langeweile, Schmutz, Tod und Popkultur.
Die jungen Intellektuellen stellen lieber Fragen, anstatt Weisheiten zu verkünden. Das war in Paris lange anders, der Intellektuelle trat als Guru auf, wie etwa noch heute Alain Badiou; der 74-Jährige ist der meistübersetzte unter Frankreichs lebenden Philosophen.
Mehdi Belhaj Kacem, 38, hat gerade sein Buch Après Badiou veröffentlicht, also »Nach Badiou«. Klarer Fall von Vatermord. Belhaj Kacem war glühender Anhänger des Meisters. Der ist ein Metaphysiker alter Schule, in den Plüschsesseln des Auditoriums der ehrwürdigen École normale supérieure, des Pariser Geistestempels, versinken seine Jünger voller Ehrfurcht und schreiben jedes Wort mit. Badiou zufolge existieren ewige Wahrheiten, die hin und wieder ereignishaft zutage treten, und zwar auf vier Gebieten: Liebe, Kunst, Wissenschaft, Politik. Der Kommunismus ist für ihn so eine Wahrheit. Badiou bewundert Mao Tse-tung.
An so einen hat Belhaj Kacem zehn Jahre lang geglaubt? »Ja«, sagt er lächelnd, »und als dieser Glaube zerbrach, geriet ich in eine Depression.« Mit Après Badiou hat er sich von ihr befreit. Das Buch kreist um den Begriff des Bösen. Zunächst müsse man erst wieder lernen, darüber zu staunen, sagt Belhaj Kacem. »Das Böse ist banalisiert worden. Rap, Metal, Fernsehkrimis zeigen es jeden Tag. Auch die meisten Philosophen setzen es wie selbstverständlich voraus und denken dann lieber über das Gute nach. Oder über das Wahre, wie Badiou.« Belhaj Kacem definiert das Böse als »das Mehr-Leid, das der Mensch in die Welt gebracht hat. Tiere foltern nicht.«
Dieses »Mehr-Leid« sei mit der Wissenschaft möglich geworden; unter »Wissenschaft« versteht Belhaj Kacem das, was andere eher »Produktion mit Werkzeugen« nennen würden. Der junge Philosoph zieht eine direkte Linie vom Sündenfall zur Apokalypse: Die Überschreitung setzt sich fort, der Mensch riskiert den planetaren Umweltkollaps.
So also sieht die ungemütliche Welt des Belhaj Kacem aus, und es überrascht schon ein wenig, dass er selbst kein bisschen bedrückt wirkt. Selbst über Badiou, den gefürchteten Meister, kann er mittlerweile lachen. Was auch daran liegt, dass Belhaj Kacem gerade aus Tunesien zurückgekehrt ist. Sein Vater ist Tunesier; um ihn zu schützen, hatte sich der Sohn bis zur Revolution jeder öffentlichen Stellungnahme enthalten. »Als ich jetzt da war, habe ich gelernt, dass jeder Mensch intervenieren kann. In Nabeul, wo mein Vater wohnt, war die Müllabfuhr zusammengebrochen. Wir haben mit den Anwohnern protestiert und den Bürgermeister gezwungen, sich darum zu kümmern. Klingt nach wenig. Ist aber nicht null. Nur für solche Leute wie Badiou, die lieber in großen Begriffen denken und darüber den Menschen vergessen.«
Und was kommt nach Après Badiou? Belhaj Kacem weiß es noch nicht. Er hält sich mit Kritiken und kleinen Aufsätzen über Wasser, vielleicht gibt es auch wieder einen Buchvertrag: »Ich weiß, was es heißt, prekär zu leben.« Die Medien haben es schwer mit ihm: Wo gehört er hin? Er hat ja nicht einmal eine Stelle an einer Uni. Ein Outsider. Man hat ihn »Post-Punk« genannt. Niemand weiß, wieso. Doch nicht wegen seiner Wuschelfrisur?
Vielleicht ist gerade diese Unzugehörigkeit typisch für die neuen Denker, und dass sie fast alle Philosophen sind.
