Rotlichtviertel Pigalle Statt der Liebe
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Den Reiz des Verbotenen versteht man in Pigalle bis heute

 Es ist nicht das erste Lokal, das er zu neuem Leben erweckt hat. Sein Prinzip: »Ich gehe dahin, wo keiner hinwill.« Für ihn war Pigalle perfekt. Auch ins alte Sans Souci, 50 Meter vom Mansart entfernt, wollte keiner, auch ihm hat er neues Leben eingehaucht: einer Bar mit roten Ledersofas und einer Theke aus Kupfer, in der man sich als Gast gleich selbst sehr stilbewusst fühlt. Das Sans Souci hat dem letzten Film von Romy Schneider seinen Namen gegeben: Die Spaziergängerin von Sans Souci, ein mythischer, lange vergessener Ort, an dem früher die korsische und Marseiller Mafia ihre offenen Rechnungen beglich.

Wenn die Szene nicht im Mansart ist oder im Sans Souci, dann ist sie üblicherweise im Hotel Amour, in dem jedes Zimmer ein eigenes Universum ist. Man kann in die fünfziger Jahre eintauchen oder befindet sich auf einmal in Japan mit erotischer Fotografie und Bonsaibäumchen, zu jedem Zimmer gehört ein Fahrrad für den kleinen Ausflug im Viertel, dafür gibt es keinen Fernseher, kein Telefon. Ein Hotel ohne Sterne, aber mit Wi-Fi in jedem Winkel. Die Zimmer werden ständig verändert, irgendwas vom Flohmarkt kommt dazu, es wird umgeräumt, umdekoriert – reist man ab und kommt zurück, ist schon wieder alles neu. Das Hotel, vom Graffitikünstler und Nachtclubbesitzer André Emmanuel vor fünf Jahren als Wochenendunterkunft für seine Musikerfreunde gegründet, und der dazugehörige überdachte Garten mit Palmen, Efeu, Bambus und Springbrunnen sind allerdings öfter mal geschlossen, das Hotel Amour ist eine begehrte Filmlocation. (Anne Plantagenet rät, im Garten am Morgen einen Kaffee zu trinken: entspannteres Publikum, weniger Hektik.) Wenn der Bäcker Delmontel die neuen Kuchen und Macarons und Tartes der Saison vorstellt, gibt er hier eine Pressekonferenz.

»Hotel Amour« – schöner verrucht könnte man es nicht nennen. Den Reiz des Verbotenen hat man in Pigalle schon immer verstanden. Eine der unterhaltsamsten SoPi-Beschäftigungen ist es, vor dem Eingang der kleinen privaten Avenue Frochot herumzuhängen, zu der man nur mit einem Code Zutritt hat und die noch nicht einmal auf dem Stadtplan verzeichnet ist. Wer geht rein, wer kommt raus? Abends wird das Vergnügen noch schöner, denn neben dem vergitterten Eingangstor steht eine Villa, deren Fassade mit Art-déco-Glasintarsien verziert ist, und wenn es dunkel wird, schalten sie im Haus die Hintergrundbeleuchtung für das Fensterbild an.

Wenn man ganz viel Glück hat, verrät einem irgendwer den Eingangscode, und hinter dem Gitter öffnet sich eine Landidylle, die fast außerirdisch wirkt: ein geschwungenes Sträßchen mit Kopfsteinpflaster, dicht gedrängte Villen, efeubewachsene Mauern, es blühen Flieder, Trompetenbäume, auf der Straße stehen gigantische Oleandertöpfe, es riecht wie im botanischen Garten, man hört, was man sonst in Paris nie hört – nichts.

Ganz hinten, am Ende der Straße, wohnt Jean-Paul Gaultier in einem roten Backsteinhaus. Dahinter ist Schluss: Ein Metalltor versperrt den Weg, seit 1960 ist es zugesperrt, könnte man durchgehen, stünde man direkt auf der Place Pigalle mit dem Sexodrome, mitten im lauten, dreckigen Leben.

Ein Sommerabend in SoPi nach einem langen, heißen Tag, man sitzt auf einen Minztee in der Avenue Trudaine abseits vom Trubel. Vor einem Haus, mitten im Eingang, gibt es eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen einer Frau und einem Mann. Offensichtlich will sie ihn verlassen, er will nicht, »tu m’emmerdes«, »laisse-moi«, »je n’en veux plus«. Die Wohnung von Anne Plantagenet ist in Hörweite. Sie wird sich freuen. Pigalle lebt.

 
Leser-Kommentare
    • multix
    • 05.10.2011 um 18:57 Uhr

    die in jedem Absatz Einblicke ins "neue" SoPi gestattet.

    Schade, daß die Autorin-Flaneurin die authentischeren - noch als hungerleidende - Vorgänger der "BoBo´s" nicht mehr kennen gelernt, bzw. diese nicht aufgespürt hat - z.B. die nicht-etablierten Künstler-Bo´s - und Beaus der 80er, mit ihren vielfältig versponnen Drähten in die lebendige und sozial sehr durchwachsene Szene von Pigalle. Es gibt sie noch, aber sie sind wohl lichtscheuer geworden.

    Aber gut, das Leben geht weiter und die BoBo´s sind ja schon genug mit flambierten Preisen für Wohnraum und dem dumpfen Bewusstsein nur am Abklatsch vergangener Zeiten teil zu haben bestraft.

    Dumm nur, daß sie´s nicht mal merken - was die Autorin zwischen den Zeilen dann doch heraus arbeiten konnte.

    Lesenswerter Beitrag, Danke.

    m.

  1. "Statt der Liebe", von Tanja Stelzer, ist ein wunderbarer Reisebericht, über das heutige Stadtviertel Pigalle, in Paris. Eine Ergänzung zu jedem Paris Reiseführer. Tanja Stelzer, hat hier die Informationen zusammengetragen, die jedem Besucher nutzen. Ob Café, Boutique, Weinbar oder Restaurant. Die Menschen in diesem Viertel, "Sopi", South Pigalle, haben Mut bewiesen, dort zu bleiben oder gerade jetzt Fuss zu fassen und es wieder Schön zu machen. Das wünscht man sich auch für viele deutsche Orte, Kleinstädte und Vororte. Alle halten zusammen und ergänzen sich, jeder auf seine Art.

    Danke Frau Tanja Stelzer für diesen feinen Bericht, der bleibt! Frau Kira Bunse, danke für die schönen Fotos, die diesen Bericht sehr gut offerieren, MERCI.

    Anja Ciaxz
    20. Okotber 2011

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