Rotlichtviertel Pigalle Statt der Liebe

Pigalle war ein vergessenes Rotlichtviertel. Jetzt gibt es zwischen Stundenhotels und Erotikshops Feinkostläden und Kitas - und eine neue Boheme.

Die Rose Bakery sieht ziemlich heruntergekommen aus; wenn man den Code des neuen Paris noch nicht entschlüsselt hat, geht man glatt daran vorbei. Ein alter Lagerraum in der rue des Martyrs, 9. Arrondissement. Die Decken niedrig, der Fußboden mit grüner, abgeplatzter Farbe bestrichen, Neonlicht, auf dem Boden stapeln sich Kisten: Artischocken, Äpfel, Karotten, in der Vitrine Kuchen und Salate, im Regal Biomüsli. Die Leute stehen Schlange bis auf die Straße. Mütter mit Kinderwagen, Frauen mit großen Sonnenbrillen, Männer mit langen Schals und Sandalen, das MacBook unter dem Arm, wollen einen Carrot Cake ergattern oder einen Salat. Es ist Mittag in SoPi, South Pigalle, und eigentlich könnte man sich jetzt drinnen gemütlich hinsetzen und etwas essen, aber gemütlich geht gerade nicht, es ist voll wie jeden Mittag, also gehen sie wieder, den Salat in der Tragetasche, und sie sagen so beiläufig wie stolz, sie haben sich bei der Rose Bakery was geholt.

Die Rose Bakery, die gleichzeitig eine englische Konditorei ist und ein Laden und ein Restaurant, ist sozusagen das Destillat des neuen Paris. Ein Ort, der beweist, dass er mehr die Idee von einem Ort ist als er selbst, die bestimmt, ob er sich in etwas Besonderes verwandelt, ob er eine Aura entwickelt.

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Als die Rose Bakery 2002 eröffnete, konnte man todsicher sein, dass das schiefgehen würde. Eine Engländerin versuchte, Kuchen und Biosalate zu verkaufen, mitten in einem schäbigen Viertel, in dem Prostituierte und Rentner lebten, aber niemand, der Geld ausgeben würde für gutes Essen, noch dazu für englisches oder gesundes. Und, na ja, wie sagt man es höflich – in der Rose Bakery behandeln sie Gäste nicht eben unterwürfig. Die Gäste kamen trotzdem, vielleicht auch gerade deswegen, und nachdem sie den Carrot Cake gegessen und gegenüber bei Arnaud Delmontel ihr Baguette gekauft hatten, bekamen sie irgendwann Lust, hier auch zu wohnen. So können Rose Carrarini, ihr französischer Mann Jean-Charles und ihr Nachbar, der Bäcker, heute sagen: Wir waren die Ersten hier. Sie haben diesen Stadtteil neu erfunden.

Montagmorgen, halb neun. Jean-Charles Carrarini trägt Fastglatze und einen dicken Goldring mit Rubin. Er fläzt sich auf einem Stuhl, Backbleche werden vorbeigetragen, Rose selbst, eine kleine Person im dunkelblauen Kleid, unansprechbar, inspiziert mit Block und Stift in der Hand das Sortiment, während er erzählt: von ihren Dependancen in Seoul, Tokyo und London, vom internationalen Erfolg ihres Kochbuchs, davon, dass sie sich weigern, Reservierungen entgegenzunehmen, genauso wie sie sich weigern, ihren Kunden etwas zu empfehlen. Und mitten im Satz, zwischen Nichtreservieren und Nichtempfehlen, springt Jean-Charles Carrarini auf und zieht einen Karton aus einem Stapel, der an der Wand hochwächst, dreht den Karton um, damit man den Schriftzug richtig lesen kann, und steckt ihn wieder zurück. »Comme des Garçons« steht auf dem Karton, darin sind rote Schürzen des Designerlabels für 59 Euro, mit dem Schriftzug »Rose Bakery«.