»Das ist kein Wunder«, sagt Michela Marzano, selbst Philosophin. Sie wohnt nahe dem Eiffelturm, in einer Altbauwohnung inmitten dramatisch kippelnder Bücherberge. Als die Italienerin 1998 nach Paris zog, »waren Soziologen und Ökonomen die großen Deuter. Heute glaubt man ihnen nicht mehr, zu oft haben sie sich getäuscht. Jetzt sind die Philosophen gefragt, weil es zu ihrem Beruf gehört, Fragen zu stellen.«
Die schnell und druckreif redende Frau mit dem harten Akzent wird häufig zu Debatten eingeladen; vielleicht auch, weil sie Bücher über griffige Themen wie Arbeit, Vertrauen, Treue, Pornografie und Gewalt schreibt. Eines davon heißt Philosophie des Körpers, es geht um Diäten und Fitness, um Schönheitschirurgie und Gesichtstransplantation.
Ob das noch Philosophie sei, grummelt das Establishment. Marzano kontert: »Die Philosophie hatte fast vergessen, dass der Mensch ein körperliches Wesen ist. Aber man kann nicht alles auf Logik und Sprache reduzieren, auf Symbole und Begriffe. Um etwa die Bioethik zu verstehen, müssen wir uns fragen, was es konkret heißt, einen Körper zu haben und zugleich ein Körper zu sein.«
Marzano attackiert den »Perfektionszwang«, der die Körper unterjocht: »Wir müssen einem Ideal entsprechen, um zu den Gewinnern zu gehören und nicht zu den Verlierern. Jung um jeden Preis. Dünn. Mental perfekt. Selbstvertrauen zählt mehr als Vertrauen in andere. Wer da nicht mithält, ist selbst schuld. Ein Symptom dieses Wahns ist die Anorexie: extreme Selbstkontrolle, um den Erwartungen der anderen zu entsprechen.« Marzano litt selbst unter Magersucht, Thema eines ihrer neuen Bücher.
»Aber Sie erfahren darin nicht alles über mich. Zur Individualität gehört ein eigener, nur mir zugänglicher Raum, das eigene Zimmer, in dem ich die Tür hinter mir zumachen kann«, sagt sie. Ein Schutzraum, der verteidigt werden muss. Denn das Ich wird von außen attackiert: »Gesundheit, Bildung, Kontakte, alles dient heute dem Zweck, im Beruf voranzukommen.«
Manchmal spricht sie wie eine Konservative. Sie hat ja auch ein Buch gegen Pornografie und eines für die Treue geschrieben. Doch sie kann sich mit dem Begriff »konservativ« nicht identifizieren: »Na, hören Sie, ich schreibe eine Kolumne in der linken italienischen Zeitung Repubblica, und ich trete auf Foren der französischen Sozialisten auf! Und die Treue – nun, ich habe das Treueversprechen der Ehe kritisiert, weil niemand seine Gefühle kontrollieren kann. Aber wir können jemandem versprechen, dass er erfährt, wenn mit unseren Gefühlen etwas Neues geschehen sollte.« In ihrem Treue-Buch kehrt das Motiv des eigenen Zimmers wieder: Eifersucht entsteht dann, wenn ein mit dem anderen geteilter, intimer Raum auf einmal von Fremden bevölkert wird.
Über erhaltenswerte Räume spricht auch Pierre Zaoui: Räume, in denen nichts nützlich oder verwertbar sein muss. »Heute wird alles zu Kapital«, kritisiert er. »Humankapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital. Wir denken nur noch in Projekten: Ziel, Mittel, Zeit. Das ist eine Ideologie, die das Ereignis zerstört.«
Zaouis aktuelles Buch heißt La Traversée des Catastrophes – »Die Durchquerung der Katastrophen«. Darin geht es um Ereignisse jenseits aller Projektemacherei: um das Sterben, die Krankheit, den Verlust der Liebe. Ähnlich wie Belhaj Kacem kritisiert Zaoui die traditionelle Philosophie, die vom Übel nur spricht, um es wegzudefinieren. Für sie ist das Leiden Teil der Natur oder bloß Einbildung, göttliche Prüfung, Preis des Fortschritts – alles Denkfiguren, die es erlauben, schnell von diesem unangenehmen Thema zu Erbaulicherem überzugehen, zum Kosmos, zum Jenseits, zur Seele oder zum Sinn der Geschichte.
