Auf einem Landgut bei Döbeln sollen Deutsche und Türken endlich lernen, miteinander zu reden. Gödelitz hat drei Einwohner und liegt in der Lommatzscher Pflege, wo die Felder saftig sind und im Sommer gelb vom Raps. Zwischen Dörfern, die Praterschütz und Schweimnitz heißen, Dürrweitzschen oder Perba. Ob irgendwo hier Türken wohnen, so tief in der Provinz? Mitten in Sachsen – dem Land, in dem mehr als vier Millionen Menschen leben, aber nur 3.800 Türkischstämmige: 0,1 Prozent der Bevölkerung?

Gut Gödelitz ist bekannt geworden für seine Biografiengespräche zwischen Ost- und Westdeutschen. Seit 18 Jahren treffen sich hier, einmal im Monat, immer neue Menschen aus alten und neuen Bundesländern und erzählen sich im Stuhlkreis ihre Leben. Es geht im "Ost-West-Forum" stets darum, Fremdheit abzubauen; und oft gelingt dies auch. 1.500 Gäste hatte Axel Schmidt-Gödelitz, der Gründer des Forums, in all den Jahren auf seinem Gut. Immer fünf Ossis und fünf Wessis. Und alle waren dabei – der Stasioffizier, der Republikflüchtling, das Ex-Politbüromitglied, die Melkerin und der Spitzenpolitiker. Sie haben sich auf Gut Gödelitz ihre Biografien erklärt. Axel Schmidt-Gödelitz erhielt vor einem Jahr das Bundesverdienstkreuz dafür. Er führte Ost und West auf seinem Hof ein kleines Stück zusammen.

Doch ist die Fremdheit, die mittlerweile viel heftiger diskutiert wird, nicht mehr nur jene zwischen Ost und West. Nun streitet das Land darüber, wie das Verhältnis ist zwischen Einheimischen und Zuwanderern, das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken. Seit einem Jahr gibt es in Gödelitz deshalb nun auch deutsch-türkische Biografiengespräche. Das Konzept der Begegnungen wurde abgewandelt: Was zwischen West und Ost geklappt hat – das muss doch auch zwischen Deutschen und Türken funktionieren.

Meine erste Reise nach Gödelitz unternahm ich als Journalistin. Eine Freundin hatte mich auf diesen Gutshof gelockt: Darüber müsse ich unbedingt berichten! Aus einem Bericht wurde tiefe Verbundenheit. Ich bin nie wieder losgekommen von Gut Gödelitz. Vor ein paar Wochen habe ich, zum ersten Mal, auch an den deutsch-türkischen Gesprächen teilgenommen.

Überall in Deutschland fragt man sich, warum jeder redliche Ansatz – vom Bauchtanzkurs an der Volkshochschule bis zum Türkischunterricht für deutsche Polizisten – zum Scheitern verurteilt ist. Aber ausgerechnet hier, in der sächsischen Provinz, meint man, ein erfolgreiches Integrationsmodell gefunden zu haben: Wildfremde Menschen erzählen sich Geschichten, die sie nicht einmal Freunden anvertrauen. Sechs mit türkischen Wurzeln und sechs Deutsche; Lehrerin, Erzieherin, Juristin, Arzt, Landwirt, PR-Manager. Sie kommen aus Berlin, Hamburg oder Allensbach.

Vielleicht muss man sich Gödelitz vorstellen wie eine Selbsthilfegruppe für mehr Toleranz. Erstmals in meinem Leben stellte ich hier Fragen, die man sich sonst sogar zu denken verbietet: Bin ich islamfeindlich, wenn mich die Männer in der Dönerbude irritieren? Bin ich intolerant, wenn ich als Mutter frage: Muss diese türkische Medizinstudentin meine Schwiegertochter werden?

Als ich dann endlich im Gödelitzer Stuhlkreis sitze, schäme ich mich. Weil ich meine Fragen nicht nur gedacht habe, sondern auch ausgesprochen. Vielleicht war das taktlos, vielleicht war das aber auch gerade wichtig. Es läuft mir kalt den Rücken hinunter, als Burhan Gözüakça aus seinem Leben erzählt. Müsste ich, die ich mich doch sonst für so gut informiert halte, nicht längst von Geschichten wie seiner wissen? Gözüakça wurde von einem Bekannten gefragt, ob er nach Gödelitz kommen wolle. Er ist Deutschtürke in zweiter Generation. Er wirkt nicht wie jemand, der therapiert werden müsste.

Burhan Gözüakça spricht besser deutsch als viele Deutsche, er ist klug und charmant. Er ist einer von jenen mustergültig Integrierten, mit denen sich Politiker so gern schmücken, wenn es einen Anlass gibt. Und trotzdem sagt er: "Ich war noch nie in einem deutschen Wohnzimmer. Ich weiß nicht, wie es dort aussieht."

Der 39-Jährige ist Inhaber einer Werbeagentur und verheiratet, er hat zwei Kinder. Er ist einer von 2,5 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland. Und er gehört zu denen, die es geschafft haben, anzukommen: Er ist anerkannt, und ist er nicht auch: gleichberechtigt? Willkommen?