Die bis ins Letzte durchdachte Nachlässigkeit, das ist South Pigalle (so hätte man früher natürlich nie im Leben einen Stadtteil von Paris genannt, das geht erst, seitdem man in der französischen Hauptstadt verrückt ist nach allem, was englisch oder amerikanisch ist). SoPi, das heißt so viel wie: Vergesst SoHo und NoHo, Paris ist zurück. Es heißt auch: Wir sind nicht schick und mondän wie das alte Paris, wir können auch Hinterhof, nicht nur Fassade. Wir sind das Gegenteil von Saint-Germain-des-Prés, wo sich schon lange nichts mehr bewegt. Die Läden, in denen sich die neue Boheme wohlfühlt, sehen aus, als hätten sie ihre Einrichtung vom Sperrmüll. Es ist eine Kulisse, in der das Edle, Gute noch viel besser zur Geltung kommt, ein Spiel für alle, die es sich leisten können, nicht etabliert zu sein.

Pigalle, das war mal eine Künstlerhochburg, Toulouse-Lautrec und Renoir hatten hier im 19. Jahrhundert ihre Ateliers. Später gab es in Pigalle Opiumbars und die ersten Lesbenclubs Europas; die garçonnes, von denen man nicht wusste, ob sie garçons waren oder filles, machten in den zwanziger und dreißiger Jahren Furore, rote Laternen in den Hauseingängen zeigten an, wo sich eine Frau verkaufte, bis eine ehemalige Prostituierte Karriere in der Stadtverwaltung machte und 1946 die maisons closes verbot, die »geschlossenen Häuser«. Die Prostituierten blieben, selbstverständlich, fortan gab es hôtels de passe (das ewige Wunder, dass auf Französisch selbst ein Wort wie »Stundenhotel« gleich poetisch klingt). Als die Prostituierten älter wurden und das Internet Sex zu Hause konsumierbar machte, kamen von außerhalb eigentlich nur noch die Gauner ins Viertel und die Touristen, die aus den sicheren Reihen ihrer Reisegruppe ein paar barbusige Tänzerinnen im Moulin Rouge bestaunen wollten.

Eine Rotlichtbar nach der anderen hat in den letzten Jahren zugemacht, und da, wo sich vorher die Frauen um Chromstangen gewunden hatten, machten Kinderkrippen auf, neben dem Etablissement Dirty Dick logiert jetzt das Kindertheater. SoPi ist der Spielplatz der Bobos, der bohèmiens bourgeois. Die Vertreter der neuen, durchdesignten Klasse haben viele Kinder.

Hier ist Boboland, eine Art Disneyworld für alle, die Geschmack haben und Geld und trotzdem lebendig bleiben wollen. Vorstädter verirren sich nicht hierher. In SoPi leben Leute aus der Mode, den Medien, ehemalige Fußballspieler, die B-Prominenz, nicht die großen Stars, bis auf ein paar wenige, die man selten sieht, wie Jean-Paul Gaultier und Jarvis Cocker.

Man kann in SoPi bei Chloé.S Cupcakes, einem von einer Diabetikerin geführten Kuchencafé, einen quietschrosa Muffin essen und bei Gals Rock, einem Laden für feministische Rockkultur, in einem kleinen schwarzen Hinterzimmer eine Tasse Tee trinken und sich Independent-Musik empfehlen lassen. In der rue des Martyrs, der Ader des Viertels, gibt es außer der Rose Bakery und Delmontel unzählige Feinkosthändler, in einem Olivenöl-Geschäft kann man sich seine persönliche Melange mischen, und eine Straße weiter, in der rue Victor Massé, gibt es ein Gitarrengeschäft neben dem anderen.

Es ist ein Quartier, das man lieben muss, vor allem weil man immer, bevor es zu schön wird, bevor es ins Kitschige kippt, in irgendeinen zweifelhaften, verruchten, abgerockten Laden stolpert. SoPi ist wie eine Handtasche von Yves Saint Laurent, die man in der rue Condorcet secondhand für 850 Euro kaufen kann: teuer, edel, mit Gebrauchsspuren.