Nein, sagt Zaoui, der Gedanke an das Schlimmste muss festgehalten werden. Und zwar so, wie es wirklich ist: nicht »der Tod im Allgemeinen«, sondern der eigene oder der eines geliebten Wesens. »Du musst hinabsteigen«, lautet Zaouis Maxime.
All das erläutert ein Familienvater, der auf einem unaufgeräumten Balkon voller Sportsachen und Kinderspielzeug sitzt und beste Laune ausstrahlt. Nur sein Konsum großer Mengen schwarzen Kaffees und unzähliger Zigaretten erinnert noch an das Klischee des Existenzphilosophen, der in Abgründe blickt. »Sie dürfen das Leben eben nicht durch sein Ende definieren«, erklärt er. »Wir leben nicht zum Tode, er bricht gewaltsam von außen über uns hinein. Nicht das Ende, das Ereignis zählt. Nicht das Verschwinden, sondern die Begegnung.« Selbst im Allerschlimmsten treten Abstufungen auf, es gibt Pausen, Ablenkungen, ein Ende. In seinem Buch erinnert Zaoui an den Grafen Mirabeau, der auf dem Sterbebett liegend seinen Diener bat, ihn sexuell zu befriedigen: eine letzte Erektion gegen den Tod.
»Wir Philosophen dürfen über alles nachdenken, das ist unser Vorteil«, sagt Zaoui. Und so befasst er sich heute mit individuellem Leid, morgen mit dem Klassenkampf und übermorgen mit dem Liberalismus; zurzeit schreibt er an einer »Ethik für Atheisten«, außerdem redigiert er das Vierteljahresblatt Vacarme, eine der neuen intellektuellen Plattformen. Vacarme heißt auf Deutsch »Lärm«. Das ist Ironie, denn die Zeitschrift verzichtet auf Krach und Geschrei, richtet sich gegen Unschärfe, Schlampigkeit, Gedankenlosigkeit der öffentlichen Rede.
Wie der erste Roman des 30-jährigen Victor Beauvais, erschienen im Frühjahr 2011. Der Ich-Erzähler ist, wie auch der Autor, Sprössling einer Intellektuellenfamilie und Absolvent einer Elitehochschule; er hat einen Lehrauftrag in Wirtschaftswissenschaften. Sowohl die Lehre als auch seine Doktorarbeit öden den Erzähler an, er simuliert das Arbeiten letztlich nur. »Machen das nicht viele so?«, fragt Beauvais und lässt seinen Blick streifen; es ist Spätnachmittag, der blasse junge Mann mit den dünnen Haaren sitzt auf einer Bank im Park des Palais Royal, Pärchen flanieren vorbei. Sein Buch heißt Économie de l’amour, Ökonomie der Liebe.
Darin rechnet er auch mit den Wirtschaftswissenschaften ab. Beauvais hat sich, wie er sagt, »real existierende« Forschungsarbeiten vorgeknöpft, deren Lächerlichkeit sein Roman auf urkomische Weise entlarvt. »Die zugrunde liegende Mathematik wird nicht nur falsch eingesetzt, sondern ist oft selbst fehlerhaft« – und das nervt ihn besonders, denn Beauvais liebt die Mathematik. »Mein Verleger wollte, dass ich alle mathematischen Formeln aus dem Buch entferne. Da habe ich mich geweigert.« Mit der Folge, dass der Leser sich entweder die Mühe machen muss, sie zu verstehen, oder in die Rolle der im Buch beschriebenen Studenten rutscht.
Von diesem Widerspruch lebt das Buch: Es schildert einen jungen Mann, der mithilfe von Popmusik, Videospielen und Kino dem Stumpfsinn seiner Arbeit entflieht, der aber ein Ideal hat, die Schönheit und die Wahrheit; beides findet er in der Mathematik und vielleicht auch in der Liebe.
