Während einige Franzosen noch gar nicht richtig fassen können, dass Frankreich keine Grande Nation mehr sein soll, feiert Le Fooding, Gastrobewegung aus Paris, eine Riesenparty, um eben all das zu zelebrieren, was zum kulinarischen wie kulturellen Untergang des Landes geführt hat: Burger, Brunch, Papierservietten, chinesische Nudeln, Wein aus Neuseeland. Le Fooding lädt zwei-, dreimal im Jahr zu öffentlichen Freiluft-Dinnern ein, genannt Le Grand Fooding oder Foodstock. Zuletzt wurde im Juli gefeiert, es gab Musik und einen Cocktail aus Ricard und Graupen, gemixt von einem jungen Schweden namens Magnus Nilsson aus Järpen, 600 Kilometer nördlich von Stockholm, wo er rohen Elch, Birkensaft und über Wacholderzweigen gegarte Meeresfrüchte serviert, aber sicher keine Beurre blanc oder blanchierte Erbsen. Das Time Magazine schrieb über das Grand Fooding, es sei "the coolest food event known to men". Einmal im Jahr, immer im November, gibt Le Fooding einen Restaurantführer für Paris und Frankreich heraus, der italienische Bars und kambodschanische Imbisse empfiehlt, dem die Einrichtung einer Pizzeria im 18. Arrondissement so wichtig ist wie die sautierten Garnelen des großen Alain Ducasse und der einige Sterneköche komplett ignoriert.

Alexandre Cammas und Emmanuel Robin waren Journalisten bei linken Tageszeitungen und noch nicht einmal dreißig, als sie im Jahr 2000 Le Fooding gründeten, um ein bislang ungekanntes Kriterium in die Gastrokritik einzuführen: das Gefühl, die Stimmung. Cammas fügte die Begriffe Food und Feeling zu einem Wort zusammen und ließ es sich als Marke schützen. Die einzige entscheidende Frage, die ein Fooding-Kritiker sich beim Bewerten eines Restaurants stellt, ist die: Hatte ich einen guten Abend? Alles andere ist egal.

Die Unverschämtheit, die darin liegt, ist die, dass die Hochküche in Frankreich nicht zum Vergnügen existiert. Sie ist der Stolz und die Tradition des Landes. Die Franzosen haben das Kochen quasi erfunden. Weltweit sind Küchenbegriffe dem Französischen entlehnt. Die Franzosen leben davon, dass die Welt glaubt, sie seien gute Köche, ähnlich wie Deutschland ein Problem hätte, wenn man nicht mehr daran glaubte, die Deutschen seien gute Ingenieure. Präsident Sarkozy setzte sich vor ein paar Jahren erfolgreich dafür ein, dass die cuisine française sowie das französische Menü nun zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. "Wir haben die beste Küche der Welt", sagte er, so stolz, wie es sich für einen französischen Präsidenten gehört. Allerdings fügte er hinzu: "Also, aus unserer Perspektive betrachtet."

Denn der Zweifel nagt. Die Franzosen ahnen, dass es andere Perspektiven auf ihr Land gibt als die eigene, dass die Plüschrestaurants in Paris, wo auf den Speisekarten für Madame keine Preise stehen, etwas gestrig sind und dass die Nouvelle Cuisine, die neue Küche, mit ihrem Olivenöl und ihrem knackigen Gemüse nach vierzig Jahren nicht mehr ganz so neu ist. Ferran Adriàs Erfolg mit seiner spanischen Trickküche konnte man noch als Irrtum internationaler Food-Journalisten abtun. Dann kam René Redzepi, der junge Däne, mit der Nordic Cuisine, und von der französischen Küche waren nur noch Honeymooner aus Wisconsin oder Niedersachsen wirklich begeistert. Le Fooding waren die Ersten, die vor zehn Jahren wagten, das Unaussprechliche auszusprechen: Pariser Sternerestaurants sind vollkommen uncool, total unsexy, unglaublich langweilig.

Alexandre Cammas sieht aus, als gehörte er zu einer Pariser Elektropopband, schmal, etwas blass, nachdenkliche braune Franzosenaugen, blau-weiß gestreifter Franzosenpulli. Er liebt die große Geste, die Polemik und die Argumentation, er versteht sich als Revolutionär und als Denker. Er sagt, ohne dass dabei die Weltmüdigkeit aus seinem Blick wiche: "Ich bin radikal gegen die Idee von Futurismus, die in den Jahren des Faschismus in Italien entstand, und ich verurteile es, wenn man im Namen relativer Modernität anderen Regeln aufzwingt."

Im Bureau du Fooding, einem Hinterzimmer in einem ruhig gelegenen Haus im 11. Arrondissement, liegt graue Auslegeware; dem Gast wird nur ein Wasser angeboten. Cammas ist ein Theoretiker. Er gehe sowieso kaum mehr aus, weil er jetzt Vater sei. Im letzten Guide Fooding, der im Herbst 2010 erschienen ist, schreibt er eine Chronik der Bewegung und lässt keinen Zweifel daran, dass sein Projekt gesellschaftliche Relevanz hat. Sein Text ist eine ironische, präzise Kulturgeschichte des Pariser Restaurants der letzten zehn Jahre. Es geht um Mikrodistinktionen sowie um das große Ganze. Wer eine Suppe mit dem Strohhalm zu sich nimmt, findet Cammas, hat auch eine falsche Idee von Modernität.