Die Schriftstellerin Anne Plantagenet lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einer hübschen Wohnung mit Stuck und Kamin und Parkett, und wenn sie aus dem Fenster auf die Straße schaut, laufen ihr jene Typen vor die Füße, die sie in ihrem letzten Roman beschrieben hat. Nation Pigalle ist gleichzeitig eine Huldigung des Stadtteils und eine Beschimpfung (und nebenbei ein kritisches Porträt der Gesellschaft in der Ära Sarkozy). Der Roman erzählt von einem Feuer, das eine einsame alte Dame in ihrem Appartement gelegt hat, um sich das Leben zu nehmen. Das Feuer tötet sie nicht, aber es wirbelt das Leben der Bewohner des gesamten Mietshauses durcheinander, der Reihe nach geraten sie in eine Identitätskrise. Es geht in dem Buch um Untreue, um So-tun-als-ob, es geht um Sex und Lebenslügen, ums Sich-Durchschlagen, und all das spielt zwischen den verbliebenen Sexshops und Stundenhotels, den Ateliers, Bars, Restaurants, Krippen des Stadtteils. Nation Pigalle hat sechs Hauptfiguren, aber die eigentliche Heldin, sagt Anne Plantagenet, ist SoPi. Man kann ihr Buch lesen wie einen Reiseführer, nur ohne die Beschönigungen.

»Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen ein bisschen was«, sagt sie und gleitet in einem langen, dunkelvioletten Rock die Treppe runter, trotz ihrer Plateauschuhe auf sehr elegante Weise. In der Hand trägt sie einen Fächer gegen die Sommerhitze, als wäre sie eine Figur in einem Gemälde von Renoir. Anne Plantagenet lebte schon im alten Pigalle, als es noch der Schmutzfink von Paris war. Mitte der neunziger Jahre war das, sie studierte, und ihre Wohnung war billig, ein ehemaliges Stundenhotel. Ihre Eltern waren nicht begeistert, die Schlägereien in der Straße, die Nutten, die Drogen, ja, dreckig war’s, aber in Gefahr hat sie sich nie gefühlt, sagt sie (man muss halt, auch heute noch, wissen, wann man welche Straßen besser meidet).

Im Vergleich zu damals ist Pigalle heute unglaublich bourgeois geworden, sagt Anne Plantagenet. Als Intellektuelle, die etwas auf sich hält, beklagt sie die Gentrifizierung: »Es kommen Leute, die keine Kultur haben, sich aber was leisten können.« Sie wollen, dass ihre Kinder auf Schulen gehen, die, bitte schön, nicht zu gemischt sein sollen, »sogar die Kultur des Sex verschwindet«. Bei ihrem privaten Stadtrundgang führt sie uns an die Place Pigalle, zum Sexodrome, einem Sex-Kaufhaus, in dem eine ihrer Romanfiguren aus sexuellem Interesse als Tänzerin anheuert. »Das ist ein Geschäft wie jedes andere auch, eine Sehenswürdigkeit wie der Eiffelturm und der Louvre.« Eines der letzten alten Erotiktheater wurde vor Kurzem von einer Bank gekauft – einer Bank! Sie will ja nicht behaupten, dass die Prostitution eine romantische Angelegenheit ist, und vielleicht stimmt es ja auch, dass das, was am Ende geblieben ist, mehr Porno war als Erotik. Trotzdem – irgendwas ist verloren gegangen. »Da drüben, sehen Sie das?« Carrefour, ein Supermarkt, dort, wo der legendäre Cirque Médrano war, in dem Henri Toulouse-Lautrec im Publikum saß.

Die teuren Obst- und Gemüseläden, die Macarons bei Delmontel, dem Nachbarn der Rose Bakery, das alles sei eine Art urbaner Schutzgelderpressung, sagt Anne Plantagenet, »es gibt immer mehr Leute, die hier nicht klarkommen«, vor ihrer Wohnung wühlen sie in Mülltonnen nach Resten von Essen, und gegenüber sitzen andere in einem dieser neuen Cafés, in denen man beim Bestellen gleich nach dem Wi-Fi-Passwort fragt, sie sitzen da mit ihren Notebooks und den richtigen Logos an den Schuhen und den Sonnenbrillen, und noch mal ein paar Schritte weiter hat vor anderthalb Jahren das sehr exklusive Maklerbüro Féau, eine Christie’s-Tochter, eine Filiale eröffnet und kann die Nachfrage gar nicht befriedigen, im Schaufenster wird eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Terrasse für 1,25 Millionen Euro angeboten. Flambierte Preise.