Im wirklichen Leben ist Beauvais einen Schritt weiter. Tagsüber geht er einem Job nach, den er mag: Er arbeitet in der Banque de France (vergleichbar mit der Deutschen Bundesbank) und entwickelt ein mathematisches Modell zur Berechnung der Geldüberweisungen von ausländischen Arbeitern in ihre Heimat. Abends schreibt er an seinem nächsten Roman. Beauvais ist Pragmatiker. Auffallend, auf wie viele Intellektuelle seiner Generation dieser Begriff zutrifft. Sie sind auf irritierende Weise vernunftbetont – und haben dennoch diesen Stich ins Verrückte.
Wie zum Beispiel soll man es verstehen, dass ein Buch wie Mon Zombie et moi (»Mein Zombie und ich«), das von Aliens, bösen Geistern und Porträtgemälden mit Bewusstsein bevölkert wird, im Kern eine geisteswissenschaftliche Abhandlung ist? Angefangen hatte alles ganz normal. Pierre Cassou-Noguès war vor acht Jahren als Gastwissenschaftler in Princeton; damals veröffentlichte er mathematische und logische Untersuchungen. Im Archiv stieß er auf Aufzeichnungen des österreichischen Mathematikers Kurt Gödel, in denen es um Zeitreisen, Gottesbeweise und Engel ging. »Ich habe angefangen, diese Notizen als Science-Fiction zu lesen. Gödels Engel waren Aliens für mich. Allmählich verstand ich, dass ich etwas an meiner Arbeit ändern wollte: raus aus der Abstraktion, hinein in solche Themen, die an jedem Bahnhofskiosk warten – Science-Fiction, fantastische Literatur.«
Während er ganz ernsthaft von Engeln, Aliens und Zombies spricht, drehen sich Touristen am Nebentisch neugierig um. Hier, in einem Café des gerade hip gewordenen 10. Arrondissements, kann es öfter geschehen, dass Bizarres zur Sprache kommt. Denn noch wird diese Gegend von Leuten bevölkert, die mehr Ideen als Geld haben, von jungen Malern, Musikern, Autoren. Die Mieten ziehen freilich schon an.
Das Zombie-Buch beginnt mit einer Geschichte, die Cassou-Noguès sich selbst ausgedacht hat: Er träumt, dass er geköpft wird; am nächsten Morgen wacht er auf, und siehe da, sein Kopf liegt auf dem Bett, empfängt aber die Empfindungen des kopflos umhertappenden Körpers und kann diesen auch steuern. Die Geschichte führt zu vertrackten Fragen: Wer ist »ich«? Wo ist »ich«? Fragen, wie sie auch Michela Marzano beschäftigen. Zurzeit schreibt Cassou-Noguès ein Buch über Brainreader, Maschinen zum Gedankenlesen. Wieder wird er sich zwischen Naturwissenschaft, Popkultur und Philosophie bewegen. Das ist ein Trend, der vor einem Jahr öffentlich wurde, während der Philosophischen Nacht an der École normale supérieure. Um ein Uhr morgens trat zum Beispiel Olivier Pourriol auf, der anhand von Ausschnitten aus Actionfilmen über das Böse sprach; im Nebenraum ging es bis zum Morgengrauen um philosophische Themen aus Fernsehserien: Medizinethik (Dr. House), Sterben (Lost), politische Ethik (The West Wing), Tod als Schule des Lebens (Six Feet Under). Und Anfang Oktober erscheint ein Buch namens Cyborg-Philosophie. Der 38-jährige Thierry Hoquet schlägt darin den Bogen von der Körperphilosophie zur Umweltpolitik. Auch er wohnt im 10. Arrondissement, aber in einem Neubau-Appartement abseits des Trubels der Boutiquen, der Couscous-Kaschemmen und Halal-Schlachter. Sein Arbeitszimmer ist ganz Konzentration; weiße Bücherregale, abstrakte Gemälde.
