Fashion Week Paris Der Flaneur
Was ist das Geheimnis des Modeschöpfers Haider Ackermann? Er hat einen Blick für die Straße
Es gibt Momente, da fühlt sich der zurzeit am meisten beachtete Modeschöpfer von Paris seiner Stadt ganz nahe: samstagmorgens, wenn die Modehauptstadt noch döst und Haider Ackermann aussieht »wie ein Clochard«, wie er sagt.
Es ist sein Wochenend-Ritual: Er steht um sechs Uhr auf, schlüpft in eine Jogginghose, wirft einen Schal um. Dann geht er aus dem Haus zu seinem Stammcafé. Dort liest er Zeitung und guckt von seinem Fensterplatz aus zu, wie Paris beginnt, sich zu regen. So wie ein Verliebter seiner Freundin beim Aufwachen zuschaut. »Mit dieser Stadt verbindet mich eine besondere Intimität.« Es gebe so viele verschiedene Arten von Licht in Paris, sagt er.
Jetzt, da Haider Ackermann auf der Terrasse des Café Marly am Louvre sitzt und von Paris schwärmt, ist die Stadt längst hellwach. Geschäftsleute und Touristen strömen vorbei in unterschiedlicher Geschwindigkeit, die einen schlendern, die anderen haben es eilig. Und mittendrin Ackermann, der seelenruhig in seiner Tasse rührt. Er trägt ein aufgeknöpftes schwarzes Hemd. Das krause dunkle Haar lugt unter dem Hut hervor. »Ist die Aussicht von hier aus nicht großartig?«
Dass es in seinem Leben ansonsten ziemlich hektisch zugeht, verrät nur der Ketchup, der in seinem Oberlippenbart klebt. Im Taxi auf dem Weg zum Café habe er zwei Hamburger hinuntergeschlungen, erzählt er, »der Taxifahrer hatte Angst, dass ich ihm alles vollschmiere«. Ackermann hat viel zu tun, viele Termine, viele Projekte und nur eine Handvoll Mitarbeiter. Ständig pendelt er zwischen seinen Studios in Paris und Antwerpen. Kürzlich war er in Los Angeles, davor in New York, davor in Istanbul, dazwischen in Cannes. Gerade hat er sich ein Wochenende in Spanien geleistet, »um zu atmen«, wie er sagt, denn bei all den Erwartungen, die an ihn gestellt werden, bleibt ihm manchmal die Luft weg.
Die französische Hauptstadt hat lange auf einen Mann wie Haider Ackermann gewartet, einen Franzosen, der endlich wieder für fashion moments sorgt, der eigene Visionen hat, die sich in Kollektionen der ganz großen Marken übersetzen lassen. Zwar hat die Welthauptstadt der Mode sich bislang international behaupten können, das Personal der bedeutenden Marken aber kommt aus dem Ausland. Chanel wird von dem Deutschen Karl Lagerfeld gestaltet, Louis Vuitton vom Amerikaner Marc Jacobs, der nun im Gespräch ist, Dior zu übernehmen, bei Givenchy entwirft der Italiener Riccardo Tisci und bei Yves Saint Laurent Stefano Pilati. Wäre da nicht Christophe Lemaire, der die kreative Führung bei Hermès übernommen hat, es gäbe überhaupt keine Franzosen an den kreativen Schaltstellen der großen Pariser Modehäuser.
Und nun ist da Haider Ackermann. Einer, dessen Defilees mit Bravo-Rufen begleitet werden. Einer, von dem Karl Lagerfeld schon sagte, dass er sich ihn als Nachfolger bei Chanel vorstellen könne (was man bei Lagerfeld aber keineswegs als Indiz erkennen muss, dass er vorhabe, seine Nachfolge zu regeln). Kein Wunder, dass Ackermanns Name fällt, sobald es irgendwo einen Stuhl an der Spitze einer Modemarke zu besetzen gilt, natürlich wurde auch er als Kandidat gehandelt, als diskutiert wurde, wer den gestrauchelten John Galliano bei Dior beerben solle.
Ackermann wurde 1971 in Kolumbien geboren. Seinen eigentümlichen Vornamen schreibt er einem Dokumentenfehler der kolumbianischen Behörden zu. Er wurde von einem französischen Paar adoptiert und hat einen Bruder aus Korea und eine Schwester aus Vietnam. Als Kind kam Haider Ackermann nach Äthiopien, in den Tschad und nach Algerien. Die Erinnerung an die Frauen dort, denen es gelang, sich mit einer einzigen Stoffbahn perfekt zu kleiden, prägt noch immer seine Mode. Und das Licht, sagt er. Das Licht Afrikas habe er im Herzen mit nach Europa gebracht. Er studierte und arbeitete im belgischen Antwerpen, seit 2002 zeigt er seine eigenen Kollektionen in Paris.
- Datum 29.09.2011 - 17:59 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 29.9.2011 Nr. 40
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»Ich mag die Geschichten von damals, diese Dekadenz. Heute gibt es keine Dekadenz mehr, das ist sehr schade.«
Doch, es gibt sie noch. Der gute Haider bemerkt sie nur nicht. Warum wohl?
Zugegeben, ich bin ein Kind der Multimediageneration. Als solches bin ich zwar auch in der Lage einen unbebilderten Text mit Interesse zu lesen - aber bei Themen, die etwas so offensiv optisches wie Mode oder bildende Kunst behandeln, möchte ich einfach eine Bildergallerie dazu. Nicht dass mich das zuweilen feinsinnige geblubber von Kulturjournalisten nicht auch interessieren würde, aber ich möchte das ohne viel Aufwand mit meinem eigenem Eindruck davon abgleichen können. (Ja, googeln ist Aufwand.)Ohne selbst ein Bild vor Augen zu haben interessiert mich der tiefgründigste Artikel über die Ambitionen, Motive und Werk von Künstlern nicht, die mir ansonsten eh unbekannt oder schnurzpiepegal geblieben wären.
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