Das Schreiben, sagt Anne Plantagenet am Ende der Privatführung, habe sie wieder mit SoPi versöhnt. Vielleicht war sie in ihrem Buch doch ein wenig zu hart. Wegziehen würde sie sowieso nie (zum Fotoshooting ein paar Tage später wird sie im T-Shirt mit dem Schriftzug »South Pigalle« erscheinen). Bevor sie die Tür schließt und die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufgleitet, verrät sie uns noch ihren Lieblingsort, der nichts ist für kulturlose Parvenus, sondern eine grüne Oase mitten im 9. Arrondissement, das eigentlich am wenigsten Grün von allen Arrondissements in Paris hat: Das Musée de la vie romantique liegt in einem Hinterhof in der kleinen, stillen rue Chaptal. Dort steht eine Villa von 1830, das Haus des Malers Ary Scheffer. George Sand, Rossini, Chopin, Delacroix, Liszt, Berlioz – sie alle waren hier zu Gast. Durch das Haus wehen an diesem warmen Spätsommertag bei geöffneten Türen und Fenstern die Klänge von Chopin-Mazurkas, im Garten kann man zwischen Rosensträuchern und Fliederbüschen einen Tee trinken und einen süßen oder salzigen Crumble essen.

Jean Vedreine ist 28 und strahlt die Unruhe des Menschen aus, der am Nachmittag auf die Nacht wartet. Er hat eine schwarze Ledermappe dabei, ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug, seine Arbeitsutensilien. Kleiner Blick in die Runde, ein paar Worte mit dem Kellner am Tresen, alles klar. Wir sind in der Bar Le Mansart, und er ist der Chef hier. Das Mansart war bis vor ein paar Monaten ein etwas schmuddeliges, nichtssagendes Bistro. Seit Jean Vedreine dort renoviert und einen Kickertisch aufgestellt hat, ist das Mansart am Abend und bis tief in die Nacht der Treffpunkt für alle, die später noch tanzen gehen wollen, schräg gegenüber im Carmen, oder schon tanzen waren. Die Bar ist in einem Eckhaus gelegen, man sitzt an kleinen Bistrotischen hinter Glas, trinkt einen Pastis und schaut raus oder bleibt gleich vor der Tür. Es ist die Art von Bar, die dazu da ist, dass man sich einen Überblick über die Szene verschaffen kann: Wer ist heute da? Wer geht wohin und mit wem?

Er habe nichts gegen die Boboisierung, sagt Vedreine, warum sollte er? Sie bringt Geld und gute Leute, die gern ausgehen und sich dabei nicht auf die Nase hauen wollen.

 Es ist nicht das erste Lokal, das er zu neuem Leben erweckt hat. Sein Prinzip: »Ich gehe dahin, wo keiner hinwill.« Für ihn war Pigalle perfekt. Auch ins alte Sans Souci, 50 Meter vom Mansart entfernt, wollte keiner, auch ihm hat er neues Leben eingehaucht: einer Bar mit roten Ledersofas und einer Theke aus Kupfer, in der man sich als Gast gleich selbst sehr stilbewusst fühlt. Das Sans Souci hat dem letzten Film von Romy Schneider seinen Namen gegeben: Die Spaziergängerin von Sans Souci, ein mythischer, lange vergessener Ort, an dem früher die korsische und Marseiller Mafia ihre offenen Rechnungen beglich.

Wenn die Szene nicht im Mansart ist oder im Sans Souci, dann ist sie üblicherweise im Hotel Amour, in dem jedes Zimmer ein eigenes Universum ist. Man kann in die fünfziger Jahre eintauchen oder befindet sich auf einmal in Japan mit erotischer Fotografie und Bonsaibäumchen, zu jedem Zimmer gehört ein Fahrrad für den kleinen Ausflug im Viertel, dafür gibt es keinen Fernseher, kein Telefon. Ein Hotel ohne Sterne, aber mit Wi-Fi in jedem Winkel. Die Zimmer werden ständig verändert, irgendwas vom Flohmarkt kommt dazu, es wird umgeräumt, umdekoriert – reist man ab und kommt zurück, ist schon wieder alles neu. Das Hotel, vom Graffitikünstler und Nachtclubbesitzer André Emmanuel vor fünf Jahren als Wochenendunterkunft für seine Musikerfreunde gegründet, und der dazugehörige überdachte Garten mit Palmen, Efeu, Bambus und Springbrunnen sind allerdings öfter mal geschlossen, das Hotel Amour ist eine begehrte Filmlocation. (Anne Plantagenet rät, im Garten am Morgen einen Kaffee zu trinken: entspannteres Publikum, weniger Hektik.) Wenn der Bäcker Delmontel die neuen Kuchen und Macarons und Tartes der Saison vorstellt, gibt er hier eine Pressekonferenz.