Was ist ein Cyborg, Herr Hoquet?
»Der Cyborg ist dauerhaft mit Technik verkabelt. Er hat zudem ein Opfer gebracht: Ein künstliches Organ ersetzt ein natürliches.«
Existieren schon Cyborgs? »Eine Vorform sind Menschen mit Herzschrittmacher. Aber das ist erst der Anfang. Es wird Cyborgs geben, die grundsätzliche Fragen aufwerfen. Der südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius, der auf seinen Unterschenkelprothesen läuft, hat ja schon einige Verwirrung ausgelöst: Was bedeutet es, ihn für alle Wettbewerbe zuzulassen?«
Für Hoquet ist der Cyborg nicht nur ein Doppelwesen, weil er kybernetisch und organisch ist, sondern auch, weil er Hoffnung und Angst zugleich verkörpert: »Die Überwindung unserer körperlichen Grenzen ist Traum und Albtraum, Erfüllung und Entfremdung. Der Cyborg ist der lebende Widerspruch, einer, der sich nicht auflöst. Er hinkt und humpelt, ist nicht perfekt. Er symbolisiert unseren Wunsch nach einer besseren Existenz, aber ausgehend von der heutigen Wirklichkeit, dem Technokapitalismus.«
An dieser Stelle wird Hoquet politisch. Eine bessere Welt wird nicht in einen Zustand der »Reinheit« zurückfinden. »Leben ist Verschmutzung. Nicht das Ende der Unreinheit ist die Aufgabe, sondern der Beginn einer klugen, bewussten Verschmutzung. Der Mensch gestaltet die Natur weltweit um; er sollte das in Zukunft so tun, dass Irrtümer rückgängig gemacht werden können.« Das gilt auch für die Körperpolitik: »Der Körper ist keine reine, von Technik und Kapitalismus freie Domäne, er wird das auch nie mehr werden. Aber wenn es um Probleme wie Leihmütter, Organhandel und Stammzellen geht, sind vorsichtige und vorläufige Lösungen vorzuziehen.«
Und wieder: Vernunft anstelle von Radikalität, Bescheidenheit statt großer Geste, Gegenwart statt Ewigkeit. Das verbindet die neuen Intellektuellen von Paris: Mehdi Belhaj Kacem, der sich von seinem Lehrmeister löste und den Müll in einer tunesischen Kleinstadt beseitigt; Michela Marzano, die unablässig Bücher über Alltagsthemen schreibt; Pierre Zaoui, der das Erleben über das Lebensende setzt; Victor Beauvais, Bankmathematiker und Romancier der sozialen Leere; Pierre Cassou-Noguès und Thierry Hoquet, die populäre Fantasien philosophisch ernst nehmen.
Das alles ergibt natürlich noch keine eigene Schule, aber doch den unverwechselbaren Stil einer neuen Formation des Geistes jenseits des Kults um die Protagonisten der French Theory – ein in Amerika erfundener Sammelname für das erhabene Geräusch, das aus dem Paris der siebziger und achtziger Jahre hinüberdrang. Pierre Zaoui drückt die Abwendung vom alten Prinzip des Meisterdenkers so aus: »In Frankreich wirkt immer noch der napoleonische Traum nach: der Mann, den uns die Vorsehung schickt. Wenigstens wir Philosophen sollten mit dem Quatsch aufhören.«
- Datum 29.09.2011 - 08:00 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 29.9.2011 Nr. 40
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Ach die Franzosen, die haben doch auch Philosophie in der Schule. Trotzdem ist dieses Denken so provinziell und autoritär.
Das sollte es bitte dann auch gewesen sein mit "(C) Paul Rousteau". Die Masche "partiell unscharf & farblich verfremdet" wirkt ja nun wirklich ganz, ganz schnell fürchterlich aufgesetzt.
raisonnement ist noch lange kein philosophieren - und wenn das die erben sartres sind, ist es schwach bestellt um die geistigkeit der grande nation. indes habe ich feststellen dürfen, daß die pariser mädchen schöner denn je sind - und das ist ja auch nicht schlecht!
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