»Hotel Amour« – schöner verrucht könnte man es nicht nennen. Den Reiz des Verbotenen hat man in Pigalle schon immer verstanden. Eine der unterhaltsamsten SoPi-Beschäftigungen ist es, vor dem Eingang der kleinen privaten Avenue Frochot herumzuhängen, zu der man nur mit einem Code Zutritt hat und die noch nicht einmal auf dem Stadtplan verzeichnet ist. Wer geht rein, wer kommt raus? Abends wird das Vergnügen noch schöner, denn neben dem vergitterten Eingangstor steht eine Villa, deren Fassade mit Art-déco-Glasintarsien verziert ist, und wenn es dunkel wird, schalten sie im Haus die Hintergrundbeleuchtung für das Fensterbild an.

Wenn man ganz viel Glück hat, verrät einem irgendwer den Eingangscode, und hinter dem Gitter öffnet sich eine Landidylle, die fast außerirdisch wirkt: ein geschwungenes Sträßchen mit Kopfsteinpflaster, dicht gedrängte Villen, efeubewachsene Mauern, es blühen Flieder, Trompetenbäume, auf der Straße stehen gigantische Oleandertöpfe, es riecht wie im botanischen Garten, man hört, was man sonst in Paris nie hört – nichts.

Ganz hinten, am Ende der Straße, wohnt Jean-Paul Gaultier in einem roten Backsteinhaus. Dahinter ist Schluss: Ein Metalltor versperrt den Weg, seit 1960 ist es zugesperrt, könnte man durchgehen, stünde man direkt auf der Place Pigalle mit dem Sexodrome, mitten im lauten, dreckigen Leben.

Ein Sommerabend in SoPi nach einem langen, heißen Tag, man sitzt auf einen Minztee in der Avenue Trudaine abseits vom Trubel. Vor einem Haus, mitten im Eingang, gibt es eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen einer Frau und einem Mann. Offensichtlich will sie ihn verlassen, er will nicht, »tu m’emmerdes«, »laisse-moi«, »je n’en veux plus«. Die Wohnung von Anne Plantagenet ist in Hörweite. Sie wird sich freuen. Pigalle lebt.

 
Leser-Kommentare
    • multix
    • 05.10.2011 um 18:57 Uhr

    die in jedem Absatz Einblicke ins "neue" SoPi gestattet.

    Schade, daß die Autorin-Flaneurin die authentischeren - noch als hungerleidende - Vorgänger der "BoBo´s" nicht mehr kennen gelernt, bzw. diese nicht aufgespürt hat - z.B. die nicht-etablierten Künstler-Bo´s - und Beaus der 80er, mit ihren vielfältig versponnen Drähten in die lebendige und sozial sehr durchwachsene Szene von Pigalle. Es gibt sie noch, aber sie sind wohl lichtscheuer geworden.

    Aber gut, das Leben geht weiter und die BoBo´s sind ja schon genug mit flambierten Preisen für Wohnraum und dem dumpfen Bewusstsein nur am Abklatsch vergangener Zeiten teil zu haben bestraft.

    Dumm nur, daß sie´s nicht mal merken - was die Autorin zwischen den Zeilen dann doch heraus arbeiten konnte.

    Lesenswerter Beitrag, Danke.

    m.

  1. "Statt der Liebe", von Tanja Stelzer, ist ein wunderbarer Reisebericht, über das heutige Stadtviertel Pigalle, in Paris. Eine Ergänzung zu jedem Paris Reiseführer. Tanja Stelzer, hat hier die Informationen zusammengetragen, die jedem Besucher nutzen. Ob Café, Boutique, Weinbar oder Restaurant. Die Menschen in diesem Viertel, "Sopi", South Pigalle, haben Mut bewiesen, dort zu bleiben oder gerade jetzt Fuss zu fassen und es wieder Schön zu machen. Das wünscht man sich auch für viele deutsche Orte, Kleinstädte und Vororte. Alle halten zusammen und ergänzen sich, jeder auf seine Art.

    Danke Frau Tanja Stelzer für diesen feinen Bericht, der bleibt! Frau Kira Bunse, danke für die schönen Fotos, die diesen Bericht sehr gut offerieren, MERCI.

    Anja Ciaxz
    20. Okotber 2011

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